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Der lange Weg zur Entkolonisierung

Französisch-afrikanische Beziehungen: Präsident Macron will den Reset-Knopf drücken

Von Paul Dziedzic

Modernes Hochhaus im Sudano-Sahelischen Stil vor blauem
Eines der prominenten Gebäude in Ouagadougou, Burkina Faso: Zentralbank des Westafrikanischen Währungsraums. Foto: Wegmann/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Nicht nur in Frankreichs Städten gehen die Menschen gegen Emmanuel Macrons Politik auf die Straße. In den letzten Monaten gab es auch in Mali und Burkina Faso Proteste gegen die französische Militärpräsenz in der Sahelzone. Dort ist Frankreich seit 2011, um separatistische und islamistische Gruppen zu bekämpfen. Doch die Situation hat sich seit Beginn der Intervention verschlimmert. Die Wut auf Macron ist groß. Dabei gibt sich der französische Präsident derzeit große Mühe, als Reformer der französisch-afrikanischen Beziehungen zu erscheinen.

Macron machte bereits Zugeständnisse gegenüber den ehemaligen französischen Kolonien. So bezeichnete er Frankreichs Kolonisierung von Algerien und die Rolle des französischen Militärs im Unabhängigkeitskrieg als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Für Aufsehen sorgte auch sein Versprechen, gestohlene afrikanische Kulturgüter zu restituieren.

Im Dezember 2019 kündigte Macron zusammen mit seinem ivorischen Kollegen Alassane Ouattara zudem das Ende des CFA-Franc an, der von Frankreich mitverwalteten Gemeinschaftswährung von 14 Staaten in West- und Zentralafrika aus der kolonialen Ära. Bei dem Treffen wiederholte er, dass der Kolonialismus ein schrecklicher Fehler der französischen Republik gewesen sei, der nun mit dem Ende des CFA »zu Grabe« getragen werden solle. Da drei Viertel der heute lebenden Menschen in Afrika die Kolonialzeit nie erlebt haben, sei es an der Zeit, eine neue Partnerschaft aufzubauen.

Trotz der vermeintlich so generösen Zugeständnisse des Präsidenten genießt Frankreich gerade bei jungen Leuten in vielen westafrikanischen Ländern keinen guten Ruf. Es geht hierbei um mehr als den CFA-Franc. Frankreich ist in der Sahelzone seit über fünf Jahren militärisch aktiv, seitdem hat die Zahl von Angriffen islamistischer Gruppen zugenommen. Und dann kommt da noch die Sache mit dem System Françafrique hinzu, jenem historisch gewachsenen, intransparenten Geflecht aus wirtschaftlichen und politischen Interessen, von dem nur wenige profitieren.

Fakt ist auch, dass Macron nicht der erste französische Präsident ist, der das Ende der postkolonialen Beziehungen ausruft. Viel mehr als solche Initiativen »von oben« hat jedoch die Zivilgesellschaft in den ehemaligen Kolonien dazu beigetragen, die Entkolonisierung voranzubringen und alte Machtstrukturen aufzubrechen, indem sie die neuen Machthaber unter Druck setzte. Dennoch übt Frankreich bis heute einen wesentlichen Einfluss auf seine ehemaligen Kolonien aus. Was sind die Säulen der französischen Dominanz heute? Und inwiefern sind sie Teil der alten kolonialen Architektur Frankreichs?

Koloniales Währungssystem

Eine wichtige Rolle spielt der Einfluss Frankreichs auf das Währungssystem der ehemaligen Kolonien. Dieses basiert auf dem CFA-Franc. Der Wert der noch aus der Kolonialzeit stammenden Währung ist an den Euro gekoppelt, und mindestens 50 Prozent der Reserven lagern in Frankreich.

