Funktioniert das? Die linke Blase verlassen
Von Arthur Grand
Ich lebe nun seit fast zwei Jahren in Deutschland und staune immer wieder darüber, wie mächtig und gut organisiert die linke Infrastruktur hier ist. Sie gleicht beinahe einem Quasi-Staat, einer parallelen Realität, die jenseits marktwirtschaftlicher Logiken und trotz des antimigrantischen Psychose-Klimas weiter existiert. Gleichzeitig sehe ich aber auch eine starke Abhängigkeit von dieser selbst geschaffenen, gemütlichen Hausprojekt-Realität. Die Menschen bewegen sich entlang immer gleicher Routen, besuchen dieselben Soli-Küfas, rufen auf Demonstrationen dieselben Parolen und verdünnen dabei denselben Mate mit demselben Sterni. Nicht sie gehen auf die große, unbequeme Welt zu – sie warten vielmehr darauf, dass die Welt in ihrem behaglichen Hafen anlegt.
Wie lassen sich die Grenzen der linken Ghettos überwinden, von denen ja auch noch unzählige nebeneinanderher existieren? Wie können zahlreiche voneinander isolierte Gruppen in einer analog-medialen Welt miteinander verbunden werden? Und wie lassen sich Solidarität und Reflexion über das schwierige Schicksal der Menschheit eigentlich wieder mit der Menschheit selbst zusammenbringen?
Ich glaube, dass es darauf viele Antworten geben kann. Eine mögliche versucht die Kampagne Zusammen bewegen in Mecklenburg-Vorpommern zu geben, wo auch ich lebe und die im Vorfeld der im September anstehenden Landtagswahlen organisiert wird. Einerseits will sie unterschiedliche Initiativen im gesamten Bundesland miteinander verbinden, andererseits Menschen in gemeinsames Handeln einbeziehen, die unterschiedliche politische Positionen vertreten oder bislang gar keine klare politische Haltung haben. Deshalb unterstützt die Kampagne grundsätzlich keine Partei, auch wenn unschwer zu erkennen ist, welche politische Kraft ihr zentraler Gegenspieler ist.
Unter dem Dach der Kampagne und mit ihrer Unterstützung können Gruppen Kontakte knüpfen und ihre Kräfte bündeln. Sie ist aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden und lädt Akteur*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen zur Teilnahme ein: von Nachbarschaftsinitiativen, Sportvereinen und Kulturprojekten über Unternehmen, Feuerwehren und Hochschulgruppen bis hin zu Wohlfahrtsorganisationen – sofern ihre Tätigkeit keinen menschenfeindlichen Charakter hat. Die Idee ist nicht neu: Um eine demokratische und soziale Zukunft für alle zu gestalten, wäre es zunächst einmal hilfreich, zu wissen, wie der*die eigene Nachbar*in heißt.
Ich glaube, dass es viele Arten gibt, die Grenzen linker Ghettos zu überwinden. Einen Versuch startet die Kampagne Zusammen bewegen in Mecklenburg-Vorpommern, wo auch ich lebe und die im Vorfeld der im September anstehenden Landtagswahlen organisiert wird.
Kennzeichnend für die Kampagne ist auch ihr Versuch, gezielt Menschen in kleinen Städten und Dörfern einzubeziehen. Die Spaltung Deutschlands verläuft nicht entlang der Linie Ost-West, wie viele Medien uns glauben machen wollen. Die Grenze verläuft – wie überall auf der Welt – zwischen den Großstädten und der ländlichen Provinz. Ein Aktivist, der in der Nähe von Demmin lebt, erzählte mir, dass in den letzten Jahren viel Arbeit investiert wurde, um die Situation zu verändern und Menschen auf dem Land zu mobilisieren. Gerade in Richtung kleinerer Orte sollten Linke denken, wenn sie ihre eigenen Blasen verlassen wollen. Eine der Initiativen in Laage heißt »Der offene Stammtisch« – ein Begriff, auf den viele Aktivist*innen normalerweise nervös reagieren. Ich selbst reagiere, wohl aufgrund meiner Geburt in der UdSSR, ähnlich nervös auf das hierzulande unter Linken hochgeschätzte Wort »Plenum«, das in mir Assoziationen von sowjetischen Bonzen und den pompösen Parteitagen des ZK der KPdSU hervorruft.
Die konkreten politischen Forderungen der Kampagne beziehen sich auf Fragen, die den Alltag vieler Menschen unmittelbar betreffen: soziale Ungleichheit, zunehmende Armut, regionale Unterschiede – insbesondere zwischen Stadt und Land – sowie fehlende Angebote für Kinder, Jugendliche, Familien und ältere Menschen. In den Arbeitsgruppen der Kampagne wird derzeit zum Beispiel über einen kostenlosen Fahrradtransport im öffentlichen Nahverkehr in Mecklenburg-Vorpommern diskutiert oder über kostenloses, gesundes Schulessen. Ebenso wird die Forderung nach der Abschaffung der Bezahlkarte thematisiert.
Dabei sind die Wahlen nicht das einzige und auch nicht das zentrale Ziel der Kampagne. Dieses liegt vielmehr im langfristigen Aufbau von Beziehungen und gemeinsamer Praxis. Am Gründungstreffen im Oktober 2025 nahmen rund 150 Initiativen, Vereine, Gruppen und engagierte Einzelpersonen aus allen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns teil. Zugleich gibt es auch Skepsis – insbesondere unter erfahrenen Aktivist*innen. Ob Zusammen bewegen letztlich funktioniert oder nicht, wird sich zeigen. Doch klar ist: Der Rückzug in die eigene Blase ist keine Lösung. Allein schon deshalb, weil unabhängig vom Wahlausgang die Menschen hier weiter werden zusammenleben müssen.
Die landesweite Kampagne startet offiziell am 28. Februar und besteht aus vielen verschiedenen Veranstaltungen in ganz MV. Mehr Infos unter www.zusammenbewegen.org