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|ak 724 | Feminismus |Reihe: Funktioniert das?

Funktioniert das? Feministisch streiken

Von Hêlîn Dirik

Bild von einer Demo zum 8. März 2018 in Uruguay. Menschen sind hinter einem Banner mit der Aufschrift "8M - Si paramos Las Mujeres - Paramos El Mundo" (dt. Wenn Frauen stoppen, steht die Welt still) versammelt.
Es ist kein Zufall, dass der Streik als Mittel des feministischen Kampfes in den letzten Jahren vermehrt aufgegriffen wird. Foto: MediaRed / Wikimedia, CC BY-SA 2.0

Auch dieses Jahr sind am 8. März auf der ganzen Welt wieder Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen patriarchale Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung zu protestieren. Der Tag ist eine Errungenschaft der internationalen sozialistischen Frauenbewegung, die schon vor mehr als 100 Jahren die Notwendigkeit der Organisierung von Frauen der unterdrückten Klassen betonte – sowohl gegen die kapitalistische Ausbeutung als auch für die Rechte und Emanzipation von Frauen innerhalb der Arbeiter*innenschaft, aber auch für Frieden. Historisch wurde der feministische Kampftag dabei immer wieder mit Streiks begangen und ist eng mit Klassenkämpfen verbunden.

Beim feministischen Streik ging es nie »nur« um Lohnarbeit, sondern auch um die Sichtbarmachung unbezahlter Sorge- und Hausarbeit, die für die Reproduktion des männlichen Arbeiters im Kapitalismus eingepreist ist, und um eine Demonstration der Tatsache, dass ohne diese aufgrund von Vergeschlechtlichung abgewertete Arbeit alles zusammenbrechen würde. Feministische Streiks verändern damit nicht nur Arbeitskämpfe und werfen die (seit Jahrzehnten unter Sozialist*innen diskutierte) Frage nach der Definition von Arbeit auf. Sie zeigen auch, dass jene, die täglich, schlecht oder gar nicht bezahlt, pflegen, putzen, nähen, stillen, kochen, erziehen, sorgen und Beziehungen organisieren, in der Lage sind, das System stillzulegen und die bestehenden Verhältnisse zu erschüttern.

Historische wie gegenwärtige Beispiele verdeutlichen, dass streikende Frauen immer auch größere politische Fragen aufgeworfen haben: Wie können wir ein Leben jenseits von Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung organisieren? Welche Arten von Beziehungen und des Miteinanders müssen wir aufbauen? Der feministische Streik ist der Ort, an dem die Notwendigkeit der Verbindung verschiedener Kämpfe besonders deutlich wird, weil er über das Thema Arbeit hinausgeht – ob produktive oder reproduktive, bezahlte oder unbezahlte – und sich oft mit Kämpfen gegen patriarchale Kontrolle, Krieg und Zerstörung verbindet.

Schon 1917 in Petrograd waren es die von Krieg und Hunger am stärksten betroffenen Frauen der unteren Klassen, die mit mehreren Aufständen und einem historischen Streik die Februarrevolution lostraten, das Frauenwahlrecht und bessere Arbeitsbedingungen für alle erkämpften. Beim viel beachteten isländischen Frauenstreik 1975 legten 90 Prozent der Isländerinnen ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit nieder und brachten damit einen Tag lang das Land zum Stillstand. Schulen, Fabriken und Geschäfte blieben geschlossen, Männer waren gezwungen, ihre Kinder mit auf die Arbeit zu nehmen und sich um den Haushalt zu kümmern. So wurde sichtbar, wie essenziell die täglich geleistete unsichtbare Arbeit für das Funktionieren der Gesellschaft ist.

Auch in der jüngeren Vergangenheit wurde bei feministischen Streiks nicht nur die Lohn- und Care-Arbeit verweigert, sondern es wurde auch gegen Krieg, Aufrüstung oder beispielsweise den Genozid in Gaza protestiert. Mit der Ni Una Menos-Bewegung 2016 wurde der Streik auch als Mittel im Kampf gegen Femizide und patriarchale Gewalt aufgegriffen. Im selben Jahr wurde in Polen gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts gestreikt. Bei den Jin, Jiyan, Azadî-Protesten nach der Ermordung der Kurdin Jîna Amini 2022 in Iran war der Streik ein zentrales Mittel im Kampf gegen das Regime. Und zum 8. März 2023 riefen Aktivist*innen zum trans*feministischen Streik gegen digitale Ausbeutung auf, bei dem Tech-Giganten wie Google, Microsoft und Meta boykottiert wurden.

Im Kontext einer autoritären Wende, die sich stark entlang queer-, trans- und frauenfeindlicher Politik vollzieht, erscheint kaum etwas so naheliegend wie der feministische Streik.

Es ist wohl kein Zufall, dass der Streik als Mittel feministischer Kämpfe seit einigen Jahren ein Revival erlebt – in Deutschland etwa fand 2019 nach 25 Jahren wieder ein Frauenstreik statt, auch dieses Jahr streikten am 9. März, dem Montag nach dem feministischen Kampftag, hierzulande einige Menschen. In Zeiten zunehmender Faschisierung, Militarisierung, Verarmung, rassistischer Ausgrenzung, misogyner und queerfeindlicher Gewalt sind feministische Bewegungen zu den wichtigsten Motoren für Frieden, Befreiung und Gerechtigkeit geworden. Nicht zufällig vollzieht sich die autoritäre Wende stark entlang queer-, trans- und frauenfeindlicher Politik.

Kaum etwas erscheint in diesem Zusammenhang sinnvoller als der feministische Streik. Ob er funktioniert oder nicht, hängt davon ab, welche politischen Fragen dabei miteinander verknüpft werden. Betrachten wir ihn nicht bloß als die feministische Erweiterung von dem, was wir im herkömmlichen Sinne als Streik verstehen, sondern als Möglichkeit, gemeinsame Ideen davon zu erarbeiten, was für eine Welt wir erkämpfen wollen, ist er als Instrument auf dem Weg zu queerer und feministischer Befreiung nicht nur extrem naheliegend, sondern unerlässlich. Ohne die antipatriarchale Perspektive ist es nicht möglich, eine Welt ohne Ausbeutung, Krieg, Ausgrenzung und Gewalt zu denken. Erst die revolutionär-feministische Analyse ermöglicht, dass wir Fragen um Verteilung, Zugang zu Ressourcen, Wohnraum, Erziehung, Bildung, Sorgearbeit und Gesundheit sinnvoll diskutieren und ein befreites, gutes und gerechtes Leben für alle organisieren können.

Hêlîn Dirik

ist Redakteurin bei ak.

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