»Verteidigung ist kein rein militärischer Akt«
Stêrk Botan, YPJ-Kommandantin aus Qamishlo, erklärt, wie und warum Frauen für Rojava kämpfen
Interview: Mila Vitsikounakis
Seit dem Angriff der HTS im Januar 2026 verteidigen die YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) als Teil der SDF (Syrischen Demokratischen Kräfte) Nord- und Ostsyrien. Die YPJ-Kämpferin Stêrk Botan beleuchtet im Interview die Perspektiven von Frauen auf das Geschehen, Selbstverteidigung und die Rolle internationalistischer Kräfte im aktuellen Krieg.
Im Januar 2026 startete die HTS einen Angriffskrieg gegen die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien. Wie bewertet ihr den bisherigen Verlauf des Krieges?
Stêrk Botan: Wir bewerten diesen Krieg nicht nach Frontverläufen, sondern danach, wer und was angegriffen wird. Seit Januar 2026 richtet sich die Gewalt der HTS, unterstützt von der Türkei, gegen die autonome Selbstverwaltung als demokratisches Projekt und insbesondere gegen die Errungenschaften der Frauenrevolution. Die HTS führt einen Angriffskrieg von faschistischem Dschihadismus gegen eine sozialistische Frauenrevolution, der darauf abzielt, das friedliche Zusammenleben verschiedener Gemeinschaften zu zerstören. Diesen Angriff interpretieren wir als Teil einer umfassenderen Strategie hegemonialer Staaten mit dem Ziel, die kurdische Freiheitsbewegung und ihren Vertreter Abdullah Öcalan, der nach wie vor in türkischer Haft sitzt, dauerhaft zu schwächen.
Der bisherige Kriegsverlauf zeigt zudem eine klare Asymmetrie: Die HTS setzt auf militärische Gewalt und Einschüchterung, während Frauen und Gemeinden unter extremem Druck kollektives Leben und Werte der Menschlichkeit verteidigen. In den arabischen Regionen, die unter die Kontrolle der HTS gefallen sind, hat die Selbstverwaltung in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, um demokratische Werte zu fördern. Die arabische Gesellschaft, traumatisiert durch den Islamischen Staat und geprägt von feudalen Stammesstrukturen, stand jedoch erst am Anfang eines Demokratisierungsprozesses. Die Angriffe der HTS können als Intervention in diesen Prozess verstanden werden.
In kurdischen Gebieten wiederum, in denen die Gesellschaft seit Jahrzehnten demokratisch organisiert ist, gelang es der HTS trotz großer Anstrengungen nicht, die soziale Basis der Autonomie zu zerstören. Dies hat direkte Auswirkungen auf die militärische Stärke der SDF und YPJ: Je mehr Unterstützung es aus der Bevölkerung gibt, desto stärker die militärische Kraft. Der Verlauf des Krieges macht deutlich, dass die ideologische Selbstorganisation die Grundlage für einen erfolgreichen Widerstand bleibt – und Frauen dabei die tragende Kraft sind.
Stêrk Botan
schloss sich 2020 den Frauenverteidigungseinheiten YPJ an. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung waren die Angriffe auf ihr Land ebenso wie der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben als Frau. Sie lebt in Nord- und Ostsyrien und spricht zu Fragen von Selbstorganisation und Frauenbefreiung.
Was meinst du mit ideologischer Selbstorganisation?
Für uns ist Selbstverteidigung kein rein militärischer Akt, sondern eine gesellschaftliche Praxis. Unsere Selbstverteidigung richtet sich in diesem Krieg gegen faschistische, dschihadistische Ideologie. Wir organisieren uns als Frauen und entwickeln gemeinsam ein Verständnis von Freiheit und kollektiver Verantwortung. In Schulungen analysieren wir die männliche Hegemonie, die die Basis eines jeden Krieges ist. Bewaffnete Verteidigung ohne dieses Bewusstsein würde Gefahr laufen, die Denkweisen, gegen die wir kämpfen, zu reproduzieren. Für uns bedeutet Selbstverteidigung auch, uns selbst zu kennen und unsere Verbindung zur Gemeinschaft zu stärken. Militärisch reagieren wir auf diesen Krieg mit anhaltender Einsatzbereitschaft, Front- und Sicherheitsmissionen sowie kontinuierlicher Ausbildung, selbst während des andauernden Konflikts.
Warum haben die YPJ als Teil der Verteidigungskräfte der Selbstverwaltung trotz des Angriffskrieges der HTS weiterhin auf eine politische Lösung gesetzt?
Diese Entscheidung beruht nicht auf militärischer Unterlegenheit gegenüber der HTS, sondern ist Teil unseres politischen Paradigmas. Seit dem Friedensaufruf Öcalans vom 27. Februar 2025 verfolgen wir verstärkt die Strategie, Konflikte politisch statt militärisch zu lösen. Ein militärischer Sieg ist keine Garantie für einen Mentalitätswandel, der eine Gesellschaft von Grund auf befreien kann. Letztendlich sind es Hegemonialmächte wie die Türkei, Israel oder die USA, die von dem Krieg zwischen uns und der HTS profitieren. Aus diesem Grund sind wir ganz klar gegen weitere Kriege. Nur so können die langfristigen Aussichten auf Autonomie und die Organisation von Frauen gesichert werden.
