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Weit weg von den Kameras

Trotz Repression und Übermacht der Immobilienbranche kämpft die Bewegung der wohnungslosen Arbeiter*innen in Brasilien weiter

Von Charlotte Drath

Demonstrierende Menge mit Fahnen, auf einer Bühne steht Claudia Rosane Garcez mit schwenkender Fahne, Maske und einem Mikrophon
Um gehört zu werden, muss man bis zur Tür kommen: MTST-Koordinatorin Claudia Rosane Garcez spricht bei einer Veranstaltung vor dem Rathaus von São Paulo. Foto: Kommunikationssektor MTST

An einem Mittwochnachmittag im Oktober machen sich ein paar hundert Protestierende auf den Weg zum Rathaus von São Paulo, Brasilien. Auf der einen Seite ein Meer aus roten T-Shirts und singenden Demonstrant*innen, auf der anderen eine militärische Spezialeinheit mit Panzerwagen. Die Aktivist*innen kommen aus der Peripherie und sind Teil einer der größten Sozialbewegungen Lateinamerikas, der landesweit aktiven MTST – Movimento dos Trabalhadores Sem Teto (Bewegung der wohnungslosen Arbeiter*innen). Heute sind sie ins Stadtzentrum gekommen, um mit dem Bürgermeister zu reden. Dieser tut sich jedoch schwer, ihnen zuzuhören. Deshalb haben sich die Aktivist*innen darauf vorbereitet, so lange zu bleiben, bis er sich auf ein Gespräch mit ihnen einlässt.

Als wohnungslos zählen diejenigen, die entweder bei Verwandten unterkommen oder die in äußerst prekären Baracken in unregulierten Armenvierteln oder in Risikogebieten leben. Laut Zahlen der João-Pinheiro-Stiftung von 2019 liegt das Wohnungsdefizit bei 5.876.699 Wohnungen, was etwa neun Prozent der Bevölkerung entspricht. (1)

Um zu verstehen, warum Bewohner*innen der Peripherie vor dem Rathaus übernachten wollen, reicht ein Rückblick in die Ursprünge der ungerechten Verteilung von Landbesitz. Kurz vor Ende der Sklaverei in Brasilien war das Lei de Terras (Landrecht) von 1850 die erste Maßnahme, die das Privateigentum von Landflächen organisierte. Demnach gehört ein Stück Land einer Person etwa, weil es ihr schon immer gehört hatte oder weil sie es sich kaufen konnte. Ehemaligen Sklav*innen und der armen Bevölkerung war es somit fast unmöglich, privateigentümlichen Landbesitz zu erlangen.

Im Zuge der Industrialisierung wuchsen brasilianische Städte rasant, Arbeiter*innen wurden an den Stadtrand gedrängt. Häufig bildeten sich zwischen den Wohnanlagen der Mittel- und Oberschicht und den eng gebauten Backsteinhäusern der Peripherien weite leer stehende Flächen mit vielversprechender Spekulationsmasse.

Besetzen und verhandeln

Die Bewegung der wohnungslosen Arbeiter*innen ist seit 1997 im Kampf gegen diese Strukturen und die herrschende Wohnungsnot aktiv. Ihre Strategie: Sie mobilisieren Besetzer*innen für Flächen, die potenziell bebaubar sind, aber zurzeit der Spekulation dienen oder aus sonstigen Gründen brach liegen.

Claudia Rosane Garcez ist eine von ihnen. Die 45-Jährige ist schon länger ohne festes Dach. Ihr Schwiegervater ließ sie bei sich wohnen, bis sie irgendwann ausziehen musste. Sie zog vorübergehend in eine Mietwohnung. Direkt vor dieser Wohnung lag ein ganzer Landstrich brach. Jeden Tag fuhr sie mit dem Bus daran vorbei und träumte: »Ich dachte, wenn ich genug Mut hätte, würde ich dort mein Haus bauen. Aber das wäre nichts auf Dauer. Sie würden kommen und mein Haus samt mir räumen«, erzählt sie.