Der CFA-Franc war im Nachgang des zweiten Weltkrieges eingeführt worden, heute benutzen über 187 Millionen Menschen jeden Tag die Währung. Frankreich und seine ehemaligen Kolonien erhielten 1945 also jeweils ihre eigenen Währungen: den Franc in Frankreich und den CFA-Franc in den Kolonien. Ursprünglich stand die Abkürzung CFA für »Colonies Françaises d’Afrique« (Franc der Kolonien Frankreichs in Afrika). Heute steht sie für »Coopération Financière en Afrique« (Finanzkooperation in Afrika). Trotz der Namensänderung bleibt die Währung ein Symbol für die anhaltend asymmetrische Beziehung zwischen der Metropole und den ehemaligen Kolonien.

Laut dem senegalesischen Ökonomen Ndongo Samba Sylla war der freie Verkehr von Kapital und Vermögen zwischen Frankreich und den Kolonien und eine garantierte Konvertierbarkeit bislang vor allem für französische Firmen profitabel, trotz der ständigen Überbewertung des CFA-Franc. Die Kolonien hatten dafür einen relativ günstigen Zugang zu französischen Importen. Nach der Unabhängigkeit war die Überbewertung des CFA-Franc für die Eliten praktisch, denn sie bevorzugten die Importe aus Europa und waren oftmals am Verkauf der Rohstoffe beteiligt. Doch für die heimische Industrie und den Agrarsektor war die Währung weniger von Vorteil, da eine starke Währung auch eine schlechtere Wettbewerbsfähigkeit für Exporte bedeutete.

Befürworter*innen des CFA-Franc argumentieren dennoch, dass die Kopplung an den Euro die Inflation niedrig hält. Würden die CFA-Länder ihre eigene Währung einführen, hätten sie eine bessere preisliche Wettbewerbsfähigkeit, doch dafür eine höhere Inflation, die die Vorteile neutralisieren würde.

Nach dem CFA-Franc soll nun eine Währung namens »Eco« eingeführt werden. Welche Rolle Frankreich darin spielt, bleibt unklar, doch es ist unwahrscheinlich, dass die französische Regierung die Kontrolle völlig abgibt. Zwar waren sowohl Macron, als auch der ivorische Präsident Ouattara eigentlich Befürworter des alten Systems, allerdings hat die jahrelange Mobilisierung von sozialen Bewegungen, Geschäftsleuten, Oppositionsparteien, Intellektuellen und Musiker*innen in der ganzen Region endlich Früchte getragen.

In der Mobilisierung gegen die Währung spielte auch der Diskurs um Souveränität eine zentrale Rolle. Während andere Länder ihre jeweiligen Währungen mit national-kultureller Bedeutung als Symbol der Unabhängigkeit einführten, blieb dieser Luxus vielen westafrikanischen Staaten verwehrt.

Französischer Imperialismus

Letztlich ist der CFA-Franc Teil eines weit größeren Erbes aus der Kolonialzeit. Die Länder, die ab 1960 nach und nach das Imperium verließen, aber meist weiter von frankophilen Eliten geführt wurden, einigten sich mit Frankreich auf Kooperationsverträge, die Bedingungen wie den Verbleib in der Währungsunion enthielten. So leicht wollte die ehemalige Kolonialmacht ihre dominante Rolle nicht aufgeben. Der damalige Justizminister und spätere Präsident François Mitterrand schrieb 1957: »Ohne Afrika wird es im 21. Jahrhundert keine Geschichte Frankreichs geben.«

Frankreichs Präsident Charles de Gaulle legte Anfang der 1960er Jahre mit den Kooperationsverträgen das Fundament für die Vertretung französischer Interessen und Großmachtambitionen. Félix Houphouët-Boigny, der erste ivorische Präsident und Freund Frankreichs, sprach von »France-Afrique«, um die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Metropole und den ehemaligen Kolonien zu unterstreichen.

