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|Thema in ak 662: Linke Männlichkeit

»Auf den eigenständigen Männerstandpunkt ist kein Verlass«

Die Geschichte der linken Männerbewegung und das problematische Verhältnis von Männern und Feminismus heute

Von Kim Posster

Profeminismus birgt die Gefahr sich für besser als die »Mainstream-Männer« zu halten: »Männer von Qualität respektieren die Gleichheit von Frauen.« Foto: Samantha Sophia/unsplash

Männer bewegen sich als Männer in der Regel aus Reaktion: »Mir ist kein Fall eines Mannes bekannt, der von sich aus sagen könnte, von sich aus erkannt/erfahren zu haben, dass das Patriarchat an sich eine Riesensauerei und sein konkretes patriarchales Verhalten nicht nur Ausdruck dieser Sauerei ist, sondern aktiv und ursächlich Unterdrückung umsetzt bzw. organisiert«, heißt es zum Beispiel in einem 1995 erschienenen Artikel im »Profeministischen Männerrundbrief« (1), dem von 1993 bis 2002 erschienenen Diskursorgan der autonomen, antisexistischen Männerbewegung.

Die profeminstische Männerbewegung, die in den späten 1970ern aus linken Zusammenhängen entstand und Ende der 1990er Jahre endete, wäre ohne die zweite Frauenbewegung undenkbar gewesen. Die Schwulenbewegung, die konkrete Überschneidungen mit der Frauenbewegung hatte (spätestens ab dem legendären Tuntenstreit von 1973), wird von vielen Aktivisten der Männerbewegung ebenfalls als Anstoßpunkt ihrer Bewegung beschrieben – ein Hinweis darauf, dass das, was sich »Männerbewegung« nannte vor allem hetero-cis-Männerbewegungen waren.

Ein Blick in die Geschichte dieser Bewegung, ihre Entstehung und vor allem ihr Scheitern, verrät einiges über das Verhältnis von Männlichkeit und Feminismus heute. Männlichkeit, so lässt sich dort lernen, gilt es weder zu erkunden noch zu befreien. In und während emanzipatorischer Praxis muss Männlichkeit stattdessen immer wieder zum Problem gemacht werden, für das vor allem Männer organisiert Verantwortung übernehmen müssen.

Männer bewegen sich nur aus Reaktion

Die antisexistische Männerbewegung speiste sich aus zwei Quellen, die ineinander übergingen und nebeneinander existierten. Der erste historische Bezugspunkt war die feministische Selbsterfahrungspraxis der zweiten Frauenbewegung, der zweite der Kampf von Feminist*innen gegen sexuelle Gewalt in linken Zusammenhängen.

Aus der ersten Quelle gründeten sich Männerselbsterfahrungsgruppen. Männer, die beeindruckt davon waren, dass Frauen kollektiv ihren Geschlechtscharakter reflektierten und selbst gestalten wollten, taten sich nach ihrem Vorbild zusammen, um Männlichkeit zu erkunden und zu besprechen. Weil Aspekte wie Emotionalität, Sexualität und Beziehung in den »allgemeinen« politischen Räumen keinen Platz hatten und Männer gerade hier oft keinen Zugang zu sich fanden, konzentrierten sich die Männergruppen vor allem auf diese Punkte.

In dieser Tradition stehen auch Männer-Radikale-Therapie (MRT)-Gruppen, die therapeutische Prozesse kollektiv und in aktivistischer Perspektive betreiben wollten. MRT-Gruppen gibt es stellenweise bis heute beziehungsweise wieder. Auch die Workshop- und (Selbst-)Bildungsszene, die sich mittlerweile um das Schlagwort »Kritische Männlichkeit« gebildet hat, schließt in großen Teilen an die Tradition männlicher Selbsterfahrungsgruppen an. Solche Ansätze der Auseinandersetzung von Männern mit Männlichkeit gilt es zu kritisieren.

Die Geschichte der Männer-Selbsterfahrungsgruppen zeigt viele der Problematiken, die heutige Versuche von »Kritischer Männlichkeit« stets wiederholen: Männer, die sich relativ lose und offen zum Thema Männlichkeit zusammentun, kreisen in der Regel im schlechten Sinne um sich selbst. Sie vermischen die notwendigen emotionalen Prozesse von Männlichkeitskritik mit ihrer Sehnsucht nach männlicher Identität und Gemeinschaft. Denn Männlichkeit kritisieren und aufgeben und gleichzeitig Mann bleiben wollen und müssen ist ein tiefer Widerspruch, an dem die meisten Männer immer wieder scheitern.

