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|ak 719 | Alltag |Kolumne: Torten & Tabletten

Autismus und die Rechte

Von Frédéric Valin

Ich habe erst sehr spät gelernt, was Autismus ist und was die Diagnose bedeutet. Inzwischen fängt jeder Vortrag, jede Fortbildung zu Autismus mit den Worten an: Kennste eine*n, kennste eine*n. Das stimmt sicher, aber ich würde behaupten: Das stimmt halt auch für Leute, die bipolar sind, stimmt für Leute mit posttraumatischen Belastungsstörungen, stimmt für jedes Individuum.

Es stimmt, dass Autismus lange unter einer allgemeinen Weirdness verbucht wurde. Es gibt immer wieder Normabweichungen, an denen sich Gesellschaft beweisen will. Die Verständigung über diese Aberrationen – Aberration sage ich, um das Wort »Abweichung« nicht zu benutzen – macht klar, was normal ist und was nicht. Das meinte auch Robert F. Kennedy Jr., wenn er sagt, Autist*innen würden »nie Steuern zahlen, keine Jobs haben, niemals Baseball spielen, keine Gedichte schreiben, sie werden nie auf ein Date gehen. Viele werden niemals unbegleitet eine Toilette benutzen können.«

Es geht nicht darum, wie sehr das sachlich Quatsch ist; nur darum festzulegen, was normal ist. Zwei Dinge scheinen mir dabei entscheidend: Erstens beschreibt Trumps Gesundheitsminister hier nicht Autismus, sondern sozial abweichendes Verhalten. Und zweitens tut er das in Form einer Liste. Das Wesen von Listen aber ist, dass sie potenziell unendlich sind. Es gibt keinen festgelegten Schluss. Es kann jederzeit noch ein Punkt dazukommen und noch einer und noch einer.

Der moderne Faschismus in den USA hat Autismus zu einem seiner gesundheitspolitischen Hauptgegner auserkoren, meint aber, wenn er Autismus sagt, gar nicht Autismus. Autismus ist hier die Metapher, nicht zu interagieren, sich nicht einzufügen. Autismus ist die Metapher für »das Andere«. Es ist frustrierend zu sehen, dass die meisten Reaktionen darauf den Kategorienfehler begehen, fachlich mit diagnostisch-wissenschaftlichen Kriterien zu antworten: Autismus bedeute nicht das, was RFK Jr. als solchen bezeichne und so weiter. Das ist nicht der Punkt. Die Abweichung soll bestraft werden und wird auch bestraft, nicht die Diagnose.

Der sozialpolitische Sinn von Diagnosen ist, dass sie Wege ins Hilfesystem öffnen; dass über die Diagnose Ausgleiche zur Verfügung gestellt werden, durch die die Gesellschaft das, was sie »den Anderen« antut, zumindest ein Stück weit heilt. Der Angriff, den RFK Jr., fährt, richtet sich in erster Linie gegen dieses System. Das ist nicht die Banalität des Bösen, die aus ihm spricht, es ist der Terror der Normalität.

RFK Jr. spricht gern von einer Epidemie des Autismus, um den Anstieg der Diagnosen im 21. Jahrhundert zu – naja, nicht erklären. Zu bebildern. Die Hauptursache für diesen Anstieg ist aber ironischerweise eine Normalisierung der Diagnostik: Bis in die 1990er wurde Autismus bei Schwarzen Menschen und bei Frauen so gut wie nie festgestellt. Der Kampf gegen diese Epidemie ist also gleichzeitig einer gegen die medizinische Gleichstellung Marginalisierter – ist nicht nur ein ableistischer, sondern auch ein sexistischer und rassistischer Kampf.

Diagnosen sind nutzlos, wenn das Hilfesystem, zu dem sie die Tür öffnen sollen, eingestampft wird. Die Verteidigung dieser Hilfesysteme ist viel entscheidender als fachlicher oder lebensweltlich grundierter Widerspruch.

Frédéric Valin

ist Autor. In ak schreibt er die Kolumne »Torten & Tabletten«. Zuletzt erschien sein autobiografischer Roman »Ein Haus voller Wände« (Verbrecher-Verlag 2022) über seine Arbeit als Pfleger.