Über 50 Jahre später steht der Begriff Françafrique für alles, was in diesen Beziehungen falsch läuft. Schon unter de Gaulle wurde im Präsidialamt ein Referat für Afrika eingerichtet werden. Die dort agierende Gruppe nannte sich die »Cellule Africaine« (afrikanische Zelle) und bestand aus dem Präsidenten und seinen engen Beratern. In Zusammenarbeit mit den wichtigsten Wirtschaftsgruppen sowie dem Geheimdienst formulierte die Zelle die französische Afrika-Politik. Eine Figur, die diese Gruppen zusammenhielt war der berüchtigte Berater, Politiker und Geschäftsmann Jacques Foccart (»Monsieur Afrique«). Er unterhielt Kontakte zu den Machthabern auf dem afrikanischen Kontinent. Dieses halbformelle Referat vertrat die Interessen französischer Firmen, wählte aus, welche Machthaber in Afrika Unterstützung erhalten sollten und welche besser nicht.

Der einflussreiche Foccart beriet de Gaulle und seinen Nachfolger Georges Pompidou von 1960 bis 1974 und kehrte später unter François Mitterrand zurück ins Amt. Mitglieder des obskuren Netzwerks nutzten unter anderem die Mineralölfirma Elf Aquitaine als Basis für geheime Militäraktionen, Spionage, Sabotage und Bestechung. 1998 schrieb der französische Ökonom und Autor François-Xavier Verschave eine Essaysammlung unter dem Namen »Françafrique, der längste Skandal der Republik«, die sich an Houphouët-Boignys Formulierung »France-Afrique« für freundschaftliche Beziehungen anlehnte. Seitdem verspricht ein Präsident nach dem nächsten, dieses System zu beenden. Doch immer wieder interveniert Frankreich auf dem Kontinent, und das nicht nur politisch. Auch die Liste militärischer Einsätze ist lang. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass auch während der Kolonialzeit zu keiner Zeit Frieden in den besetzen Gebieten herrschte. In neuester Zeit, genauer gesagt seit der französischen Intervention in Libyen 2011 und der dort entstandenen Instabilität, hat sich der Diskurs verschoben: Es geht jetzt um Terror und Sicherheitspolitik in der Sahelzone.

Frankreich bloß nicht verärgern

Am Ende des Antiterrorgipfels im französischen Ort Pau am 13. Januar bekräftigten Marcon und die Staaten des G-5Gipfels erneut ihren Zusammenhalt. Der Zusammenschluss der G5-Staaten im Sahel: Mali, Mauretanien, Burkina Faso, Niger und Tschad war gegründet worden, um den Kampf gegen islamistische Gruppen zu koordinieren. Noch im Dezember hatte sich der französische Präsident über die antifranzösische Stimmung in vielen dieser Länder beschwert und gefragt, ob die französische Präsenz denn überhaupt erwünscht sei.

Die Stimmung gegenüber der ehemaligen Kolonialmacht droht – trotz der offiziellen Zusammenarbeit – in vielen Ländern tatsächlich zu kippen. In Burkina Faso, wo es bereits zu antifranzösischen Protesten gekommen ist, wird Ende 2020 gewählt. Deshalb waren sogar von Politiker*innen scharfe Töne gegen Frankreich zu vernehmen. Gleichzeitig hat die Zahl islamistischer und anderer Angriffe und die Zahl ihrer zivilen Opfer zugenommen. Auch Macron ist nach dem Tod von 13 französischen Soldaten im November 2019 in der französischen Öffentlichkeit in die Kritik geraten.

Sowohl Macron als auch seine westafrikanischen Kollegen sind heute mit aktiven sozialen Bewegungen konfrontiert. Bei vielen der existierenden Probleme wäre die Antwort eine dauerhafte Entkolonisierung. Es wird nicht bei der Restitution von Kulturgütern oder der (bisher noch zweifelhaften) Auflösung der kolonialen Währung bleiben, wenn die sozialen Bewegungen an Selbstbewusstsein gewinnen. Macron ist kein de Gaulle, und einen Foccart gibt es so auch nicht mehr. Doch die Architektur und Interessen der Französischen Außenpolitik hat keinen Reset-Knopf.

Paul Dziedzic

Paul Dziedzic ist Redakteur bei ak.