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|ak 667 | Geschichte

Mit Pickelhaube ins Reich

Repressiv nach innen, aggressiv nach außen. Vor 150 Jahren entstand der deutsche Nationalstaat

Von Jens Renner

Konservatismus und Nationalsozialismus reichen sich die Hand Foto: Bundesarchiv/wikimedia, CC BY-SA 3.0 de

Am Anfang war der Krieg. Genauer gesagt, waren es drei, die unter dem Namen Reichseinigungskriege in die Geschichte eingingen: 1864 Preußen und Österreich gegen Dänemark; 1866 Preußen gegen Österreich; 1870/71 schließlich Preußen und die süddeutschen Staaten gegen Frankreich. Dass diese Kriege notwendig und wünschenswert seien, hatte Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck schon 1862 vor dem Preußischen Landtag erklärt: »Preußens Grenzen nach den Wiener Verträgen sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig; nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden − das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen − , sondern durch Eisen und Blut.«

Das Ereignis, aus dem unmittelbar der deutsche Nationalstaat hervorging, war der Krieg von 1870/71. Er wurde zwar von Frankreich erklärt, war aber von Preußen durch eine gezielte Einkreisungspolitik provoziert worden. Nach dem Sturz des bourbonischen Königtums in Spanien förderte Bismarck die Kandidatur des Erbprinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen für die Nachfolge der nach Frankreich geflüchteten spanischen Königin Isabella II. Mit der von ihm persönlich manipulierten »Emser Depesche« erweckte Bismarck den Anschein, Frankreich wolle durch ein Veto gegen Leopolds Thronkandidatur Preußen und seine Verbündeten demütigen. Den Aufschrei der nationalen Empörung rechts des Rheins beantwortete Frankreich am 19. Juli 1870 mit der Kriegserklärung.

Patrioten auf Eroberungskurs

Dass es sich für die deutsche Seite um einen Verteidigungskrieg handele, fanden auch Marx und Engels (1). Die mit militärischer Gewalt geschaffene deutsche Einheit betrachteten sie als historischen Fortschritt gegenüber der Kleinstaaterei. In seiner unmittelbar nach Kriegsbeginn geschriebenen Ersten Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Deutsch-Französischen Krieg warnte Marx zugleich vor einer Eskalation: »Erlaubt die deutsche Arbeiterklasse dem gegenwärtigen Krieg, seinen streng defensiven Charakter aufzugeben und in einen Krieg gegen das französische Volk auszuarten, so wird Sieg oder Niederlage gleich unheilvoll. Alles Unglück, das auf Deutschland fiel nach den sogenannten Befreiungskriegen, wird wieder aufleben mit verstärkter Heftigkeit.«

Nach der Kapitulation der französischen Armee bei Sédan am 2. September 1870 und dem Vormarsch der deutschen Truppen auf Paris schrieb Marx in der Zweiten Adresse des Generalrats, nunmehr habe sich »die preußische Militärkamerilla zur Eroberung« entschlossen. In der Annexion Elsass-Lothringens erkannte er den Kern neuer Kriege: »Die Geschichte wird ihre Vergeltung bemessen nicht nach der Ausdehnung der von Frankreich abgerissenen Quadratmeilen, sondern nach der Größe des Verbrechens, dass man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Politik der Eroberungen aufs neue ins Leben gerufen hat.« Scharf und stellenweise sarkastisch kritisierte er die »hirnkranken Patrioten der Mittelklasse« in Deutschland. Dass die deutschen Eroberungen zu einem französisch-russischen Militärbündnis und zu einem großen europäischen Krieg führen könnten, hielt Marx ebenfalls für möglich. Dann werde Deutschland sich rüsten »zu einem Racenkrieg gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen.«

Auch August Bebel beschwor 1871 in einer Reichstagsrede in ebenso düsteren wie prophetischen Worten die verhängnisvollen Folgen der Reichsgründung: »Das durch Blut und Eisen mühsam zusammengeschweißte Reich ist kein Boden für die bürgerliche Freiheit, geschweige für die soziale Gleichheit! Staaten werden mit den Mitteln erhalten, durch die sie gegründet wurden. Der Säbel stand als Geburtshelfer dem Reich zur Seite, der Säbel wird es ins Grab begleiten!«

Dass bei seiner Gründung nationale Einheit an die Stelle bürgerlicher Freiheit gesetzt wurde, prägte den Charakter des neu entstandenen »Reichs«. Seine Proklamation am 18. Januar 1871, mit der Krönung Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles als spektakulärem Höhepunkt, war eine gezielte Demütigung des unterlegenen »Erbfeindes«. Wenig später ermöglichte das neue Deutschland als Komplize der französischen Konterrevolution die Niederwerfung der Pariser Kommune und die Abschlachtung von 30.000 Menschen.

