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Ein anderes Ende der Welt ist möglich

Sophia Boddenberg beschreibt in ihrem Buch »Revolte in Chile«, wie aus dem Labor des Neoliberalismus das Labor seines Umsturzes werden könnte

Von Alix Arnold

Wer sich im deutschsprachigen Raum für den Aufstand in Chile interessiert, der im Oktober 2019 begann und nach einer pandemiebedingten Pause gerade wieder mit Wucht auf die Straße zurückkehrt, wird sicher schon Artikel von Sophia Boddenberg gelesen haben. Sie berichtet als freie Journalistin aus der Hauptstadt Santiago de Chile und hat gegenüber den übrigen Korrespondent*innen der großen Medien den Vorteil, vor Ort und selbst beteiligt zu sein. Sophia lebt seit 2014 in Chile; aus ihren Erfahrungen, Gesprächen, Recherchen und Reflexionen hat sie nun ein Büchlein mit vielen schönen Fotos gemacht, das umfassend und kompakt über die Revolte und ihre Hintergründe informiert. Es lädt ein, nach Chile zu schauen: »Denn vielleicht wird aus dem Labor des Neoliberalismus das Labor seines Umsturzes.«

Sophia nimmt uns als Ich-Erzählerin mit in den Aufstand, vom ersten Tag an, als die Schüler*innen wegen der Fahrpreiserhöhung über die Drehkreuze der Metro sprangen, massenhaft ohne Fahrschein fuhren und damit das Startsignal für den estallido social, den sozialen Ausbruch, gaben. Sie erzählt von den ersten spontanen Versammlungen auf der Straße, den brennenden Barrikaden und der Mischung aus Freude, Wut, aber auch Angst. Denn zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur ist das Militär wieder mit Panzern auf der Straße.

Mit der Diktatur wurde der Neoliberalismus in Chile durchgesetzt. Die verheerenden Auswirkungen auf die Bevölkerung werden zurzeit überall diskutiert: Verarmung, Verschuldung, Ungleichheit und der ständige Stress in der »Marktgesellschaft«, die massenhaften Depressionen. Sophia zeichnet auch die Ideengeschichte des Neoliberalismus nach sowie die Mittäterschaft von Theoretiker*innen wie Friedrich Hayek und Milton Friedman, die trotz Folter und Mord die Putschgeneräle verteidigten und diese bei der Umsetzung der von ihnen entwickelten »Schocktherapie« berieten. Die Chicago Boys – Chilenen, die in den USA den Neoliberalismus studiert hatten – waren in den Putsch verwickelt, mit dem 1973 der chilenische Weg zum Sozialismus gewaltsam beendet wurde.

Nach dem Ende der Diktatur führte das Parteienbündnis Concertación die neoliberale Politik fort. Dagegen gab es schon in den vergangenen Jahren, vor der Revolte, immer wieder Widerstand. »Aus dieser Akkumulation von Erfahrungen schöpft die Revolte 2019 ihre Kraft.« 2006 gingen die Schüler*innen und 2011 die Student*innen gegen das privatisierte Bildungssystem auf die Straße. 2016 entstand die Bewegung gegen die privatisierten Rentenfonds AFP. 2018 ging es im »feministischen Mai« gegen den Sexismus in der Ausbildung und am 8. März 2019 fanden in Santiago Protestmärsche statt, an denen mehr als eine Million Frauen teilnahmen.

Die Revolte hat keine Anführer*innen; das Parteiensystem ist diskreditiert.

Inzwischen ist »Chile aufgewacht«, und in der breiten Revolte geht es längst nicht mehr um einzelne Reformen, sondern um eine andere Gesellschaft. »Wir wollen nicht zur Normalität zurückkehren«, ist eine verbreitete Meinung. Die Vermummten, die als Primera Línea in der ersten Reihe gegen die Militärpolizei Carabineros vorgehen, werden nicht mehr als Gewalttäter*innen kritisiert, sondern als Held*innen gefeiert. Ohne sie wären die Massenkundgebungen mit all ihrer Kreativität und Straßenkunst nicht möglich. Denn leider darf auch ein Kapitel zur Repression nicht fehlen, das von mehr als 30 Toten, 460 Augenverletzungen durch Schüsse mit Gummigeschossen oder Tränengasgranaten und politische Gefangenen berichtet.

Das im Buch enthaltene Kapitel zum Kampf um Land und Wasser verweist auf die schädlichen Folgen des Extraktivismus und der Freihandelsverträge. Auch das Wasser ist privatisiert; immer mehr Avocado-Plantagen verschärfen die Wasserknappheit. Dagegen regt sich seit Jahren Widerstand, und die Mapuche im Süden des Landes kämpfen seit Jahrhunderten gegen Kolonialismus und Kapitalismus. In der Revolte sind sie zum Vorbild geworden. Ihre Fahnen sind allgegenwärtig.

Die Revolte hat keine Anführer*innen; das Parteiensystem ist diskreditiert. Die Menschen organisieren sich in Versammlungen an ihren Wohnorten »fernab der staatlichen Institutionen«. Hier wird Solidarität organisiert, die Kampagne für eine neue Verfassung vorangetrieben und über eine andere Gesellschaft diskutiert. Vielleicht ist dieser eher unspektakuläre Teil eine der wichtigsten Errungenschaften der Revolte.

»Der Klimawandel und die zahlreichen Revolten, die das Jahr 2019 geprägt haben, machen deutlich, dass sich die ökologischen und sozialen Probleme nicht im Kapitalismus lösen lassen. Aber im Gegensatz zur herrschenden Weltuntergangsstimmung gibt uns die chilenische Revolte Hoffnung: otro fin del mundo es posible, ein anderes Ende der Welt ist möglich, steht auf einer Mauer in Santiago.« So endet das Buch. Die Revolte geht weiter. Achtet auf Sophias Berichte.

Alix Arnold

gehört zum Redaktionskollektiv der Zeitschrift ila, Informationsstelle Lateinamerika.

Sophia Boddenberg: Revolte in Chile. Aufbruch im Musterland des Neoliberalismus. Unrast Verlag, Münster 2020. 144 Seiten, 14 EUR.