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Immer in Bewegung

Warum ak als einzige ehemalige »K-Gruppen«-Zeitung überlebt hat

Von Jens Renner

Früher war alles... nun ja. Ein glücklicher AK-Verkäufer (damals noch »Arbeiterkampf«) in den 1970er Jahren. Foto: Archiv

Wie alle »K-Gruppen« war der Kommunistische Bund (KB) ein Teil der um 1968 entstandenen Neuen Linken. In den »wilden« Streiks im September 1969 entdeckten AktivistInnen der Außerparlamentarischen Opposition die Arbeiterklasse als potenziell revolutionäres Subjekt und mit ihr den »Marxismus-Leninismus«: Die »ML-Bewegung« entstand. Als Zusammenschluss mehrerer lokaler Zirkel, zunächst vor allem in Norddeutschland, erhob der KB, im Unterschied zu einigen anderen Gruppierungen, nie den Anspruch, »die Partei der Arbeiterklasse« zu sein. Diese Partei aufbauen aber wollte auch der KB; das politisch-strategische Handwerkszeug teilte er ebenfalls mit anderen Gruppierungen: Man orientierte sich nicht nur an Lenins Parteimodell, sondern auch an seinem Zeitungskonzept.

Niedergelegt war dieses in Lenins Aufsatz »Womit beginnen?« von 1901 und in der umfangreichen Kampfschrift »Was tun?«, die ein Jahr später erschien. Sie wurde zu einer Art »Bibel« nicht nur der ML-Zirkel; die trotzkistische Gruppe Internationaler Marxisten (GIM) benannte sogar ihr Zentralorgan nach dieser Schrift. Im letzten von fünf Kapiteln skizziert Lenin darin den »Plan einer gesamtrussischen Zeitung«, deren Zweck er schon in »Womit beginnen?« auf eine damals vielzitierte Formel brachte: »Die Rolle der Zeitung beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Verbreitung von Ideen, nicht allein auf die politische Erziehung und die Gewinnung politischer Bundesgenossen. Die Zeitung ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator.«

Offene Debatten, die andere »opportunistisch« fanden

Umgesetzt wurde dieses Konzept von denen, die sich darauf beriefen, allerdings sehr unterschiedlich. Die meisten Zentralorgane pflegten einen formelhaften Verlautbarungsstil und agitierten auf Boulevardniveau. Arbeitertümelei betrieben sie alle, auch der Arbeiterkampf (AK), die Arbeiterzeitung des Kommunistischen Bundes (Untertitel). Aber der AK wurde nicht nur sehr schnell immer dicker, er wagte sich bald auch an neue Themen heran. Die Berichterstattung über betriebliche Kämpfe, Tarifauseinandersetzungen usw. nahm zwar weiterhin breiten Raum ein, sie wurde aber ergänzt um Artikel zu internationalen oder geschichtlichen Themen. Der Kampf gegen alte und neue Nazis war ohnehin von Anfang an ein wichtiger Bestandteil sowohl der Praxis als auch der Publizistik.

Der bei der Erstellung des AK betriebene Aufwand war enorm. (Das gilt auch für deren technische Seite, die in diesem Artikel, ebenso wie Vertrieb und Handverkauf, unberücksichtigt bleibt.) Thematische »Kommissionen« – z.B. die Antifa-, die Nahost- oder die Afrika-Kommission – werteten bürgerliche Zeitungen aus, übersetzten Texte aus ausländischen Zeitungen und legten umfangreiche Archive an. Und sie fingen an, Artikel zu schreiben. Diese waren ein kollektiv erarbeitetes Produkt, auch wenn nur eine Person die Feder führte. Natürlich ließ die journalistische Qualität oft zu wünschen übrig. Auch inhaltlich erscheint vieles aus heutiger Sicht problematisch, weil die Welt zu oft holzschnittartig dargestellt wurde. Im Unterschied zu den meisten anderen kommunistischen Zeitungen enthielten die Artikel allerdings meist Verweise auf die benutzen Quellen. So waren die vom AK geleisteten Beiträge zur Gegenöffentlichkeit nicht nur »dagegen«, sondern auch für die LeserInnen nachprüfbar.

