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|ak 730 | Alltag

Eine stille, brutale Angst 

Die Kampagne gegen Jason Arday hat nicht nur für Aufsehen gesorgt, sondern soll auch all jene disziplinieren, die als Wissenschaftler*innen im Kapitalismus nicht vorgesehen sind

Von Anne Engelhardt

Man sieht zwei Universitätsgebäude.
Die University of Cambridge, an der Jason Arday eine Professur inne hatte. Foto: gemeinfrei

Es war eine beispiellose Hetzkampagne, angefeuert von einem rechtsradikalen Wissenschaftler sowie rechten bis linksliberalen Medien, die sich in diesem Sommer gegen den Bildungssoziologen Jason Arday richtete. Dieser trat Anfang August von seiner Professur an der Universität Cambridge in Großbritannien zurück und starb wenige Tage später. Auch danach ging die Hetze (1) weiter. Hintergrund ist, dass Programme für einen gleichberechtigten Zugang zu Wissenschaft und Forschung für alle, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sozialer Herkunft, auch als »Diversität« oder DEI (Diversity, Equity, Inclusion) abgekürzt, umstritten sind und inzwischen wieder verstärkt bekämpft werden. Sie gelten rechten und rechtsradikalen Organisationen sowie Teilen der herrschenden Klasse seit Langem als rotes Tuch.

Der Tod von Arday hat insbesondere Forschende und Studierende schockiert, die selbst aus sogenannten »einfachen« (2) Verhältnissen stammen, neurodivergent sind oder nicht als »Normalos« klassifiziert werden, aber dennoch gerne in der Wissenschaft (kritisch) forschen möchten. Wenn es gelingt, einem gestandenen Wissenschaftler wie ihm so etwas anzutun, wie sieht es dann erst mit Wissenschaftler*innen aus, die weit weniger in der Öffentlichkeit stehen? Der Fall hat nicht nur für Aufsehen gesorgt, sondern auch eine stille, brutale Angst verbreitet. Arday hatte Autismus, hatte spät sprechen und noch später lesen und schreiben gelernt, war Schwarz, kam nicht aus wohlhabenden Verhältnissen und war trotzdem erfolgreich. Denen, die ähnliche Positionen bekleiden, jedoch nicht annähernd so steinige Wege zurücklegen mussten, hat er womöglich einen Schrecken eingejagt. Denn wenn jemand wie er es »schafft«, dann lässt sich vielleicht nicht mehr so viel auf die eigene Leistung geben, wenn der eigene Vater schon Professor war oder ein Unternehmen geführt hat?

Solidarität aus den Gewerkschaften

Die Plagiatsvorwürfe gegen Arday wurden völlig irrational aufgebauscht. Wer Lust hat, sich mit Techniken wissenschaftlichen Arbeitens auseinanderzusetzen – was viele Journalist*innen, die einander nur nachplapperten, offensichtlich nicht hatten –, stellt Folgendes fest: Erstens: Ardays Forschung war einschlägig, wurde enorm erfolgreich rezitiert, diskutiert und weiterentwickelt; das lässt sich mit ein paar Klicks bei Google Scholar nachvollziehen. Deshalb war seine Ernennung zum Professor nicht außergewöhnlich. Zweitens: Seine Doktorarbeit war schlecht betreut worden, weshalb es Missstände in seiner Arbeit gab, darunter falsches oder unzureichendes Zitieren von Primärquellen anderer Wissenschaftler*innen, jedoch nicht der Diebstahl von Ideen. Für das wissenschaftliche Fehlverhalten hatte er sich teilweise bereits entschuldigt bzw. es längst korrigiert. Arday hatte zunächst nicht das Geld gehabt, sich ein gutes Lektorat leisten zu können. Ein Problem, das viele, die Geld und Titel erben, nicht kennen, aber auf jeden Fall viele, die aus ähnlichen sozialen Verhältnissen stammen wie er. Und Arday hat seinen Lebenslauf an einigen Stellen möglicherweise geschönt: Das ist ein Problem, das leider aus dem Druck, in diesem ungleichen System bestehen zu müssen, erwachsen kann, das aber auch viele seiner weißen und wohlhabenden Kolleg*innen kennen. 

