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|ak 726 | Alltag |Kolumne: Torten & Tabletten

Von Körpern und Köpfen

Von Frédéric Valin

L spricht noch 30 Minuten am Tag, für mehr reicht die Kraft nicht. Sie sagt: »Es ist sehr schwer für Menschen mit Ambitionen, so zu leben.« Sie sagt, sie habe so viel gearbeitet, um an den Punkt zu kommen, an dem sie stand Ende letzten Jahres: viele schöne Aufträge, Reisereportagen und Texte für Kunstkataloge, obendrein einiges fürs Radio, das heißt, sie konnte die Miete bezahlen.

Und dann war sie tanzen. Anfang Dezember hatte sie sich Covid eingefangen, und nach drei Tagen leichtem Unwohlsein war sie eigentlich wieder einigermaßen beieinander. Sie schonte sich trotzdem noch eine Woche, aber irgendwann dachte sie sich: Was soll das, ich fühl’ mich doch gut. Und da war diese Geburtstagsfeier in einem kleinen Club in Kreuzberg, und sie hat getanzt, bis sie nichts anderes mehr als glücklich war. Am nächsten Morgen wachte sie auf, und es war, als sei alles in ihr verdreht. Und seither liegt sie: ME/CFS, einer der schwersten Verläufe, die ich bisher gesehen habe. Eine halbe Stunde sprechen am Tag, ziemlich genau 28 Schritte, das ist zweimal der Weg zur Toilette und zurück, mehr geht nicht mehr. Sie erträgt kaum Licht, sie erträgt auch keine Geräusche mehr. Und es wird einfach nicht besser.

Menschen mit Ambitionen, das habe ich mir gemerkt. Das ist mir schon oft aufgefallen: Intellektuelle haben viel größere Schwierigkeiten zu akzeptieren, wenn der Körper kaputt ist, als das beispielsweise bei Handwerker*innen der Fall ist. Das hat mich immer verwundert, es schien mir kontraintuitiv: Sind denn nicht Handwerker*innen viel stärker auf einen funktionierenden Körper angewiesen? Aber vielleicht sind viele darunter, die besser Arbeit vom Sein trennen können; vielleicht ist das aber auch eine albern essenzialistische Verallgemeinerung.

L.s Mutter ist mehr oder weniger nach Berlin gezogen, um sich um L. zu kümmern. Sie ist Querdenkerin. Sie glaubt nicht nur nicht an Covid, sie glaubt nicht einmal an Viren. Sie denkt, ME/CFS werde von feinen radioaktiven Partikeln ausgelöst. Sie ist eine gebildete Frau, hat Deutsch und Geschichte unterrichtet, gymnasiale Oberstufe in der Provinz. L. kann nicht mehr diskutieren, irgendwann hat sie der Mutter meine Nummer gegeben: Da, der hat ein Buch darüber geschrieben, rede mit ihm, ich kann nicht mehr.

Seither höre ich mir das an: Die RKI-Protokolle! Die Impfung! Die Pharmalobby! Das mit den Echsen ist auch ganz interessant. Ich höre mir das an, alle drei Tage ungefähr, und schweige wie ein Priester: Es bringt nichts zu widersprechen, das ist keine Debatte. Aber irgendwo muss die Mutter auch hin mit ihren verdrehten Ängsten. Wenn sie wieder etwas besonders Absurdes sagt, lache ich nicht, lächle noch nicht einmal mehr; die Mutter sagt, das sei herablassend, und sie hat recht.

Mitleid ist, scheint mir, eines der weniger stabilen Gefühle: Es geht nun schon seit ein paar Wochen so, und ich spüre, wie ich immer genervter werde. Es hilft natürlich, dass die Mutter sich rührend um L. kümmert, daran halte ich mich fest, aber ich habe auch angefangen, mir in den Oberschenkel zu kneifen, wenn ich die nächste Theorie aus dem Verschwörungsbaukasten höre. Und jedes Mal wächst der Hass auf all jene, die Geld damit machen, diese Theorien zu verbreiten. Die werden sicher nicht angerufen in so einer Situation. Wichser allesamt.

Frédéric Valin

ist Autor. In ak schreibt er die Kolumne »Torten & Tabletten«. Zuletzt erschien sein autobiografischer Roman »Ein Haus voller Wände« (Verbrecher-Verlag 2022) über seine Arbeit als Pfleger.

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