analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 722 | Geschichte

In Verteidigung der Erde

Über 50 Jahre nach seinem Tod bieten Amílcar Cabrals antikoloniale und ökologische Schriften weiter eine wichtige Orientierung

Von Feben Amara

Nahaufnahme von Amílcar Cabral, der sich mit einer Person Abseits des Bildes unterhält.
In Zeiten des Klimawandels erlebt Cabral eine Renaissance. Foto: Wikimedia, gemeinfrei

In den letzten Jahren erlebt Amílcar Cabral, der kapverdische Befreiungskämpfer und Anführer der Unabhängigkeitsbewegung Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo Verde (PAIGC), eine bemerkenswerte Renaissance. Besonders antikoloniale und antiimperialistische Bewegungen weltweit greifen seine im Unabhängigkeitskampf in Guinea-Bissau und Kap Verde (1960–1973) entstandenen Schriften wieder auf. Doch auch für die sozial-ökologischen Bewegungen und ökomarxistischen Strömungen liefert Cabral relevante Antworten – zumindest, wenn man die agrarwissenschaftlichen Texte, die er während seiner Universitätsjahre verfasste, hinzuzieht und als programmatische Basis des antikolonialen Kampfs begreift.

Mensch-Natur-Konflikt

Amílcar Cabral wurde 1924 in Bafatá in Guinea-Bissau (damals: Portugiesisch-Guinea) als Sohn kapverdischer Eltern geboren. Mit zehn Jahren kehrte er auf den Archipel zurück, um dort die einzige weiterführende Schule zu besuchen. Vor dem Hintergrund wiederkehrender Dürren auf Kap Verde, die zwischen 1940 und 1948 über 30.000 Hungertote forderten, ging Cabral 1945 nach Lissabon, um Landwirtschaft zu studieren. Er tat sich als ambitionierter Student hervor und sicherte sich so auch später eine Anstellung in der kolonialen Agrarbehörde.

Unumstritten ist heute, dass Cabral damals ein Doppelleben führte. Im Selbststudium beschäftigte er sich mit Panafrikanismus und Marxismus und diskutierte die Theorien mit seinen Kommilitonen und späteren Verbündeten Lúcio Lara, Mário Pinto de Andrade und Agostinho Neto (die Gründer des Movimento Popular de Libertação de Angola, MPLA) und Eduardo Mondlane (Funktionär der Frente de Libertação de Moçambique, Frelimo). Diese Einflüsse durchzogen auch seine agrarwissenschaftliche Forschung.

In dem Artikel »Para o conhecimento do problema da erosão do solo na Guiné« (»ZumVerständnis des Problems der Bodenerosion in Guinea«) von 1954 beschreibt Cabral die Menschheitsgeschichte als einen historischen Prozess, der mit dem bewussten Umgang des Menschen mit dem Boden und dessen Kultivierung einsetzt. Er erklärt, dass die beständige Entwicklung neuer Werkzeuge und Maschinen für die Bodenkultivierung die Genese großer Zivilisationen zunächst befördert hätte. Letztlich zeigt die Geschichte jedoch auch, wie der Zerfall eben jener Zivilisationen und Imperien durch ein anhaltendes Unwissen über die Erhaltung und Regeneration des Bodens hervorgerufen wurde. Cabral erkennt in der Menschheitsgeschichte »einen Prozess, in dem der Mensch, im Streben, die Natur zu kontrollieren, sich langsam selbst zerstört«.

Aus dem Wissen, aus einem in die Erde gesäten Samenkorn kann eine neue Pflanze entstehen, ergibt sich eine Welt voller Konsequenzen.

Amílcar Cabral

Cabrals Perspektive war nicht bahnbrechend, sondern knüpfte an Debatten über den Zusammenhang von Bodenerosion und zivilisatorischem Fortschritt an, die im Feld der Bodenkunde ab 1950 breit geführt wurden. Zugleich analysiert Cabral die produktive Beziehung zwischen Mensch und Umwelt mithilfe des historischen Materialismus. In »Acerca da Utilização da Terra na África Negra« (»Über die Nutzung des Bodens in Schwarzafrika«) von 1954 nennt Cabral die Nutzung von Land und Ackerbau »die brillanteste Stufe in der Evolution des Menschen«. Doch »[a]us dem kollektiven Wissen, aus einem in die Erde gesäten Samenkorn kann eine neue Pflanze entstehen, ergibt sich eine Welt voller Konsequenzen«. Cabral fordert, diesen Mensch-Natur-Konflikt aufzulösen, der sich in der kapitalistischen Produktionsweise in einem noch nie dagewesenen globalen Maßstab zeigt.

