»Die Bitterkeit in der Süße des Zuckers«
Auf der philippinischen Insel Negros wehren sich die Menschen gegen feudale Verhältnisse und werden zum Ziel des US-gestützten Militärs
Von Ana Gayatao
Jährlich findet in den Philippinen eine mehrtägige transnationale Militärübung statt, die seit 1991 bilateral mit den USA ausgeführt wird. Neben der ehemaligen Kolonialmacht nehmen auch Länder wie Australien, Frankreich, Kanada, Japan oder Neuseeland am »Kriegsspiel« mit dem Namen »Balikatan« (»Schulter an Schulter«) teil. Mehr als 17.000 Soldat*innen sind daran beteiligt. Auch Deutschland ist seit 2024 als Beobachterstaat dabei. Gegen diese Zusammenarbeit rief die Solidaritätsgruppierung Berlin Philippine Solidarity Organization (BPSO) gemeinsam mit der International Coalition for Human Rights in the Philippines (ICHRP) die Kampagne »Deutsches Militär raus aus den Philippinen« ins Leben.
Anfang Mai schoss das US-amerikanische Militär im Zuge der militärischen Übung eine »Tomahawk«-Rakete vom zivilen Flughafen in Tacloban City auf der östlichen Insel Leyte auf die Gemeinde Laur auf der nördlichen Insel Luzon, wo sich auch die Hauptmetropole Manila befindet. Über 600 Kilometer Luftlinie hat die Rakete in dieser Operation zurückgelegt.
»Der internationale Aufschrei wäre groß, wenn das US-Militär gemeinsam mit der deutschen Regierung eine Test-Rakete von Berlin-Tegel abschießen würde, die in der bayerischen Provinz landet«, sagt der Künstler und Aktivist Enzo Camacho gegenüber ak und kritisiert die mangelnde Berichterstattung. Die US-geführte Militärparade solle nur China einschüchtern, so Camacho. Zwischen der nördlichsten Insel der Philippinen und Taipeh in Taiwan liegen knapp 500 Kilometer.
Massaker an Zivilbevölkerung
Doch »Balikatan« ist nicht nur eine Machtdemonstration des Militärs nach außen, sondern auch eine nach innen. Am 19. April, ein Tag vor offiziellem Start der transnationalen Übung, töteten philippinische Streitkräfte (Armed Forces of the Philippines, AFP) unter dem Vorwand der antikommunistischen Aufstandsbekämpfung 19 Menschen in der Gemeinde Toboso auf der Insel Negros und machten dort Hunderte zu Binnengeflüchteten.
Das Militär behauptete, dass alle der 19 Getöteten der New Peoples Army (NPA) angehörten. Die NPA ist der bewaffnete Flügel der Kommunistischen Partei der Philippinen (Communist Party of the Philippines, CPP). Die CPP-NPA wird sowohl von der philippinischen als auch von der US-Regierung als terroristische Organisation eingestuft.
Doch unter den Getöteten befanden sich mehrere unbewaffnete Zivilist*innen, stellte Mitte Mai eine unabhängige Factfinding-Mission fest, die die Operation als »Massaker« bezeichnet. Mehr als hundert Menschenrechtsverteidiger*innen, Kirchenmitarbeitende, Politiker*innen und Journalist*innen führten diese Untersuchung nach dem Massaker durch. Zeug*innen sagten aus, dass die Getöteten unbewaffnete Zivilist*innen waren. Darunter sollen die Studierendenvertreterin der University of the Philippines Alyssa Alano, die Landrechtsverteidigerin Maureen Keil Santuyo, der Journalist und Poet RJ Nichole Ledesma, der Agrargewerkschafter und Forscher Errol Wendel Chen, die US-Staatsangehörigen der philippinischen Diaspora Kai Dana-Rene Sorem und Lyle Prijoles sowie der Anwohner Roel Sabillo und zwei ungenannte Minderjährige gewesen sein. Die Getöteten waren den Anwohner*innen bekannt, da sie mit den Bäuer*innen lebten und über ihre agrarökonomischen Verhältnisse sprachen.
»Eine Operation, die nicht zwischen bewaffneten Kombattant*innen und zivilen Helfenden unterscheiden kann, stellt einen willkürlichen Angriff dar, der gegen das humanitäre Völkerrecht verstößt. Die AFP muss zur Rechenschaft gezogen werden«, sagte Mercy Chriesty Barends, Abgeordnete des indonesischen Repräsentantenhauses und Vorsitzende des Menschenrechtsnetzwerks ASEAN Parliamentarians for Human Rights (APHR), in einer Pressemitteilung der Organisation.
Noch dauert die unabhängige Aufarbeitung der fatalen Geschehnisse in Negros an, doch der Kriminologe Raymund E. Narag schrieb in seinem Essay für die philippinische Nachrichtenseite Rappler, dass die Online-Community die Schuld bei den Opfern sehe, die sich wohlwissend in die »Brutstätte des Kommunismus« begeben hätten. Am 1. Mai veröffentlichte die US-Botschaft in Manila ein Statement und warnte, dass jede Person, die sich in der Nähe von »NPA-Elementen« aufhalte, ernsthafter Gefahr ausgesetzt sei, verhaftet, verletzt oder gar getötet zu werden. Besonders vor Aufenthalten in ländlichen Regionen auf den Inseln wie Leyte und Negros wird gewarnt.
