Krieg der Intellektuellen
Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften nicht nur Faschisten und Republikaner, sondern auch internationale Kulturschaffende, wie Paul Ingendaay in »Entscheidung in Spanien« schildert
Von Isabella Caldart
Zwischen den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, den beiden Weltkriegen, wird oft ein weiterer Krieg vergessen, der damals für Europa, aber auch weit darüber hinaus eine bedeutende Rolle spielte: der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939, dessen Beginn sich im Juli zum 90. Mal jährt. Auf dem Buchmarkt gibt es seit einiger Zeit den Trend, anlässlich von Jubiläen wichtige historische Epochen und Orte anhand der Biografien von Intellektuellen, Literat*innen und Künstler*innen zu erzählen. Autoren wie Florian Illies, Uwe Wittstock und Wolfram Eilenberger haben mehrere solcher Bücher vorgelegt. Jetzt folgt FAZ-Redakteur und Spanien-Experte Paul Ingendaay mit »Entscheidung in Spanien«, einer Chronik des Spanischen Bürgerkriegs aus Sicht von Autor*innen und Reporter*innen.
Es ist nicht weit hergeholt, diese Perspektive zu wählen. Denn mehr als alle anderen europäischen Kriege davor und danach war der Spanische Bürgerkrieg in der Tat ein »großer Kampf der Literatur«, wie es im Untertitel vollmundig heißt. »Wie kein anderer Konflikt hat der Spanische Bürgerkrieg unsere Vorstellung von der heroischen Niederlage geprägt«, schreibt Ingendaay im Prolog. Er sei einer der wenigen Kriege, »deren Geschichte die Verlierer geschrieben haben«. Zu diesen »Verlierern« gehören internationale Intellektuelle, die sich auf die Seite der Zweiten Spanischen Republik schlugen, die von Francos Faschisten angegriffen wurde. Zahlreiche Bücher erschienen während und kurz nach den Kriegsjahren, am bekanntesten sind Ernest Hemingways Roman »Wem die Stunde schlägt« (1940) und »Mein Katalonien« (1938) von George Orwell, in dem dieser über seine eigenen Erfahrungen im Krieg berichtet.
Ingendaay hat einen bedeutend breiteren Blick und konzentriert sich nicht nur auf Hemingway und Orwell. Material von Zeitzeug*innen gibt es reichlich: Das Fotografenpaar Gerda Taro und Robert Capa, Erika und Klaus Mann, Willy Brandt, die französische Philosophin Simone Weil, die US-amerikanische Reporterin Martha Gellhorn sowie einige spanische Autor*innen (darunter der Lyriker Federico García Lorca, der nur einen Monat nach Kriegsbeginn von faschistischen Militärs erschossen wurde) kommen in seinem Buch vor – nebst kurzer kurioser Blitzauftritte, wie der nur einmal erwähnte Autor des »kleinen Prinzen«, Antoine de Saint-Exupéry, der im März 1937 in einem Madrider Hotel Grapefruits verteilt. Anhand ihrer Schicksale und Aufzeichnungen erzählt Ingendaay chronologisch die knapp drei Kriegsjahre nach – vom Putsch im Sommer 1936 bis zu Francos Sieg im Frühling 1939 –, mit Fokus auf die ersten anderthalb Jahre.
Indirekt schwingt dabei die Frage mit: Warum verloren die Republikaner trotz der großen internationalen Unterstützung (immerhin kamen die Teilnehmer*innen aus sechzig Ländern) diesen Krieg? Ingendaay macht mehrere Faktoren dafür aus. So verpflichteten sich die Regierungen Englands und Frankreichs, zum Entsetzen vieler ihrer Bürger*innen, zu einem »verlogenen Nichteinmischungspakt«; mehrere Länder profitierten vom Bürgerkrieg dadurch, dass sie veraltete Waffen zu Höchstpreisen an die republikanischen Kämpfer*innen verkauften; auf der antifaschistischen Seite waren Republikaner, Kommunist*innen und Anarchist*innen heillos verstritten und metzelten sich teilweise auch gegenseitig nieder.
Anders als üblich haben hier die Verlierer die Geschichte geschrieben.
