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Buchstabe für Buchstabe

Der Film »Die Möllner Briefe« zeigt, wie den Betroffenen des rassistischen Anschlags Solidarität vorenthalten wurde

Von Maike Zimmermann

Ein Finger in Handschuhen zeigt auf eine Fotografie, darauf eine Familie mit Kindern, im Hintergrund ein Haus
Die Erinnerung einer Familie, die selbst zu Geschichte geworden ist: Familie Arslan kurz nach dem Anschlag vor dem Brandhaus. Foto: inselfilm produktion

Uns hat genau das gefehlt, was du gerade in der Hand hältst.« Ibrahim Arslan zeigt auf den Brief in Jessica Wapplers Hand. »Uns hat deine Solidarität gefehlt. Uns hat die Solidarität der Menschen gefehlt.« Fast 30 Jahre lagen ihre Zeilen zusammen mit Hunderten »Möllner Briefen« im Archiv der Stadt, bis sie eher zufällig entdeckt wurden. In dem gleichnamigen Film begibt sich Regisseurin Martina Priessner gemeinsam mit dem Überlebenden Ibrahim Arslan auf die Spur dieser Solidaritätsbriefe, die nach dem rassistischen Brandanschlag 1992 geschrieben, aber nie zugestellt wurden. Viele von Kindern verfasst, datiert direkt nach dem Anschlag, adressiert an die Familien aus der Ratzeburger Straße und der Mühlenstraße, den Anschlagsorten, aber mangels Adresse auch an den Bürgermeister, an die Stadt.

Am 23. November 1992 legten zwei Neonazis Feuer in zwei von türkischstämmigen Familien bewohnten Häusern in Mölln. Drei Menschen starben: Bahide Arslan, ihre Enkelin Yeliz Arslan und ihre Nichte Ayşe Yılmaz. Der damals siebenjährige Ibrahim Arslan überlebte schwer verletzt, seinen nur wenige Monate alten Bruder Namık rettete die Mutter, indem sie ihn aus dem Fenster warf. Der Anschlag, sagt Ibrahim im Film, war die erste Katastrophe, die zweite Katastrophe war der Umgang mit den Betroffenen.

Priessners Inszenierung verzichtet auf große Effekte.

Und genau darum geht es in Priessners Film. Ausgangspunkt sind die Briefe, die damals aus dem ganzen Land an die betroffenen Familien geschrieben wurden – Gesten der Anteilnahme und der Solidarität, der Scham und der Wut. Keiner hat die Betroffenen erreicht, geöffnet wurden sie alle.

Priessner begleitet Ibrahim bei Treffen mit einigen der Briefeschreiber*innen, bei Gesprächen mit dem heutigen Bürgermeister der Stadt Mölln, bei Terminen im Stadtarchiv mit dem Archivar, der diesen Job bereits damals inne hatte. Ihre Inszenierung verzichtet auf große Effekte; die Kamera verweilt auf Gesichtern, auf Händen, sie begleitet, bleibt unaufdringlich.

Seit vielen Jahren kämpft Ibrahim Arslan für das Erinnern, bringt Betroffene zusammen, ist unermüdlich unterwegs, um seine Geschichte zu erzählen. Denn dann, so erklärt er im Film, ist er symptomfrei, sein durch den Anschlag verursachter chronischer Husten verschwindet.

Sein Bruder Namık hat lange Zeit gebraucht, um überhaupt über sich sprechen zu können. »Ich habe das immer in mich hineingeschluckt«, sagt er. »Ich habe nie jemanden erzählt, wie ich mich fühle, ich wollte nicht, dass jemand weiß, wie ich mich fühle.« Doch über die Jahre wurde es immer schlimmer, heute will er etwas ändern – für seine Frau und für seine Tochter. Die Szenen mit Namık bilden einen Kontrast zu jenen mit seinem Bruder, dem sofort anzumerken ist, dass er mit dieser Art der Gespräche vertraut ist – sei es mit dem Bürgermeister oder beim gemeinsamen Treffen der betroffenen Familien. Namık hingegen teilt seinen Schmerz, die Wunden, die auch nach 30 Jahren nicht verheilen wollen.

Und dann ist da die Schwester der beiden: Yiliz. Nach dem rassistischen Brandanschlag geboren, trägt sie den Namen ihrer großen Schwester. »Ich muss dem Namen gerecht werden«, sagt sie. Manchmal habe sie das Gefühl, dass ihre Schwester mehr lebt als sie selbst. »Ich bin nicht so eine Person, so ein starkes Mädchen.« Es ist schwer für sie, gerade im November, die Zeit im Jahr, in der alles anders ist. Aber: »Es ist nicht so, dass ich den Namen nicht tragen will.«

Der Film ist eine Spurensuche: Wusste wirklich niemand von den Betroffenen von den Briefen? Wie kann es sein, dass sie im Archiv verschwunden sind? Wieso hat nie wer von der Stadt den direkten Kontakt gesucht? Gleichzeitig sind diese Briefe eigentlich nur die Quintessenz dessen, was die Betroffenen über Jahrzehnte erleben mussten: Die Familie Arslan musste zurück ins Brandhaus ziehen, da die Stadt angeblich keine Alternative finden konnte; die Betroffenen wurden zu den Gedenkveranstaltungen über Jahre von der Stadt nicht eingeladen; wer zum 23. November nach Mölln kam, wurde Jahr für Jahr Zeug*in einer neuen Respektlosigkeit. 2022 passierte dann das lange Unglaubliche: Der neue Bürgermeister, Ingo Schäper, entschuldigte sich bei der Familie für das Verhalten der Stadt Mölln.

Die Skepsis zieht sich durch den Film: Nach so vielen Jahren der Verletzungen mag man dem neuen Frieden nicht so recht trauen. Priessner fängt diese Vorsicht behutsam ein. Gleichzeitig ist es gar nicht der Anspruch des Films, die ganze Geschichte zu erzählen. Es sind Schlaglichter, Erzählstränge, Teile eines weit größeren Mosaiks.

Am Ende des Films bringt Havva Arslan, die Mutter von Ibrahim, Namık und Yeliz, persönliche Gegenstände ihrer verstorbenen Tochter – einen Tuschkasten, ihre Ohrringe – in das Zentrum DOMiD in Köln. Hier im Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland liegen die Briefe nun. Havvas Schmerz zerreißt einem das Herz. Hätte die Mutter die Briefe gelesen, so vermuten ihre Kinder, hätte sie vielleicht mehr Kraft gehabt.

Priessner hat verstanden, worum es geht: Ihr Film lässt die Betroffenen erzählen, nicht die Täter oder die Behörden. Und immer wieder blendet sie die Briefe ein, deren Absender*innen wohl kaum alle gefunden werden. Aber vielleicht ist das gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass sie gelesen werden können – endlich.

Maike Zimmermann

ist Redakteurin bei ak.


Die Möllner Briefe. Deutschland 2025. 96 Minuten. Regie: Martina Priessner.