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Was bleibt von der linken Gegenöffentlichkeit?

Linke und kleine Verlage geraten durch die Insolvenz der Sozialistischen Verlagsauslieferung unter Druck

Von Guido Speckmann und Johannes Tesfai

Wer kauft heute noch linke Bücher? Die linken Verlag kommen nicht aus der Krise. Foto: Achim vom Tal / Flickr , gemeinfrei

Eigentlich war die Sozialistische Verlagsauslieferung (sova) eine linke Erfolgsgeschichte. Zuletzt hatte sie für über 70 kleinere Verlage mit linkem oder gegenkulturellem Anspruch Lagerung und Vertrieb ihrer Bücher übernommen. Darunter Karl Dietz Berlin, PapyRossa, Edition Tiamat, Unrast oder Ventil. Doch im November letzten Jahres hat die Auslieferung mit Sitz im hessischen Maintal Insolvenz angemeldet. Eine Nachricht, die die Verlagsszene aufschreckte – zumal sie mitten in das beginnende Weihnachtsgeschäft platzte.

Zwei Monate später haben fast alle von der sova vertriebenen Verlage eine neue Auslieferung, aber der wirtschaftliche Schaden ist groß. Martin Schüring vom Unrast Verlag sagt im Gespräch mit ak: »Den kurzfristigen Ausfall der Zahlungen merken wir schon. Das ist ein Problem für unsere Liquidität.« Der Münsteraner Verlag gehört zu den größeren linken Verlagen in der Bundesrepublik. Ähnlich geht es dem auf Popkultur spezialisierten Ventil Verlag, der bereits kurz vor der sova-Pleite zu einem neuen Auslieferer umgezogen ist, wie Verlagsmitarbeiter Ingo Rüdiger berichtet. »Allein der Umzug mit 4,5 Sattelschleppern voller Ventil-Titel von Maintal nach Erfurt zum neuen Auslieferer hat viel gekostet.« Zudem waren während der »viel zu langen« Umzugsphase viele ihrer Titel nicht zu beziehen. Resultat: unter dem Strich ein kleiner Einbruch, »zumal wir auch nicht die Preise für die Bücher höher gesetzt haben«.

Alternatives Milieu

Entstanden war die sova mit der Studierendenbewegung Anfang der 1970er Jahre. Gegenüber dem Interesse der Bewegung an revolutionären Schriften hegten die bürgerliche Buchbranche und ihre kapitalschweren Unternehmen großes Misstrauen. Keiner wollte die Bücher des Frankfurter SDS-Verlages Neue Kritik ausliefern, so der Historiker Uwe Sonnenberg, der über den linken Buchhandel in Westdeutschland geforscht hat. Kurzerhand schlossen sich Linke aus Hessen zusammen und sorgten fortan dafür, dass die Texte des linken Milieus in die Buchhandlungen kamen. Die sova war damit Teil einer alternativen ökonomischen Struktur, die sich damals herausbildete. In den Groß- und Unistädten entstanden etwa Buch- und Kinder-, später auch Bioläden.

Seit Anfang der 1990er Jahre sind diese ökonomischen Parallelstrukturen im Niedergang begriffen. Auf dem Buchmarkt gab es zwar immer wieder Neugründungen linker Verlage, aber es blieb krisenhaft. So ist es nicht verwunderlich, dass es nun einen für linke Verhältnisse wirtschaftlichen Riesen getroffen hat. Neben der Verzwergung einer linken Gegenöffentlichkeit trifft die linke Branche auf die ohnehin anhaltende Krise des deutschen Buchmarktes. Corona und die damit lädierten Lieferketten sorgen für eine Explosion bei den Druckkosten. Grafisches Papier wird immer teurer. Weil der expandierende Versandhandel immer mehr Kartons braucht, hat die Papierindustrie weitestgehend auf Verpackungsmaterial umgestellt. Und zuletzt kam noch die hohe Inflation hinzu, die teils zu hohen Umsatzrückgängen führte. Zwar sagt Rüdiger vom Ventil Verlag, dass bei ihnen die Verkäufe in den letzten Monaten auf gleichem Niveau geblieben wären, aber »bedingt durch die Inflation sind fast alle anderen Kosten gestiegen, also Papier, Druck und Transport.«

Die sova war aber nicht nur Teil einer linken Alternativökonomie, der deutsche Buchhandel selbst funktioniert nach eigenen Regeln. Dass die Bücher am Tag nach einer Bestellung in den Läden liegen, hat mit einer eigenen Logistik zu tun, die unabhängig von der Post oder anderen großen Dienstleistern ist. Buchläden, Auslieferungen und einige wenige sogenannte Großhändler stemmen sie. In den letzten Jahren ist diese Logistik unter Druck geraten, da der Onlineversandhandel auch Bücher ausliefert und dabei die Buchhandlungen überspringt. Folge: Der wirtschaftlich relativ kleine Kuchen ist noch kleiner geworden.

