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|Thema in ak 720: künstliche Intelligenz

Minen für den Chatbot

Mit überhasteten Maßnahmen versucht die EU, im Rennen um KI-Komponenten aufzuholen

Von Michael Reckordt

Zeichnung eines riesigen Roboters umgeben von Sternchen, der einen Fuß in einem Fluss hat und einem auf dem Land. Er greift sich Bäume und isst sie, hinter him eine abgeholzte Landschaft
Illustration: Maik Banks

Die EU wird aktuell an beiden Enden der Lieferketten von China abgehängt: Sowohl mit Blick auf den Rohstoffabbau und dessen Weiterverarbeitung als auch im Bereich der Zukunftstechnologien. Dies führt zu überhastetem Handeln, bei der die Politik der Wirtschaft möglichst alle Wünsche erfüllen möchte. Darunter leiden Umwelt- und Sozialstandards sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU.

China investiert massiv in neue Technologien. Das Land gilt als Marktführer bei der Produktion von erneuerbaren Technologien (Wind, Solar, Speicher) und (Mobilitäts-)Batterien. Auch bei Mikrochips hat China massiv aufgeholt. Im Januar 2025 machte die KI Deepseek weltweit von sich reden, weil sie mit US-Produkten konkurrieren konnte. Die EU will auch hier ihren Rückstand aufholen.

Und dafür ist beides notwendig: Eine Aufholjagd im Bereich der Technologien, aber auch beim Rohstoffabbau. Denn, so erklärt die US-Professorin und Expertin für KI Kate Crawford in der Zeit, »Mineralien sind das Rückgrat der KI, Energie ist ihr Lebenselixier.« Die NGO Algorithmwatch verdeutlicht den Zusammenhang auf ihrer Homepage: »KI verbraucht Rechenleistung. Eine bestimmte Hardware ist dafür notwendig, die in Rechenzentren untergebracht wird. Für die Server dort werden Mineralien wie Lithium oder Kobalt und Seltene Erden für Grafikprozessoren, Halbleiter und Batterien benötigt.« Der weltweit größte Hersteller von Grafikprozessoren und Mikrochips, Nvidia, gibt an, dass für seine Graphics Processing Units (GPUs) unter anderem Aluminium, Kupfer, Silizium, Zinn, Tantal und Wolfram benötigt werden. Viele der Zulieferer wiederum säßen laut Nvidia in Indonesien oder China. Ein einziges Rechenzentrum von OpenAI oder Oracle in den USA nutzt bis zu einer halben Million dieser GPU. »Über 70 Prozent der gesamten Rechenzentrenkapazität sitzt heute in Amerika. Nur fünf Prozent in Europa, der Rest in Asien und vor allem China. Deswegen müssen wir hier aufrüsten«, fordert Timotheus Höttges, Vorsitzender der Telekom im Podcast von Table.Briefings.

Billige Energie für Europa

Der Rückstand der EU hat sich über das letzte Jahrzehnt aufgebaut. Lange Zeit hat Europa von der internationalen Arbeitsteilung profitiert und die dreckigen, gefährlichen und weniger lukrativen Schritte der Wertschöpfung ausgelagert. Während der Bergbau in Lateinamerika, Asien oder Afrika stattfand, China und Südostasien zur Werkbank der Welt wurden, blieben die gut bezahlten, relativ sicheren Jobs in der Technologieentwicklung in Europa. Die Güter der chemischen, Automobil- oder Anlagenbauindustrie wiederum wurden mit großen Gewinnen wieder exportiert. Doch spätestens seit der Corona-Pandemie und dem russischen Angriff auf die Ukraine erweisen sich diese ehemals »robusten Lieferketten« als störanfällig. So endete die bequeme Versorgung mit billigen, fossilen Rohstoffen aus Russland und die neuen Lieferländer, namentlich Katar und die USA nutzten ihre dadurch gewonnene Stärke gegenüber der EU aus.

Lange Zeit hat Europa die dreckigen, gefährlichen und weniger lukrativen Schritte der Wertschöpfung ausgelagert.