Wenn sie sich dafür zusammentun, neigen sie dazu, sich gegenseitig verständnisvoll zu decken, statt immer wieder (Selbst-)Kritik einzufordern. Wie Jeja Klein in ak 661 dargelegt hat, haben Männer aus guten Gründen Angst vor Feminist*innen. Deswegen treibt sie beim Verhältnis von Männlichkeit und Feminismus meistens die Frage um, wie sie trotz feministischer Kritik noch Männer sein können. Stattdessen sollten sie sich fragen, wie sie feministische Kritik und Bewegung vorantreiben können, obwohl sie Männer sind.

Es ist kein Zufall, dass auch die Maskulinisten, Angehörige der rechten Männerrechtsbewegung, aus der Selbsterfahrungstradition entstanden und ihr dort kultiviertes Selbstmitleid umstandslos in organisierte Misogynie übersetzen konnten. Ich habe selbst über zwei Jahre damit verbracht, mit anderen Männern in »Männlichkeit an sich« herumzustochern und daraus eine eigene Position und Praxis entwickeln zu wollen. Gefunden habe ich nur (die eigene) männliche Abwehr und Frustration.

Ohne Feminismus geht es nicht

»Auf den eigenständigen Männerstandpunkt ist kein Verlass«, resümierte auch der eingangs zitierte Aktivist im Profeministischen Männerrundbrief seine sechs Jahre in der Bewegung. Aus der Geschichte lässt sich lernen, dass die innerliche Suche nach »der Position« oder »der Erfahrung«, von der aus Männer garantiert antipatriarchal wirken können, in Sackgassen führt. Eine Auseinandersetzung mit Männlichkeit erfordert kontinuierliche Arbeit und Selbstkritik, die sich an konkreten Widersprüchen abarbeitet. Solange die Auseinandersetzung mit Männlichkeit isoliert von feministischen Kämpfen und der Frage nach der konkreten Rolle von Männern darin stattfindet, bleibt sie etwas, das Männer mit zweifelhaften Motiven tun und lassen können, wie es ihnen beliebt – oder wie es im Männerrundbrief heißt: »Befreiung aus dem Patriarchat ist aus Männersicht zunächst eine Geschmacksfrage.«

In Anbetracht dessen verfallen heutige Aktivist*innen manchmal in Versuche, Männern Feminismus »schmackhaft« zu machen, etwa indem sie ihnen vorrechnen, welche Vorteile ihnen der Feminismus so bringt, oder indem überlegt wird, wie man Männer möglichst effektiv in das feministische Projekt »einladen« kann. Männer werden freundlich gebeten, doch bitte mitzumachen. Die Geschichte der zweiten Quelle der antisexistischen Männerbewegung, der Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt, zeigt, dass auch ganz andere Konsequenzen möglich sind.

Die 1980er Jahre waren geprägt von der feministischen Skandalisierung sexueller Gewalt. Vor allem in den gerade erst entstehenden Autonomen Zentren (AZs) war die Kontinuität männlicher Gewalt in »linken Freiräumen« schmerzhaft offensichtlich. Hier forderte die zweite Frauenbewegung nicht nur eine individuelle, sondern auch eine kollektive Verantwortungsübernahme von Männern. Dabei zogen sich die Feminist*innen jedoch nicht aus den geteilten Räumen zurück, wie es heute oft passiert, sondern versuchten diese zu übernehmen: Männer wurden zum Beispiel, nachdem ein neuer Fall bekannt wurde, aus dem gemeinsamen Plenum des AZs beziehungsweise der politischen Gruppe ausgeschlossen, das von nun an von den Feminist*innen allein geführt wurde.

Das war keine Absage an solidarische Bündnisse mit allen Geschlechtern, sondern die konsequente Einforderung ihrer Voraussetzung. Männern wurde klar gemacht, dass gemeinsame Kämpfe nicht möglich sind, solange sie sich nicht aktiv mit ihrer Position in feministischen Kämpfen und der Gesellschaft im Allgemeinen auseinandersetzen. Denn sie sind gar nicht in der Lage, emanzipatorische Politik in »allgemeinen« Räumen zu machen, wenn sie zu ihren partikularen Themen (Männlichkeit, Männerbünde, Täterschaft) kein Verhältnis haben. Besonders im Jahr 1987/88 wurden gemischtgeschlechtliche Strukturen der autonomen Szene massenhaft von Frauen auf diese Art herausgefordert. Im Falle einer Niederlage verließen sie die Strukturen öffentlichkeitswirksam und gründeten autonome Gruppen, die sich bei Aktionen und Kongressen auch in Opposition zu den ehemaligen Genossen positionierten. Mann konnte so weder gegen AKWs noch gegen den IWF aktiv werden, ohne sich mit »der Männerfrage« auseinanderzusetzen.

