Die große ak-Sommerleseliste
Lektüre-Empfehlungen von Linken für Linke – geeignet für Strand oder Park, Urlaub, Bett und Pausenraum
Führungslos in die Tyrannei
Die heutige Palästina-Solidaritätsbewegung feiert sich gern als horizontal oder gar führungslos. Doch wie Jo Freeman in »Die Tyrannei der Strukturlosigkeit« zeigt, verschwinden Machtverhältnisse nicht, weil man auf offizielle Strukturen verzichtet. Im Gegenteil: Wo formale Verantwortlichkeiten fehlen, gedeihen informelle Hierarchien. Einzelne Aktive werden zu »Stars«, Freundeskreise zu Machtzirkeln und soziale Netzwerke zu Entscheidungsinstanzen – ohne Legitimation oder Rechenschaftspflicht. Die Ablehnung von Struktur verstärkt so Machthierarchien und erschwert Kontinuität. Energie wird mobilisiert, verpufft jedoch. Freemans Analyse der Frauenbewegung der 1970er Jahre liest sich wie eine Diagnose der Gegenwart. Wer nicht nur bewegen, sondern verändern will, sollte diesen Essay lesen.
Jo Freeman: Die Tyrannei der unstrukturierten Gruppen. Erstmalig deutschsprachig erschienen in der Zeitschrift Schwarze Protokolle (Nr. 8, 1974). Heute auf der Seite anarchismus.at verfügbar.
Nichtbinäre Mönche und friedliche Roboter
Science-Fiction ist derzeit hoch im Kurs. Kein Wunder, schließlich scheint der Gesellschaft die Zukunft abhanden gekommen zu sein. Ganz anders bei Becky Chambers, die den nichtbinären Teemönch Dex und den Roboter Helmling auf dem Mond Panga zunächst aufeinandertreffen (Bd. 1) und schließlich die Gesellschaften erkunden lässt (Bd. 2). Die Menschen haben vor Jahrhunderten die Welt gegen die Wand gefahren, aber es geschafft, sie wieder lebenswert zu machen; die Roboter, vor längerer Zeit zu Bewusstsein »erwacht«, sind mit ihnen übereingekommen, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen – sie leben in der Wildnis, kein lebender Mensch hat sie je gesehen. Das erstmalige Zusammentreffen nach 100 Jahren gibt viel Raum für grundlegende Fragen nach Zusammenleben und der Verwirklichung der individuellen Freiheit als Bedingung der Freiheit aller sowie nach gesellschaftlichen Logiken, die Fähigkeiten wie Bedürfnisse aller gleichermaßen bedienen.
Becky Chambers: Dex & Helmling (zwei Bände). Carcosa Verlag, Wittenberge 2024. Insgesamt etwa 370 Seiten, jeweils 18 EUR.
Macht den Solo-Müttern
»Doing It All« von Ruby Russell ist eine feministische theoretische Auseinandersetzung damit, was es bedeutet, eine alleinerziehende Mutter zu sein. Russell erzählt von Puffs in der viktorianischen Ära, der Stigmatisierung armer Mütter, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, und dem Terror durch Jugendamt oder Familiengericht in einem unterhaltsamen Ton, aber mit einem Blick, der forschend, akademisch genau und sozialistisch ist. Das Buch ist kein empowerndes Selbsthilferatgeberbuch, sondern ein Plädoyer für eine bessere Welt und eine faire Gesellschaft, in der Mütter, die allein erziehen, nicht als Sündenböcke dämonisiert werden müssen.
Ruby Russell: Doing it all. The Social Power of Single Motherhood. dialogue books, Berlin 2024. 336 Seiten, 27,40 EUR.