Sehr früh schon profilierte sich der AK auch als Debattenorgan. So wurden 1972 gleich zwei wichtige politische Themen in der Zeitung kontrovers diskutiert: der israelisch-palästinensische Konflikt (anlässlich des palästinensischen Kommandounternehmens während der Olympischen Spiele in München) und die Haltung des KB zur bevorstehenden Bundestagswahl. Die Wahldebatte wurde nicht nur wegen ihres Ergebnisses (kritische Wahlempfehlung für die SPD), sondern auch wegen ihrer Offenheit von den anderen K-Gruppen als zutiefst opportunistisch kritisiert.

Bewegungsorientiert, aber nicht beliebig

Noch schriller wurden die Opportunismusvorwürfe, auch organisationsintern, als der KB sich ab Mitte der 1970er Jahre den später sogenannten »neuen sozialen Bewegungen« zuwandte. Veranschaulichen lässt sich das an der zahlenmäßig größten und politisch bedeutendsten Bewegung dieser Jahre, der Anti-AKW-Bewegung. Die aktive Mitarbeit von KB-GenossInnen in Bürgerinitiativen spiegelte sich im Arbeiterkampf in unzähligen »Nachrichten vom Widerstand«, so der Name einer ständigen Rubrik, wider. Die personell mit der KB-Leitung weitgehend identische AK-Redaktion lieferte die strategischen Entwürfe zu den »nächsten Aufgaben der Bewegung«. Dass diese kontrovers diskutiert wurden, versteht sich von selbst – ignoriert werden konnten sie auch von den schärfsten GegnerInnen des KB nicht.

Das galt auch für die Anfänge der grün-alternativen »Wahlbewegung«, in die der KB mit dem Hamburger Initiativenbündnis Bunte Liste und in diversen lokalen Listen massiv intervenierte. Auch hier lieferte der AK (Gegen-)Information plus Strategie. Selbstlose Dienstleistung war das nicht: Die Organisationszeitung war das wichtigste Werbemittel der »Zeitungsorganisation« KB und damit ein wesentlicher Faktor für die Gewinnung neuer Mitglieder, vorzugsweise aus den Bewegungen.

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Leftvision-Dokumentation über 40 Jahre ak (von November 2011).

So wuchs die Organisation, geriet aber zugleich, nicht zuletzt wegen der im Deutschen Herbst erfahrenen Repression, in die Krise. Diese fand 1979/80 ihr vorläufiges Ende in einer auch im AK ebenso breit wie kontrovers diskutierten Spaltung. Unter denen, die den KB verließen und die Gruppe Z gründeten, waren etliche altgediente Führungskader und fähige AK-AutorInnen. Die Gruppe Z versuchte nun die Quadratur des Kreises: die Rückkehr zum »leninistischen« Selbstverständnis der Anfangsjahre, kombiniert mit Entrismus in die neu gegründete Grüne Partei, um diese dauerhaft auf Linkskurs zu bringen. Für den KB bedeutete die Spaltung nicht nur den Verlust vieler engagierter Mitglieder; sie war auch deshalb eine Zäsur, weil die Gründung der Grünen das politische Koordinatensystem verändert hatte: Auch viele Linksradikale und ehemalige K-GrüpplerInnen strömten nun in die Partei, die von sich behauptete, »nicht links, nicht rechts, sondern vorn« zu sein.

So endete denn das erste Jahrzehnt nicht nur des KB, sondern auch des AK, der an Auflage und Einfluss verlor, mit einer Niederlage. Eine politische Bilanz dieses Jahrzehnts fällt für den AK dennoch überwiegend positiv aus, nicht nur wegen seiner Flexibilität (die für andere »Opportunismus« war). Denn die Öffnung für die Bewegungen und die flexible Bündnispolitik auch mit Bürgerlichen sind nur ein Teil des Gesamtbildes. Hinzu kommt eine gehörige Prinzipienfestigkeit dort, wo es um Grundsätzliches ging.

Am deutlichsten wird das am Agieren von KB und AK im Jahr 1977, das mit der Chiffre »Deutscher Herbst« nur unzureichend umschrieben ist. Denn 1977 begann mit erfolgreichen Massenaktionen an den AKW-Baustellen Brokdorf und Grohnde, ehe der Staat zurückschlug. Der Distanzierungsdruck nach dem RAF-Attentat auf Generalbundesanwalt Buback, der Polizeiaufmarsch gegen die Anti-AKW-Bewegung anlässlich der Demonstration in Kalkar, der nicht erklärte Ausnahmezustand während der Schleyer-Entführung – all das führte dazu, dass die westdeutsche Linke im weiteren Sinne buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stand.