Das war die sowohl effektive als auch praktische Umkehrung des patriarchalen Begriffs von Politik-Machen, in dem Feminismus und besonders sexuelle Gewalt gar nicht oder höchstens als Nebenwiderspruch vorkommen. Aus dieser zweiten Quelle entstanden die sogenannten Männerplena, die begleitend beziehungsweise als »Anhängsel« zu schon existierenden politischen Strukturen Männlichkeit in der eigenen Gruppe und politischen Arbeit zum konkreten Problem machten und es als solches aufgriffen.

Dass diese Umkehrung gelingen konnte, selbst wenn sie nur stellenweise und für nicht allzu lange Zeit durchgesetzt wurde, kann in historischer Perspektive als Verschiebung eines (innerlinken) Kräfteverhältnisses beschrieben werden. Punktuell gelang es, Männern »die Geschmacksfrage« unmöglich zu machen und die organisierte und kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit zur Voraussetzung für politische Praxis zu setzen. Politisch aktive Männer konnten nicht mehr »mal gucken«, ob sie Lust haben, sich mit sich und ihrer Position zu beschäftigen. Teile der antisexistischen Männerbewegung bewegten sich dabei nicht nur so weit, wie es Feminist*innen von ihnen verlangten, sondern forderten von sich und anderen Männern ein, selbst aktiv zu werden.

Wir waren schon mal weiter

Männer, die heute politisch aktiv sind, müssen sich deshalb bewusst machen, dass sich das Kräfteverhältnis wieder zu ihren Gunsten verschoben hat und dass sie es aktiv stabilisieren, wenn sie sich darauf ausruhen. Männlichkeitskritische Organisation und feministisches Engagement sind für sie längst wieder eine Geschmacksfrage geworden – zumindest, wenn man billige Lippenbekenntnisse nicht zählen lässt.

Das abstrakte Checken irgendwelcher Privilegien und die innerlich-individuelle Auseinandersetzung mit der »Kritischen Männlichkeit« tun dieser herrschaftlichen Ignoranz keinen Abbruch. Diese Ansätze werden in der Regel nur so lange betrieben, bis Mann sich wieder mit der eigenen Männlichkeit versöhnt hat und das Mindestmaß erreicht wurde, um dem feministischen Druck zu entkommen. Nur diesmal mit dem beruhigten Gewissen, »zu den Guten« zu gehören, weil man sich ja reflektiert hat.

Die Bewegungsgeschichte zeigt demgegenüber, dass Männlichkeit zu politisieren nicht heißen muss, dass feministische Kritik auf diese Weise vereinnahmt wird. Stattdessen gilt es, wie es die zweite Frauenbewegung tat, den patriarchalen Begriff von Politik selbst praktisch anzugreifen, und zwar, indem dafür gesorgt wird, dass Männer sich »die Geschmacksfrage« nicht mehr leisten können. Das heißt, für Männer muss es eine Notwendigkeit werden, sich mit Männlichkeit und Feminismus zu beschäftigen. Wollen bewegte Männer darin nicht reaktionär im doppelten Sinne sein, müssen sie aufhören, darauf zu warten, dass Feminist*innen diese Sorgearbeit wieder für sie erledigen.

Alle Männer und alle politischen Zusammenhänge, in denen Männer aktiv sind, müssen sich die Frage gefallen lassen, wie sie Männlichkeit in ihrer Arbeit und Struktur (nicht) aufgreifen – egal zu welchem Thema sie aktiv sind. Alle politischen Gruppen und Projekte, an denen Männer teilhaben, müssen auch männlichkeitskritisch arbeiten. Denn ob es eine neue, separate Männerbewegung braucht, darf gern bezweifelt werden. Die Notwendigkeit von breit organisierter Männlichkeitskritik als Begleitung von feministischer Kritik und Bewegung steht aber damals wie heute außer Frage

Kim Posster

war an mehreren Versuchen der organisierten Reflexion von Männlichkeit beteiligt, die er mittlerweile als gescheitert betrachtet. Er publiziert zu materialistischem Feminismus und organisierter Männlichkeitskritik.

Anmerkung:
1) Zitiert aus »Thesen und Erfahrungen zum Thema Autonomie – Patriarchat – Organisation« im 6. Männerrundbrief.

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