analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

|ak 657 | Kultur

Wut und Elend

Der Film »Les Misérables« hilft kaum, Frankreichs gegenwärtige Protestbewegungen zu verstehen – sehenswert ist er dennoch

Von İnci Arslan

Ein allzu klischeeha es Bullentrio treibt sein Unwesen in der Banlieue. Foto: SRAB FilmS/ RActAngle PRodictionS/ lyly FilmS

Frankreich verstehen. Das ist ein derzeit oft vorgeführter Denksport des liberalbürgerlichen Feuilletons. Weil man dort spürt, dass Gilets Jaunes, Rentenproteste und die totale Erosion des klassischen Parteienwesens die Zukunft hierzulande vorzeichnen könnten. Mit seinem Film »Les Misérables« Erklärungen zu liefern, hat der französische Regisseur Ladj Ly zwar nicht versprochen, die Rezeption des oscarnominierten Streifens aber ist bislang davon geprägt, ihn auf genau diese abzuklopfen: Erklärungen für die gegenwärtigen französischen Protestbewegungen. Dabei verstellt diese Lesart den Blick auf das, wovon der Film tatsächlich erzählt, nämlich dem Zerbrechen der fragilen Ordnung einer Pariser Banlieue. Dort haben sich weder die Gilets Jaunes formiert, die ja eine Bewegung der Provinzen sind, noch geht es um die Renten. Dafür braut sich etwas zusammen, das sich noch weniger wird einfangen lassen als Streik und Gelbwestenprotest – auch, weil nach den Erfahrungen mit den Riots von 2005 jede Hoffnung zerstört ist, dass sich etwas ändern könnte.

Alles beginnt an jenem Tag des Hitzesommers 2018, als Frankreich Weltmeister wird. Dies ist der einzige Moment des Films, da die Kinder und Jugendlichen der Banlieue diese verlassen und nach Paris reinfahren, um am zentralen Arc de Triomphe zu feiern, die Flagge zu schwenken, die Marseillaise zu singen. Der kurzzeitige Zusammenhalt steht im Kontrast zum abgehängten Leben in der Vorstadt, die nur mehr lose zusammengehalten wird von einem System, das längst ins Rutschen geraten ist und vor den Augen der Zuschauer schließlich Stück um Stück kollabiert. Der Anlass ist nichtig. Der Junge Issa hat einem Roma-Wanderzirkus das Löwenbaby geklaut. Drei Polizisten einer Spezialeinheit ziehen los, es zurückzubringen, was auch gelingt. Doch Issa ist misshandelt und schwerverletzt worden – vor den Augen seiner Freunde. Die Drohne eines anderen Jungen, Buzz, hat das Geschehen gefilmt. Statt Issa ärztliche Hilfe zukommen zu lassen, jagt die Polizei in Kooperation mit den lokalen Autoritäten Buzz, um ihre Gewalttat zu vertuschen. Am Ende rächen sich die Kinder und Jugendlichen des Viertels, angeführt von Issa.

Anders als »La Haine« aus dem Jahr 1995, der Polizeigewalt in der Banlieue konsequent aus Sicht der betroffenen Jugendlichen thematisiert und damals zurecht für Aufsehen sorgte, wählt Ladj Ly in »Les Misérables« fast durchgängig die Perspektive der drei Polizisten. Das hätte sogar gut werden können, allerdings gerät das Trio allzu klischeehaft: Da ist der Anführer, ein weißer Bullenmacker; der junge schwarze Polizist, der den Schuss auf Issa abfeuert; und schließlich der Neue, gerade erst zugezogen und mit seinem Blick von außen einzig vernunftbegabter Bedenkenträger der Truppe. Viel besser gelungen ist die Darstellung der Bewohner*innen der Banlieue, die wiederum so gar nicht schablonenhaft ist und damit auch für amüsante, überraschende Momente sorgt – und nachvollziehbar macht, weshalb der sich zum Ende hin entladende Riot nicht nur die Polizisten trifft, sondern ebenso auch den informellen Bürgermeister des Viertels ebenso wie den Drogenboss, jene Erwachsenen also, die sich allesamt mit dem Bestehenden längst arrangiert und damit die Kinder und Jugendlichen an die Perspektivlosigkeit verraten haben.

Der Film endet: offen. Und mit einem bekannten Zitat Victor Hugos: »Es gibt keine schlechten Menschen, wie es auch keine schlechten Pflanzen gibt, es gibt nur schlechte Gärtner.« Das Anliegen, dies zu vermitteln, wurde in der Bundesrepublik schon mit der Übersetzung des Titels grob missachtet: »Die Wütenden« heißt der Film in deutschen Kinos, nicht »die Elenden«, wie es die korrekte Übersetzung gewesen wäre. Darauf in einem Interview mit Zeit Online angesprochen zeigte sich Ladj Ly überrascht und irritiert. Auch »sehr bürgerliche Menschen« könnten schließlich wütend sein, erklärte er. »Es fehlt darin der Aspekt der Not und des Elends. Und das ist ja immerhin der Grund für die Wut in meinem Film.« 

İnci Arslan

İnci Arslan ist Autorin und Aktivistin. Ihr Herz ist in İstanbul, ihr Wohnsitz in Berlin.

Die Wütenden – Les Misérables. Frankreich 2019. 105 Minuten. Regie: Ladj Ly.