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|ak 719 | Geschichte

Alle für Eine – Eine für Alle

Vor 160 Jahren entstand der Allgemeine Deutsche Frauenverein – er wurde zur Keimzelle des Feminismus

Von Nane Pleger

Ein schwarz-weiß Porträt von Henriette Goldschmidt
Sie war eine der Gründerinnen und von 1867 bis 1906 im Vorstand des ADF: Henriette Goldschmidt. Foto: gemeinfrei

Im Jahr 1850 wurden in Preußen und Bayern Vereinsgesetze erlassen – eine Reaktion auf die vorausgegangenen demokratischen und sozialistischen Bewegungen. Paragraf 8 des Preußischen Vereinsgesetzes verordnete, dass »Frauenpersonen, Geisteskranke, Schüler und Lehrlinge« weder Mitglied eines politischen Vereins werden noch an politischen Versammlungen teilnehmen durften. Mit dieser Ungerechtigkeit stand Preußen aber nicht alleine. Auch andere Staaten des Deutschen Bundes (1815–1866) verboten Frauen per Gesetz die politische Betätigung. 

Und dennoch gründete sich nur 15 Jahre später ein Verein, der zur Keimzelle feministischer Aktivitäten werden sollte – Aktivitäten, die die patriarchale Gesellschaft herausforderten und nachhaltig veränderten, wie es die Historikerin Susanne Schötz anlässlich des 160. Jubiläums dieses Vereins beschrieb. Am 18. Oktober 1865 wurde der Verein mit dem Namen Allgemeiner Deutscher Frauenverein, kurz ADF, in Leipzig gegründet. Das sollte den Beginn der organisierten deutschen Frauenbewegung markieren. Doch wie kam es in dieser frauenunterdrückenden Zeit zu der Gründung einer solchen feministischen Keimzelle? 

Aufbruch zur Freiheit

Im Vormärz, der Zeit des »Aufbruchs zur Freiheit« in den Jahren vor der Märzrevolution 1848, hatten sich Freiheits- und Einheitsbewegungen gebildet, die ein geeintes Deutschland mit demokratischen Rechten wie Versammlungs- und Pressefreiheit, Gerichtsbarkeit und Beteiligung des Volkes am Staat forderten. Mit voranschreitender Industrialisierung, wachsender Bevölkerung und neu entstehenden proletarischen Schichten wurden die Bewegungen immer mehr auch von der sozialen Frage, der Klassenfrage geprägt. Zusammengehalten wurden die Unruhen und Aufstände, die im März 1848 und im Mai 1849 ihre Höhepunkte hatten, von der Forderung nach einer grundlegenden Änderung der bestehenden Ordnung. Auch Frauen mischten sich aktiv ein – »Menschenwürdiges Dasein für alle, auch für die Frauen!«, forderte z.B. die Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters. (ak 702)

Die Französische Revolution hatte 1789 gezeigt, dass die erkämpften Menschen- und Bürgerrechte nur für eine Hälfte der Bevölkerung, für die Männer, zählten. Mit dem napoleonischen »Code Civil« von 1804 wurde die Unterordnung der Ehefrau rechtlich festgeschrieben. Dieser patriarchalen Tradition folgend durften 1848 bei der ersten gesamtdeutschen verfassungsgebenden Versammlung in der Paulskirche in Frankfurt am Main Frauen weder teilnehmen noch wurden ihre Rechte als Menschenrechte anerkannt. Die Freiheit, für die die Männer kämpften, galt also nicht für Frauen. Als den politisch engagierten Frauen dies bewusst wurde, begannen sie nach dem Scheitern der Revolution, eigene Vereine zu gründen. Ihnen wurde klar, dass Frauen sich selbst für ihre Rechte einsetzen mussten: »Die Teilnahme der Frau an den Interessen des Staates ist nicht allein ein Recht, sie ist eine Pflicht der Frauen.« Die Vereinsgesetze von 1850 waren also auch eine repressive Antwort auf diese aufkeimende, feministische Bewegung. Sie konnten sie bremsen, aber nicht aufhalten.

»Frauenschlacht« in Leipzig

Ein Jahrzehnt später, in den 1860er Jahren, kam zu den vereinzelt und lokal gegründeten Frauenvereinigungen der überregional gedachte ADF dazu – ein auf vielen Ebenen innovativer Verein. Er wollte Frauen über Grenzen hinweg für den Kampf um Frauenrechte zusammenbringen. Zur Gründung luden Louise Otto-Peters und Ottilie von Steyber als Vorständinnen des im selben Frühjahr gegründeten Leipziger Frauenbildungsvereins vom 15. bis zum 18. Oktober zur ersten gesamtdeutschen Frauenkonferenz nach Leipzig ein. Rund 130 Personen fanden sich am Eröffnungsabend in der Leipziger Buchhändlerbörse, Ritterstraße 12 ein. Das wichtigste Ergebnis: die Gründung des ADF, offiziell am 18. Oktober 1865. Das Datum der Gründung scheint strategisch gewählt zu sein, hatte doch 52 Jahre zuvor die Leipziger Völkerschlacht stattgefunden, bei der Napoleon am 18. Oktober 1813 seine Truppen zurück befohlen hatte. Otto-Peters schreibt in ihren Erinnerungen, dass die Presse diese Konferenz auch als »Frauenschlacht« bezeichnet habe.