Ardays Verstoß bestand darin, eine Abweichung von der Regel zu verkörpern, wonach insbesondere die weiße bürgerliche Wissenselite sich selbst reproduziert.

Ardays Verstoß lag nicht so sehr in den Fehltritten, über die immer noch gestritten wird, wie gravierend sie eigentlich waren. Sein Verstoß bestand vielmehr darin, eine Abweichung von der Regel zu verkörpern, wonach insbesondere die weiße bürgerliche Wissenselite sich selbst reproduziert, andere Teile der Gesellschaft jedoch ausschließt. Bei Arday geht es nicht ums Plagiat, sondern darum, die Regel zu vertiefen und Ausnahmen wie ihn abzuschaffen. Viele, die damit ebenfalls gemeint sind, haben darauf reagiert: Bei der spontanen Trauerfeier versammelten sich über 30.000 Menschen in London und protestierten gegen die mediale Hetze. Auch der britische Trade Union Congress TUC (vergleichbar mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund) hat unlängst einen Antrag zu Arday verabschiedet, in dem er die Regierung auffordert, sich gegen institutionalisierten Rassismus einzusetzen.

Wessen Wissensproduktion?

Die Geschichte der Universitäten ist voller Beispiele dafür, wie Wissen, insbesondere von Schwarzen und weiblichen Forschenden, gestohlen und sich von weißen Wissenschaftler*innen, die die herrschenden Klassen stützen, angeeignet wurde. Wenn Wissensbestände vom Bildungsbürgertum enteignet werden, geschieht dies, um die kapitalistische Produktionsweise zu vertiefen, die auf Arbeitsteilung beruht. Und Arbeitsteilung hat verschiedene Facetten: zwanghafte Zweigeschlechtlichkeit, rassistische Einteilungen nach Hautfarbe und Herkunft, Unterteilung in »funktionierende« und »nicht funktionierende« Körper und so weiter. Es geht bei Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung also nicht nur um eine Spaltung der Arbeiter*innenklasse, um deren Kämpfe ideologisch zu trennen, sondern auch um eine für die Wertschöpfung notwendige Arbeitsteilung, die auf der Hierarchisierung von Menschen anhand körperlicher Zuschreibungen und deren verkörpertem Wissen basiert. 

Dabei geht es auch heute darum, wer an der (gesellschaftskritischen) Wissensproduktion beteiligt sein darf und wer durch vornehmlich weiße, rassistische, ableistische (behindertenfeindliche), sexistische Wissenschaftler(*innen) sowie entsprechende Kampagnen und Strukturen ausgeschlossen wird. Der selbsternannte »race realist« und Sozialwissenschaftler Nathan Cofnas, der wegen rassistischer Äußerungen bereits zwei Jahre zuvor von Cambridge suspendiert worden war und unlängst auch von der belgischen Universität Gent suspendiert wurde, leitete die Kampagne gegen Arday. Er beschrieb ihn als »zurückgeblieben«, »analphabetisch« und »geistig behindert« und setzte dies in Verbindung damit, dass er Schwarz war. Es ist deutlich, dass diese Kombination von Zuschreibungen rassistisch ist. Allerdings ist es in der Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeit so normalisiert, Menschen mit geistiger Behinderung oder Analphabetismus aus der Wissensproduktion auszuschließen, dass diese Kombination von Charakterisierungen überhaupt erst als Rassismus funktioniert. Denn: Selbst wenn Arday all diese Zuschreibungen verkörpert hätte, könnte er dann nicht trotzdem Zugang zur Wissensproduktion erhalten und Wissenschaftler sein?