In der Feldforschung »O Problema da Erosão do Solo. Contribuição para o seu Estudo na Região de Cuba (Alentejo)« ( »Über das Problem der Bodenerosion. Beitrag zur Untersuchung der Region Cuba (Alentejo)«) von 1951 widmet Cabral sich der Region Alentejo in Portugal, deren Ländereien begannen auszutrocknen. Seine Studie widmete er den »Tagelöhnern von Alentejo – den Arbeitern des Bodens der Großgrundbesitzer, den Menschen, deren Leben von der Erosion bedroht sind«. Und er formuliert darin einen Grundsatz: »Den Boden zu verteidigen bedeutet, den Menschen zu verteidigen.« Und weiter: »Wer diese Notwendigkeit leugnet, leugnet die eigentliche Grundlage, auf der die menschliche Gesellschaft fußt.« In seiner Forschung stellte er sich die Frage, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Boden sein müsste, um für beide nachhaltiger zu sein.

Kritik der kolonial-kapitalistischen Agrarwirtschaft

Cabral sah einen Zusammenhang zwischen der Privatisierung des Bodens, seiner schleichenden Zerstörung und der Verarmung der Bevölkerung. Schuld an der Misere Alentejos sei die Monokultur von Weizen, die die Erträge steigern sollte, aber vor allem den Großgrundbesitzern nützte. Die Ertragssteigerung wurde mittels Anbaupraktiken und -verfahren erreicht, die den Boden schneller erschöpften und die stetige Ausweitung des landwirtschaftlich genutzten Gebiets erzwangen.

Schrittweise wurden landwirtschaftliche Industriebetriebe eingeführt, die die Zerstörung von immer mehr Moorlandschaften sowie die Rodung von Waldbeständen mit sich brachten. Damit verbunden kam es zur Enteignung vieler Bäuer*innen. Ihres Landes beraubt und so mit dem Verlust ihrer Lebens- und Arbeitsgrundlage konfrontiert, hatten diese meist keine andere Wahl, als zu lohnabhängigen Arbeiter*innen in den Städten zu werden.

Cabral beschreibt, dass der Einzug der kapitalistischen Produktionslogik im Alentejo den Boden so weit degradierte, dass der Weizen »heute, auf dem Skelett dessen, was einmal Boden war, seine Rechnung nicht mehr zahle«. Die soziale Umwälzung beruhe auf der Plünderung und Entwurzelung von Land und Mensch. Cabral fordert dagegen, der Boden müsse »Quelle des Wohlbefindens und des Fortschritts nicht nur für eine kleine Zahl von Individuen« werden. Cabrals Analyse liest sich als wissenschaftlich parteilich und schließt sich an Marx’ Diagnose an, dass »jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur nicht nur ein Fortschritt in der Kunst [ist], den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt in Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit« (MEW 23) ist. Doch dem Problem der Zeitfrist, die in der eintretenden Unfruchtbarkeit und Verwüstung eines Landstrichs begründet ist, entgeht der Kapitalismus durch die beständige Einverleibung und Erschöpfung von mehr Ländereien in der Form der kolonialen Expansion.

In Guinea-Bissau unterlief Portugal ab 1880 die bedarfswirtschaftliche Produktionsweise der Bevölkerung durch eine marktorientierte, landwirtschaftliche Exportproduktion von Erdnüssen. Für die Plantagen wurden Gebiete durch Brandrodung nutzbar gemacht, während das Landnutzungsrecht der ansässigen Bevölkerung an die Produktion des Exportprodukts geknüpft wurde. Der Kolonialismus, skizziert Cabral, hatte europäische landwirtschaftliche Praktiken eingeführt, ohne die unterschiedlichen ökologischen Bedingungen zu berücksichtigen.

Die tragische Konsequenz bringt er wie folgt auf den Punkt: »Der Schwarze, machtlos, sieht zu oder nimmt Teil an seiner eigenen Zerstörung. Da sein Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist und er nicht nur die neu geschaffenen Bedürfnisse, sondern auch die Anforderungen seiner neuen sozialen Situation befriedigen muss, entwurzelt er sich nach und nach, wandert aus oder muss auswandern, gibt auf oder hat nicht einmal Zeit, sich die Erkenntnisse anzueignen, die er auf der Grundlage der empirischen Kenntnis seiner Umwelt und der Erfahrung von Jahrhunderten geschaffen hatte.«

Cabral forderte, den Reichtum der (Boden-)Ressourcen zukünftig für Guinea-Bissaus und Afrikas eigene Entwicklung zu nutzen.

