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Black Marshall of Oklahoma

Die Serie »Watchmen« erzählt vom Umgang mit der rassistischen Gewalt in der Geschichte der USA

Von Dominique Haensell

Angela Abar aka Sister Night (Regina King) prügelt unter anderem Geständnisse aus weißen Nationalisten. Foto: HBO

Etwa in der Mitte der neunteiligen HBO-Serie »Watchmen« versucht die zunehmend unter Druck geratene Protagonistin Angela Abar, ihrem Ehemann Calvin das Lesevergnügen an Chinua Achebes Roman »Things Fall Apart« zu versauen: »Am Ende erhängt sich Okonkwo.« Calvin, ganz der liebevolle Unterstützer seiner kickass Gattin aka der Polizistin Sister Night, bleibt cool: »Danke für die Warnung.«

Zu diesem Zeitpunkt weiß das Publikum noch nicht, dass auch Calvin Angela einst einen major plot point verriet. Die Frage, ob die bloße Nacherzählung einer bekannten Tragödie den Erzählgenuss schmälert – oder ob der Teufel doch im Detail liegt –, ist eine Schlüsselfrage der Serie. Das betrifft sicher auch das komplizierte Verhältnis zwischen Alan Moores und Dave Gibbons Kult-Comic »Watchmen« und dieser bombastischen TV-Verfilmung unter der Regie von Damon Lindelof (»Lost«, »The Leftovers«).

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Der epische Stoff, der hier erzählt wird, ist vor allem die Geschichte der USA des vergangenen Jahrhunderts, des sogenannten »American Century« mit all seinen Versprechungen und Allmachtsfantasien. Zwar gehört dieses Sujet bereits zur Grundausstattung des Superheldencomics – insbesondere eines Anti-Superheldencomics wie »Watchmen« –, doch ist eben seit der Veröffentlichung von Moores 1980er-Jahre-Dystopie so einiges an Dystopischem Realität geworden.

Alles anders, alles ähnlich düster

Die Serie spinnt das Paralleluniversum des Originals, das von der Angst vor der atomaren Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion angetrieben war, weiter. 30 Jahre später ist nicht mehr Nixon (wie noch im Comic), sondern Robert Redford Präsident der Vereinigten Staaten. Privater Waffenbesitz ist verboten, Vigilantentum wird streng geahndet, auch wenn die Superheldenfiguren von einst zu popkulturellen Ikonen geworden sind. In diesem zeitgenössischen Amerika ist vieles anders und vieles ähnlich, aber die Zukunft ist auch hier düster, und angesichts des rassistischen Backlashs gegenüber Redfords liberaler Politik ahnt man irgendwie, wie alles enden wird. Dabei bedient sich die Serie nicht nur an der Welt der Comicvorlage, sondern auch an realen historischen Begebenheiten.

Da ist zum Beispiel die Anfangssequenz, eine eindringliche Darstellung des noch immer relativ unbekannten Tulsa Race Massacres von 1921. Innerhalb eines Tages zerbombte damals ein weißer Mob die zu diesem Zeitpunkt wohlhabendste Schwarze Community des Landes, die sogenannte Black Wall Street, unter anderem mit Hilfe privater Flugzeuge. In der Serie hat Präsident Redford historische Aufarbeitung verordnet und materielle Aufarbeitung in Form von Reparationszahlungen an Afroamerikaner*innen auf den Weg gebracht. Als Antwort darauf formiert sich eine rassistische Terrororganisation, die Seventh Kavalry, und verübt Anschläge auf Politik und Polizeiapparat.

Nach einer besonders brutalen Mordserie an Polizist*innen, der sogenannten »White Night«, ist die Polizei von Tulsa, Oklahoma, stark dezimiert und operiert zum Schutz der Identität der Beamt*innen nun anonym und maskiert. Auch Angela Abar hat offiziell den Dienst quittiert, in Wahrheit prügelt sie als maskierte Superheldin Sister Night Geständnisse aus mutmaßlichen Kavalleristen. Inspiriert vom Tagebuch des protofaschistischen Rorschach, einem Watchman aus der Comicvorlage, rekrutiert sich die Seventh Kavalry vornehmlich aus einer White Trash Community namens Nixonville. Tatsächlich sind die Kavallerist*innen aber eng mit der politischen Klasse verflochten, und ihre Wurzeln reichen natürlich viel weiter zurück.