Sowjetischer Don Quijote
Gibt es etwas Schöneres, als unverhofft ein gutes Buch geschenkt zu bekommen? Als mir ein ak-Genosse Andrei Platonows »Tschewengur – Wanderung mit offenem Herzen« in die Hand drückte, war ich sofort neugierig. Der 1926/27 geschriebene Roman beschreibt nicht weniger als den Versuch, eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen. Die Hauptfigur zieht in den letzten Jahren des Bürgerkriegs wie ein linker Don Quijote durch die südrussische Steppe und begegnet Hunger, Armut und einer kaum gebildeten Landbevölkerung. Deren Denken ist geprägt von christlichen, revolutionären und bäuerlichen Versatzstücken, Kommunist*innen sind wiederum rar und meist komische Sonderlinge statt Held*innen. Platonow fängt dies in einer sperrigen, aber einzigartigen Sprache ein, die das Lebensgefühl der Zeit eindrucksvoll vermittelt. Für Moskau war das zu viel Authentizität: Stalin beschimpfte Platonow als »Schweinehund«, sein Sohn kam in den Gulag und erkrankte dort tödlich an Tuberkulose. Maxim Gorki setzte sich für die Zensur des Buches ein, in der Sowjetunion erschien »Tschewengur« erst 1988.
Andrej Platonow: Tschewengur – Die Wanderung mit offenem Herzen. Suhrkamp, Berlin 2018. 581 Seiten, 32 EUR.
Hoffnung und Irrglauben
Das Debüt des Nobelpreisträgers László Krasznahorkai erschien 1985 und passt doch perfekt in die Gegenwart. Eine halbverlassene Siedlung im Nirgendwo, mutmaßlich in Ungarn. Es regnet dauernd, alles versinkt im Schlamm. Die Stimmung ist sowieso im Keller, verzweifelt bis sarkastisch, nur der Schnaps hilft noch etwas durch die Nacht. Bis ein Glockengeläut den früheren Bewohner Irimias und seinen Helfer Petrina ankündigt, und sich die Hoffnung und die Sehnsüchte bahnbrechen und in einen Irrglauben kippen. Ein großartiges Buch darüber, was passieren kann mit den Menschen, wenn sich einer als Prediger ausgibt, der doch eigentlich ein Polizeispitzel ist.
László Krasznahorkai: Satanstango. S. Fischer, Berlin 2010. 320 Seiten, 15 EUR.
Krimi über Schweigen und Kolonialverbrechen
Wer die Vergangenheit für vergangen hält, verdrängt die Realität. Der Roman »Erinnern an uns« von Rick Lupert verbindet gleich mehrere Ebenen: Krimi, Familiengeschichte, intertextuelle Bezüge und kollektives Verschweigen über koloniale Verbrechen. Die Spurensuche der Gerichtsmedizinerin Susanne Knecht verbindet Spannung mit tiefgehender Reflexion über Schuld und Identität – manchmal düster, manchmal konfrontativ und immer mit umfassender Erzähllust. Wer ruhige Prosa und feinfühlige, kluge Beobachtungen schätzt, wird eine eindrucksvolle Leseerfahrung machen. Rick Lupert, geboren 2001, gehört zu jenen konsequenten und poetischen Stimmen, die Literatur als Aneignung von Welt und Vermittlung von Weltgehalten verstehen. Ein Realist eben, wie es eingreifende Literatur besonders heute braucht.
Rick Lupert: Erinnern an uns. Verlag Rostscheibe, Leipzig 2026. 235 Seiten, 19 EUR.
Liegen und denken
Wer sind denn die alten, weißhaarigen Wesen, die da an der Garderobe stehen? Ach, es sind doch deine Freunde, die aussehen wie du. Innerlich ist man ewig 40, äußerlich schon bald doppelt so alt. In »The Joy of Ageing« beschreibt die Musikerin und Autorin Christiane Rösinger, wie sie morgens aufwacht. Es brennt und pocht und stört. Doch die bekennende Boomerin weiß, was sie braucht und was sie nicht mehr will: dumme Gespräche und morbide Paarbeziehungen. Gärtnern ist auch gut. Männer in ihrem Alter sind oft grummelig und unlustig. Alte Freundinnen beklagen sich, dass sie »nicht mehr gesehen werden«. Da hilft auch kein Hund. Willkommen in der »Alterspubertät«: Viel rumliegen und nachdenken. Gegen den neoliberalen Fitnesswahn hilft dieses heitere Buch – bei der Erkenntnis, dass früher vieles schlimmer war.
Christiane Rösinger: The Joy of Aging. Rowohlt, Hamburg 2026. 288 Seiten, 24 EUR.
