analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

|ak 678 | Kultur

Theorie ohne Ausweg

Frank B. Wildersons III Buch »Afropessimismus« ist ein kontroverser Beitrag zur gegenwärtigen antirassistischen Theorie

Von Johannes Tesfai

Wurde die Sklaverei wirklich abgeschafft? Der Autor ist sich nicht sicher. Mahnmal in Rotterdam. Foto: Rob Oo/Flickr, CC BY-SA 2.0

Theorien, vor allem linke, haben ihre Konjunkturen. Wann etwas zum Thema wird, hat natürlich mit Aufmerksamkeit und Bewegung zu tun. Wenn die Menschen wegen etwas auf die Straße gehen, werden früher oder später dicke Bücher zu diesem Problem geschrieben. Die Klimakrise produziert gerade ihre eigenen Intellektuellen.

Zwar ist Rassismus in der deutschen Gesellschaft nichts Neues, aber seine theoretische Bearbeitung fand lange, wenn überhaupt, in den Studierstuben deutscher Akademiker*innen statt. Mit »Afropessimismus« von Frank B. Wilderson III ist nun ein Buch übersetzt worden, das mit einer eigentümlichen Brille auf Rassismus schaut: Demnach muss der ungleiche Blick auf Menschen aufgrund der Hautfarbe als eigene Gesellschaftstheorie verstanden werden. Das nun dieser spezielle Titel auf dem deutschen Buchmarkt gelandet ist, zeigt vor allem, dass sich die deutsche Debatte ausdifferenziert. Denn viele Aspekte von Rassismus sind im deutschen Mainstream angekommen: Racial Profiling gilt nicht mehr als liberaler Mythos, Morde durch Neonazis endeten nicht mit den sogenannten Baseballschlägerjahren, struktureller Rassismus ist allgegenwärtig. Gleichzeitig hat sich auch die Black Community pluralisiert. Es gibt linke und liberale Positionen. Zudem finden sich separatistische Konzepte, um Organisationen zu schaffen, aber auch Ideen, mit möglichst vielen Akteur*innen Bündnisse zu schließen. Die Regalmeter mit Büchern über Schwarzen Feminismus oder antirassistischen Ratgebern werden immer länger, auch Afro-Belletristik füllt sie auf.

Kein Wunder also, dass das Buch von Wilderson nun noch dazu kommt. Ist es doch ein Titel, der die antirassistische Literatur hierzulande um einen Blickwinkel erweitert. Der Autor forscht und lehrt an der University of California, Irvine und seine Perspektive ist zweifellos nur von der anderen Seite des Atlantiks vollständig zu verstehen.

Keine Menschen

Denn sein Pessimismus bezüglich der Frage, ob Schwarze jemals vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden können, ist vor allem Teil einer amerikanischen Erfahrung. Anti-Schwarzer Rassismus wird zur Meta-Theorie, man könnte auch sagen, zur großen gesellschaftlichen Klammer für alle Nicht-Schwarzen, weil die Geschichte der Sklaverei weiterhin die Gesellschaft strukturiert. Der Autor, Filmemacher und Dramatiker konstruiert einen neuen Hauptwiderspruch, hinter dem alle Strukturen und Diskriminierungen zurücktreten. Verständlich wird diese Perspektive, wenn man sich die mühselige Emanzipation der ehemaligen Sklav*innen historisch anschaut. Folgte auf die Befreiung von den Plantagen doch eine lange Phase tolerierter Gewalt. In der Zeit der Lynchmorde, die bis in die 1960er Jahre anhielt, ermordeten weiße Mobs unter fadenscheinigen Gründen in aller Öffentlichkeit Schwarze, nachdem sie sie an zentralen Orten ihrer Städte gefoltert hatten. Es gibt ganze Studien über diese brutale Praxis, denn die Morde wurden fotografisch dokumentiert und aus diesen Bildern produzierte man Postkarten, die sich weiße Familien als Andenken nach Hause schickten.

Mithilfe der Psychoanalyse zeichnet Wilderson einen anti-Schwarzen Rassismus, der unausweichlich ist. Demnach ist die Figur des*der Schwarzen eine Imago, ein unveränderliches, unterbewusstes Bild. Auf dieses greift das weiße Bewusstsein zu und zeichnet unbewusst die Vorstellung einer Person, die als nicht-menschlich gilt. Sie wird vom Bewusstsein aller nicht-Schwarzen benötigt, um eine normale psychische Struktur aufrecht zu erhalten. Grundlage ist Frantz Fanons berühmte psychologische Studie »Schwarze Haut, weiße Masken«. Der Theoretiker des Antikolonialismus versucht darin, weiße und Schwarze Bewusstseinsdynamiken zu verstehen, um Rassismus zu erklären. Für ihn lässt sich das Dilemma aber nur mit einer anderen Gesellschaft lösen. Für Wilderson ist das Zerrbild der Schwarzen jedoch eine psychologische Notwendigkeit. Er verbleibt im Afropessimismus als radikaler Zeitdiagnose, die erst mal zu akzeptieren ist. Es gibt für ihn keinen therapeutischen oder politischen Weg aus dem tödlichen Rassismus.