Doch nicht nur die Versorgung mit fossilen Rohstoffen hat sich verändert. In den letzten Jahren haben sich Konflikte um metallische Rohstoffe intensiviert. Dabei hat es die EU versäumt, sich mit Kreislaufwirtschaft und Verbrauchssteuerung frühzeitiger vorzubereiten. Schon im Jahr 2010 hatte China den Export von Seltenen Erden gedrosselt. Das Land hatte damals ein Produktionsmonopol von über 90 Prozent. Die Drosselung war notwendig geworden, da in der chinesischen Provinz der Inneren Mongolei der Abbau von Seltenen Erden zu radioaktiver Verseuchung und der Zerstörung der Lebensgrundlagen der örtlichen Bevölkerung führte. Als sich Umweltprotestgruppen formierten, sah sich die Regierung in Beijing gezwungen, Produktion und Export zu drosseln. Der Markt für Seltene Erden wurde politisch bereinigt und konsolidiert. Schon im Oktober 2010 warnten deutsche Industrie, Politik und Medien vor Verwerfungen im internationalen Handel und den neuen Abhängigkeiten.

Die damalige schwarz-rote Bundesregierung reagierte mit einer Rohstoffstrategie, um die Versorgungssicherheit der Industrie zu sichern. Sie versprach mehr Freihandel, mehr Unterstützung beim Einkauf und der Erschließung neuer Rohstoffquellen. Doch da die Preise für Seltene Erden bald wieder sanken, agierte die Industrie wie zuvor: sie verließ sich auf die Globalisierung und die Auslagerung von dreckigen und gefährlichen Wertschöpfungsschritten. Der Einkaufspreis der Rohstoffe war wieder wichtiger als die nachhaltige, umweltfreundliche oder auch nur resiliente Beschaffung.

Ressourcen für Mega-Rechenzentren

Gleichzeitig lagerte die chinesische Industrie ihrerseits vermehrt dreckige Arbeitsschritte aus. So ist in den letzten Jahren Myanmar ein wichtiges Abbauland von Seltenen Erden geworden, die nahezu komplett nach China exportiert werden. Während Beijing derweil die Weiterverarbeitung dieser Metalle, die Produktion von Hochleistungsmagneten aus Seltenen Erden bis hin zu den damit verbundenen Technologien kontrolliert, ist das durch den Bürgerkrieg gezeichnete Myanmar mit massiver ökologischer Zerstörung und gravierenden Menschenrechtsverletzungen konfrontiert. Die Zeit berichtete im März 2025: »Die Ausbeutung der irdischen Ressourcen hinterlässt unbewohnbare Mondlandschaften. Für jede Tonne Seltener Erden fallen bis zu 2.000 Tonnen giftigen Abfalls an, 1.000 Tonnen mit Schwermetallen verunreinigtes Wasser, 1,4 Tonnen radioaktiver Müll und große Mengen klimaschädlicher Emissionen.«

Im Oktober 2025 dominierte der Wirtschaftskonflikt zwischen den USA, der EU und China dann erneut die hiesigen Debatten. China hatte zuvor Exportkontrollen für Seltene Erden eingeführt. Exporte dieser Rohstoffgruppe benötigen nun eine Genehmigung der Ausfuhrbehörden. Dafür müssen Unternehmen offenlegen, für welche Anwendungen die Rohstoffe gebraucht werden. Deren Nutzung für Rüstungsgüter wurde komplett untersagt. Auch bei Antimon, Gallium und Germanium war es in der jüngeren Vergangenheit zu ähnlichen Exportrestriktionen gekommen. Die drei Rohstoffe werden, genauso wie Seltene Erden, unter anderem für Mikrochips und in Rechenzentren verwendet.

KI oder Elektromobilität?

Die europäische Politik will nun handeln und unabhängiger werden. EU-Präsidentin Ursula von der Leyen betonte in ihrer Rede zur Lage der Union am 10. September 2025: »Eine europäische KI ist für unsere Unabhängigkeit entscheidend« und kündigte an, die EU werde massiv in europäische Giga-Fabriken investieren. Dafür müsse Europa die Rohstoffe, die für den Aufbau dieser Fabriken benötigt werden, sicherstellen.