So agierte das deutsche Kaiserreich seit seinem Bestehen aggressiv nach außen. Seine Kolonialpolitik führte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Völkermorden an den Herero und Nama. Um Weltmacht zu werden, forderte es das Britische Empire mit einer gigantischen Aufrüstungspolitik heraus. Ungeachtet der eigenen Unterdrückung – etwa durch Bismarcks »Sozialistengesetze« – zeigten sich auch viele Proletarier*innen, die 1871 zu Deutschen wurden, anfällig für nationalistische Propaganda; im August 1914 verurteilte nur eine kleine Minderheit die Burgfriedenspolitik der SPD. Zwar verflog die allgemeine Kriegsbegeisterung schnell, aber der durch ungeheure Opfer erkaufte antimilitaristische Erkenntnisgewinn war nicht von langer Dauer: Bald lief die Mehrheit der Arbeiter*innen wieder der Partei hinterher, die sich wie schon 1914 auch 1919 als verlässliche Reservetruppe deutscher Machtinteressen erwies: der Sozialdemokratie.

»Versailles revidieren!«

Auf den imperialistischen Krieg konnte kein »gerechter« Frieden folgen. Hätte Deutschland gesiegt, wären die Folgen für die Unterlegenen wahrscheinlich sehr viel härter gewesen als die von Versailles. Dafür sprechen die Bedingungen, die Deutschland Anfang 1918 im Separatfrieden von Brest-Litowsk dem revolutionären Russland aufzwang. Verglichen damit, gingen die Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und Italien mit dem Deutschen Reich glimpflich um. Vor die Alternative gestellt, Deutschland völlig auszuplündern und zu entwaffnen oder aber mit vollen (auch militärischen) Rechten in die »Völkergemeinschaft« zu re-integrieren, entschieden sie sich für einen Mittelweg. Der Vorschlag des alliierten Oberbefehlshabers, des französischen Marschalls Ferdinand Foch, Deutschland in einen Nord- und einen Südstaat aufzuteilen, wurde nicht ernsthaft verfolgt; auch eine vollständige Demilitarisierung blieb aus.

Ansätze dafür gab es. Die deutsche Revolution von 1918/19 war zu allererst eine Revolution gegen den Militarismus. Eine verratene Revolution: Um »Ordnung« zu schaffen verbündeten sich die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Gustav Noske mit den reaktionären Offizieren, die später die Kader der NSDAP und der Vernichtungskriege der Wehrmacht wurden. Dass sie von Anfang an auf Revanche aus waren, hätte den entschiedenen Widerstand der zunächst zutiefst kriegsmüden Bevölkerung erfordert. Dieser wurde nicht nur mit Gewalt gebrochen, sondern auch ideologisch. Wieder war es die Sozialdemokratie, die den Revanchismus der extremen Rechten durch nationale Töne legitimierte. Ministerpräsident Philipp Scheidemann (SPD) unterdrückte 1919 nicht nur eine Dokumentation, welche die deutsche Kriegstreiberei 1914 belegte. Er heizte auch die nationale Empörung an, indem er den Versailler Vertrag für unannehmbar erklärte: »Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fessel legt?«

So wurde nicht nur von rechts das allgemeine Gefühl nationaler Demütigung geschürt. Große Teile der Bevölkerung waren sich darin einig, dass Versailles »revidiert« werden müsse. Damit war eine wesentliche Bedingung für den Aufstieg der am offensten revanchistischen Partei, der NSDAP, gegeben. Zwar beschloss die Potsdamer Konferenz 1945, den Nazismus auszurotten. Vertan wurde dagegen die Chance, auch dem deutschen Nationalismus Grenzen zu setzen – etwa durch die Zerschlagung des deutschen Nationalstaates.

