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Helfen, ohne zu helfen

NGOs haben keine Antwort auf Fragen globaler Ungerechtigkeiten – oftmals stützen sie diese sogar

Von Dominik Winkler

Zwei Stockwerke hohe Metallskulptur eines Globus mit Linien, die quer über den Globus gehen.
Wie viel politischen Spielraum haben NGOs wirklich? Foto: Pixabay

Eigentlich sind die Begegnungen mit NGO-Arbeiter*innen relativ beliebig austauschbar. Das Gegenüber sieht meistens so aus wie ich – europäisch, weiß, leicht alternativ, ein paar Tattoos und natürlich ein akademischer Hintergrund. Die Begegnung mit einer NGO-Arbeiterin am Strand in Yaffa/Tel Aviv bleibt mir dennoch im Gedächtnis. Das Gespräch verlief zunächst wieder typisch: Für welche Organisation arbeitest du? Was hast du studiert? Wo willst du als nächstes hin? Sprichst du schon Hebräisch/Arabisch?

Ihre Antwort auf die Frage ihrer Motivation für die NGO-Arbeit war ebenso erwartbar: »The need to help« (»das Bedürfnis zu helfen«). Ihr größter Traum sei es, in Gaza zu arbeiten, dort, wo ihre Hilfe vermeintlich am stärksten gebraucht wird. Vielleicht ist mir das Gespräch nicht deshalb in Erinnerung geblieben weil es besonders war, sondern weil es fast zu repräsentativ war – ein zu genauer Spiegel für NGO-Arbeiter*innen und neoliberale Solidarität.

Krisenorte werden zur Bühne für praktische Solidarität: Student*innen gehen in den Semesterferien zu einer der unzähligen NGOs in Camps für Flüchtende, um Menschen durch Kunst oder Musik zu »empowern« oder »Capacity building« zu betreiben. Danach kehren sie in ihre Altbauwohnungen zurück, um ihr Engagement auf Instagram oder LinkedIn zu präsentieren und bei Bewerbungsgesprächen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.

Wann eine Krise für die deutsche Öffentlichkeit relevant ist, hängt von vielem ab: geopolitisches Interesse, Rassismus, Medien-Bias, Kapitalismus und letztlich Macht. Akteur*innen wie Medien und Politik spielen eine wichtige Rolle. NGOs und solidarische Gruppen sind davon aber genauso Teil. Über Fundraising, Social-Media-Arbeit, persönliche Berichte oder Reports und Studien werden Ort und Krisen eingeordnet. Aufmerksamkeit für die Situation an anderen Orten ist wichtig und richtig. Falsch ist aber die Annahme, dass unsere Vorstellung von diesen »anderen Orten« der Realität entspricht – genauso wie die Vorstellung, die Solidarität sei ohne eigene Interessen oder Unterdrückungsstrukturen.

Solidarität basiert auf Ungleichheit und der Logik von Geben und Nehmen. Sie bewegt sich vom Globalen Norden zu den Krisenorten im Globalen Süden und ist damit ein Gegenstrom zu Waren, Kapital und Ausbeutung, die vom Globalen Süden in den Globalen Norden fließen. Diese materielle Ungleichheit bleibt, egal, wie sehr versucht wird, auf Augenhöhe zu interagieren, denn jede solidarische Handlung bleibt eingebettet in eine neokoloniale Welt. Auch weniger rassistische Bilder auf den Insta-Accounts von NGOs dekonstruieren diese Ungleichheit nicht.

NGO und Neoliberalismus

Ein historischer Überblick hilft, um das Zusammenspiel von NGOs und Neoliberalismus und die Folgen für eine solidarische Praxis zu begreifen. Mit dem Aufkommen des Neoliberalismus haben sich Produktionsweisen und gesellschaftliche Ideale im Globalen Norden verschoben: Flexible und prekäre Jobs und individueller Konsum verdrängten Massenproduktion und -konsum. Das Bild der idealen Arbeiter*innen wandelte sich zu selbstoptimierten und qualifizierten Individuen, während sich der Gedanke festigte, soziale Probleme können technisch gelöst werden. Der Diskurs zu globaler Solidarität verschob sich von globaler Ungleichheit und Verteilungsgerechtigkeit hin zu Armutsbekämpfung. Auch neoliberale Organisationen wie die Weltbank unterstützen diese Verschiebung.