Marx als abolitionistischer Aktivist
Nüchterne und dennoch leidenschaftliche, mit Aufmerksamkeit für Details verfasste Arbeiten, die der Notwendigkeit von Antirassismus mit dem nötigen Ernst begegnen, die gesellschaftliche Realitäten nicht nur abbilden, sondern durchdringen, sind selten. Ihr Fehlen hält linke Diskussionen unnötig lange zurück und zwingt uns, immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten. Nach einer ausführlichen Auseinandersetzung von Linken damit, was Marx gedacht oder ausgelassen hat, widmen sich August Nimtz und Kyle Edwards in »The Communist and the Revolutionary Liberal in the Second American Revolution« seinen Taten, und stellen den kommunistischen Aktivisten Marx an die Seite des Abolitionisten Frederick Douglass. Nimtz und Edwards verfolgen in Echtzeit, wie Marx und Douglass auf beiden Seiten des Atlantiks ihre Gegnerschaft zur Institution der Versklavung begründen und daraus ihre Unterstützung für die Union im US-amerikanischen Bürgerkrieg ableiten. Während Douglass als ehemalig Versklavter durch Bildung und rhetorisches Geschick für seine Rolle in der abolitionistischen Bewegung prädestiniert ist, wird an mehreren Stellen deutlich, dass das Erreichen bürgerlicher Freiheiten für ihn bereits die Verwirklichung demokratischer Ideale darstellt, wohingegen aus einer marxistischen Perspektive nicht nur die Aufhebung der Versklavung als einer spezifischen Form des Privateigentums, sondern die Aufhebung des Privateigentums an sich die Voraussetzung menschlicher Emanzipation ist.
August Nimtz & Kyle Edwards: The Communist and the Revolutionary Liberal in the Second American Revolution. Haymarket Books, Chicago 2025. 417 Seiten, 35 US-Dollar.
Palästinensische Geschichte
Ein französischer Fotograf ist für einen Auftrag in Gaza, um Bilder für eine Zeitschrift zu schießen. Bei seinen Streifzügen durch zerbombte Viertel entdeckt er ein Motiv, das ihn nicht mehr loslässt: Ein Buchhändler sitzt lesend vor seinem kleinen Laden und nippt an seinem Tee. Zwischen den beiden entspinnt sich ein mehrere Tage dauerndes Gespräch, in dem der alte Mann seine Lebensgeschichte, die auch die Geschichte der Palästinenser*innen seit der Staatsgründung Israels ist, erzählt. Ein kurzer, schmerzhafter und wichtiger Roman über Hoffnung, Trauma, Verlust, Liebe, Vergänglichkeit, Gewalt und das Leben selbst, in einer Stadt verfasst, die es seit dem 7. Oktober 2023 so nicht mehr gibt.
Rachid Benzine: Der Buchhändler von Gaza. Piper Verlag, München 2026. 128 Seiten, 22 EUR.
Native American Vampire
Ein perfekter Sommerroman braucht für mich eine Geschichte mit Sogwirkung, die mich in eine unbekannte Welt entführt – und genauso einen habe ich gelesen: In »The Buffalo Hunter Hunter« von Stephen Graham Jones geht es um das »Marias Massaker«, bei dem 1870 Hunderte Native Americans eines Blackfoot-Stamms brutal von Soldaten der U.S. Army ermordet wurden. Es ist aber kein historischer Roman, sondern eine herzreißende Vampirgeschichte. Der Vampir ist jedoch kein Adliger aus Europa, sondern Good Stab aus dem Blackfoot-Stamm. Er ist »the Indian who can’t die… the worst dream America ever had«. Einmal verwandelt, kann er seine Identität nur behalten, wenn er sich von seinem eigenen Volk ernährt, während er es eigentlich rächen will. Das ist die zentrale Frage des Romans: Kann so ein Massaker gerächt oder sogar wirklich überlebt werden? Es ist also eine Horrorgeschichte im doppelten Sinne.
Stephen Graham Jones: The Buffalo Hunter Hunter. Simon & Schuster Saga Press, New York 2025. 448 Seiten, 13,70 EUR.
