Kindische Träume
Warum Kinderfeindlichkeit kein Randthema ist, und wie sie bekämpft werden kann
Von Agnes Laffert
Als Schüler*innen im Dezember 2025 gegen das neue Wehrdienstgesetz und die Militarisierung Deutschlands protestierten, ließen ablehnende Reaktionen nicht lange auf sich warten. Den Schüler*innen wurden erzieherische Maßnahmen angedroht und Naivität unterstellt, teilweise gab es auch Strafen. Demonstrationen müssten nach der Schule stattfinden, die Schulpflicht gehe vor. Streiks seien rechtlich nur möglich, wenn ein anerkanntes Arbeitsverhältnis bestünde. Die Organisator*innen des Schulstreiks schreiben dazu auf ihrer Website: »Niemand redet mit uns. Niemand fragt uns, was wir wollen. Niemand will wissen, was wir dazu sagen.«
In ihrem Buch »Kinder – Minderheit ohne Schutz« bestätigen die Soziologen Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier die Frustration der Schüler*innen empirisch. Das Buch untersucht die Außenseiterposition von Kindern statt als Randnotiz als Grundbedingung moderner Gesellschaften. In ihnen treten Kinder nicht als politische Subjekte in Erscheinung, sondern als Produkte, die in Familie und Bildungssystem großgezogen werden, um später als Arbeitskräfte Nutzen zu bringen. So gerne das metaphorische Kind als Projektionsfläche für »unsere« Zukunft dient, so wenig spielt das Wohlergehen bereits existierender Kinder eine Rolle in der politischen Gegenwart.
Außenseiter in Sonderumwelten
Das zentrale Problem sei dabei nicht individuelle Kinderfeindlichkeit, sondern »strukturelle Rücksichtslosigkeit« gegenüber Kindern. In einer funktional differenzierten Gesellschaft, so die Autoren in Anschluss an Niklas Luhmanns Systemtheorie, sind gesellschaftliche Aufgaben bestimmte Zeiten und Räume zugewiesen: Wirtschaft findet in Betrieben statt, Wissenschaft an Universitäten, es gibt Arbeits- und Freizeit. Kindern ist in der großen Mehrheit von Teilsystemen der Gesellschaft kein Platz zugedacht, vielmehr funktionieren die Abläufe so lange gut, wie sie nicht durch Kinder gestört werden. Der für sie vorgesehene Lebensraum beschränkt sich neben der Familie auf eigens geschaffene »Sonderumwelten« wie Schulen oder Kindergärten, die primär der »Anpassung der kindlichen Persönlichkeit an die Anforderungen der Gesellschaft der Erwachsenen« dienen.
Eindrücklich zeigen El-Mafaalani et al., wie sehr es Kindern in ihrer Außenseiterrolle an für ihr Wohlbefinden zentralen Elementen wie Liebe, Ermutigung zur Partizipation und sicheren Bindungen fehlt. Charakteristika, die, so die Autoren, mehrheitlich in der Familie verortet sind, als der einen Sphäre, in der es um den Menschen als Ganzen geht, nicht auf eine Funktion reduziert. Nur bleibt kaum freie Zeit füreinander, wenn Kinder teilweise mehr als 45 Stunden pro Woche (hier sei das nicht vorhandene Streikrecht der Schüler*innen erwähnt) mit schulbezogenen Aufgaben verbringen und ihre Eltern berufstätig sind. Kurz: Die Familie wird ihren Funktionen nicht gerecht, und doch ist sie in einem familistischen System die Einheit, durch die soziale Reproduktion organisiert wird.
Solidarität – aber wie?
In ihrem Buch »Solidarity with Children: An Essay Against Adult Supremacy« kommt die feministische Autorin Madeline Lane-McKinley zu demselben Schluss, wenn auch aus unterschiedlicher Richtung. Sie stimmt damit überein, dass die Welt gegen alle Kinder ist. Anders als El-Mafaalani et al. versteht sie diesen Zustand jedoch nicht in erster Linie als innenpolitisches Problem strukturell rücksichtsloser, aber veränderbarer gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern sieht Sorgeknappheit als Baustein der globalisierten kapitalistischen Welt, die Gegenwart und Zukunft Tag für Tag »apokalyptischer« macht. Kinder sind dem in besonderem Maße ausgeliefert. Sie verfügen weder über eigenes Einkommen noch über nennenswerten rechtlichen oder politischen Einfluss.
Entsprechend ist ihre Antwort auf die Problemlage auch nicht der stärkere Einbezug von Kindern in bestehende Systeme, sondern Kollaboration mit ihnen als eigenständigen Subjekten, unabhängig von biologischer oder institutionalisierter Verwandtschaft, und die Auflösung von Hierarchien zwischen Erwachsenen und Kindern. In feministischer Theorie und Geschichte keine Selbstverständlichkeit: Der Kampf für die Anerkennung von Sorge- und Hausarbeit als Arbeit verhielt sich oftmals antagonistisch zu Kindern. Heute implizieren unter anderem Varianten des liberalen »Dump him!«-Feminismus ein kinderfreies Leben als Bedingung für Emanzipation.
Das metaphorische Kind dient als Projektionsfläche für »unsere« Zukunft. Die Bedürfnisse realer Kinder werden ignoriert.
