»Mit der fossilen Industrie geben wir der Wut ein Ziel«
Fridays-for-Future-Aktivistin Kat Maier über den Widerstand gegen Trump und warum es besser ist, das Wort Klima zu vermeiden
Interview: Kathrin Hartmann

Es ist nicht überraschend, dass US-Präsident Trump den Klimaschutz abwickelt und die Klimabewegung es somit schwer hat. Wie man sich auf diese Situation einstellt und warum es dem Klima am meisten nützt, gegen Öl-Milliardär*innen und die Administration zu kämpfen, erläutert die US-Aktivistin Kat Maier im Interview.
Donald Trump hat schon zu Beginn seiner Amtszeit klargemacht, dass Klimapolitik für ihn keine Rolle spielt. Dennoch ist die Klimabewegung in den USA momentan nicht besonders sichtbar, oder?
Ja, das stimmt, reine Klimaproteste finden derzeit nicht statt. Aber das würde gerade nicht viel bringen, also ist das völlig in Ordnung so. Die Klimakrise ist ja mit vielen Dingen verbunden.
Wie meinen Sie das?
Wir haben festgestellt, dass von denen, die verstanden haben, wie schlimm die Situation ist, viele bereits engagiert sind. Man könnte momentan höchstens schaffen, dass diese noch ein bisschen aktiver werden. Wir wollen aber sehr viel mehr Leute erreichen. Deswegen sprechen wir nicht mehr allgemein über Klima, sondern darüber, wie die Auswirkungen jeden einzelnen konkret betreffen, was sie also für die Arbeit, das Gehalt, die Lebenshaltungskosten, die Sicherheit der Kinder und den Schutz von uns allen bedeuten.
Wie setzt die Klimabewegung das um?
Zum Beispiel durch Kampagnen wie »Make Fossil Fuel Billionaires Pay«. Menschen aus der Klimabewegung haben sie organisiert, aber das Wort »Klima« kommt nicht vor. Aber dieser Protest geht richtig an die Ursachen der Klimakrise heran: Es sind ja genau diese Leute, die mit ihrem Geld aus der fossilen Industrie die politische Situation jetzt schaffen. Wir wollen als anti-fossile Bewegung gesehen werden, die das stoppt, was unsere Welt zerstört, und gute Alternativen schafft. Das hat viel mehr Zugkraft.
Warum macht das einen Unterschied?
Man kann viel mehr erreichen, wenn man diese Industrie selbst angeht – Konzerne wie Exxon zum Beispiel, CEOs oder Versicherungen und Banken, die deren Geschäft am Laufen halten. Das ist wirkungsvoller, als nur Symptome zu bekämpfen. Wir haben uns schon lange vor Trumps zweiter Amtszeit damit beschäftigt, wie wir eine solche Bewegung hinbekommen, indem wir verschiedene Gruppen – national, international, intersektional – zusammenbringen. Jetzt geht das viel rasanter als noch vor zwei Jahren, die Leute verstehen den Zusammenhang besser.
War die fossile Industrie nicht immer auch schon Thema der Klimabewegung?
Ja, aber wenn man Klima in den Mittelpunkt stellt, ist da immer eine gewisse Harmonie; man will eine schöne und grüne Welt schaffen. Wenn man sich auf die fossile Industrie konzentriert, kann man viel kraftvoller reden. So viele Menschen haben ihren Job oder ihre Gesundheitsversorgung verloren, alles wird teurer, nichts funktioniert mehr. Das wird schlimmer werden. Viele Leute fühlen sich hilflos und fragen sich, was sie überhaupt machen können. Wir können ihrer Wut so ein Ziel geben und sie besser erreichen.
Es gibt doppelt so viele Proteste als während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump.
Die Graswurzelbewegungen in Texas und Louisiana haben bereits Erfolge im Kampf gegen die fossile Industrie – etwa das Moratorium gegen den Bau neuer Flüssiggas-Terminals, schärfere Emissionsvorschriften für petrochemische Anlagen oder die Verhinderung großer Bauprojekte. Ist das alles nun verloren?
