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Tic Tac Triumph

Ein Podcast will die wahre Geschichte des ersten deutschen Frauen-Rap-Trios erzählen

Von Nadia Shehadeh

Man sieht drei Frauen.
Liane »Lee« Wiegelmann, Marlene »Jazzy« Tackenberg und Ricarda »Ricky« Wältken (von links), hier im Jahr 1996. Foto: picture alliance/United Archives | TBM

Das angebliche Ende der Band Tic Tac Toe war meiner Meinung nach kein hässliches, sondern ein Triumph. Mit der berüchtigten Pressekonferenz vom 21. November 1997 soll der vorher so famose Popkarriere-Lauf von Liane »Lee« Wiegelmann, Marlene »Jazzy« Tackenberg und Ricarda »Ricky« Wältken unwiderruflich vorbei gewesen sein. Doch das stimmt nicht. Klar, nach dem »Eklat« kam musikalisch erstmal nix von der Original-Kombo. Aber 2006 raffte sich das Trio wieder zusammen und lieferte mit »Comeback« eine respektable Platte, die es nochmal in die Charts schaffte. Seitdem haben sich die Sängerinnen in bürgerliche Lebenswelten zurückgezogen: mit normalen Jobs und einem Dasein außerhalb der Öffentlichkeit. Ricarda absolvierte unter anderem eine Ausbildung zur Ergotherapeutin, Liane wurde Sicherheitsfachkraft und Marlene glücklich in Frankreich. Hier könnte die Geschichte zu Ende sein – ist sie aber nicht. 

Seit Jahren gibt es, befeuert durch Pop-Nostalgie und dem üblichen »Wiedergutmachungswillen« von Presse und Öffentlichkeit, einen Hype um die Truppe. Wie zur Buße eilen Journalist*innen und andere herbei, um Tic Tac Toes Wirken quasi »posthum« Respekt zu erweisen und die Boulevardpresse anzuklagen, die die Girl-Band damals durch den Dreck zog. Nun ist ein vierteiliger und hörenswerter Podcast mit dem Namen »Reclaim: Tic Tac Toe« erschienen. Ziel auch hier: Tribut zollen und die Wirkungsgeschichte wertschätzend unter die Lupe nehmen. 

Lee, Jazzy und Ricky müssen sich nicht mehr erklären.

Die Band sei ihrer Zeit voraus gewesen, zu divers, zu frech – so der O-Ton des Podcasts. Das ist ehrenhaft, aber nicht ganz richtig. Die Band befand sich im Eurodance-Deutschland der 1990er Jahre in einem der (versehentlich) diversesten Popzeitalter Europas. Wer heute behauptet, dass Schwarze Frauen im deutschen Musikfernsehen damals ein Novum gewesen seien, der*die möge an Weihnachten von Melanie Thorntons Gesang heimgesucht werden. Tic Tac Toe waren genau zur richtigen Zeit da, wo sie hingehörten, und deswegen so erfolgreich. Aber: Die Truppe erlebte eine Zeit, in der Musikfernsehen wundersam utopisch und die Boulevardpresse ein Gruselkabinett gewesen ist; eine denkbar beschissene Kombination.

Was Leuten damals wahrscheinlich auch nicht gefallen hat: dass auf Deutsch (und überhaupt) gerappt wurde. Dass Lee, Jazzy und Ricky wussten, wovon sie sangen. Und, wahrscheinlich das Unverzeihlichste: dass Tic Tac Toe Musik für die am meisten gehasste Zielgruppe aller Zeiten gemacht haben, nämlich für junge, oft auch minderjährige Mädchen. Das finden heute noch viele ekelhaft, weswegen es regelmäßiges Bashing von Künstler*innen gibt, die sich an ein junges weibliches Publikum richten (Taylor Swift, Ariana Grande, Harry Styles). Tic Tac Toe waren ursprünglich keine »Skandalband«, sondern in erster Linie konzipiert als eine Band für Kinder (ab zehn Jahren, so erfährt man es im Podcast). 

Überhaupt, man kann beim Reclaim-Podcast in Erinnerungen schwelgen. Was aber ein bisschen farblos bleibt, ist das Pop-Zeitalter, in dem Tic Tac Toe berühmt wurden. Um das Trio richtig einzuordnen, muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Musikwelt in den 1990ern extrem abwechslungsreich war, ein regelrechter Pop-Kauderwelsch. Aus Ermangelung an Alternativen zog man sich alles rein, was Viva und MTV zu bieten hatten. So kam es, dass man als Teenager textsicher bei »Verpiss dich« sein und zugleich noch aktiv um Kurt Cobain trauern konnte. Oder dass Tic Tac Toe mit »Ich find dich scheiße« im Dezember 1995 in die deutschen Charts einstiegen, wo zeitgleich Quatschsongs wie »Eine Insel mit zwei Bergen« oder spätere Klassiker wie Coolios »Gangstas Paradise« zu finden waren. 

Heute existieren Tic Tac Toe da weiter, wo es am besten ist: in ehrwürdiger Erinnerungskultur, ohne sich den Horror der Öffentlichkeit anzutun. Was hätte die Unterhaltungsindustrie aktuell auch zu bieten? Auftritte im »Dschungelcamp«, ein Stelldichein bei »Prominent getrennt«? Nein, nein und nochmals nein. Lee, Jazzy und Ricky müssen sich nicht mehr erklären, müssen ihre Gesichter nicht mehr in die Kamera halten. Sie sind deutsche Popgeschichte.

Nadia Shehadeh

ist Soziologin, Autorin und Spezialistin für Live-Musik und Pop-Absurditäten.

Alle vier Teile von »Reclaim: Tic Tac Toe« sind bei ARD.de abrufbar.

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