Rassismus mit Tradition
Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja hat in Deutschland eine lange Tradition, wie das Buch »Kontinuitäten der Stigmatisierung« von Anja Reuss belegt. Wir beobachten in den Jobcentern eine behördliche Sondererfassung von Menschen aus Rumänien und Bulgarien. Die Bundesagentur für Arbeit etabliert sich zur Verfolgungs- und Grenzbehörde und sorgt dafür, dass nicht alle Personen gleichermaßen Zugang zum Recht haben. Eine der Funktionen von Rassismus ist die Ablenkung u. a. von der Lüge, dass Arbeit integrativ wirke, oder der des – durch aufgebauschte Zahlen »untermauerten« – angeblichen Sozialbetrugs. Unsere Verantwortung ist nicht vorbei. Es braucht endlich einen garantierten Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft für die Kinder und Enkel der Verfolgten des Nationalsozialismus.
Anja Reuss: Kontinuitäten der Stigmatisierung – Sinti und Roma in der deutschen Nachkriegszeit. Metropol Verlag, Berlin 2015. 253 Seiten, 19 EUR.
Analyse der Sexarbeitsfeindlichkeit
Viele scheuen sich vor der Auseinandersetzung mit Sexarbeitsfeindlichkeit. Sexarbeit sei ambivalent, heißt es abwehrend. Man sei zwar nicht Alice Schwarzer, aber die Grenze zwischen Freiwilligkeit und Zwang ließe sich bei diesem Gewerbe kaum ziehen. Ruby Rebelde, selbst Sexarbeiterin, hat ein Buch geschrieben, das alle lesen sollten, die so denken. Sie verklärt Sexarbeit nicht. Sexarbeit ist Lohnarbeit. Und unterschiedliche Arbeitsbedingungen sind unterschiedlich beschissen, Verbote machen die Bedingungen selten besser. In Deutschland gilt noch kein Verbot, aber Sexarbeitende haben qua Sondergesetz weniger Rechte. Und die mediale und gesellschaftliche Stigmatisierung wächst, das analysiert Rebelde detailreich und zeigt dabei, inwiefern sie Teil des autoritären Backlashs ist.
Ruby Rebelde: Warum sie uns hassen. Sexarbeitsfeindlichkeit. edition assemblage, Münster 2025. 368 Seiten, 24 EUR.
Marxistische Staatstheorie für Arme
In miserablen Zeiten politisch deprimiert und dank Großangriff auf die letzten Reste Sozialstaat auch noch richtig arm dran? Dann ist »Die neuen Bonapartisten«, herausgegeben von Martin Beck und Ingo Stützle, die genau richtige Sommerlochlektüre. Mit Marx’ Bonapartismus-These, Trotzkis Faschismustheorie und Nicos Poulantzas’ Analyse des Autoritären Etatismus im Gepäck, klappern diverse kluge Köpfe wie Hauke Brunkhorst, Ingar Solty oder Frank Deppe die Autoritärentwicklungen verschiedener neoliberaler Staaten von den 1990ern bis in die späten 2010er Jahre ab. Zwar macht die Revue autoritärer Flitzpiepen nicht unbedingt bessere Laune, hilft mit marxistischer Staatstheorie aber in jedem Fall, die aktuelle Misere besser zu verstehen und steht beim Dietz-Verlag zum Download für umme zur Verfügung.
Martin Beck & Ingo Stützle (Hg.): Die neuen Bonapartisten. Mit Marx den Aufstieg von Trump & Co. verstehen. Karl Dietz Verlag, Berlin 2018. 272 Seiten, 0 EUR.
Nachwirkungen der Middle Passage
500 Zeichen reichen nicht aus, um die Tiefe und Gewichtung von Christina Sharpe’s »In the Wake: On Blackness and Being« zu beschreiben. Es ist ein eindrücklicher Text über die Nachwirkungen der Middle Passage und fortdauernder antischwarzer Gewalt. Besonders eindrucksvoll zeigt Sharpe, wie Trauer, Fürsorge und Widerstand zusammengedacht werden können. Anhand künstlerischer Beispiele setzt sich Sharpe mit dem Spannungsverhältnis zwischen Gerechtigkeit, Aufarbeitung und Appeasement auseinander. Die skizzierten Bilder und Erzählungen der historisch gewachsenen Gewalt affizieren so stark, dass man das Buch nicht in einem Go lesen kann. Es ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.