Die Rezension eines Textes wie »Solidarity with Children« birgt dabei die Gefahr einer reflexiven Abwehr – immerhin rüttelt der Text an unseren eigenen Beziehungen zu Kindern und entwirft eine Form gemeinschaftlichen Lebens, die sich so sehr von der vertrauten, wenn auch prekären, Ordnung unterscheidet, dass es schwierig ist, sich nach ihr zu sehnen. Die wichtigsten Impulse des Buches liegen in der Behandlung von Paradoxien, die Solidarität mit Kindern unter den realen Bedingungen der Welt erschweren. Elterliche Sorge fungiert häufig als »natürliche« Legitimation von Gewalt gegen Kinder – etwa, wenn Eltern ihren trans Kindern im Namen des Kindeswohls Unterstützung vorenthalten. Gleichzeitig sind Familien oft die einzigen Orte, an denen die Sicherheit ihrer Mitglieder im Zentrum steht. Etwa für Eltern nicht-weißer Kinder in Deutschland impliziert Sorgeverantwortung auch, klare Regeln und mitunter explizite Verbote aufzustellen, um sie vor staatlichem Zugriff und rassistischer Polizeigewalt zu schützen. Kinder zur Freiheit zu erziehen ist ein Oxymoron, und doch erscheint es innerhalb der herrschenden Ordnung als unumgänglich, dass Fürsorge auch Unterordnung beinhaltet.
Selektivität von »Kindheit«
Lane-McKinleys Aufruf zu Solidarität mit Kindern basiert wesentlich auf der Denaturalisierung von Kindheit: »Geschichten über Kindheit, sollten nicht mit Geschichten über Kinder selbst verwechselt werden.« Kinder sind real. Die Idee von Kindheit dagegen ist über Jahrhunderte entstanden, und erscheint nun als natürliche, mit bestimmten Eigenschaften ausgestattete Tatsache. In Anlehnung an Judith Butler (»Sex has been gender all along«) ließe sich zugespitzt sagen: Kinder waren schon immer »Kindheit«. Aufschlussreich für die Konstruktion von Kindheit zitiert Lane-McKinley John Locke, der 1689 über den kindlichen Geist schrieb: »Nehmen wir also an, der Geist sei (…) ein weißes Blatt Papier, frei von jeglichen Zeichen, ohne jegliche Ideen; wie wird er gefüllt?« Die Vorstellung von Kindheit als »leerer Seite« ist definiert durch Unschuld, als noch-nicht-entwickelt und damit formbar, aber auch schutzbedürftig.
Das Bild kindlicher Unschuld ist dabei keineswegs universell, vielmehr steht die Idealisierung mancher Kinder in scharfem Kontrast zur Situation jener, die durch das Asylsystem gewaltsam von ihren Familien getrennt werden oder als Kinder armer Eltern nur als Fußnote sozialpolitischer Debatten auftauchen. Die Unterteilung von Kindern in Repräsentant*innen (nicht-)schützenswerter Zukünfte spricht den einen Unmündigkeit zu, während bei anderen – wie im Fall der ermordeten Kinder in Gaza, über deren etwaige Vorerkrankungen spekuliert wurde – sogar die Schuld für den eigenen Tod bei ihnen selbst gesucht wird. Angesichts der Selektivität von »Kindheit« scheint die These Lane-McKinleys, Infantilisierung sei in allen Prozessen von Unterdrückung zentral, jedoch fragwürdig. Wie verhält sich Infantilisierung zu Formen von Herrschaft, die gerade durch die Konstruktion eines hyperrationalen oder triebhaften Anderen funktionieren? Auch sonst fehlt es dem Text durch die Kombination aus lose springender Kulturanalyse und großen Thesen teilweise an Überzeugungskraft.
Je mehr, desto besser
Die eigentumsförmige Beziehung von Eltern zu ihren Kindern suggeriert Einseitigkeit und Hierarchie, doch so wie Kinder die Unterstützung, Sorge und Anleitung von Erwachsenen brauchen, so brauchen wir sie. So wie Kinder sich irgendwann mehr von ihren Bezugspersonen lösen, so durchlaufen auch Eltern einen konstanten Prozess der Separierung. Fürsorge privaten Familienbeziehungen zu überlassen, bedeutet, die Verantwortung für prekäre Lebenslagen von Kindern zu individualisieren, Sorgetragende strukturell zu überfordern und Menschen ohne eigene Kinder den Kontakt zu Kindern zu erschweren.
Wenn wir Kinder als Menschen sehen, nicht als private Konsumobjekte oder eine aus dem Weg zu schaffende Komplikation, ist es durchaus nicht reine Privatsache, ob ich ein Kind habe oder nicht, und wie ich es behandle. In dem berührendsten Kapitel in »Kinder«, das die Bedürfnisse von Schulkindern über Generationen hinweg untersucht, zitieren El-Mafaalani et al. den Kindheitsforscher Urie Bronfenbrenner mit den Worten: »Jedes Kind braucht mindestens einen Erwachsenen, der irrational verrückt nach ihm ist.« Je mehr, desto besser.
Es sollte uns etwas angehen, wenn unsere Freund*innen Kinder kriegen, wenn Menschen mit Kindern und Kinder in politischen Räumen nicht präsent sind, wenn Schulen nicht funktionieren. Daraus leitet sich nicht das Recht ab, in die reproduktiven Rechte anderer einzugreifen. Vielmehr könnte die überwältigende Kapazität, zu lieben und füreinander zu sorgen und unsere grundlegende Abhängigkeit voneinander, die viele Menschen in Beziehungen zu Babys und Kindern besonders deutlich erleben, ein Paradigma sein für alle Beziehungen. Sie ist stark genug, um in einer unvorstellbaren Welt zu kindischen Träumen zu verleiten.
Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach & Klaus Peter Strohmeier: Kinder – Minderheit ohne Schutz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025. 288 Seiten, 16 EUR.
Madeline Lane-McKinley: Solidarity with Children: An Essay Against Adult Supremacy. Haymarket Books, Chicago 2025. 192 Seiten, ca. 17 EUR.