analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

|ak 665 | Diskussion

Wenn wir uns die Zeit nehmen

In den letzten Monaten sind viele Migrantifa-Gruppen entstanden – nun sind ein paar Fragen zu klären

Von Migrantifas aus Berlin

Aktivistinnen und Aktivisten hinter mit Bildern der Opfer von Hauanu und einem Plakat mit der Aufschrift "Erinnern heißt kämpfen – migrantischer und antifaschistischer Selbstschutz aufbauen – jetzt"
Migrantifa-Gruppen organisierten diesen Sommer landesweit zahlreiche Aktionen gegen Naziterror, Polizeigewalt und Rassismus. Foto: neukoellnbild / Umbruch Bildarchiv

Seit mehreren Monaten gibt es im deutschsprachigen Raum Ansätze migrantischer Selbstorganisierung, die sich unter dem Namen »Migrantifa« zusammengefunden hat. Diese Gruppen entstanden hauptsächlich nach dem rechten Terroranschlag in Hanau, um migrantischen Selbstschutz zu organisieren und auf die bestehenden faschistischen Kontinuitäten in der BRD aufmerksam zu machen. Genauso schnell fingen verschiedenste Personen an, über diese Gruppen zu schreiben. Auch in ak gab es über den Sommer mehrere Artikel zum Thema. Oft wurde mit einer Außenperspektive geschrieben – wir wollen nun als aktive Migrantifas einen Beitrag von innen schreiben.

Mehr als reine Identitätspolitik

Als Migrantifas organisieren wir uns zunächst anhand von Identitätsmerkmalen: Alle Mitglieder der Gruppen sind auf irgendeine Weise migrantisch. Allerdings organisieren wir uns vor allem als radikale Linke, die zusätzlich auch Migrant*innen beziehungsweise migrantisiert sind. Unsere Analyse ziehen wir sowohl aus unseren eigenen Erfahrungen wie auch aus den materiellen Verhältnissen der Gesellschaft. Das bedeutet für uns, Antirassismus mit Antifaschismus und Antikapitalismus zusammenzudenken. Es geht also um eine grundlegende Systemkritik, nicht nur um individualistisches Empowerment innerhalb der bestehenden Verhältnisse. Identitätspolitik ist Teil unserer Arbeit, aber sie allein geht nicht weit genug.

Uns gegenseitig und selbst zu ermächtigen gehört zu unserer Arbeit dazu. Erreichen wollen wir dies aber als Kollektiv und mit der Perspektive auf eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Das muss für uns mit einer antiimperialistischen und antikolonialen Haltung verbunden sein. Auch wenn wir uns als migrantische Linke selbstorganisieren, wollen wir uns mit allen emanzipatorischen revolutionären Gruppen und Strukturen, die unsere Ziele teilen, verbünden und zusammenarbeiten. Nur zusammen können wir eine radikale Veränderung der bestehenden Verhältnisse erreichen.

Über den Sommer haben wir viele Aktionen gegen Rassismus, Polizeigewalt und Naziterror organisiert, und es sind immer mehr Migrantifa-Gruppen entstanden. Jetzt ist es wichtig, den Blick nach innen zu richten, um uns auf eine gemeinsame politische Ausrichtung zu verständigen. Das braucht Zeit, und die sollten wir uns nehmen.

Eine Praxis ohne dazugehörige Analyse läuft Gefahr, in reinen Aktionismus umzuschlagen. Deswegen gehört für unsere Arbeit eine kollektive interne politische Bildung zwingend dazu: Erfahrungsaustausch, Diskussionsrunden, Lesekreise oder interne Workshops können dabei helfen, gemeinsame Positionen zu entwickeln. Gleichzeitig ergibt sich die Antwort auf politische Fragen auch immer wieder aus der konkreten Praxis. Es gilt also, die erarbeiteten Positionen durch eine gemeinsame Praxis auszuprobieren und so ständig weiterzuentwickeln. Diese Festigung der eigenen Positionen ist erforderlich, damit wir bundesweit als Migrantifa-Gruppen zusammenarbeiten können. Das Ziel sollte sein, eine bundesweite Struktur aufzubauen und so im ersten Schritt eine schlagkräftige Gegenmacht gegen Naziterror und Polizeigewalt zu stellen.

