»Rojava ist mehr als ein Territorium«
Die Soziologin Rosa Burç erklärt, was in Syrien derzeit bedroht und warum die sogenannte kurdische Frage ein gesamtregionaler Schlüsselkonflikt ist
Interview: Bartholomäus Laffert
Rojava ist bedroht. Doch wie lässt sich verstehen, was dort verteidigt und warum es gerade jetzt attackiert wird? Rosa Burç erklärt im Interview, weshalb eigene Sicherheits- und Verwaltungsstrukturen für Kurd*innen überlebensnotwendig sind, warum Al-Sharaa und die HTS auf internationaler Bühne so schnell salonfähig wurden und welche Rolle die Türkei beim aktuellen Angriff auf Rojava spielt.
Kobanê wird belagert, die von der Autonomen Selbstverwaltung kontrollierten Gebiete stehen unter Beschuss. Erleben wir gerade das Scheitern von Rojava?
Rosa Burç: Ich würde nicht sagen, dass Rojava gescheitert ist. Rojava ist nicht nur ein Territorium, sondern steht für die politische Idee der gleichberechtigten Teilhabe. Dieser Idee folgend, wurden in Nordostsyrien in den letzten vierzehn Jahren demokratische, feministische und multiethnische Strukturen etabliert. Was wir gerade erleben, ist eine massive Bedrohung. Bis heute (Stand 13. Februar) ist Kobanê belagert, es kommt nur sehr wenig humanitäre Hilfe an, Menschen wurden vertrieben. Das alles geschieht unter schwierigen Wetterbedingungen eines harten Winters. Rojava wird in eine Enklave gedrängt, doch das Gesellschaftsmodell selbst reicht weiter.
Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa hatte zwischenzeitlich angekündigt, die kulturellen und sprachlichen Rechte der Kurd*innen zu stärken: Kurdischer Unterricht an Schulen, Staatsbürgerschaft für ehemals Staatenlose. Braucht es Rojava dann noch?
Ja, unbedingt. Diese Versprechen kamen inmitten einer Gewalteskalation im Zuge der Angriffe auf kurdische Stadtteile in Aleppo. Die Dekrete wurden als großzügige Zugeständnisse verkauft, dabei reden wir über elementare Menschenrechte, das absolute Minimum. Rojava steht aber für föderale Selbstverwaltung. Die Menschen wollen ihre Angelegenheiten selbst regeln, auch Fragen der Sicherheit und des Schutzes. Genau das steht zur Disposition. Die eigentliche Frage lautet: Gibt es in einem Post-Assad-Syrien noch dezentrale, demokratische Räume – oder nur kulturelle Symbolpolitik bei gleichzeitiger politischer Entmachtung?
Schon am 10. März 2025 hatten die Übergangsregierung und die Autonome Selbstverwaltung Rojavas ein Abkommen geschlossen, das als Basis für die Integration Letzterer in den syrischen Staat galt. Warum ist es gescheitert?
Die kurdische Seite war immer bereit zur Integration – aber nicht zur Selbstauflösung. Die entscheidende Frage war: Werden die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) als kollektiver Akteur in die syrischen Streitkräfte integriert, inklusive ihrer Fraueneinheiten, oder nur als einzelne Individuen in eine zentralistische Armee? Die Regierung und die Türkei wollten Ersteres nicht akzeptieren, für die kurdischen Kräfte wiederum war es nicht verhandelbar.
Warum?
Es gibt eine tief verankerte Vertrauenskrise. Kurd*innen haben historisch immer wieder erlebt, dass Staaten versagen, wenn es um ihren Schutz geht. 2014, beim Genozid an den Jesid*innen durch den Islamischen Staat (IS), haben sich internationale und regionale Akteure zurückgezogen. Die kurdische Bewegung hat eingegriffen, humanitäre Korridore geöffnet, Sicherheit organisiert. Solche kollektiven Erfahrungen prägen: Wenn es ernst wird, greift das Schutzversprechen des Staates nicht.
Es gibt eine tief verankerte Vertrauenskrise. Kurd*innen haben historisch immer wieder erlebt, dass Staaten versagen, wenn es um ihren Schutz geht.
Rosa Burç
Am 30. Januar haben nun al-Sharaa und Mazloum Abdi von der SDF ein erneutes Abkommen unterzeichnet. Wie bewertest du das Abkommen?
Ich würde sagen, dass die grundlegende Vertrauenskrise fortbesteht. Man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei um einen Integrationsplan handelt, der eigentlich bereits in der Zeit nach dem Abkommen vom März 2025 hätte verhandelt und umgesetzt werden sollen. Dass dieser Prozess durch eine massive Gewalteskalation seitens der syrischen Interimsregierung faktisch gekippt wurde, stellt einen gravierenden Vertrauensbruch dar.
Gleichzeitig bleibt das Abkommen wichtig. Es ist unter erheblichem Druck entstanden und hat weitere Massaker verhindert. In einer Situation akuter existenzieller Bedrohung war es ein Instrument der Deeskalation. Ich wäre aber vorsichtig, es als Ausdruck stabiler politischer Einigung zu verstehen. Zentrale Fragen bleiben offen, etwa: Was geschieht mit Afrin, Kobanê und anderen belagerten und militarisierten Regionen? Und wie wird die dramatische humanitäre Lage verbessert?

