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Erntehelfer *innen der Autobahn

Von Johannes Tesfai

Ein Kreuz mit Folgen: Der Brexit bedeutet für abhängig Beschöftigte nichts Gutes. Foto: (Mick Baker)rooster /Flickr, CC BY-ND 2.0

Es sind wüste Bilder, die dieser Tage in Großbritannien entstehen. Bilder von Menschen, die sich um einen Platz an der Zapfsäule prügeln. Denn Benzin ist gerade Mangelware im Vereinigten Königreich. Auch die Aufnahmen von leeren Supermarktregalen gehen um die Welt. Die neue Mangelwirtschaft wird von der Rest-EU als gerechte Strafe für den Brexit angesehen. Diese Lesart ist aber auch nur ein Ticket in der neuen Auseinandersetzung zwischen EU und Großbritannien.

Mit dem Brexit begann eine Versorgungskrise ernsten Ausmaßes. Das Problem ist vor allem, dass es zu wenig LKW-Fahrer*innen in Großbritannien gibt und Waren aller Art deshalb nicht an ihr Ziel kommen. Das Ergebnis: kein Salat im Supermarkt, kein Benzin im Tank, und bald müssen auch die Schweine notgeschlachtet werden, da sie nicht rechtzeitig zum Metzger kommen. Landwirt*innen demonstrierten unlängst in London mit dem Slogan »Save Our Bacon«.

Der britischen Wirtschaft fehlen vor allem die LKW-Fahrer*innen, weil der Brexit neue Einreiseregeln etabliert hat. Die tonnenschweren Warentaxis wurden vor allem von günstigeren Arbeitskräften aus Kontinentaleuropa gesteuert. Sie brauchen aber nun ein Visum, und das ist den meisten Firmen wohl zu teuer. Auch ist der Grenzübertritt weitaus komplizierter geworden. Schon zu Beginn des Jahres bildeten sich kilometerlange Schlangen an der britisch-französischen Grenze, und die Äpfel und Tomaten blieben im LKW.

Lange profitierte die britische Wirtschaft vom Arbeitsmarktmodell der EU. Der Staatenbund reklamiert für sich zwar, ein Zusammenschluss auf der Grundlage gemeinsamer Werte zu sein. Die EU ist aber vor allem ein riesiger Arbeitsmarkt, auf dem Menschen mit sehr unterschiedlichen Lohnniveaus miteinander konkurrieren. In Deutschland rückte dieser Arbeitsmarkt mit den Corona-Ausbrüchen in Unterkünften von Arbeiter*innen aus Schlachthäusern und auf den Spargelfeldern in den Fokus der Öffentlichkeit. Die LKW-Fahrer*innen in Großbritannien sind also die Erntehelfer*innen der Autobahn. Dank der Arbeitnehmerfreizügigkeit freuten sich diesseits und jenseits des Ärmelkanals deutsche und britische Unternehmer*innen über günstige Arbeiter*innen, geringe Lohnkosten und hohe Gewinnspannen. Diese Freizügigkeit gilt in der EU natürlich nicht für alle, an den Außengrenzen wird ihre Beschränkung mit Stacheldraht besiegelt.

 In Post-Brexit-Großbritannien wird nun spürbar, wie sehr die Ökonomie auf dem Niedriglohnsektor der EU aufgebaut war. Seit Beginn der statistischen Erfassung offener Stellen gab es im Königreich noch nie so viele freie Stellen wie heute. Der britische Premierminister Boris Johnson forderte jetzt Unternehmen auf, die Löhne zu erhöhen. Dass dieser Vorstoß folgenlos bleiben wird, ist schon jetzt absehbar. Zum einen kursiert allerorten, aber vor allem bei britischen Volkswirtschaftler*innen, die Meinung, dass höhere Löhne zu einer gefährlichen Inflation führen werden. Ein Argument, das immer aus marktradikaler Ecke kommt, wenn es um Lohnpolitik geht. Es wird dadurch aber nicht richtiger.

Arbeiter*innenrechte gehörten nicht in das Repertoire dieses nationalistischen Liberalismus. 

Aber Johnson wird sowieso keine Unternehmer*in zwingen, die Löhne zu erhöhen. Er gehört zum rechten Flügel der Tories. Eine Partei, die seit Margaret Thatcher vor allem für ihren Klassenkampf von oben bekannt ist. Zudem war er einer der Fürsprecher*innen der Brexit-Kampagne. Ihre Protagonist*innen waren vor allem populistische Liberale, deren Unabhängigkeitsversprechen sich vor allem auf eine Fantasie von alter imperialer Stärke Großbritanniens und ihrer kulturellen Symbole richtete. Der Salat, der jetzt in den Supermärkten fehlt, sollte in britischen Pfund abgewogen werden statt in kontinentaleuropäischen Kilogramm. Arbeiter*innenrechte gehörten nicht in das Repertoire dieses nationalistischen Liberalismus. 

Die Verlierer*innen dieser Entwicklung sind wie immer die ärmeren Teile der Gesellschaft. Auf den Konten der Beschäftigten herrscht Ebbe, aber in den Supermärkten lässt sich der heimische Kühlschrank gerade sowieso nicht auffüllen. Die unteren Klassen werden zwischen europäischem Liberalismus und britischem Populismus aufgerieben.

Johannes Tesfai

ist ak-Redakteur.