Die Morgenthau-Legende

Die Ansätze, die es dazu gab, sind heute weitgehend diskreditiert. Zu Unrecht. Schon auf der Konferenz von Teheran Ende 1943 hatten Roosevelt, Churchill und Stalin sich grundsätzlich über eine Aufteilung Deutschlands verständigt, und noch im Abkommen von Jalta im Februar 1945 war eindeutig festgehalten worden, die Alliierten würden nach der deutschen Kapitulation in Ausübung ihrer Macht »solche Maßnahmen treffen, einschließlich der völligen Entwaffnung, Entmilitarisierung und Aufteilung, wie sie sie für den zukünftigen Frieden und die Sicherheit für notwendig halten.« Besonders weitreichende Pläne, nicht nur zur Entmilitarisierung und De-Industrialisierung, sondern auch zur Aufteilung stammten von Henry Morgenthau junior, einem Berater von US-Präsident Roosevelt. Morgenthau schlug vor, »das Ruhrgebiet samt des angrenzenden Rheinlandes sowie den Nord-Ostsee-Kanal und die nördlich davon gelegenen deutschen Territorien als internationale Zone dem Mandat der künftigen UNO zu unterstellen. Ostpreußen und Oberschlesien sollten an die UdSSR bzw. Polen fallen, das Saargebiet und die Rheinpfalz an Frankreich abgetreten und die restlichen Territorien in zwei unabhängige deutsche Staaten aufgeteilt werden: einen Südstaat, bestehend aus Bayern, Württemberg und Baden, und einen Nordstaat, dem Preußen, Sachsen und Thüringen angehörten.«

So fasst der Historiker Bernd Greiner (2) Morgenthaus Vorschläge zusammen. Deren für Roosevelt bestimmte Kurzfassung trug den Titel »Programm, um Deutschland davon abzuhalten, einen Dritten Weltkrieg zu beginnen«. Auf dem US-amerikanisch-britischen Gipfeltreffen in Quebec im September 1944 schien es, als hätte Morgenthau sich durchgesetzt. Das dort verabschiedete Abkommen enthielt den von ihm selbst formulierten Satz: »Dieses Programm zur Abschaffung der auf Krieg ausgerichteten Industrien an Ruhr und Saar wird Deutschland zu einem Land mit vorwiegend landwirtschaftlichem Charakter machen.« Durch eine gezielte Indiskretion wurde der Plan am 21. September 1944 öffentlich gemacht. Das britische Kabinett lehnte die Agrarisierungsformel des Quebec-Abkommens ab, auch Roosevelt distanzierte sich. Noch im selben Monat wurde der »Morgenthau-Plan« fallen gelassen.

Seitdem ist er Gegenstand von Geschichtsfälschungen und antisemitischer Hetze. Ihr Urheber war Josef Goebbels: »Der amerikanische Jude Morgenthau« wolle, getrieben von »Hass und Rache von wahrlich alttestamentarischem Charakter«, Deutschland in einen »riesigen Kartoffelacker« verwandeln, hatte er in einer öffentlichen Rede Anfang 1944 behauptet. Die »Morgenthau-Legende« (Greiner) war geboren. Sie hält sich bis heute. In der DDR galten Morgenthaus Vorschläge als »imperialistische Machtpolitik in Reinkultur«, die auf die »Vernichtung Deutschlands als Nation« abgezielt hätten.

1989/90 war der fälschlich »Wiedervereinigung« genannte Beitritt der DDR zur BRD nicht zu verhindern. Die westlichen Großmächte hatten – ungeachtet sehr vereinzelter »antideutscher« Rhetorik, etwa von Margaret Thatcher – daran kein Interesse. Die im Niedergang befindliche Sowjetunion war zu schwach, die westdeutsche politische Klasse erkannte die Gunst der Stunde, und die Bevölkerungsmehrheit der DDR wie auch der BRD verfiel in nationale Euphorie. Was die Linken dem entgegen zu setzen hatte, waren reine Rückzugsgefechte.

Jens Renner

war bis Mai 2020 ak-Redakteur.

Anmerkungen:
1) Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich. London 1871.
2) Bernd Greiner: Die Morgenthau-Legende. Zur Geschichte eines umstrittenen Plans. Hamburg 1995.