analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 723 | Kultur

Gays und Gaze

Die Serie »Heated Rivalry« ist ein Überraschungshit über queere Liebe, gerade auch bei heterosexuellen Frauen. Warum eigentlich und: Ist das okay?

Von Kornelia Kugler

Man sieht zwei Eishockeyspieler, die die Köpfe zusammenstecken.
Da bahnt sich »etwas« an: Shane und Ilya. Foto: Warner Bros Discovery / HBO Max

Die Veröffentlichung von »Heated Rivalry« hat Ende 2025 einiges an Eis gebrochen. Autor und Regisseur Jacob Tierney adaptierte für die Serie die »Game Changers«-Romane der kanadischen Autorin Rachel Reid, die von queeren Romanzen im Profi-Eishockey erzählen. Die erste Staffel wurde zwischen November und Dezember 2025 zunächst auf dem kanadischen Streamingdienst Crave sowie auf HBO Max in den USA veröffentlicht, erreichte schnell eine unerwartet große Reichweite und erzeugte einen regelrechten Hype. Das Netz ist voller Memes mit Szenen aus der Serie. New Yorks linker Bürgermeister Zohran Mamdani empfahl den Bewohner*innen der Metropole den der Serie zugrunde liegende Roman als Anreiz, während des kürzlichen Wintersturms zu Hause zu bleiben. Seit Anfang Februar ist die Serie auch in Deutschland auf HBO Max zu streamen. Bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Milano Cortina trugen die beiden Hauptdarsteller Hudson Williams und Connor Storrie – zwei bisher unbekannte Schauspieler Mitte Zwanzig, die bis vor Kurzem noch als Kellner gearbeitet haben – für eine Etappe die Olympische Flamme. Ein symbolischer Full-Circle-Moment, treten die beiden in der Serie doch 2014 im russischen Sotschi mit ihren Nationalteams an.

Aber von Anfang an: Die jungen Eishockeyhoffnungen Shane Hollander (Williams) aus Kanada und Ilya Rozanov (Storrie) aus Russland treffen als Rivalen in einer fiktionalisierten Version der National Hockey League (NHL) in den 2010er Jahren aufeinander. Ilya ist als großmäuliger Arsch bekannt, Shane als brav und angepasst. Auf dem Spielfeld und darüber hinaus entwickelt sich eine unwiderstehliche Anziehung zwischen den beiden, die bald zu einer Jahre andauernden geheimen Affäre wird. Für Shane ist es die erste sexuelle Beziehung, aber ein Coming Out kommt für ihn als Spitzensportler nicht in Frage. Ilya ist vordergründig der bisexuelle Bad Boy, aber im Hintergrund bereitet ihm seine Familie in Russland Sorgen.

Auch in Russland wird die Serie, obgleich nicht legal verfügbar, gefeiert.

Zu Beginn der Serie dreht sich alles um die geheime Affäre, abgesehen von steamy Dates einer Long-Distance-Situationship passiert kaum etwas. Aber gerade das hat bei vielen für Begeisterung gesorgt: Im Gegensatz zu anderen erfolgreichen queeren Coming-of-Age-Serien wie »Heartstopper« stehen hier (relativ) expliziter schwuler Sex und Verlangen für sich und funktionieren als Erzählmotor. Später in der Staffel gibt es, jenseits von weiteren leidenschaftlichen »Enemies to Lovers«-Szenen, noch eine zart erzählte Entwicklungslinie: Auch andere Eishockey-Spieler hadern mit ihrer Homosexualität, und schließlich verändert sich die Beziehung zwischen Ilya und Shane. Wer für die Sex-Szenen gekommen ist, bleibt für die Romanze.

Ilya und sein russisches Umfeld sind durchaus stereotyp gezeichnet: Das düstere Moskau in kalten Farben, die brutale Militärfamilie, der emotional verhärtete Sohn mit permanenter »Fuck off«-Attitüde. Russland erscheint als repressiver Gegenpol zum liberalen Westen – ein dramaturgisch funktionaler, etwas zu einfacher Kontrast. »Heated Rivalry« schafft es immerhin, ein paar Nuancen in Ost-West- und Coming-Out-Klischees zu bringen: Die Serie deutet an, dass auch Asian-Canadian Shane unter enormem Druck steht. Aber die strukturelle Härte wird nach Osten verlagert. In der Rezeption wurde darüber hinaus diskutiert, dass Connor Storrie, der Ilya spielt und aus Odessa/Texas stammt, kein Russisch-Muttersprachler ist. Während sein antrainierter Akzent von vielen gefeiert wird, weisen russischsprachige Zuschauer*innen darauf hin, dass genau dieser im Alltag häufig mit Stigmatisierung verbunden ist.