Auch auf der sprachlichen Ebene ist es ein ungewöhnlicher Text, den Wilderson liefert. Denn er verweigert sich einer Einordnung, mal ist er theoretische Abhandlung, mal liest er sich so leicht wie ein fiktionaler Text. Einige Abschnitte sind sogar wie ein Logbuch geschrieben. Das ganze Buch ist nach biografischen Stationen des Autors geordnet. Er schreibt seine Autobiografie durch die Brille des Afropessimismus.

Neuer Hauptwiderspruch

Wildersons Konstruktion eines neuen Hauptwiderspruchs kennt aber kaum andere Formen der Gewalt oder Unterdrückung. So sind Betroffene von Antisemitismus oder Sexismus immer noch mögliche Staatsbürger*innen, Schwarze hingegen nicht. Die planvolle Entrechtung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden unter den Nationalsozialisten benennt er als fundamentale Form der Entmenschlichung nicht. Den Mord als Staatsprogramm muss er so nicht in seine Theorie aufnehmen. Die Tragik der Sklavenhalter*innengesellschaft war eben nicht der geplante Mord, sondern die Sklav*innen wurden unvorstellbarem Leid ausgesetzt, aber das Schlimmste, was der Plantagenökonomie passieren konnte, war zugleich, dass kein*e Sklav*in mehr am Leben ist.

Stark ist das Buch dort, wo der Verfasser es schafft, die kleinen Andeutungen des Alltags und scharfen Beleidigungen in eine größere rassistische Dynamik einzuordnen. Nach dem Ende der Kämpfe der 1960er Jahre finden wir uns in einer ausweglosen Zeit wieder, in der Wilderson versucht, mit seiner damaligen Freundin Stella politisch Halt zu finden. Sie treffen in ihrem Umfeld jedoch nur auf rassistische Weiße und seine bürgerlichen Eltern.

Es gibt für ihn keinen therapeutischen oder politischen Weg aus dem tödlichen Rassismus.

Wilderson erlebt unterschiedliche Stationen antirassistischer Arbeit in seinem Leben. Der Philosoph war Anfang der 1990er Jahre einer von zwei US-Amerikanern, die sich im African National Congress (ANC) engagierten, einer damals noch illegalen und bewaffneten Organisation. Gleichzeitig arbeitete er als Kellner in einem italienischen Restaurant in Johannesburg. Über diese Zeit schreibt er auch und seziert die unterschiedlichen Formen des Umgangs Schwarzer mit einer zutiefst rassistischen Gesellschaft. Er lernt Schwarze kennen, die in einer paramilitärischen Gruppe gegen den ANC organisiert sind und so das rassistische Regime stabilisieren.

Trotz dieser Erfahrungen will er seine Theorie als Ausdruck einer Ernüchterung verstanden wissen. In einem Interview mit seinem deutschen Verlag sagte Wilderson: »Er (der Afropessimismus) wird Euch jedoch helfen, die Grenzen Eurer Forderungen und die Struktur Schwarzen Leidens zu verstehen.« Was wie eine Warnung gegen übermäßige reformistische Hoffnungen klingen kann, verbleibt beim Autor auf einer Ebene der Kontemplation.

Ein gewisser Pessimismus ist in radikalen Schwarzen Theorien nicht unüblich. Die Akademikerin und Aktivistin Keenga-Yamahtta Taylor hat in ihrem klugen Buch »Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation« argumentiert, dass spätestens mit dem Amtsantritt von Barack Obama eins offensichtlich wurde: Selbst eine Schwarze Elite wird einer rassifizierten Arbeiter*innenklasse keinen Weg aus dem Verhängnis von Überausbeutung und tödlicher Gewalt weisen. Sie ist damit auch eine Art Pessimistin. Taylor dreht ihr Misstrauen gegenüber institutionellen Lösungen jedoch um, ihre Hoffnung liegt in den radikalen Bewegungen auf der Straße.  

Johannes Tesfai

ist ak-Redakteur.

Frank B. Wilderson III: Afropessimismus. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2021. 415 Seiten, 28 EUR.