Subbotnik und Wunschmaschine
Wie eine Kampagne drei Monate vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern mit niedrigschwelligen Aktionen versucht, die Zivilgesellschaft zu stärken
Von Arthur Grand
Die Kleinstadt Parchim, in der rund 20.000 Menschen leben, erreicht man von Schwerin aus mit einem Zug, der aus nur einem Waggon besteht. Im westlichen Teil der Stadt findet am 23. Mai die Aktion »Klarschiff« statt, bei der Menschen den öffentlichen Raum gemeinsam von Unrat befreien. Solche »Subbotniks« werden im Rahmen der Kampagne Zusammen bewegen derzeit regelmäßig in verschiedenen Städten organisiert. Das Viertel, in dem die Aktion stattfindet, besteht aus monotonen Plattenbauten. Rund 30 bis 40 Anwohner*innen haben sich mit allem ausgestattet, was man zum Müllsammeln braucht. Und mit Aufklebern von Zusammen bewegen.
Mehr als drei Monate sind vergangen, seit in Mecklenburg-Vorpommern die Kampagne gestartet ist. (ak 723) Sie vereint politische Akteur*innen des nordöstlichen Bundeslandes auf einer – sehr breiten – Grundlage von Demokratie und gegenseitigem Respekt. Etwa drei Monate bleiben wiederum bis zur Landtagswahl, die die politische Lage in der Region grundlegend verändern könnte. Die AfD liegt in Umfragen deutlich auf dem ersten Platz. Zusammen bewegen versucht, eine aktive Zivilgesellschaft zu stärken und, unabhängig vom Wahlausgang, Menschen in Mecklenburg-Vorpommern miteinander zu verbinden. Wie hat sich das Projekt entwickelt?
Aufräumen in Parchim
Giese, Krankenschwester in der psychoonkologischen Pflege und aktiv in der Parchimer Gruppe der Kampagne, erzählt, dass trotz der Tatsache, dass etwa 50 Prozent der Stadt AfD wählen, viele Menschen dort andere politische Ansichten vertreten. »Zu unseren Aktionen kommen ganz unterschiedliche Leute, auch junge Menschen. Natürlich wirkt die Vorstellung vom gemeinsamen Müllsammeln nicht besonders attraktiv – aber wenn man Kaffee und Kuchen anbietet, entsteht schnell Begeisterung«, sagt sie lächelnd. Giese ist überzeugt, dass Menschen, die in derselben Nachbarschaft leben, sich auch treffen und gemeinsam etwas unternehmen sollten. In der Stadt gebe es verschiedene migrantische Communitys, erzählt sie, und einige Sprachcafés, aber kaum Orte, an denen sich Menschen mit progressiven Einstellungen treffen könnten. »Deshalb ist es wichtig, dass es unsere Initiative gibt, wir treffen uns regelmäßig. Uns ist wichtig, wofür wir stehen – nicht wogegen«, erklärt Giese.
Unter den Teilnehmenden der Aktion fallen mir auch Ukrainer*innen auf. »Uns hat die Organisation Malteser angerufen und gefragt, ob wir mitmachen wollen«, erzählt ein Mann. »Natürlich haben wir zugesagt – unsere Kinder spielen hier, also soll es auch sauber sein.« Von Zusammen bewegen hatte er zuvor noch nichts gehört, ebenso wenig wie eine Gruppe von drei jungen Ukrainer*innen, die vor einem halben Jahr nach Deutschland gekommen sind. »Wir sind aus Dankbarkeit gekommen. Deutschland hat uns aufgenommen, wir bedanken uns«, sagt ein junger Schweißer aus Kiew.
Demonstrieren in Güstrow
In Güstrow leben nur wenig mehr Menschen als in Parchim. Dort treffe ich die Designerin und Fotografin Sabina, die im Rahmen der Kampagne die Aktion »Wir zeigen Gesicht. Für ein weltoffenes MV« durchführt. Sie macht Porträts von Menschen, veröffentlicht sie auf der Website und in den sozialen Medien von Zusammen bewegen und möchte sie außerdem als eine Art »Wahlplakate« drucken und im öffentlichen Raum als Poster aufhängen. »Eigentlich beginnt jede Fotosession mit einem Gespräch«, erzählt sie. »Daraus entstehen oft sehr offene und persönliche Gespräche über Demokratie, Zusammenhalt und das Leben vor Ort.«
Unter den porträtierten Personen sind unter anderen Menschen mit kurdischen, syrischen und irakischen Wurzeln. »Ihre Porträts machen sichtbar, dass Migration längst Teil der gesellschaftlichen Realität unseres Bundeslandes ist und dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien zu einem weltoffenen Mecklenburg-Vorpommern beitragen.«

Güstrow ist dafür bekannt, dass dort viele Menschen leben, die der AfD nahestehen. Besonders unter den Jüngeren sind radikale Einstellungen verbreitet. An den Wänden des Uwe-Johnson-Gymnasiums befand sich lange Zeit ein Graffiti, das Antifaschist*innen als »Verräter« bezeichnete. Umso bemerkenswerter ist es, dass hier Ende März eine Demonstration junger Menschen stattfand, organisiert von den Bündnissen Güstrow für Alle und Demokratie Leben in Güstrow. Rund 250 Menschen nahmen daran teil. »Es gab viele gute Redebeiträge, Musik und eine tolle Atmosphäre. Es war großartig«, erzählt Karen, Gründerin von Güstrow für Alle.