Vielleicht braucht es aber ganz neue Modelle, um die Bücher auf die Nacht- und Schreibtische und in die heimischen Regale zu bringen.

Dass die Lager in Maintal nun leer stehen, liegt zweifellos an der Abhängigkeit in der schmalen Buchbranche, wobei es zwischen linken Verlagen und Buchhandlungen noch familiärer zugeht. Wie sova-Gründer Helmut Richter dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels berichtete, sei nicht nur ein genereller Umsatzeinbruch für die nun erfolgte Insolvenz verantwortlich gewesen. Als zweite Ursache sei hinzugekommen, dass Forderungen gegenüber einem insolventen Verlag nicht realisiert werden konnten. Die sova-Insolvenz hat durch die in der Branche üblichen langen Zahlungsziele wiederum selbst viele Löcher bei den Verlagen gerissen. Rüdiger vom Ventil Verlag sagt, dass sie von der sova immer mit dreimonatigem Zahlungsziel bezahlt wurden. »Das heißt unsere Einnahmen aus dem Buchhandel von Mitte August bis Ende September sind perdu, sie sind komplett in die Insolvenzmasse eingegangen.«

Weitere könnten folgen

So könnte die linke Auslieferung mit ihrer Pleite für einen Dominoeffekt sorgen. Schüring von Unrast geht davon, dass »einige der bekannteren linken Verlage Probleme bekommen werden«. Die Pleite der sova nötigt ihre Kund*innen dazu, andere Wege zu suchen, um Einnahmen zu erzielen. Zudem müssen die finanziellen Löcher gestopft werden, die die Insolvenz hinterlassen hat. »Wir haben verstärkt in Campuslizenzen investiert. Das sind Lizenzen für Unibibliotheken, die dadurch über einen Drittanbieter PDFs erwerben können«, berichtet Schüring. Doch die Diskussion um Alternativen im kriselnden linken Buchhandel hat gerade erst begonnen. Zwar seien die linken Verlage in Sachen Digitalisierung etwas antiquiert, aber das sei nicht das einzige, womit die gegenwärtige Situation verbessert werden könne, so der Unrast-Mitarbeiter. Mitte letzten Jahres, noch vor den Problemen mit der sova, hatte der Münsteraner Verlag eine Crowdfunding-Kampagne durchgeführt, um die Titel des Herbstprogramms infolge der Inflation finanzieren zu können.

Vielleicht braucht es aber ganz neue Modelle, um die Bücher auf die Nacht- und Schreibtische und in die heimischen Regale zu bringen. Denkbar, dass dabei auch ein altes Konzept Vorbild sein kann: In den 1920er Jahren entstand auf Initiative einer Drucker*innengewerkschaft die sogenannte Büchergilde. Bis heute beziehen die Kund*innen pro Monat ein Bücherabo, das durch besonders schöne Ausgaben schmackhaft gemacht wird. Der Freiburger ça ira-Verlag betreibt seit Jahren einen Förderkreis um seinen Verlag. Martin Schüring sagt, dass sie ähnliche Überlegungen anstellen würden. »Wichtig wäre dabei auch eine Community-Anbindung, die in der linken Verlagslandschaft über die Jahre etwas verloren gegangen ist.« Ihm geht es um die Bildung eines Milieus rund um die veröffentlichten Bücher.

Die Frage nach der Größe des Milieus, das linke oder subkulturelle Literatur nachfragt, ist wohl entscheidend dafür, ob die derzeitige Situation für die Verlage existenzbedrohend wird. Zwar ist das Interesse an Büchern mit radikalen Ideen vorhanden, aber die linke Bewegung, in der sie diskutiert werden, ist kleiner als früher. Hinzu kommt: Vieles hängt davon ab, wie sich die Teuerung in den nächsten Monaten entwickeln wird und ob die linken Leser*innen an Büchern sparen werden, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Positiv ist, dass Crowdfunding-Kampagnen von linken Verlagen, etwa bei Unrast oder Jacobin, sehr erfolgreich waren. Das zeigt, dass das linke Milieu zusammenhalten kann, wenn es drauf ankommt.

Guido Speckmann

ist Redakteur bei ak.

Johannes Tesfai

ist Redakteur bei ak.

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