Als schließlich Mussolini und die NSDAP die spanischen Faschisten unterstützten, zeichnete sich der Ausgang des Krieges ab, auch wenn er sich noch zwei weitere Jahre hinziehen sollte. Besonders unrühmlich ist der Luftangriff der deutschen Legion Condor auf das baskische Städtchen Gernika am 26. April 1937, das durch Bomben zerstört wurde und dessen Gräuel Picasso, der zu dem Zeitpunkt nicht in Spanien, sondern in Paris lebte, zu seinem wohl bekanntesten Gemälde »Guernica« inspirierten. Ein Bild übrigens, das von seinen Zeitgenoss*innen zunächst wenig geschätzt wurde.
Den Spanischen Bürgerkrieg aus der Sicht von Künstler*innen, Journalist*innen und Philosoph*innen zu erzählen funktioniert so gut, weil viele von ihnen nach Spanien gingen, um aktiv zu kämpfen, und weil sie den Krieg so gut dokumentierten. Deswegen ist Ingendaays Augenmerk auf Thomas Mann unnötig, der selbst wenig Bezug zum Krieg hatte. Anders seine Kinder: Klaus und Erika fuhren nach Spanien, auch wenn sie die Lage vor Ort vollkommen falsch einschätzten. »Den spanischen Krieg können die Faschisten nun schon nicht mehr gewinnen«, zitiert Ingendaay die Manns – ein zu jenem Zeitpunkt im August 1938, da die republikanische Seite bereits größtenteils zerschlagen war und sich die letzten Monate nur noch in einem Zermürbungskrieg hinziehen sollten, grober Trugschluss.
Während Ingendaays Buch durch sein großes Wissen und seine Recherche besticht, wünschte man, der Autor würde an einigen Stellen über reine Fakten hinaus auch analytisch in die Tiefe gehen. »Eine internationale Solidarität wie damals hatte es in der Geschichte noch nie gegeben«, sagt er, ohne aber die sich aufdrängende Frage zu beantworten: Warum war das so? Gewiss, Ingendaay nennt viele persönliche Motive: Die einen wurden in ihren Heimatländern (etwa Nazideutschland) verfolgt, andere wollten aus politischen und ideologischen Gründen zu den Waffen greifen, wieder andere hatten bezahlte Aufträge, um den Bürgerkrieg fotografisch oder schriftlich zu begleiten – Hemingway, der mit Abstand bestbezahlte unter ihnen, bekam für eine Reportage 1.000 US-Dollar.
Spannender ist aber, weshalb jenseits der individuellen Gründe der Spanische Bürgerkrieg international auf so viel Aufmerksamkeit und Unterstützung von Kulturschaffenden für die Republikaner stieß, und warum ausgerechnet Denker*innen die Schlachten nicht nur künstlerisch verarbeiteten, sondern vielfach auch ihr Leben riskierten. Die Antwort muss man sich selbst zusammenreimen, weil »Entscheidung in Spanien« sie höchstens umkreist: Der Spanische Bürgerkrieg war kein Krieg, in dem es um die Eroberung anderer Länder ging, sondern eine bewaffnete Auseinandersetzung um grundsätzlich verschiedene Gesellschaftsentwürfe. Und so nahm er auch, obgleich das damals niemand wissen konnte, in gewisser Weise den Zweiten Weltkrieg vorweg.
Ende Januar 1939 kapitulierte Barcelona vor den Faschisten, einen Monat darauf wurde Franco von England und Frankreich als legitimer Herrscher anerkannt, Ende März marschierte der Diktator siegreich in Madrid ein. Am 1. April war der Krieg offiziell vorbei, wenige Monate nur, bevor ein anderer, größerer die Welt verändern sollte. Aus dem Zweiten Weltkrieg hält sich das gebeutelte Spanien dann größtenteils raus; bis zu seinem Tod am 20. November 1975 wird Franco Spanien als grausamer Diktator regieren. Militärisch ist der Spanische Bürgerkrieg (zumindest außerhalb Spaniens) heute zwar verblasst, Ingendaay aber zeigt, welche Macht in der Arbeit von Künstler*innen liegt – manchmal ist diese so groß, dass die Verlierer die Geschichte schreiben.
Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936–1939. C.H. Beck, München 2026. 352 Seiten, 28 EUR.