Neben der politischen Bildung ist es sehr wichtig, die gemeinsame Arbeit als Kollektiv zu lernen. Wir finden: Migrantifa sollte ein Ort sein, wo Menschen solidarisch von- und miteinander lernen, Initiativen ergreifen, Ideen entwickeln und Impulse geben, anstatt zu warten, bis es andere übernehmen. Auch innerhalb der Gruppe sind wir nicht von Herrschaftsstrukturen und Hierarchien frei. So wie wir sie nach außen hin benennen, müssen wir das auch nach innen tun.

Ungleiche Wissensverteilung und unterschiedliche Organisierungserfahrungen müssen ebenso benannt und abgebaut sowie Ressourcen umverteilt werden. Das können Kontakte, Erfahrungen, Literatur oder auch praktische Skills sein. Wir wollen keine politische Praxis entwickeln, bei der immer dieselben die Organisierung übernehmen, sondern in der sich langfristig immer mehr Migrantifas ermutigt fühlen, Verantwortung zu übernehmen und nach ihrer politischen Überzeugung zu handeln. Diese Selbstermächtigung soll dazu dienen, die Gruppe und somit die kollektive politische Arbeit voranzubringen.

Wir sehen uns dabei in der Kontinuität vorangegangener migrantischer Selbstorganisierungen und Widerstandskämpfe. Wir versuchen nicht, uns als etwas Neues darzustellen. Deshalb halten wir es für wichtig, gerade auch mit Genoss*innen in Kontakt zu treten, die an diesen vorangegangenen Kämpfen beteiligt waren, um ihre Erfahrungen in unsere zukünftige Praxis miteinfließen zu lassen.

Die Praxis weiterentwickeln

Wie nicht anders zu erwarten, bietet Migrantifa sehr viel Projektionsfläche für Kritiker*innen mit unterschiedlichsten Ansprüchen und Erwartungen. Gerade in der Aufbauphase, wo es wichtig ist, eine gemeinsame Haltung und Praxis zu entwickeln, sollten Gruppen darauf achten, welche Stimmen von außen wie viel Raum innerhalb der Gruppe bekommen. Kritik wird es immer geben, doch die Frage ist, welche Kritik inhaltlich, solidarisch und ernsthaft am Aufbau einer erfolgreichen migrantisch-antifaschistischen Organisierung interessiert ist. Die meisten Migrantifa-Gruppen gibt es erst seit ein paar Monaten. Uns und unseren Kritiker*innen muss klar sein, dass noch nicht alle Positionen ausgearbeitet sind. Anstatt Druck von außen nachzugeben, sich zu Themen zu positionieren, die intern nicht ausreichend diskutiert wurden, sollten wir uns auf genau diese Diskussionen konzentrieren und diese zum Beispiel durch politische Bildungen voranbringen. Nur so können wir langfristig das Selbstbewusstsein erlangen, um solidarische Kritik von destruktiver zu unterscheiden.

Wir wollen nicht nur #Migrantifa sein, sondern eine tatsächliche revolutionäre Kraft.

Uns fällt auf, dass viele Gruppen stark auf Social Media präsent sind. Diese Kanäle bieten eine erste Möglichkeit der Wahrnehmung und der Kontaktaufnahme, aber sie sollten kein Selbstzweck werden. Ein Hashtag ist keine Bewegung. Wir wollen nicht nur #Migrantifa sein, sondern eine tatsächliche revolutionäre Kraft, die Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse anstrebt. Soziale Netzwerke sind dafür ein Mittel zum Zweck, das bewusst eingesetzt werden will. Dasselbe gilt für öffentlichkeitswirksame Aktionen und Kampagnen: Wir müssen uns aktiv die Frage stellen, wofür wir Aufmerksamkeit bekommen wollen und diese dann taktisch einsetzen.

Mit dem Fokus auf Social Media und medienwirksame Aktionen geht oft das Gefühl einher, sich zu jedem Tagesgeschehen und jeder Diskussion öffentlich positionieren zu müssen. Wir finden es wichtiger, stattdessen eine stabile politische Haltung zu entwickeln, dementsprechend zu handeln und kollektiv dem Druck von außen standzuhalten.