Zeitung ohne Organisation und Sieg des Pragmatismus

Der AK reagierte mit politischen Appellen gegen die Abgrenzungshysterie, mit Polemik gegen die »staatstreue Linke« und, vor allem nach der Todesnacht von Stammheim, mit Gegenöffentlichkeit. Dabei war der legendäre AK-Titel mit den Porträts der RAF-GenossInnen Baader, Ensslin, Möller und Raspe und der Schlagzeile »Wir glauben nicht an Selbstmord« weit mehr als eine Trotzreaktion. Die demonstrative Weigerung, die Staatsversion gläubig zu übernehmen, wurde in der Zeitung mit einer Fülle von Indizien begründet, die gegen die Selbstmordthese sprachen. Im Klima der Einschüchterung und der freiwilligen Selbstentmündigung der bürgerlichen Presse war das nicht wenig.

Eine Bilanz des zweiten AK-Jahrzehnts, der 1980er Jahre, lässt sich nur schwer auf eine griffige Formel bringen. Nach der KB-Spaltung und mit der Dominanz der Grünen ging die Auflage weiter zurück. Zugleich eröffneten sich mit der Hausbesetzerbewegung, dann der Friedensbewegung, neue Aktionsfelder, die wiederum in der Berichterstattung und Kommentierung breiten Raum einnahmen. Vermehrt schrieben auch AutorInnen, die nicht KB-Mitglieder waren. Der AK übernahm mehr und mehr eine Scharnierfunktion, indem er unterschiedliche linke Milieus in Kontakt brachte.

Wie sehr die gesamte Linke von der politischen Großwetterlage abhängig war, zeigte sich mit dem Umbruch der Jahre 1989 bis 1991. Die Hoffnungen auf einen demokratisierten und zukunftsfähigen »Realsozialismus« waren schnell dahin. Der Streit über die politische Orientierung nach der deutschen Wiedervereinigung war im KB so heftig, dass sich die Organisation im Frühjahr 1991 auflöste. Die Zeitung aber blieb erhalten. Herausgegeben wurde sie ab Sommer 1991 von einem zweigeteilten Gebilde aus Mitgliedern der (ehemaligen) KB-Mehrheit und -Minderheit, die den »Dach-AK« herausgaben – im Grunde zwei Zeitungen in einer. Was für einige LeserInnen möglicherweise attraktiv war, schien der Mehrheit der Redaktion ein Jahr später politisch nicht mehr tragfähig. Einige unserer »Dach-AK«-KollegInnen wurden in der Folge zu WortführerInnen der Antideutschen. Wen ihr heutiger politischer Standort interessiert, der oder die lese die Bahamas.

Ab Sommer 1992 präsentierte die ehemalige KB-Mehrheit die Zeitung als »neue Folge« von ak, was seit April 1988 kleingeschrieben wird und seit August 1992 analyse & kritik bedeutet, Untertitel: Zeitung für linke Debatte und Praxis. Es folgte die vielzitierte Phase des Überwinterns, in der immer mal wieder die Sinnfrage diskutiert wurde, die eigentlich fällige Denkpause aber ausfiel – weil ein Neustart danach unmöglich erschien. Wieder einmal siegte der Pragmatismus, und das war, im Nachhinein betrachtet, auch gut so. Seitdem versuchen wir, die großen Fragen über unsere Zielgruppe, thematischen Schwerpunkte, BündnispartnerInnen usw. parallel zum laufenden Betrieb zu diskutieren. Was manchmal sogar zu Ergebnissen führt: siehe die vorliegende Ausgabe.

Dass wir damit nicht das Rad neu erfinden, versteht sich von selbst. Einige Grundprinzipien unserer Zeitungsarbeit wurden, wie gesehen, sogar schon in den Anfangsjahren entwickelt. An unsere VorgängerInnen, die uns die Zeitung vererbt haben, denken wir nicht nur, wie Brecht in seinem berühmten Gedicht »An die Nachgeborenen« für seine Generation hoffte, mit »Nachsicht«, sondern auch mit Dankbarkeit.

Jens Renner

Jens Renner war bis Sommer 2020 Redakteur bei ak.