Das Besetzen und unregulierte Erbauen von Wohnraum ist für viele Familien in Brasilien die einzige Möglichkeit, unter einem festen Dach zu schlafen. In dicht an dicht, aus dem Boden gestampften Häusern leben sie in prekären Situationen mit schlechter Verkehrsanbindung, mangelhaftem Netzanschluss und mit der Angst, irgendwann geräumt zu werden, wenn vermeintliche Eigentümer*innen Anspruch auf das Gebiet erheben.

Claudia ist seit sieben Jahren bei MTST organisiert. »Damals brauchte ich eine Wohnung, und auf einmal war MTST direkt vor meiner Haustür. Ich ging hin und informierte mich. Und heute bin ich eine Koordinatorin.« Seit Mitte dieses Jahres lebt sie mit mehr als 4.000 anderen Besetzer*innen in der Besetzung »Maria Carolina de Jesus« im Osten der Stadt, benannt nach einer Afrobrasilianerin, die für ihre Erzählungen aus den Favelas bekannt wurde.

Bevor MTST das leer stehende Stück Land besetzte, hatten bereits dreimal Familien dort Häuser gebaut. Und dreimal folgte ein Bagger, der alles zerstörte. »Für den Grundbesitzer wird immer an seinem rechtlichen Schutz, an seinem Privatbesitz festgehalten. Aber nie gibt es Garantien für die Menschen in Wohnungsnot. Deshalb besetzen wir anders. Wir sind organisiert, und wir organisieren. Und wir bauen keine Häuser aus Backstein, sondern ziehen einfache Baracken hoch und verhandeln dann«, erklärt Claudia.

»Es ist ja nicht so«, führt sie fort, »als gäbe es keine Gesetze, die die Ausbeutung von Land und die Wohnungslosigkeit verhindern sollen, aber sie werden einfach nicht angewendet. Es ist, als wäre die Justiz der verlängerte Arm des Immobilienmarktes.« Deshalb setzt sich MTST mit Eigentümer*innen und Verwaltungen an einen Tisch. In dem korrupten Netzwerk aus bürokratischen Strukturen und dem Ungetüm des Immobilienmarktes fordert MTST so das Recht auf Wohnen selbst ein. Sie fordern den Kauf oder die Zwangsenteignung von Land, um dort Sozialbauwohnungen zu bauen. Seit »Maria Carolina de Jesus« begonnen hat, scheiterte der Besitzer des Geländes schon mit zwei Räumungsversuchen. Denn: MTST verhandelte, bis sie vorerst bleiben durften.

Staatliche Wohnungsbauprogramme

Das nennenswerteste Programm für sozialen Wohnungsbau wurde 2009 von der Regierung Lula eingeführt. »Minha Casa, Minha Vida« (Mein Haus, mein Leben) hat fünf Millionen subventionierte Wohnungen gebaut. Nach dem Sturz von Präsidentin Dilma Rousseffs weitete ihr Nachfolger Michel Temer das Programm 2017 auch für den Mittelstand aus und drehte so den Ärmsten den Geldhahn immer mehr zu. Seit Jair Bolsonaros Amtsübernahme ist das Programm gänzlich abgeschafft, und MTST hatte vorerst keine neuen Besetzungen eingeleitet. Zu groß war die Gefahr der Kriminalisierung der Bewegung. Dann folgten die Corona-Pandemie und der wirtschaftliche Absturz für viele Arbeiter*innen im informellen Sektor, sodass der Wohnungsnot eine Hungersnot folgte.