Die Freiheit, für die die Männer kämpften, galt nicht für Frauen.

Vorsitzende des Vereins waren Auguste Schmidt, Ottilie von Steyber, Alwine Winter, Anna Voigt und Louise Otto-Peters, die bis zu ihrem Tod 1895 amtierte und den Verein maßgeblich prägte. Ihr Leitgedanke – die Einheit und Solidarität der Frauen in einem geeinten, demokratischen Deutschland – trug Früchte: Der ADF schuf ein Netzwerk engagierter Frauenrechtlerinnen, das sich gegenseitig stärkte und die gesellschaftliche Wirkung vervielfachte.

Das Motto des ADFs »Alle für Eine und Eine für Alle« stellte den Gemeinsinn an erster Stelle. Auch wenn bürgerliche Frauen an der Spitze standen, war es Ziel des Vereins, allen Frauen klassenübergreifend zu einem Leben in Würde und Selbstentfaltung zu verhelfen. Der Weg dorthin führte über Bildung, berufliche Qualifizierung, das Recht auf Arbeit sowie über Selbsthilfe und Selbstständigkeit.

Henriette Goldschmidt

Von 1867 bis 1906 war Henriette Goldschmidt im Vorstand des ADFs. Sie wurde am 23. Oktober 1825 in Krotoszyn geboren und würde in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag feiern. Wahrscheinlich nahm sie an der Frauenkonferenz 1865 teil, trat aber erst 1866/67 dem Verein bei. Neben ihrer langjährigen Vorstandstätigkeit engagierte sie sich für Demokratie, war Publizistin und in Leipzig eine Pionierin der sozialen Arbeit und Pädagogik. Geboren in eine jüdische, liberale und mit der 1848er-Revolution sympathisierende Familie kam sie 1858 nach Leipzig, als ihr Mann das Amt des Rabbiners der Israelitischen Religionsgemeinde übernahm. Dort prägte sie mit ihren sozialen und politischen Ideen das Stadtleben. Überzeugt von der Notwendigkeit einer freien, demokratischen Bildung gründete sie mehrere Volkskindergärten und Bildungsstätten für Frauen, 1872 ein Seminar für Kindergärtnerinnen und 1878 das Lyzeum für Damen. 1911, mit 86 Jahren, eröffnete sie schließlich die Hochschule für Frauen in Leipzig. Mit ihrer Vision von Frauenbildung prägte sie den ADF, doch auch dieser prägte sie: Ermutigt von ihren Mitstreiterinnen, hielt sie überregional öffentliche Vorträge, in denen sie sich als überzeugende Rhetorikerin zeigte. Sie erwies sich darüber hinaus als gute Netzwerkerin, die insbesondere jüdische Bürger*innen zu großzügigen Spenden motivierte. Mit diesen Spenden konnten die Einrichtungen finanziert werden, die das Leipziger Stadtbild noch lange über ihren Tod am 30. Januar 1920 prägten.

Der Verein musste viele Rückschläge einstecken. Aufgrund der Vereinsgesetze konnte er keine offen politischen Ziele verfolgen, und der proletarische Feminismus wurde besonders hart bekämpft. Dennoch gelang es, Schritt für Schritt bedeutende Fortschritte zu erzielen: 1877 hatte der ADF bereits 11-12.000 Mitglieder, 1893 wurden in Berlin die ersten Gymnasialkurse für Mädchen eröffnet, ab etwa 1900 konnten Frauen nach und nach Universitäten besuchen, 1908 wurden die Vereinsgesetze geändert und 1918 wurde Frauen das Wahlrecht zugestanden.

Der ADF war eine feministische Keimzelle, er war der Beginn der organisierten deutschen Frauenbewegung, die als eine rasant wachsende Massenbewegung die jahrtausendelange patriarchale Denktradition nachhaltig revolutionierte. Angesichts des aktuell zunehmenden, rechtsextremen Antifeminismus, biologisierender Geschlechtertheorien, die aus dem 19. Jahrhundert stammen könnten, ist das eine Bewegungsgeschichte, die Mut geben kann, sich zu »assoziieren« und nicht aufzugeben, »denn die Geschichte aller Zeiten hat es gelehrt und die heutige ganz besonders, dass Diejenigen, welche selbst an ihre Rechte zu denken vergessen, auch vergessen wurden.« (Louise Otto-Peters)

Nane Pleger

ist Autorin und schreibt für ak meist über Bücher, deren Geschichten sie als Verhandlungsort von gesellschaftlichen Narrativen sieht.