»Trust in the Law«

Den dramatischen Anfangsszenen über das Massaker in Tulsa vorangestellt, sehen wir Ausschnitte aus einem Schwarz-Weiß-Western namens »Trust in the Law« über eine Kinoleinwand flackern, ein kleiner Junge verfolgt gebannt die Szenen. Der Film wirkt zunächst wie ein Abklatsch von D.W. Griffiths »The Birth of a Nation« – jenem Film, der nicht nur noch immer als Meilenstein der Filmgeschichte gelehrt wird, sondern auch wie kein anderer den Ku Klux Klan glorifiziert. Allerdings versteckt sich unter der Robe des Helden kein Lynchjustiz übender Klansmann, sondern ein Gesetzeshüter, Schwarz wie der Junge im Kino, und eine kaum bekannte historische Figur: der »Black Marshall of Oklahoma«, Bass Reeves. Der Junge, der kurz darauf die brutale Zerstörung seiner Welt miterlebt, wird sich Reeves’ Vertrauen in das Land und seine Gesetze zum Vorbild nehmen. Er wird den Namen seines Helden annehmen und eine Polizistenlaufbahn einschlagen – bis er an die Grenzen dessen stößt, was er verteidigen will.

Warum verteidigen die Figuren ein Gesetz, das sie ausschließt? Worauf gründet sich diese scheinbar einseitige Liebe zum Vaterland?

Schon innerhalb der ersten Minuten öffnet die Serie durchaus widersprüchliche Themenfelder, ein gewisser hartnäckiger afroamerikanischer Patriotismus ist eines davon. Unter anderem zeigt die Serie vier Generationen einer Schwarzen Familie, vom ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart, entweder beim Militär oder im Polizeidienst, und jeder Generation wird schmerzhaft bewusst, für was diese Institutionen eben auch stehen: weiße Herrschaftsideologie, Imperialismus, rassistischer Terror. Warum also verteidigen diese Figuren ein Gesetz, das sie ausschließt? Worauf gründet sich diese scheinbar einseitige Liebe zum Vaterland?

»Watchmen« erzählt die Geschichte der amerikanischen Demokratie als Tragödie, allerdings mit einem hoffnungsvollen Twist. Das gelingt, weil die Serie die Existenz einer Schwarzen Perspektive nicht nur zugesteht, sondern sie zum Ausgangspunkt nimmt. Aus dieser Perspektive waren es eben nicht die hehren Grundsätze der Gründungsväter, sondern die Befreiungskämpfe der versklavten Bevölkerung, welche die amerikanische Verfassung mit ihren eigenen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten, aber auch Potenzialen konfrontierten.

Sklaverei und rassistische Gewalt stellen demnach nicht nur die Erbsünde der USA und ihrer aufklärerischen Werte dar, sondern werden zum Lackmustest der versprochenen Freiheit. Der Theoretiker Paul Gilroy bezeichnet diesen Aspekt Schwarzer Gegenkultur, der auf die Einlösung der Freiheitsversprechen pocht, als »politics of fulfillment« und liefert die Kritik daran gleich mit: Viel wichtiger sei ihre »politics of transformation«, welche sich in der unaussprechlichen Sehnsucht nach einer gänzlich anderen Ordnung ausdrückt.

Die Polizei in »Watchmen« operiert maskiert – zum Schutz vor weißen Nationalisten. Foto: HBO

In diesem Sinne bleibt die Serie auch innerhalb des von ihr gesteckten liberalen Rahmens – und bietet dabei ungemein gute Unterhaltung. Transformatives Potenzial birgt das kaum. Ein kurzes Aufflackern von Bandung-Solidarität (1) in einer Rede der milliardenschweren Tech-Unternehmerin Lady Trieu scheitert an der individuellen Hybris der Megalomanin.

Diese Psychologisierung politischer Machtausübung, die stellenweise fast aufdringlich religiöse Motive bemüht, ist vielleicht der unangenehmste Aspekt der Serie. Insgesamt überwiegt jedoch eindeutig der erzählerische und visuelle Sehgenuss, nicht zuletzt dank der großartigen Besetzung, allen voran Regina King als Angela Abar. Mit seiner poppigen Pulp-Ästhetik wirkt »Watchmen«, trotz der wiederkehrenden Darstellung von rassistischer Gewalt, verfremdet genug, um dem Verharren in moralischer Selbstgeißelung ebenso zuvorzukommen wie der distanzlosen Aneignung fremder Traumata.