Christina Sharpe: In the Wake. On Blackness and Beeing. Duke University Press, Durham 2016. 192 Seiten, circa 15 EUR.
Kulturelle Militarisierung
In seinem kurzweiligen Essay »Kunst im Krieg« beschreibt Journalist Stefan Ripplinger, wie die »Kulturelle Militarisierung« die Kriegsvorbereitungen im Außen begleitet. In einer Situation, in der eine offene, politische Aussprache nicht mehr möglich sei, emigriere diese in den kulturellen Bereich, so sein Schluss. Das Ergebnis sind Cancelations und Berufsverbote auf der einen Seite – und kriegslüsterne Publikationen auf der anderen. Ripplinger benennt die seit den Corona-Maßnahmen anhaltende »grundlegende Transformation der Gesellschaft« als Ausgangs- und die »Kultur als Exerzierplatz« als Fluchtpunkt herrschaftlicher Bestrebungen. Gleichwohl sei die Kunst geeignet, sich von der »Handlangerin der Schlächter« auf »die Seite der Deserteure« zu stellen. Unbedingt lesenswert!
Stefan Ripplinger: Kunst im Krieg. PapyRossa, Köln 2024. 135 Seiten, 14,90 EUR.
Mobilisierende Science-Fiction
Übelste Instinkte bestimmen das Medienwesen heute, weil die technisch-ökonomischen Voraussetzungen der Kommunikation (bis ins Private) ein Denken produzieren, das der Name »Ideologie« kaum ausreichend abdeckt. Menschen haben in dieser Zeit nicht nur verkehrte Empfindungen und Ideen, sondern können sie nicht mal mehr aus ihrem Erleben herauslösen, um sich zu fragen, ob sie falsch oder richtig sind. Von diesem Horror handelt die traurige (früher hätte man gesagt: »realistische«) und sehr schöne (nämlich mobilisierende) Science-Fiction-Geschichte der Super-Aktivistin Marie Quinn, die sich mit Zeug befasst, das wir weder wahrnehmen noch begreifen, unter dem wir aber leiden – bis jemand hinsieht und endlich was dagegen tut.
Sam Hughes: Wir haben keine Antimemetik-Abteilung. Heyne, München 2025, 320 Seiten, 20 EUR.
Schwarzes Leben in Deutschland
»Kekeli« ist der berührende Debütroman von Jessica Mawuena Lawson, der Anfang des Jahres im Verbrecher Verlag erschienen ist. Eine Lektüre, die für den Sommer genau richtig ist: Coming of Age, Road Trip und eine kleine Liebesgeschichte, gekonnt verwoben mit einer scharfen Beobachtung der Realitäten in einer süddeutschen Kleinstadt. Es geht um Armut und Sprachlosigkeit, um Geheimnisse und Spurensuchen, aber auch um Verbundensein und Hoffnung. Eine Empfehlung von Herzen für alle, die (mehr) über Schwarzes Leben in Deutschland – Vergangenheit und Gegenwart – wissen möchten.
Jessica Mawuena Lawson: Kekeli. Verbrecher Verlag, Berlin 2026. 246 Seiten, 24 EUR.
Politische Hoffnung und Enttäuschung
»Mein Katalonien« von George Orwell ist weit mehr als ein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg. Es ist ein eindrücklicher Erfahrungsbericht über Hoffnung, Solidarität – und politische Enttäuschung. Orwell schildert, wie Menschen in der spanischen Revolution für Freiheit und soziale Veränderung kämpfen – getragen von einer der radikalsten Arbeiter*innenbewegungen ihrer Zeit. Teil seiner Erzählung ist jedoch nicht nur die Hoffnung dieser revolutionären Erfahrung, sondern auch, wie sie durch innere Machtkämpfe und Repression beschädigt wurde. Gerade deshalb wirkt das Buch bis heute aktuell: Es zeigt, wie zentral demokratische Auseinandersetzung und Kritik auch innerhalb emanzipatorischer Bewegungen sind. Wer verstehen will, wie Macht selbst Befreiungsprojekte verändern kann, sollte dieses Buch lesen.
George Orwell: Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg. Suhrkamp, Berlin 2003. 288 Seiten, 15 EUR.