Welche Rolle spielen Frauen in diesem Krieg? Wie hat sich die Situation von Frauen in der Gesellschaft und in den von der HTS besetzten Gebieten verändert?
Frauen stehen im Zentrum dieses Krieges, weil sie im Zentrum des angegriffenen Gesellschaftsmodells stehen. Innerhalb der Verteidigungskräfte tragen Frauen Verantwortung auf allen Ebenen – militärisch, organisatorisch und politisch. Die YPJ ist dabei nicht nur eine bewaffnete Struktur, sondern ein Ort der Selbstorganisierung, durch die sich Frauen gegen bestehende Machtverhältnisse verteidigen.
In den von der HTS kontrollierten Gebieten werden Frauen systematisch unterdrückt und erniedrigt. Diese Realität macht deutlich, dass es nicht einfach um die Kontrolle über Land geht, sondern darum, ob Frauen ein Leben in Freiheit führen können. Die Bilder von misshandelten Frauenkörpern und ihren abgeschnittenen Zöpfen haben große Wut in uns entfacht und spornen uns an, uns noch besser zu organisieren. Die Reaktionen, die wir aus aller Welt erhalten haben, haben uns gestärkt und einmal mehr bewiesen, dass die Frauenrevolution die Basis des Widerstands ist.
In Medien ist viel die Rede von einem Krieg zwischen Kurd*innen und Araber*innen. Wie verteidigen die Frauen der YPJ in dieser Situation die Idee des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen?
Genau, neben den massiven Angriffen auf Frauen richtet sich dieser Krieg gezielt gegen die Einheit der Völker in Syrien. Um die Gesellschaft zu schwächen, versuchen HTS und imperialistische Kräfte, einen Konflikt zwischen der kurdischen und der arabischen Bevölkerung zu provozieren. Im Gegensatz zu früheren Konflikten mit islamistischen Gruppen agiert die HTS dabei diesmal viel diplomatischer und medienwirksamer. Der Informationskrieg wird sowohl über digitale Medien als auch über internationale Medien wie Al Jazeera geführt, was für die Revolution ebenso gefährlich ist wie der militärische Konflikt.
Um die Gesellschaft zu schwächen, versuchen HTS und imperialistische Kräfte, einen Konflikt zwischen der kurdischen und der arabischen Bevölkerung zu provozieren.
Diese Art von Krieg richtet sich direkt gegen unsere internationalistischen Werte, die heute von besonderer Bedeutung sind. Gegen nationalistische Hetze streben wir den Aufbau einer demokratischen Nation an, das heißt die gemeinsame Organisation aller Völker auf der Grundlage der Philosophie Öcalans. Wir führen diesen Kampf sowohl in unserem täglichen Leben als auch an den Fronten fort: Wir stehen als Kurd*innen und Araber*innen genauso jeden Tag gemeinsam in der Bäckerei, um die Bedürfnisse der Gemeinschaft zu erfüllen, wie wir an den Fronten zusammenstehen, um unser Zusammenleben zu schützen.
Du hast von internationalistischen Werten gesprochen. Welche Rolle spielen unter den aktuellen Bedingungen demokratische, internationalistische Kräfte – und insbesondere Frauen innerhalb dieser Kräfte?
Unsere Bewegung ist vom ersten Tag an eine internationalistische gewesen. In der aktuellen Phase wird die zentrale Bedeutung von Internationalismus erneut deutlich. Dass die HTS trotz ihres Ziels, die Autonomie zu untergraben, gezwungen war, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, ist Öcalans diplomatischen Bemühungen und dem Widerstand der lokalen Bevölkerung zu verdanken. Aber auch der internationale Druck der letzten Wochen spielte eine essenzielle Rolle. Die organisierte kurdische Gesellschaft weltweit und internationalistische Kräfte haben Massenmobilisierungen auf die Beine gestellt und sind zu Hunderten nach Rojava gekommen. Das war wesentlich für den bisherigen Verlauf des Krieges. Die kritische Phase ist jedoch noch nicht überwunden. Deshalb ist es wichtig, den internationalen Druck nicht abflauen zu lassen.
Das hier entwickelte Projekt ist ein konkretes Beispiel dafür, dass sozialistische Frauen – jenseits nationaler, ethnischer oder religiöser Zuschreibungen – unter Bedingungen von Krieg und Gewalt eigenständige politische Strukturen aufbauen und verteidigen können. Weder die dschihadistische Ideologie noch der Integrationsprozess werden uns davon abhalten, uns weiterhin zu organisieren, sowohl in den kurdischen, als auch in den arabischen Gebieten Syriens. Denn wir haben gelernt, uns unter schwierigsten Bedingungen zu organisieren. Entscheidend ist, dass wir an unsere eigene Stärke glauben. Und unsere größte Stärke ist die Einheit der Frauen weltweit. Daher appellieren wir an die internationalistischen und demokratischen Kräfte überall: Die Rojava-Revolution ist die Revolution all jener, die an die Menschlichkeit glauben und Frieden stiften wollen. Lasst sie uns gemeinsam verteidigen.