Cabral forderte, den Reichtum der (Boden-)Ressourcen zukünftig für Guinea-Bissaus und Afrikas eigene sozioökonomische und kulturelle Entwicklung zu nutzen. Dies müsse unter der Prämisse passieren, »eine Agrarstruktur zu schaffen, die die ungeordnete und gierige Ausbeutung des Bodens verbietet; die, kurz gesagt, die Ausbeutung eines Menschen durch einen anderen verbietet«. Dieser Appell war gleichzeitig eine Absichtserklärung der sich formierenden PAIGC.

Verwurzelung als antikoloniale Praxis

Der ab 1960 militärisch agierenden PAIGC gelang es, schrittweise guinea-bissauische Ortschaften einzunehmen und in den befreiten Zonen ihr ökonomisches und soziales Programm einzuführen. Der von Cabral formulierte Plan beruhte auf der Einsicht, dass der Kolonialismus die Entwicklung des eigenständigen historischen Prozesses auf eine gewaltsame Weise unterbrochen hatte. Er hatte sich die notwendigen materiellen wie menschlichen Grundlagen angeeignet und eine neue Eigentumsform eingeführt. Der reibungslose Ablauf der neuen Produktionsweise konnte jedoch nur dadurch sichergestellt werden, dass die Landbevölkerung entwurzelt und bestehende Wissensformen und Bindungen der Menschen zum Boden systematisch untergraben wurden. Die antikoloniale Antwort zielte folglich auf die Wiederherstellung dieser Beziehungen durch eine Praxis der Verwurzelung ab.

Daraus folgten zwei Tätigkeitsfelder der PAIGC: eine agrikulturelle Bildungsoffensive und die Kollektivierung von Land. In provisorischen Schulen in den befreiten Zonen kam der Vermittlung von landwirtschaftlichem Wissen eine Schlüsselrolle zu. Es ging um die Wiederaneignung des empirischen Wissens und der sozialen Praktiken, die die Guineer*innen über Generationen hinweg gesammelt hatten, und die Einführung von neueren wissenschaftlich-technischen Methoden des Erosionsschutzes.

In den befreiten Gebieten entstanden landwirtschaftliche Laboratorien, in denen durch das Testen der Bodenqualität und Experimente mit unterschiedlichem Saatgut und Anbauzyklen lokalspezifische Anbaupraktiken entstehen sollten. Gelernt werden sollte in kollektiver Feldarbeit, Schulgärten und zuletzt auch in den landwirtschaftlichen Kooperativen, die die PAIGC einsetzte.

Auf Kooperativen setzte die PAIGC zum einen, um die Nahrungsmittelproduktion in den befreiten Gebieten sicherzustellen. Gleichzeitig waren sie praktische Bildungsstätten: Die Produzent*innen lernten nicht nur die Organisierung von Produktionsmitteln und Arbeit, sie erprobten auch, gemeinsam zu Entscheidungen über Anbau, Nutzung und Verteilung zu finden sowie die Verantwortung für Bodenfruchtbarkeit und ökologische Nachhaltigkeit zu übernehmen.

Ungewiss bleibt, ob und wie Cabral und die PAIGC ihr sozial-ökologisches Programm in den Prozess der Staatsbildung nach der formalen Unabhängigkeit Guinea-Bissaus im Jahr 1974 integriert hätten. Cabral wurde am 20. Januar 1973 ermordet und die PAIGC, dann unter Führung seines Bruders Luis Cabral, hatte zunächst mit den Hinterlassenschaften des Krieges, einem schwachen Verwaltungsapparat und intern wachsenden Konflikten zu kämpfen. (ak 721)

Cabrals ökologisches und antikoloniales Denken, sichtbar in seinen agrarwissenschaftlichen Texten, sollte uns heute dennoch als politischer und historischer Orientierungspunkt dienen. Ein guter erster Schritt wäre die Herausgabe und umfassende Übersetzung seiner agrarwissenschaftlichen Texte ins Deutsche und Englische. Denn es braucht antikoloniale Standpunkte, um in eine von technologischen Heilsversprechen – von »grünem Extraktivismus« bis Geoengineering – dominierte Diskussion über die Klimakrise zu intervenieren und die Eigentums- und Gewaltverhältnisse freizulegen, die sie strukturieren.

Feben Amara

ist Kulturwissenschaftlerin und forscht zu Kunst- und Wissensproduktion in emanzipatorischen Bewegungen.