In diesem Kontext liberalisierter Märkte, Einschnitte in den Wohlfahrtsstaat und Menschenrechtsdiskurs begann der große globale Aufschwung von NGOs. Sie übernahmen Felder wie Armutsbekämpfung, Gesundheitsversorgung oder die Unterbringung von Flüchtenden, und damit Aufgaben, die aus linker Perspektive in staatlicher Verantwortung liegen. Durch die Übernahme dieser sozialen Aufgaben befördern NGOs eine gesellschaftliche Stabilität. Diese Ordnung ist wiederum für internationale Unternehmen wichtig, um in einem geordneten Rahmen ihre Geschäfte und Investitionen planen und durchführen zu können.

Das Mindestmaß einer sozialen Versorgung macht aber auch Proteste oder gewerkschaftliche Organisation schwieriger. Anders gesagt: Gesellschaften werden stabil genug, um sie weiter ausbeuten zu können, während der Sozialstaat schwach genug bleibt, um hohe Profite zu generieren. NGOs agieren hierbei nicht bewusst in Unterstützung neoliberaler Logiken, doch die Finanzierung durch staatliche Gelder, beispielsweise dem Entwicklungsministerium, dem Auswärtige Amt, oder der EU hinterlässt wenig Spielraum für eine eigene politische Agenda außerhalb der außenpolitischen Interessen der Geldgeber*innen.

Die Marktlogik hilft, um die Rolle von NGOs im Neoliberalismus zu verstehen: NGOs bewegen sich in einem Markt, in dem neoliberale Solidarität gehandelt wird. Aufmerksamkeit für politische Kämpfe oder Themen oder auch sichtbares Leiden ist Kapital auf diesem Markt. Mit diesem können NGOs Spenden und Unterstützer*innen sammeln. Besonders sichtbare Themen landen dann auch einfacher in den Fördertöpfen der Geldgeber*innen.

Auf diesem Markt der Solidarität etablierte sich eine »solidarische Klasse«, deren Angehörige für NGOs ehrenamtlich oder bezahlt arbeiten. Sie haben meistens einen akademischen Hintergrund und als Teil einer meist weißen Mittelschicht genug Zeit und Geld für längere Auslandsaufenthalte. Damit passen sie als hochqualifizierte und flexible Arbeiter*innen in das neoliberale Ideal. Sie konkurrieren meist gegen Hunderte Mitbewerber*innen um die begehrten, aber oft schlecht bezahlten Einstiegsposten oder Praktika in NGOs. NGO-Arbeiter*innen bekommen einen monetären Lohn aus der Solidarität. Aber auch Freiwillige eignen sich, zum Beispiel durch Semesterferien an den EU-Außengrenzen, kulturelles und soziales Kapital an, das oft bei Bewerbungsgesprächen oder Flirts in Bars den kleinen Unterschied macht.

Solidarität in einer ungleichen Welt

Das Paradoxe an der neoliberalen Solidarität ist, dass sich in einer zunehmend globalisierten und vernetzten Welt ein isoliertes Verständnis von politischen Kämpfen entwickelte. Armut und Hunger wurden lokale Probleme, die durch lokale Hilfe bekämpft werden und nicht durch strukturelle Reformen im Welthandel. Grenzgewalt und die Illegalisierung von Migration wird durch Unterstützung im Grenzgebiet entgegnet, nicht durch politische Praxis im Globalen Norden gegen die Institutionen und Wirtschaftsabkommen, die Grenzen brauchen und schützen. Das ist paradox, da der Alltag im Globalen Norden auf unzähligen Verbindungen globaler Ausbeutungsverhältnisse beruht, die in der neoliberalen Solidarität aber strukturell ausgeblendet werden. Alternative Wege müssen deshalb Antworten auf die materielle Verteilungsfrage geben.

