analyse & kritik

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|Thema in ak 675: Ist die Zeit der Utopien vorbei?

Die Linke und der Untergang

Ganz neu ist die progressive Endzeitstimmung nicht

Von Johannes Tesfai

Linke Politik war historisch immer wieder von apokalyptischen Vorstellungen getrieben. Der reformistische Zweckoptimismus der alten Sozialdemokratien bildet nur einen kleinen Ausschnitt linker Theorie und Praxis. So ging ein Großteil der Arbeiter*innenbewegung nach dem Ersten Weltkrieg von einer Todeskrise des Kapitalismus aus. Die Strukturen der Gesellschaft galten als nicht reformierbar, die kapitalistische Krise würde alles mit sich in den Abgrund reißen. Dazu kam die Erfahrung des Ersten Weltkriegs als erstem vollindustrialisiertem Krieg. War das Versprechen des alten Marxismus noch, die Produktivkräfte im Sinne der Arbeiter*innen anderen Zwecken zuzuführen, zeigte der Weltkrieg erstmals, dass große Industrie als reine Zerstörung funktionieren konnte.

Mit dem Aufkommen der faschistischen Bewegungen in Europa zeigte sich erneut ein gesellschaftliches Untergangsszenario. Der kritische Theoretiker Walter Benjamin fasste die Revolution als Notbremse in der Geschichte, um die Katastrophe, auf die die Menschheit zurase, zu verhindern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bewaffneten sich viele Staaten der Welt mit Atombomben. Die frühe Friedensbewegung und die politischen Studierenden antworteten mit dem Slogan »Kampf dem Atomtod«, als die kaum entnazifizierte Bundeswehr Atomwaffen anschaffen wollte. Mit der um sich greifenden Nuklearbewaffnung bestand die Möglichkeit, jederzeit den gesamten Planeten per Knopfdruck zu zerstören. In der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre war das Wissen um diese Gefahr als latente Endzeitstimmung stets präsent.

Auch wenn die meisten linken Bewegungen für sich in Anspruch nehmen, dem drohenden Weltuntergang mit ihrer Politik Einhalt gebieten zu wollen, gilt das nicht zwingend für den Anarchismus. Mit den sozialen Kämpfen rund um die Eurokrise 2008 schaute die Welt nach Griechenland, wo der politische Anarchismus in den Mobilisierungen eine wichtige Rolle spielte. Einige Fraktionen dort verstanden sich explizit als Nihilist*innen. Sie lehnen jede Form des Kompromisses ab, ihre Brennt-alles-nieder-Perspektive kann geradezu als pro-apokalyptisch beschrieben werden.

Johannes Tesfai

ist ak-Redakteur.

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