Sklaverei verschweigen
Zwei neu auf Deutsch erschienene Bücher erforschen die Geschichte des Kapitalismus und die Funktion von Auslassungen im historischen Kanon
Von Johannes Tesfai
Der Kaisersaal des Hamburger Rathauses, einer der repräsentativen Räume des Parlaments der Hansestadt, zeigt noch heute das Selbstbild des Bürgertums, das sich Ende des 19. Jahrhunderts dieses Gebäude bauen ließ. Neben einer großen Ledertapete fällt vor allem das imposante Deckenfresko ins Auge. Dort finden sich in Szene gesetzte Menschengruppen, die in einer kolonialromantischen Weise die Kontinente der Erde repräsentieren sollten. Für Afrika ist eine Familie abgebildet. Hamburg hat mit seinem Hafen gut am globalen Handel verdient. Aber die Anwesenheit der Sklaverei, ein wesentlicher Wachstumsmotor des expandierenden Kapitalismus im 18. und 19. Jahrhundert, fehlt in der Außendarstellung des Hamburger Bürgertums.
Zwei Bücher, die nun erstmals auf Deutsch erschienen sind, beschäftigen sich mit der Rolle der Sklaverei für den Kapitalismus und der Funktion von Auslassungen in der Geschichtsschreibung.
Bereits 1944 war »Kapitalismus & Sklaverei« von Eric Williams auf Englisch erschienen. Der Historiker und spätere Präsident von Trinidad und Tobago (ak697) hatte mit seinem Buch im englischsprachigen Raum ein Standardwerk über die Sklaverei geschrieben – eine streng durchargumentierte politökonomische Studie, wie es typisch für linke und marxistische Arbeiten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Williams zeigt die Sklaverei im transatlantischen Handel als ökonomisches Unterfangen und nicht als aus der rassistischen Ideologie entsprungen. Berühmt ist deshalb auch ein Zitat aus seiner Einleitung: »Die Sklaverei entspross nicht dem Rassismus: vielmehr war der Rassismus eine Konsequenz der Sklaverei.«
Die protoindustrielle Zuckerindustrie baute die englische Industrie auf.
1995 veröffentlichte dann Michel-Rolph Trouillot sein Buch »Vergangenheit verschweigen« auf Englisch. Der haitianische Historiker vertritt dort die These, dass die Produktion von geschichtlichem Wissen von Auslassungen, er nennt sie »Verschweigungen«, gezeichnet sei. Dieser Mechanismus beträfe sowohl Geschichte, während sie entsteht, als auch die Rezeption von Geschichte durch ihre Archivierung und die Arbeit in Archiven. Grundlage dieser Verschweigungen sind nach Trouillot Machtverhältnisse in der Gesellschaft, die es opportun erscheinen lassen, bestimmte Ereignisse und Personengruppen nicht in den historischen Kanon aufzunehmen.
Opportune Befreiung
Einer solchen Verschweigung schien auch Williams auf der Spur zu sein. Er schrieb in seiner 1938 fertiggestellten Dissertation, die erst sechs Jahre später einen Verlag fand, gegen die westliche Erzählung über die Sklaverei an. Seine zentrale These lautet, dass mit der Expansion des britischen Weltreichs die Plantagenwirtschaft und ihre Sklav*innenarbeit in der Karibik zum zentralen Motor der Wirtschaft wurden. Die Plantagenökonomie verband sich mit der Wirtschaftspolitik des Merkantilismus des Vereinigten Königreichs, bei dem die Metropole innerhalb des Kolonialsystems einen Exportüberschuss aufweisen sollte. Das führte zu einem System, in dem die produktiven Zuckerkolonien den Rohstoff an britische Städte lieferten und dort weiter produziert wurde. Durch Ein- und Ausfuhrverbote, aber auch Zölle, wurden die Kolonien zu einem weisungsgebundenen Glied in einem zentral gelenkten Wirtschaftskreislauf. Die protoindustrielle Zuckerindustrie in den karibischen Kolonien baute damit die englische Industrie auf. Die kolonialen Zölle wurden jedoch zur Schranke einer globalisierten Ökonomie. So wurden viele britische Kapitalisten Anfang des 19. Jahrhunderts zu Fürsprechern der Abolition, weil sie in freier Lohnarbeit und Freihandel einen Ausweg aus dem Zollsystem des britischen Kolonialstaates sahen. Williams’ Buch merkt man die marxistische Brille der Zwischenkriegszeit an: Mit Statistiken, Parlamentsdebatten und Verlautbarungen von Handelsunternehmern versucht er sich in einer Gegengeschichte des Kapitalismus.