Was nun?

Worauf Migrantifa in der nächsten Zeit den Fokus legen sollte ist Vernetzung, Basis-, Beziehungs- und die bereits benannte, interne Bildungsarbeit.

Die Vernetzung mit anderen Migrantifa-Gruppen als auch anderen linken Strukturen findet bereits statt und sollte vertieft werden. Dazu gehört auch, klare Linien zu ziehen und zu entscheiden, mit welchen Gruppen, Organisationen und Bewegungen wir zusammenarbeiten wollen. Wir müssen Verbündete nach unserer politischen und strategischen Ausrichtung klar von politischen Gegner*innen trennen. Trotzdem ist für uns klar: Selbst, wenn wir mit linken, progressiven Gruppen nicht immer 100 Prozent inhaltlich übereinstimmen, müssen wir, wenn es darauf ankommt, auf derselben Seite des Widerstandes stehen.

Basisarbeit bedeutet vor allem politische Arbeit in unseren Vierteln. Ohne breiten Rückhalt in der Bevölkerung werden wir die Kämpfe der Zukunft nicht führen, geschweige denn gewinnen können. Dort, wo wir leben und wo wir bereits Kontakte außerhalb unserer politischen Gruppen haben, können wir anfangen. Konkret bedeutet das, mit Nachbar*innen und Gewerbetreibenden im Viertel über alltägliche Probleme zu reden und herauszuarbeiten, wie wir uns gemeinsam organisieren können. Zum Beispiel gegen Polizeirazzien oder Naziangriffe. Das ist essenziell, um Bande der Solidarität zu knüpfen, die sich mittel- und langfristig zu echter Gegenmacht entwickeln können.

Wenn wir in migrantischen Vierteln revolutionäre Kiezarbeit machen wollen, werden wir auch wieder vor der Frage stehen, welche Leute ernsthaft mit uns arbeiten und welche lediglich ihre Arbeit mit einem migrantischen Feigenblatt bedecken möchten. Passen wir auf, mit welchen Gruppen wir uns zusammentun! Spätestens in der Entwicklung einer gemeinsamen Praxis wird sich auch herausstellen, wer diese sein werden.

Wir werden keine revolutionäre Organisierung erreichen ohne gegenseitiges Vertrauen und genoss*innenschaftliche Beziehungen. Dieser Aspekt sollte nicht unterschätzt werden. Im Frühjahr haben sich viele von uns, die sich vorher nicht kannten, zusammengefunden, um gemeinsam in die Aktion zu gehen. Jetzt wird es darauf ankommen, wie wir diese Ansätze von Selbstorganisation vertiefen können.

Wenn wir diese Schritte konsequent angehen, wird sich perspektivisch auch die Frage des Selbstschutzes konkreter stellen. Für uns ist klar, dass der Staat uns vor faschistischen Angriffen nicht schützt und schützen wird. Wie müssen wir uns also organisieren, um aktiv Widerstand gegen einen erstarkenden Faschismus leisten zu können? Welche Strukturen müssen aufgebaut werden, um unseren Selbstschutz praktisch werden zu lassen?

Uns geht es nicht mehr nur darum, die soziale Ordnung zu hinterfragen, sondern uns aktiv gegen diese zu organisieren. Wir können uns nicht mehr erlauben, uns von den Herrschenden spalten zu lassen, sondern müssen uns mit Widerstands- und Befreiungskämpfen hier und außerhalb deutscher Grenzen solidarisch zeigen und Seite an Seite kämpfen! Es gibt noch viele weitere Politikfelder, in denen wir als migrantische Antifaschist*innen kämpfen müssen. Die Erfahrungen aus den vergangenen Monaten gemeinsamer Organisierung geben uns Kraft und Hoffnung, diese und weitere Kämpfe zu führen.

Alerta, ajde, haydi, yallah und bijî Migrantifa!

Migrantifas aus Berlin

Die Autor*innen sind einzelne Aktivist*innen bei der Migrantifa Berlin.