Im Rahmen von Zusammen bewegen finden in Güstrow außerdem die sogenannten Donnerstag-Debatten statt, in denen über unterschiedliche Themen diskutiert wird, etwa Ordnung und Sicherheit, Wehrpflicht, Umweltschutz und weitere gesellschaftliche Fragen. »Bei Zusammen bewegen bekommt man leicht Unterstützung, wenn man selbst eine Aktion organisieren möchte«, sagt Karen. »Auch vorher waren wir in Güstrow aktiv, aber die Kampagne bringt neue Menschen dazu, und unsere Arbeit wird dadurch deutlich sichtbarer.«
Visualisieren in Greifswald
Greifswald ist, anders als Güstrow oder Parchim, eine lebendige Universitäts- und Küstenstadt mit einer aktiven Antifa-Szene und der höchsten Zahl an alternativen Hausprojekten in Mecklenburg-Vorpommern. Ich mache mich dort im Mai auf den Weg in ein etwas abgelegenes Stadtviertel zu einem Nachbarschaftstag, bei dem Zusammen bewegen das Projekt »Die Wunsch-Visualisierungs-Maschine« präsentiert.
Plattenbauten, Makarenko-Straße, Dostojewski-Straße, Prokofjew-Straße – ich bekomme leichte sowjetische Flashbacks. Das Viertel wirkt eher trist, aber mir gefällt, dass die Kampagne gerade dort auftaucht, wo soziale Probleme besonders deutlich spürbar sind.
Zusammen bewegen erreicht in erster Linie Menschen, die nicht zu Demonstrationen gehen und ihre politische Haltung möglicherweise auch gar nicht klar formulieren.
Neben dem muslimischen Kulturzentrum stehen Stände und ein Synthesizer. Unter den Teilnehmenden sind erneut auffallend viele Ukrainer*innen – sie verkaufen Wareniki und präsentieren musikalische Beiträge. Während ein junges Mädchen ein Lied über die Wyschywanka singt, denke ich darüber nach, dass ich in den aktivistischen Kreisen in Mecklenburg-Vorpommern bislang kaum Geflüchtete aus der Ukraine getroffen habe. Viele halten Abstand zu politischen Diskursen und bewegen sich eher in diasporischen Gemeinschaften. Bei Aktionen von Zusammen bewegen begegne ich ihnen dagegen regelmäßig. Vielleicht fällt es ukrainischen Geflüchteten leichter, sich mit Formen von Engagement zu identifizieren, die nicht auf »harte Politik« setzen – davon haben sie in ihrer Heimat schon genug.
Die Wunsch-Visualisierungs-Maschine ist eine hölzerne Konstruktion, in die sich eine Person hineinsetzt. Man formuliert einen Wunsch, durchläuft die charmant deutsche Anmeldungstradition, übergibt seine Botschaft und erhält anschließend ein Bild auf Papier. Wenn ein Wunsch, sagen wir, etwas unklar oder kontrovers ist, wird angeboten, darüber zu sprechen. Ich werfe einen Blick auf den Zettel eines Jugendlichen – er wünscht sich ein Segelboot mit Kultur.
Jule, Teilnehmerin der Greifswalder Arbeitsgruppe von Zusammen bewegen, erzählt mir, dass die Maschine in einem kleinen Kunstatelier in einem nahegelegenen Dorf gebaut wurde. Eine weitere Idee der Gruppe ist es, einen Eis-Bus zu mieten, damit durch ländliche Regionen zu fahren und so mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Jule ist optimistisch: »In letzter Zeit habe ich so viele Menschen kennengelernt wie sonst in mehreren Jahren nicht. Es ist unglaublich wichtig, dass wir uns treffen und über gemeinsame Probleme sprechen können.«
Skepsis von links
Zusammen bewegen erreicht in erster Linie Menschen, die nicht zu Demonstrationen gehen und ihre politische Haltung möglicherweise auch gar nicht klar formulieren. Unter linken Aktivist*innen habe ich wenig Begeisterung für die Kampagne wahrgenommen – für sie wirkt sie zu zahm. Die Aktivistin Sophia aus Greifswald sagt: »Mir gefällt der soziale Aspekt der Kampagne. Ich finde es aber sehr problematisch, dass sie nicht sagen, dass die AfD gefährlich ist und warum man sie nicht wählen sollte.«
Doch Wahlen sind für Zusammen bewegen offenbar keine Priorität. Die Plattform versucht vielmehr, Menschen zu erreichen, die sich bisher überhaupt nicht eindeutig einer politischen Richtung zugeordnet haben. Darüber hinaus, so erklärt eine der Mitorganisatorinnen, Katharina, will die Kampagne auch diejenigen ansprechen, die AfD wählen, deren politische Einstellungen jedoch noch nicht gefestigt sind. Sie zielt nicht darauf ab, das politische Kräfteverhältnis kurzfristig zu verändern, sondern möchte langfristig Menschen für andere Perspektiven gewinnen.