Wie umgehen mit den Traumata der Vergangenheit?

In einer Serienfolge schluckt Abar eine Überdosis der Nostalgia-Pillen ihres Großvaters – ein Mittel, mit dessen Hilfe sich alte Erinnerungen wiedererfahren lassen. »Es ist gefährlich, anderer Leute Nostalgia zu nehmen«, wird sie gewarnt, aber eigentlich müsste die Droge Melancholia heißen. Ein nostalgisches Schwelgen in ihrer Familiengeschichte ist für Abar unmöglich. Vielmehr leidet sie darunter, dass sich die Traumata der Vergangenheit so sehr mit den ihren decken. Das macht die Heilung der Wunde durch Erinnern schwierig.

Aus historisch privilegierter Perspektive lassen sich die thematischen Schwerpunkte der Serie leicht als kulturindustrielle Symbolpolitik abtun, ebenso wie Reparationszahlungen auch mal als Werkzeug kapitalistischer Vereinnahmung kritisiert werden. Natürlich gibt es auch dezidiert Schwarze Kritik an dieser Art der Politik. Dennoch sehen diese Debatten anders aus, betrachtet man sie aus der Perspektive von Filmschaffenden of Colour, die schwer an Jobs kommen, oder von Menschen, denen kein über Generationen angehäuftes Familienerbe winkt.

Zudem ist die Serie bezüglich ihrer ideologischen Aussagen recht offen: Was mit der Zerstörung der Black Wall Street beginnt, endet mit dem ultimativen amerikanischen Traum: ein Haus mit Pool, black-owned. Dazwischen tragen sowohl die staatlichen Reparationen, eine testamentarische Umverteilung und eine meritokratische Erfolgsgeschichte dazu bei, dass die einzig verarmten Figuren der Serie verbitterte weiße Rednecks sind. Eindeutig Fantasy eben.

Dem genretypischen No-Future-Nihilismus à la »Joker« erteilt »Watchmen« eine klare Absage.

Schlussendlich fußen auch symbolische Debatten in realen Zuständen, und wenn »Watchmen« die Frage nach Reparationen massenwirksam durchspielt, ist das keine kleine Leistung. Wie jede Form von Popkultur ist »Watchmen« politischer Ausdruck und kommerzielles Produkt zugleich. Interessanterweise ist die Serie auch eine deutliche Absage an den genretypischen No-Future-Nihilismus à la »Joker«. Am Ende setzt sie auf Hoffnung, und zwar aus einer Perspektive, welche den Lauf der Geschichte zu gut kennt, um sich vom Wissen um eine potenziell tragische Zukunft lähmen zu lassen. Genau wie die Nostalgie für vergangene Zeiten muss man sich solch eine politische Todessehnsucht erstmal leisten können.

Ähnlich verhält es sich beim neuerdings inflationären Gebrauch dieser Zeilen aus William Yeats’ Gedicht, »The Second Coming«: »Things fall apart; the centre cannot hold.« (»Alles fällt auseinander; es gibt kein Zentrum mehr.«) Gerne werden sie von politischen Unkenrufer*innen angesichts einer immer ungemütlicher werdenden Welt zitiert. Nur stand Achebe, als er 1958 seinen Roman benannte, bereits vor den Trümmern seiner Welt. Warnungen gab es also genug.

Dominique Haensell

Dominique Haensell ist Literaturwissenschaftlerin und Journalistin und schreibt gerade ihren ersten Roman.

Anmerkung:
1) Auf der Bandung Konferenz (in Bandung, Indonesien) im April 1955 verabredeten 29 afrikanische und asiatische Staaten, die zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung umfassten, wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit. Ziele waren die gegenseitige Stärkung der Staaten, von denen viele erst kurz zuvor ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, aber auch die Unterstützung von Befreiungsbewegungen in jenen Ländern, die nach wie vor unter kolonialer Herrschaft standen. Die Bandung Konferenz gilt als Startschuss der Bewegung der blockfreien Staaten.