Während er seine Dissertation schrieb, bewegte sich Williams in den antikolonialen und marxistischen Zirkeln Londons. Nachhaltigen Einfluss auf ihn hatte C. L. R. James. Der ebenfalls aus dem späteren Trinidad und Tobago stammende Kommunist war für viele antikoloniale Politiker dieser Zeit ein Mentor. Mit »Die schwarzen Jakobiner« legte James 1938 ein Buch über die Haitianische Revolution vor. Versklavte hatten 1791 eine Revolution gegen die französische Kolonialherrschaft angezettelt und mit Haiti einen eigenen Staat errichtet – mit radikaleren Ideen als ihr europäisches Gegenstück, die Französische Revolution. Dieser Umsturz in der Karibik war für Williams ein weiterer Grund dafür, dass das koloniale System der Sklaverei in die Krise geriet.
Filter der Vergangenheit
Die Haitianische Revolution ist auch bei Michel-Rolph Trouillot der zentrale Ausgangspunkt für seine Theorie der Geschichte. Dieses Ereignis war, wie der Autor zeigt, selbst für Zeitgenoss*innen unvorstellbar, weil die ökonomische Dreifaltigkeit aus Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus zu sehr mit herrschenden Machtinteressen verbunden war. Ähnliches stellt Trouillot für die Gegenwart fest, da die archivierte und neu erzählte Geschichte dieses Ereignisses nicht in den Kanon aufgenommen werden konnte, einmal aus der Logik des Archivierens (die Vergangenheit prägt ihre eigene Erzählung), aber auch, weil Rassismus und globale Ungleichheit weiterhin mit dem Staatsprojekt Haitis verhaftet blieben.
Während Williams mit seiner politischen Ökonomie des Transatlantikhandels die Sklaverei in das Zentrum der Kapitalismusgeschichte rückt, zeigt Trouillot, welche Mechanismen wirken, wenn Teile dieser Geschichte nicht opportun sind, um damalige und spätere Herrschaftsverhältnisse zu begründen.
Die Frage nach den Wurzeln des Kapitalismus im Geschäft mit der Sklaverei haben nach Williams zu wenige gestellt. Eine die es doch getan hat, ist etwa Caitlin Rosenthal mit ihrer klugen Studie »Sklaverei bilanzieren«, in der sie zeigt, dass die Wurzeln der modernen Buchführung und der Idee des Humankapitals nicht in den Fabriken Englands und der USA entstanden, sondern auf den Zucker- und Baumwollplantagen. Das Selbstbild der modernen Betriebswirtschaftslehre ist also auch von Verschweigungen geprägt.
Immer wieder gab und gibt es Debatten darüber, ob Sklaverei Lohnarbeit sei oder ob die Rolle des Handels im frühen Kapitalismus richtig erfasst ist. Williams und Trouillot zeigen, dass diese Debatten vor allem durch riesengroße historische Auslassungen geprägt waren und sind.
»Kapitalismus & Sklaverei« ist ein mühsam zu lesendes Buch, das liegt nicht nur an dem Charakter einer politökonomischen Studie, sondern auch an der Übersetzung, die viele Fehler enthält. Das Buch von Trouillot hingegen ist sauber übersetzt, allerdings wurden bei Quellenzitaten alte rassistische Begriffe nicht gestrichen. Die Streichungen könnten aber zeigen, dass auch ohne diese Wörter die Entmenschlichung und das vermeintliche Nützlichkeitsdenken seit vielen hundert Jahren im rassistischen Denken gleichgeblieben sind.
Williams’ Buch ist ein Meilenstein zum Verständnis des historischen Kapitalismus. Trouillot zeigt uns, dass Williams’ Studie ein Buch für die Gegenwart sein kann. Beide Bücher kann man wie Folien übereinanderlegen, um Vergangenheit und Heute durch die Geschichte besser zu verstehen.
Michel-Rolph Trouillot: Vergangenheit verschweigen. Macht und die Produktion von Geschichte. Alexander Verlag, Berlin 2025. 296 Seiten, 38 EUR.
Eric Williams: Kapitalismus & Sklaverei. Manifest Verlag, Berlin 2025. 345 Seiten, 22 EUR.