Auch dass die Romanvorlage von einer heterosexuellen Autorin stammt, wird diskutiert. Solche Einwände berühren die Frage, wer queere Geschichten erzählen darf – und für wen sie erzählt werden. Denn so explizit die Serie in der Darstellung schwulen Begehrens ist, so konventionell bleibt ihre romantische Dramaturgie: jahrelanges Warten aufeinander, aus »nur Sex« werden Gefühle, am Ende – Spoiler – die (exklusive?) Zweierbeziehung als Happy End. Vielleicht erklärt gerade diese strukturelle Vertrautheit einen Teil des enormen Erfolgs. Auch die auffällig starke Resonanz bei heterosexuellen Frauen wird in Besprechungen von »Heated Rivalry« immer wieder hervorgehoben. Das ist nicht ganz neu: Statistiken von Pornhub zeigen, dass rund 47 Prozent der Konsument*innen von schwulem Content weiblich sind, und Studien deuten darauf hin, dass viele Frauen Darstellungen von schwulem Sex als »authentischer« erleben, weil dieser nicht für den heteronormativen Blick produziert wurde. Konsens, Zärtlichkeit und gegenseitiges Begehren ohne Objektifizierung weiblicher Figuren – das kommt in »Heated Rivalry« gut an.

Nichtsdestotrotz: Schöne Objekte (und Subjekte) gibt es auch in »Heated Rivalry« zur Genüge. Die Inszenierung junger, makelloser, wohlhabender NHL-Spieler in austauschbar schönen, aber seelenlosen Luxusräumen legt nahe, dass hier Attraktivität und Wohlstand selbst zu Projektionsflächen werden – ein Faktor, der in der Rezeption oft weniger beachtet wird, als die elaborierte Kamera, Lichtsetzung und Farbpalette.

»Heated Rivalry« wurde in den USA schnell zu einer der meistgestreamten Serien auf HBO Max. Und auch in Russland wird die Serie gestreamt und in sozialen Netzwerken gefeiert: Auf dem russischen Äquivalent zu IMDb, Kinopoisk, erreichte sie die Note von 8,4 von 10 bei, Stand jetzt, 53.000 Bewertungen, und ist damit eine der bestbewerteten Sendungen des Landes. Obwohl sie nicht legal verfügbar ist, forderte die fundamentalistisch-orthodoxe Organisation Sorok Sorokow ein Verbot der Serie. Seit der Einstufung der sogenannten »internationalen LGBT-Bewegung« als extremistisch ist Queerness in Russland seit Ende 2023 faktisch kriminalisiert, »LGBT-Propaganda« schon seit 2013. Ebenfalls 2023 verbannte die amerikanischen Eishockey-Profiliga NHL Pride-Trikots und -Ausrüstung aus dem Spielbetrieb, die im Rahmen von Pride Nights Zeichen der Solidarität sein sollten. Der Gedanke drängt sich auf, dass »Heated Rivalry« als eine Erzählung über Mut und liebevolle Beziehungen unter Männern auch deswegen so beliebt ist, weil ihre Realität nicht ganz so grausam ist, wie unsere.

Kornelia Kugler

arbeitet im Bereich Film, Kunst und Text.

»Heated Rivalry« läuft auf HBO Max.

Unterstütz unsere Arbeit mit einem Abo

Yes, du hast bis zum Ende gelesen! Wenn dir das öfter passiert, dann ist vielleicht ein Abo was für dich? Wir finanzieren unsere Arbeit nahezu komplett durch Abos – so stellen wir sicher, dass wir unabhängig bleiben. Mit einem ak-Jahresabo (ab 64 Euro, Sozialpreis 42 Euro) liest du jeden Monat auf 32 Seiten das wichtigste aus linker Debatte und Praxis weltweit. Du kannst ak mit einem Förderabo unterstützen.