Die strategische Relevanz ihrer Grundstoffe hebt auch die Rohstoffindustrie selbst seit Jahren hervor, wenngleich die Begründung dafür über die Zeit variiert. Standen in den 2010er Jahren noch die Umwälzungen der Industrie 4.0 und die Digitalisierung im Vordergrund, wechselte der Fokus in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre zu den Bedarfen für erneuerbare Energien und Elektromobilität. Seit etwa drei Jahren wird die Notwendigkeit des Bergbaus für Rüstungs- und Verteidigungsziele hervorgehoben. Eine Studie des europäischen Joint Research Center (JRC) aus dem Jahr 2023 belegt, dass schon jetzt viele Rohstoffe sowohl für KI (Datenzentren) als auch für Erneuerbare (Wind und Solar) sowie für Elektromobilität genutzt werden. Dazu zählen unter anderem Massenrohstoffe wie Kupfer, Aluminium oder Eisen, aber auch Metalle mit spezielleren Eigenschaften wie Mangan, Nickel, Seltene Erden sowie Niob, Gallium, Germanium und Antimon. Auch für viele Rüstungsgüter wie Drohnen oder Satellitentechnik sind die genannten Rohstoffe relevant. Laut JRC ergeben sich allein für Datenzentren in der EU im Jahr 2030 Materialbedarfe von Terbium, Neodym, Dysprosium und Palladium, die über der globalen Produktion im Jahr 2020 lagen. Hier deuten sich also ohne Technologiesprünge bei dem erwarteten Verbrauch große Produktionsknappheiten an.

Während nun Rechenzentren geplant und gebaut werden, ist es nicht so einfach, den dreckigen Bergbau zurück nach Europa zu holen. Die europäischen Lagerstätten sind häufig kleiner und weniger lukrativ. Sie befinden sich nicht selten in oder neben Naturschutzgebieten. Europaweit haben sich Proteste gegen sogenannte strategische Bergbauprojekte formiert, die von der EU-Kommission ohne öffentliche Beteiligung und ohne Informationsbereitstellung ausgewählt werden. Die EU will mit diesen strategischen Projekten etwa zehn Prozent ihres Rohstoffverbrauchs bis 2030 sichern. Doch Rechtsanwälte von Green Legal Impact kommen zu dem Ergebnis, dass die Auswahl der Projekte gegen interne EU-Standards verstößt und daher ungültig ist.

Darüber hinaus fällt der Politik wenig ein als ein klassisches Weiter-So. Mehr Handelsabkommen und Rohstoffpartnerschaften sollen abgeschlossen werden, um weitere Lieferländer für neue Rohstoffquellen zu erschließen. Ökologische oder soziale Bedenken werden ignoriert. Neu sind allerdings staatliche Eingriffe in Form eines deutschen Rohstofffonds, mit dessen Hilfe sich die Bundesregierung direkt an Bergbauprojekten im In- und Ausland beteiligen will oder der Aufbau von strategischen Rohstoffreserven durch die EU-Kommission.

Dass eine gewisse Menge an metallischen Rohstoffen für Rechenleistung oder auch Erneuerbare Energien benötigt wird, steht außer Diskussion. Doch komplett ignoriert wird, dass der global ungerechte und zu große Verbrauch in Europa nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. In der EU leben sechs Prozent der globalen Bevölkerung, sie nutzen aber laut Berechnungen von Friends of the Earth etwa ein Viertel aller Rohstoffe. Wenn Metalle für neue Technologien benötigt werden, müssen gleichzeitig auch Einsparungen in anderen Sektoren vorangetrieben werden. Der Mobilitätssektor als größter Verbraucher von Metallen drängt sich hier auf. Gleichzeitig braucht es Kreislaufwirtschafts- und Nachhaltigkeitsziele für die aktuell verwendeten Rohstoffe in der KI oder anderswo.

Michael Reckordt

arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei der Berliner NGO PowerShift zur europäischen und deutschen Rohstoffpolitik. Er setzt sich für eine sozial-ökologische Transformation in Form einer Rohstoffwende ein.

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