Es wird manches rückgängig gemacht, und viele Leute, die man adressieren konnte, sind nun nicht mehr da, etwa bei der Umweltbehörde EPA. Das Schlimmste aber ist, dass die Macht von Gerichten insgesamt in Frage gestellt wird, dass entsprechende Urteile einfach ignoriert werden. Was macht man denn dann? Aber natürlich müssen wir auch darum kämpfen, dass Erfolge nicht kaputt gemacht werden.
Gibt es denn große Proteste in den USA?
Oh ja! Es gibt sogar doppelt so viele Proteste als während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump. Allein im Februar waren es landesweit mehr als 2.000. Das meiste dreht sich um die Verwaltung und was dort gerade mit solchen Programmen wie DOGE passiert.
Außerhalb der USA bekommt man davon gar nicht so viel mit. Woran liegt das?
Vielleicht, weil es nicht immer einen einzigen großen Massenprotest gibt, sondern viele verschiedene Aktionen, die über die ganzen USA verteilt sind. Es gibt zum Beispiel die Hands Off!-Demonstration, zur der NGOs und Gewerkschaften aufrufen. Die finden im ganzen Land statt, allein in Washington DC brachten sie 100.000 Leute auf die Straße. Und es gibt die relativ neue Bewegung 50501, also 50 Proteste in 50 Staaten an einem Tag, die lokale Gruppen organisiert, die gleichzeitig demonstrieren, um für den Erhalt der Verfassung zu kämpfen. Da sind viele dabei, die zum ersten Mal aktiv werden.
Das klingt vielversprechend und ermutigend. Wie lässt sich dieses Potenzial nutzen, um wirklich etwas zu verändern?
Wir schauen uns das gerade ganz genau an: Wie setzen sich diese Proteste zusammen? Wie können wir sie ansprechen, koordinieren und unterstützen? Welche Ressourcen können wir zur Verfügung stellen, damit sie ihren Widerstand und ihre Energie nicht nur gegen DOGE richten, sondern gegen die Klimakrise? Wie schaffen wir es, dass diese neuen Leute das, was sie jetzt über Bewegung und Protest lernen, auch auf andere Themen anwenden und den Zusammenhang sehen?
Sie haben dafür das Movement Infrastructure Project mitgegründet …
… ja, schon vor Trump war klar, dass wir uns anders organisieren und zusammensetzen müssen. Diese Basisinitiative, die Organisator*innen und Aktivist*innen die Werkzeuge und Ressourcen an die Hand gibt, die diese benötigen, haben wir vor über einem Jahr gestartet – und jetzt spüren wir das Bedürfnis der Menschen, das nutzen zu wollen, mehr denn je.

Kat Maier
ist Fridays-for-Future-Aktivistin und Projektkoordinatorin beim Center for International Environmental Law (CIEL) in Washington, DC.
Was genau macht diese Initiative?
Wir sammeln in einem Kalender alle Veranstaltungen und Proteste, haben eine Zeitleiste wichtiger politischer Ereignisse, zu denen man sich organisieren kann, und rechtliche Infos. Wir vernetzen Menschen, bieten Trainings und Räumlichkeiten an und haben sogar einen Equipment-Verleih, bei dem man sich Lautsprecher und Megafone borgen kann. Wir müssen eine nachhaltige Infrastruktur aufbauen, damit die Leute nicht die gleichen Fehler machen wie bei der Klimabewegung.
Welche Fehler hat die Klimabewegung denn gemacht?
Wir haben mit Fridays for Future 2018 und 2019 zwar breite Massen auf die Straße gebracht, konnten sie aber nicht halten. Wir haben nicht geschafft, dass die Leute dort aktiv werden, wo sie gesellschaftliche Wirkung erreichen: als Lehrer*innen, Beschäftigte in der Verwaltung und als Arbeiter*innen. Das wäre viel wichtiger gewesen als eine E-Mail-Liste von Millionen Leuten. Protest ist wichtig, um Widerstand physisch zu spüren. Er ist sichtbar und vermittelt Menschen, dass sie nicht allein sind. Aber er ist nicht immer das wichtigste Instrument. Wir müssen Leuten vermitteln, dass sie viel mehr Macht haben, als sie denken, und ihnen die Instrumente an die Hand geben, um diese Macht umzusetzen.
