Funktioniert das? Politisches Lesbentum
Von Bilke Schnibbe
Selbst Dirk Peglow, Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, riet diesen April Frauen im heute journal davon ab, Beziehungen mit Männern einzugehen. Wenn Frauen keine Opfer von Gewalttaten werden wollen, dann lieber nicht mit Männern einlassen, sagte er sinngemäß, während er die neueste Kriminalstatistik vorstellte. Natürlich gab es einen Aufschrei in den Medien und natürlich ruderte der woke King dann zurück, das sei nicht so gemeint gewesen.
Schade, denn Dyke Peglow ist nicht nur mit seinen Outfits den Butches auf der Spur. Sein Vorschlag ist das, was Feminist*innen unter dem Begriff »politisches Lesbentum« schon in den 1980er Jahren forderten, um das Patriarchat zu stürzen. Frauen sollten nur noch Beziehungen mit Frauen eingehen, um weniger Gewalt ausgesetzt zu sein und um das Fundament der patriarchalen Gesellschaft aus den Angeln zu heben: die heterosexuelle Kleinfamilie.
Politisches Lesbentum folgt dem Prinzip Streik. Männer sollen als Profiteure des Patriarchats bestreikt werden. Stattdessen wird sich mit anderen Unterdrückten, in diesem Fall anderen Frauen, solidarisiert und organisiert. Der Aufruf zum politischen Lesbentum geht dabei in seiner historischen Form vor allem an heterosexuelle, cisgeschlechtliche Frauen.
Um mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit von politischem Lesbentum überhaupt hantieren zu können, ist es wichtig, Heterosexualität nicht nur als sexuelle Anziehung zu verstehen, sondern als Lifestyle. Heterosexualität ist ein Prinzip, nach dem die Mehrheit der Gesellschaft ihre Beziehungen, ihren Alltag und die Arbeitsteilung darin organisiert. Mann und Frau leben zusammen, bekommen eventuell Kinder, kümmern sich mehr oder weniger umeinander. Frauen haben in dieser Konstellation zum einen mehr reproduktive Aufgaben und zum anderen sind sie in der Rolle, Männern sexuell und emotional zur Verfügung zu stehen.
Um mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit von politischem Lesbentum überhaupt hantieren zu können, ist es wichtig, Heterosexualität nicht nur als sexuelle Anziehung zu verstehen, sondern als Lifestyle. Heterosexualität ist ein Prinzip, nach dem die Mehrheit der Gesellschaft ihre Beziehungen, ihren Alltag und die Arbeitsteilung darin organisiert.
Aus aktueller queerer Perspektive kommt dem politischen Lesbentum wohl der Begriff der Wahlfamilie am nächsten. Anstatt dem vorgefertigten heterosexuellen Skript zu folgen, könnte politisches Lesbentum bedeuten, sich bewusster auszusuchen, mit wem Menschen welche Verbindlichkeiten eingehen wollen. Auf diese Weise könnten breitere solidarische Netze entstehen als bürgerliche Kleinfamilien, die im kapitalistischen System miteinander konkurrieren. Jetzt mal ganz utopisch gesprochen. Das bedeutet auch, dass einfach auf die homosexuelle oder queere Kleinfamilie nach bürgerlichem Vorbild umzuschwenken, nicht ausreichen wird, um die patriarchale Organisierung der Gesellschaft nachhaltig umzuwälzen.
Politisches Lesbentum müsste also nicht mal, wie historisch oft gefordert, bedeuten, dass Frauen keinen Sex mehr mit Männern haben. Es könnte vielmehr heißen, dass Frauen sich weniger auf Männer als die Personen konzentrieren, mit denen sie ihr alltägliches Leben gestalten, oder auf die sie sich als Ehemann hauptsächlich verlassen. Oder um den sie sich kümmern, während er sich nicht im gleichen Maße um sie kümmert (siehe etwa die erhöhten Scheidungsraten im Falle von schweren Erkrankungen von Frauen).
Damit diese Strategie zu einer erfolgreichen Massenbewegung werden könnte, müssten sich viele aktuell heterosexuelle cis Frauen der Bewegung anschließen. Wie realistisch wäre das überhaupt? Im konkreten Leben verschiedener Frauen ist es nicht so einfach oder sinnvoll, sich vor allem auf andere Frauen zu beziehen. Viele Frauen sind aktuell abhängig von Männern und/oder haben keine Ressourcen, sich andere Strukturen aufzubauen. Für viele Frauen wäre es eventuell gefährlich, sich ad hoc aus einem traditionellen Familienmodell zu lösen. Das heißt, sich diese Art von Streik auszusuchen, ist nicht für alle Frauen gleichermaßen möglich. Zumindest nicht, ohne dass andere Personen bereits konkrete Hilfsstrukturen aufgebaut haben, auf die man sich verlassen kann. Ebenso würde es für viele Frauen bedeuten, den Wunsch nach und die Privilegien, die mit einer heterosexuellen Ehe einhergehen, aufzugeben.
Politisches Lesbentum geht zumindest indirekt davon aus, dass cisgeschlechtliche Frauen für alle Frauen sicherere Bezugspersonen sind als Männer. Viele trans Frauen wären indes in der aktuellen transmisogynen Diskurslage vermutlich nicht gut beraten, sich auf cis Frauen/Feminist*innen zu verlassen. Eine politisch lesbische Massenbewegung könnte für trans Frauen nur sicher sein, wenn diese Bewegung auch daran arbeitet, etwas am transmisogynen Status quo in feministischen Bewegungen und der gesamten Gesellschaft zu ändern. Eine Massenbewegung, die vor allem aus cis Frauen besteht und die sich auch um den Schutz vor männlicher Aggression und Sexualität dreht, läuft sonst Gefahr, an transmisogyne Haltungen in der Gesamtgesellschaft anzuschließen, weil diese unter anderem die angebliche sexuelle Aggressivität von trans Frauen hervorhebt.
All diese kritischen Punkte sollen allerdings nicht davon ablenken, dass es sehr sinnvoll ist, sich als politische Strategie dem Aufbau solidarischer (Alltags-)Strukturen zuzuwenden, die außerhalb der heterosexuellen Normalität liegen.