Das wird insbesondere an der Debatte um Weißsein beziehungsweise »white saviourism« (1) sichtbar, die sich auf die Ebene von Identität, Sprache und Einstellungen konzentriert, nicht aber auf tiefergehende materielle Strukturen. Die Positionalität eines weißen Ehrenamtlichen im EU-Grenzgebiet ist näher an dem Frontex-Beamten als an illegalisierten Migrant*innen. Beide profitieren durch die Staatsbürger*innenschaft von Bewegungsfreiheit, Zugang zu Märkten, Sozialstaaten und mehr. Dennoch identifizieren sich die meisten solidarisch Engagierten mit Flüchtenden und nicht mit Grenzbeamten.

Die Unterschiede zwischen westeuropäischen Ehrenamtlichen und illegalisierten Migrant*innen lassen sich aber nicht einfach dekonstruieren oder durch antirassistische Trainings aufheben. Diese sind natürlich wichtig, aber ohne ein Verständnis darüber, wie tief Ungleichheit in politisch-ökonomischen Beziehungen bis in unseren Alltag hinein verankert ist, greift der Identitätsfokus zu kurz. Letztlich geht es um mehr als nur eine weiße Identität oder Privilegien. Simin Jawabreh bringt es auf den Punkt: »Niemandem bringt es etwas, wenn Leute Reue für ihre ‚Privilegien‘ zeigen. Dieses ‚I’m so sorry, dass ich einen deutschen Pass hab‘ und so weiter. Es geht aber nicht um White Privilege. Es geht um White Supremacy.« (2) Das Ziel ist nicht, dass einzelne Privilegien abgebaut werden, sondern dass die zugrundeliegenden Machtverhältnisse umgestürzt werden.

Welche Alternativen?

Solidarität muss eine Stufe tiefer gehen und die eigene Verwurzelung in der neokolonialen Welt angehen. Dazu gehören unweigerlich die Profite, die solidarische Menschen aus der Solidarität schlagen. Praktisch stellen sich Fragen, ob beispielsweise Menschen ihr Engagement auf ihre Lebensläufe schreiben oder Organisationen mit ihren Positionen und ihrer Arbeit auch Fördergelder riskieren.

Solidarität muss die eigene Verwurzelung in der neokolonialen Welt angehen.

Viele NGO-Arbeiter*innen riskieren politisch viel, leisten wichtige Arbeit oder sind Ziel von staatlichen Repressionen. Eine Kritik von links hinterlässt schnell ein ambivalentes Gefühl. Das Problem sind nicht NGOs als solche, sondern zugrundeliegende Probleme, auf die NGOisierung über Jahrzehnte keine Antwort gefunden hat. In einer ungleichen Welt sind humanitäre Antworten nicht genug und Alternativen notwendig. Die Kritik an NGOs ist mittlerweile zumindest in der linken Blase präsent, doch anstelle von neuen Wegen und einer alternativen Praxis für transnationale Solidarität stehen meist Grundsatzdebatten und Ratlosigkeit.

Wie könnte eine Solidarität außerhalb des Neoliberalismus aussehen? Im aktivistischen Kontext können eigene Umverteilungsmechanismen zwischen Personen sowie Gruppen ein Anfang sein, zumindest einige Symptome der neoliberalen Solidarität auszugleichen.

Die schwierigere Frage ist, ob es eine Art natürliches Interesse für eine alternative solidarische Praxis gibt. Gibt es ein gemeinsames Klasseninteresse zwischen all den Arbeiter*innen trotz neokolonialer Ausbeutung und viel wichtiger: Wie kann diese mobilisiert werden? Der Neoliberalismus könnte selbst zur Referenz werden, gegen den sich transnationale Bündnisse formieren – außerhalb der glänzenden Erzählungen von NGOs.

Dominik Winkler

ist politischer Geograf und arbeitet aktuell in der politischen Kommunikation und als freier Forscher mit Fokus auf Grenzregime.

Anmerkungen:

1) White Saviours, zu deutsch »weiße Retter«, bzw. White-Saviour-Komplex, bezeichnet die Haltung, dass nur Weiße helfen können und alle anderen Opfer sind.

2) White Supremacy, zu deutsch »weiße Vorherrschaft«, bezeichnet Ideologie und systematisches Machtverhältnis, das Überausbeutung und Marginalisierung rassifizierter Menschen ermöglicht und aufrechterhält.