Sozialer Vulkan
»Negros ist das Massengrab sozialer Bewegungen«, sagt Clarizza Singson gegenüber ak. Weil sie wegen ihrer Menschenrechtsarbeit politisch verfolgt wurde, flüchtete Clarizza Singson mit nur einem Rucksack bepackt nach Deutschland. »Ich wollte auf gar keinen Fall gehen, aber wir mussten das Land verlassen.« Nur wenige Minuten, nachdem die Aktivistin und Community-Organizerin Zara Alvarez von mutmaßlichen staatlichen Sicherheitskräften ermordet worden war, bekam Singson Morddrohungen, dass sie die Nächste sei.
Zuvor wurde Singson, wie auch Zara Alvarez und die ebenfalls ermordeten Menschenrechtsaktivisten Benjamin Ramos Jr. und Bernardino Patigas, auf einem öffentlichen Poster zu einer kommunistischen Terroristin gemacht und nach ihr gefahndet. Diese Praxis des sogenannten »Red-tagging« (»Rot-Markierens«, Abstempelns) gleicht einem außergerichtlichen Todesurteil, daher verlangt die philippinische Menschenrechtskommission immer wieder, dass »Red-tagging« bestraft wird.
Negros ist das Massengrab sozialer Bewegungen.
Clarizza Singson
In Anspielung auf den Vulkanberg Kanlaon wird Negros auch als sozialer Vulkan bezeichnet, der jederzeit drohe auszubrechen. Die Metapher stammt aus der Zeit der großen Proteste gegen die Diktatur von Ferdinand Marcos in den 1970er und 1980er Jahren. Ähnlich wie heute begegneten Großgrundbesitzer*innen und der Staat den sozialen Unruhen mit tödlicher Gewalt. Etwa beim Massaker in Escalante im Jahr 1985, bei dem Paramilitärs auf die Massen feuerten und mindestens 20 Personen töteten.
An dieses Ereignis erinnerte lange das Teatro Obrero, die Kulturgruppe der Negros Federation of Sugar Workers (NFSW). Jährlich führte sie eine historische Nachstellung des Massakers auf dem öffentlichen Marktplatz Escalantes auf. Die Gruppe hatte angekündigt, die historische Nachstellung so lange aufzuführen, bis Gerechtigkeit für die Opfer einkehrte. Doch die Regierung Rodrigo Dutertes verbot die jährliche Mahnung im Jahr 2019, nur ein Jahr, nachdem sie eine Taskforce gegen kommunistische Gruppen einsetzte. 2020 eskalierte die militärische Gewalt in Negros nach der Ausweitung des Antiterrorgesetzes mitten im Covid-19-Lockdown weiter.
Jedes Jahr gibt es allein in Negros mehrere ungeklärte Tötungen und außergerichtliche Hinrichtungen an Zivilist*innen. Um die Menschenrechtskrise in den Philippinen zu lösen, müsse zuerst der Kampf um Land und Boden gelöst werden, sagt der Künstler und Aktivist Enzo Camacho. Das erinnert an den kapverdischen Revolutionär Amílcar Cabral, der sagte: »Den Boden zu verteidigen bedeutet, den Menschen zu verteidigen.«
Bäuer*innen verdienten aktuell weniger als zwei Euro pro Tag, sagt Clarizza Singson. Das mache Negros zum Mikrokosmos der philippinischen Gesellschaft, in der nur Großgrundbesitzer*innen profitierten. Enzo Camacho sieht die Wurzel der Gewalt in der ausbeuterischen, im spanischen Kolonialismus eingeführten Plantagenwirtschaft. Das sogenannte Hacienda-System sei nicht nur als Landwirtschaftsform zu verstehen, sondern als koloniale Kontinuität – in der Großgrundbesitzende und das Militär gemeinsam unter einer Decke steckten. Camacho und Singson fordern daher eine aufrichtige Landreform, um die sozioökonomischen Verhältnisse, besonders in semi-feudalen Strukturen wie in Negros, zu überwinden.
»Bungkalan ist ein echter Durchbruch«, so Singson. In der friedlichen Protest-Praxis des »Bungkalan« nehmen sich Bäuer*innen, was ihnen rechtmäßig zusteht, und verteilen das Land selbst um. Ihr Protest wird immer wieder gewaltsam durch Polizei oder Paramilitärs unterdrückt. Etwa im Jahr 2018, als unbekannte Bewaffnete den Ort eines »Bungkalan« in Sagay überfielen und neun Bäuer*innen massakrierten. Der Menschenrechtsanwalt Benjamin Ramos Jr. leistete den Familien der Bäuer*innen rechtlichen Beistand und wurde kurze Zeit später selbst erschossen. Sein Mord wurde selbst von der Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Bärbel Kofler, scharf verurteilt.
Landwirtschaftliche Arbeit ist bittere Schwerstarbeit; in der Regionalsprache Hiligaynon heißt es: »Kapait sa katam-is sang kalamay«, »Die Bitterkeit in der Süße des Zuckers«. Auch über die Sprache Hiligaynon wird gesagt, dass sie sich für andere Filipinos so süß anhöre wie zwitschernde Vögel. In dieser Sprache schrieb der bei der Militäroperation im April getötete Journalist und Poet RJ Ledesma in einem seiner Gedichte: »Füttere den großartigen Carabao (Wasserbüffel). Kümmere dich gut um ihn, so wie du es tust, wenn du lernst zu kämpfen. Sodass, wann immer dein Licht zur Neige geht, mein Leben dir eine Fackel im Dunkeln sei, sie wird dich nicht verbrennen, solange es in deiner linken Faust glüht.«