Dabei ist es keineswegs zweitrangig, dass Arday sich ausgerechnet mit dem rassistischen Bildungssystem Großbritanniens, seiner Kolonialgeschichte und deren mentalen Auswirkungen auf von Rassismus betroffene Menschen an den Universitäten beschäftigte. Dazu hat er nicht nur qualitativ geforscht, sondern auch seine biografischen Erfahrungen einfließen lassen und Coaching-Netzwerke zur Unterstützung von Black Minorities (Schwarzen Minderheiten) in der Wissenschaft aufgebaut. Damit und vor allem durch seine gehobene Position im akademischen System erhielten seine Wissensbestände eine herausragende Stellung in einem der ältesten imperialistischen Staaten der Welt. Arday war politisch. Er hat die Kolonialgeschichte des britischen Bildungssystems kritisiert, sich gegen Kürzungen ausgesprochen und diejenigen unterstützt, die, wie er, von den Hürden traumatisiert sind, die es in der Wissenschaft trotz aller Widerstände »geschafft« haben. 

Restauration der Arbeitsteilung

Die aktuelle Entwicklung, nicht nur in Großbritannien, sondern auch in den USA und hierzulande, ist eine Warnung an alle, die nicht aus akademischen, bürgerlichen, weißen Elternhäusern stammen oder sich als cis-männlich labeln lassen können, also an die gesamte Arbeiter*innenklasse. Die traditionelle Arbeitsteilung in (weiße) kapitalistische Wissensproduktion, inklusive des Diebstahls von Wissensbeständen, und das Hineinzwingen aller von Armut, Rassismus, Sexismus, Trans- und Homofeindlichkeit Betroffenen in schlechte, gefährliche Arbeit und unbezahlte soziale Reproduktion, nehmen wieder zu. Die Grenzen zwischen denen, die frei forschen und »Nein« schreiben dürfen, und denen, die reaktionäre Wissensbestände manifestieren wollen, verfestigen und vertiefen sich erneut. Es ist vor dem Hintergrund kein reiner Kulturkampf, sondern die Vorbereitung auf eine imperialistische Weltlage mit einer bestimmten Arbeitsteilung, die auf bestimmten körperbezogenen Wissensbeständen beruhen soll.

Trotzdem bleibt es enorm still in Deutschland, das sich gerade selbst auf einen neuen Militärkeynesianismus vorbereitet, bei sozialen Ausgaben kürzt, aber auch bei der kritischen Forschung an den Hochschulen. Auch hierzulande nehmen etwa über den autoritären Anti-Antisemitismus die Angriffe insbesondere auf internationale Kolleg*innen zu, die Angst wächst, »etwas Falsches« zu schreiben oder zu sagen und damit dann einen Antrag nicht durchzubekommen oder eine Folgeanstellung im Befristungsunwesen nicht zu erhalten. Aber – und das ist wichtig: Diese Angst breitet sich aus; sie war indes unter all jenen, die ohnehin schon immer als Minderheiten in der Wissenschaft gelabelt wurden, nie verschwunden. 

Anne Engelhardt

ist Post-Doc in der AG Internationale Beziehungen und politische Ökonomie an der Soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld.

Anmerkungen:

1) Daran beteiligte sich auch nach Ardays Tod immer noch die deutsche Medienlandschaft, allen voran die FAZ und die Zeit, die auch auf Kosten von Opfern rassistischer und ableistischer Kampagnen noch Klicks und Profit machen. Die Berliner Zeitung veröffentlichte noch zwei Wochen nach Ardays Tod ein Interview mit dem Faschisten Nathan Cofnas, der sich u.a. auch für »Euthanasie und Rassenhygiene« einsetzt.

2) Was genau daran »einfach« sein soll, in armen Verhältnissen aufzuwachsen, ist nicht klar. Aber vielleicht ist damit auch gemeint, im Sinne von Marx, dass arme Menschen nicht so viele Warenformen besitzen, die derart komplexe Gewaltverhältnisse verkörpern wie SUVs oder Geldkapital.

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