Vorher gab es Undercover-Leute, die versucht haben, uns zu unterwandern, jetzt passiert alles ganz offen.
Allerdings nehmen Repressionen gegen Bewegungen und Aktivist*innen weltweit zu. Was passiert derzeit in den USA?
Die Situation hat sich deutlich verschärft. Insbesondere bei Palästina-Demonstrationen passieren furchtbare Dinge. Aktivist*innen werden dort von der Einwanderungsbehörde herausgezerrt, wochenlang festgehalten oder außer Landes gebracht – selbst US-Bürger*innen. Die Behörde setzt sich über alle Regeln hinweg und begründet das mit Terrorverdacht. Aktivist*innen werden überwacht – ein Post in den Sozialen Medien reicht, um von Universitäten verwiesen oder, schlimmer noch, in ein Flugzeug gesetzt zu werden. Oft haben die Leute nicht mal mehr Zeit, zu packen oder ihre Familie zu informieren.
Betrifft das alle Graswurzelbewegungen?
Wir spüren das auch. Vorher gab es Undercover-Leute, die versucht haben, uns zu unterwandern, jetzt passiert alles ganz offen. DOGE benutzt CIA und FBI zur Überwachung. Indivisible zum Beispiel, eine Bewegung, die zu Trumps erstem Amtsantritt 2016 entstanden ist, wird von DOGE direkt angegangen und mit SLAPPS, also Einschüchterungsklagen, und Gerichtsverfahren überzogen. Sie wollen ihre Ressourcen vernichten.
Wie wirkt sich das auf den Widerstand aus?
Viele haben Angst. Das führt zu vorauseilendem Gehorsam sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene. Leute machen Dinge, von denen sie glauben, die Administration würde das so wollen, um keinen Ärger zu bekommen. Unis haben zum Beispiel die »Gendersprache« von der Homepage genommen, in Washington DC hat die Bürgermeisterin den Black-Lives-Matter-Schriftzug von der Straße entfernen lassen, obwohl sie das gar nicht musste. So was findet vor allem da statt, wo öffentliches Geld gestrichen werden kann. Aber auch privates: Freunde von mir haben ihre NGO-Jobs verloren haben, weil es weniger Spenden gibt. Deswegen brauchen wir neben den Protesten auch noch andere Strategien.
Zum Beispiel?
Menschen müssen dort, wo sie von Veränderungen betroffen sind, eingreifen, sich widersetzen und verweigern. Auf jeden Fall nicht kooperieren! Wenn man also gesagt bekommt, man soll alle Begriffe, die mit Gender und Inklusion zu tun haben, von der Homepage entfernen, dann macht man das nicht. Die vielen Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die gefeuert wurden, hätten einfach bleiben sollen. Es stellte sich ja heraus, dass das illegal war; sie hätten nicht gehen müssen. Die Kündigungen wurden zurückgenommen, aber die Leute sind weg.
Lässt sich diese Art von Widerstand tatsächlich breit organisieren?
Dafür habe ich zum Amtsantritt von Donald Trump das Netzwerk Build the Resistance gegründet, um diesen Widerstand greifbar und sichtbar zu machen, zu zeigen: Das sind richtige Menschen, mit denen man sprechen kann, und die haben auch Erfolge. Wir brauchen jeden, vom Whistleblower bis zur Bibliothekarin, die sich gegen Zensur wehrt. Außerdem: Es sind ja viele superschlaue Leute aus der Verwaltung gefeuert worden, die ganz tief drinstecken, die das System kennen und verstehen, die strategisch durchschauen, wie der Apparat funktioniert. Die wollen wir zur Bewegung holen, daran arbeiten wir gerade ganz gezielt.
Wie können wir in Deutschland solidarisch sein?
Auf jeden Fall weiter gegen die Flüssiggas-Importe aus den USA kämpfen, überhaupt: Nichts aus den USA kaufen. Zurückboykottieren! Wenn ihre Geschäfte nicht gut laufen, dann verliert Trump die Unterstützung von den Reichen, dann bröselt die Macht. Vor allem aber das Narrativ, es gäbe keinen oder wenig Widerstand, brechen. Likt und teilt unsere Infos und lasst alle wissen, dass wir kämpfen!