Rosa Burç
ist Soziologin und Expertin für soziale Bewegungen, politische Gewalt und die kurdische Frage. Sie promovierte am Centre on Social Movement Studies der Scuola Normale Superiore in Florenz. Dort hat sie untersucht, wie kurdische Mobilisierungsprozesse jenseits von Staatlichkeit entstehen und sich entwickeln.
Trotz der Risiken und der Vorgeschichte: Innerhalb kürzester Zeit haben es Übergangspräsident Sharaa und seine einstige islamistische Miliz HTS geschafft, zum syrischen Staat zu werden. Wie?
Wir erleben gerade einen klassischen Prozess der Staatswerdung. Gruppen, gegen die gestern noch die Anti-IS-Koalition gegründet wurde, werden zu legitimen Ansprechpartnern, sobald sie die Sprache des Staates sprechen. Die HTS performt Staatlichkeit: Ministerien, Sicherheitsabkommen, internationale Gespräche. Das reicht offenbar aus, um als Regierung akzeptiert zu werden – weder gab es Wahlen noch einen demokratischen Transitionsprozess.
Das zeigt ein strukturelles Problem internationaler Politik: Staaten sprechen mit Staaten. Wer keine Staatlichkeit besitzt, fällt aus dem Raster – selbst, wenn er historisch in diesem Land lebt. So werden die Kurd*innen plötzlich zum Beispiel medial als »Besatzer« dargestellt, während neue Machteliten legitimiert werden.
Welche Rolle spielt die Türkei in diesem Prozess?
Eine bislang nicht so sichtbare, aber zentrale Rolle. Die Türkei hat über Jahre hinweg Milizen unterstützt oder zumindest toleriert, die antagonistisch zur kurdischen Selbstverwaltung stehen, darunter auch die HTS. Die Entwicklungen in Syrien lassen sich darüber hinaus nicht ohne die innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei verstehen. Diese betrachtet jede Form kurdischer Selbstverwaltung erst einmal als potenzielle Bedrohung für die eigene nationale Integrität; der Annäherungsprozess mit der PKK läuft auf staatlicher Seite bislang nicht wertegeleitet, sondern ist strategisch motiviert. Parallel dazu wurde der innenpolitische Friedensprozess an die Syrienfrage gekoppelt.
Kannst du diesen Zusammenhang ausführen?
Die sogenannte kurdische Frage ist keine nationale Randfrage der jeweiligen Nationalstaaten, in denen Kurd*innen leben, sondern ein gesamtregionaler Schlüsselkonflikt. Rojava gehört historisch, politisch, geografisch und soziopolitisch sowohl zu Syrien als auch in jeder Hinsicht zu Kurdistan. Entsprechend lässt sich die aktuelle Entwicklung in Syrien nicht verstehen, wenn die Situation in Rojava nur mit Bezug auf Damaskus betrachtet wird. Eine Analyse, die diese Zusammenhänge ausblendet, greift zwangsläufig zu kurz.
Die innenpolitische Lage in der Türkei ist dabei von zentraler Bedeutung. Die dort ungelöste Nationalismus-Frage erzeugt seit Jahrzehnten ein strukturelles Unterdrückungsverhältnis zu marginalisierten Bevölkerungsgruppen, das immer wieder nach außen verlagert wird. Was innenpolitisch nicht gelöst oder nicht zugelassen wird – etwa Dezentralisierung, politische Pluralität oder Formen kurdischer Selbstverwaltung –, prägt auch außenpolitische Reflexe und Doktrinen. Rojava wird so zu einem Projektionsraum türkischer Innenpolitik. Nationalstaatliche Dogmen, die durch den Friedensprozess innerhalb der Türkei an erste Grenzen stoßen, werden nun jenseits der Grenze reproduziert: die Vorstellung eines homogenen, zentralistischen Staates mit einer Nation, einer Sprache und einer einheitlichen Sicherheitsordnung. Dass diese Logik auch die Post-Assad-Transition in Syrien prägt, ist kein Zufall, sondern Ausdruck dieser regionalen Verflechtungen, die Teil der sogenannten kurdischen Frage sind.
Wer steht an der Seite der Kurd*innen?
Wir sehen eine enorme Mobilisierung in ganz Kurdistan und in der Diaspora. Auch Akteure wie die kurdische Regionalregierung im Nordirak verhalten sich heute anders als noch vor zehn Jahren. Rojava ist für viele zur »roten Linie« geworden; nicht nur, weil es ein politisches Projekt ist, sondern allein schon wegen des enormen Blutzolls im Kampf gegen den IS.
Wenn Rojava angegriffen wird, treten innerkurdische politische Differenzen in den Hintergrund. Es ist 2026, und noch immer sind Kurd*innen einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt. Wenn selbst ihre nichtseparatistischen, multiethnischen Gesellschaftsentwürfe nicht toleriert werden, welche kurdische Zukunft ist dann noch möglich?