Daraufhin setzte MTST die Organisierung fort– zuerst digital mit Informationen über Gesundheitsmaßnahmen, dann organisierte sie Lebensmittelpakete und baute schließlich Solidaritätsküchen auf Spendenbasis. 26 sind es derzeit landesweit. Seit Mai 2021 gibt es auch wieder Besetzungsinitiativen, vor allem in São Paulo. Diesmal mit einem veränderten strategischen Ziel: der Umsetzung eines städtischen Wohnungsbauprogramms. Es ist die einzige Chance, öffentliche Gelder für sozialen Wohnungsbau zu erhalten. »Pode Entrar« (Tritt ein) heißt das neue Programm, was nun den Bewohner*innen São Paulos zugutekommen soll. Doch es läuft schleppend. »Von allein wird das Programm nicht umgesetzt«, sagt Claudia, die zu jedem Schritt der Implementierung eine begleitende Demonstration oder andere kreative Aktion aufzählt. »Erst fehlte die Unterschrift vom Bürgermeister, dann brauchte es Maßnahmen zum Kauf von Grundstücken, die Erstellung von Bauplänen.« Während die Verwaltung sich Zeit lässt, geht MTST auf die Straße und bleibt so lange, bis sie zufrieden sind.

»Der Prozess der Besetzung ist auch der Prozess einer kollektiven Politisierung«

Claudia Rosane Garcez

Dass die Bewegung aus den Peripherien eine Platzbesetzung mitten in der Innenstadt durchführt, ist auch deshalb besonders, weil sie sonst nur in der Peripherie besetzen. Aber um gehört zu werden, muss man bis zur Tür kommen.

»Der Prozess der Besetzung ist auch der Prozess einer kollektiven Politisierung«, erzählt sie. »Der Pädagoge Paulo Freire hat einmal gesagt, dass Menschen dann schnell lernen, wenn sie ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten selbst erzählen. Und wir leben in einem System, das uns jeden Tag vorgaukelt, unsere Wohnungsnot sei individuell verursacht. In den Besetzungen diskutieren wir darüber, und wir beginnen an den Orten, wo die Menschen ihre Füße auf dem Boden haben. Dadurch bauen wir unsere politische Gemeinschaft, in der wir leben wollen.«

Kleine Zelte aus Plastik auf einem zentralen Platz in Sao Paolo
Besetzungsaktion im Zentrum São Paulos. Die Aktivist*innen haben Zelte aufgestellt und dort übernachtet. Foto: Kommunikationssektor MTST

Unterdessen kocht der Gaskocher der Solidaritätsküche vor dem Rathaus. Es gibt Reis mit Bohnen, Salat und Würstchen für alle. Die Bewegung bereitet sich auf eine längere Besetzung vor dem Rathaus vor, doch sie wissen auch, dass dem Bürgermeister lediglich ein Imageverlust droht. »Wenn er Angst vor uns hätte, hätte er Tränengas auf uns gesprüht. In der Stadt tut er das nicht, weil er weiß, dass dort Kameras sind.« Diese friedliche Realität funktioniere nur im Stadtzentrum. Weit weg von den Fernsehkameras sind Polizei- und Militärgewalt an der Tagesordnung. Erst vor Kurzem wurde eine Solidaritätsküche in Porto Alegre vom Militär geräumt.

Am nächsten Vormittag gibt der Bürgermeister nach und empfängt ein Komitee der Bewegung. Drinnen wird diskutiert, draußen gesungen. Nach einigen Stunden werden die Neuigkeiten verkündet: Der Bürgermeister verspricht, die Landflächen einiger aktiven Besetzungen zu kaufen und »Pode Entrar« weiter auf den Weg zu bringen.

Schlussendlich warten viele Besetzer*innen Jahre und Jahrzehnte auf ihre Wohnungen. Ein bitterer Beigeschmack: Der Bürgermeister wird nur Gebiete in der Peripherie kaufen, Sozialbauwohnungen werden weiterhin abgeschottet von dem Innenstadtleben entstehen. Wenn der Kampf von MTST das System nicht umwerfen kann, so bewirkt er doch eines für viele: Ein Leben in menschenwürdigem Wohnraum.

Charlotte Drath

lebt zurzeit in Berlin und arbeitet als politische Bildnerin in den Themenfeldern Demokratie und Gesellschaft.

Anmerkung:

1) Errechnet aus einem Mittelwert von drei Personen pro Haushalt.