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|Thema in ak 726: Drogen

Capitalism plus Dope

In den USA beschäftigen sich Bewegungen seit Jahrzehnten mit den Folgen einer Drogenschwemme in Schwarzen Communities

Von Faheem Hemboum

Illustration eines kreises mit hypnotischen Mustern und Augen. Darunter unterschiedliche Pillen
Grafik: Fleur Nehls

Ain’t no hope in the streets – you broke, you sell dope«, rappt stic.man von Dead Prez auf »Sellin’ D.O.P.E.«, nachdem er das Akronym im Intro erklärt: »Drugs Oppress the People Everyday«. Drogen lassen sich nicht aus den Aufstiegs- und Erfolgsgeschichten des Schwarzen Musikbusiness wegdenken und stehen besonders durch die Popularität von Trap heute für einen Lebensstil, der für viele erstrebenswert scheint. Die Wurzeln davon reichen bis in die 1960er und 1980er Jahre zurück, als Kokain, Crack und Heroin die Straßen der USA überfluteten.

Das Geschäft mit den Drogen trifft Schwarze Communities gleich doppelt. Als aufgrund von ökonomischer Ausweglosigkeit leicht zu erreichende Zielgruppe des Handels leiden sie am stärksten unter den gesundheitlichen Folgen. Und als Beteiligte leiden sie überproportional an der Kriminalisierung.

Der Künstler Aaronya fasst das Paradox der Selbstinszenierung von Rappern als erfolgreiche Dealer vor dem Hintergrund der Verstrickung höchster Regierungsebenen in den Handel zusammen: »Black killer, auntiе was an addict and my uncle was a crack dealer/ Guess it’s only perfect that they nephew is a rap n****/ Daddy was a pastor but my neighbor was a smack dealer/ Growing up is realizing that Reagan was a trap n****.« (1)

Eine Flut bricht herein

Wenn es um Drogen geht, gehen Geld und Politik also Hand in Hand. Von den Produktionsbedingungen auf Plantagen im globalen Süden bis zur Distribution und dem Konsum in den Zentren und an den Rändern der globalen Metropolen: Die zerstörerischen Folgen für Umwelt und Gesundheit wie auch die Kriminalisierung treffen vor allem und mit besonderer Härte marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Bekämpft wurden Drogen immer, wenn ihr wahrgenommener Gebrauch über die Kreise der bürgerlichen Gesellschaft hinausging. Der »War on Drugs« intensivierte in den 1970er Jahren den Kreislauf von Armut und Drogen und wurde durch den vorherrschenden Rassismus im Grunde zu einem Krieg gegen Schwarze Menschen.

In der Geschichte ihrer globalen Ausbreitung seit Ende des 19. Jahrhunderts und angesichts immer ausgefeilterer Mechanismen der Arbeitsteilung und Profitschöpfung treten Drogen besonders oft als Mittel oder Legitimation zur Bekämpfung politisch ungewollter Bewegungen auf.

Drogen sind oft Mittel zur Bekämpfung politisch ungewollter Bewegungen.

In seinem Buch »Pipe Dream Blues« erklärt Clarence Lusane die Überflutung von Schwarzen Communities in den USA mit illegalen Substanzen gerade zum Höhepunkt der militanten Kämpfe in den 1960er und 1970er Jahren als logische Konsequenz kapitalistischer Mechaniken: das Profitstreben auf der einen Seite und die Notwendigkeit vieler, inmitten einer Realität rassistischer Unterdrückung Geld zu verdienen auf der anderen geben genug Anlass, sich an illegalen Aktivitäten zu beteiligen. Jedoch sei auch klar, dass der Handel mit Drogen, Geldwäsche und Bestechung dieses Ausmaßes niemals ohne die Korruption von Politik, Justiz und Finanzwelt denkbar wären. In »The FBI War on Tupac Shakur and Black Leaders« geht Autor John L. Potash noch einen Schritt weiter und beschäftigt sich mit gezielten Interventionen der US-Sicherheitsbehörden gegen Mitglieder von Organisationen und Bewegungen.

Tatsächlich haben viele Schwarze Communities die Präsenz von Drogen auf ihren Straßen und in ihren Familien als weitere Ebene des Krieges verstanden, den die USA seit Jahrhunderten mit verschiedenen Mitteln gegen sie führen, um ihre vollständige Erlangung politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu verhindern. Einen Krieg, gegen den man sich organisieren muss, um in Abwesenheit staatlicher Sozial- oder Gesundheitsmaßnahmen zu überleben.

In einer Flugschrift mit dem Titel »Capitalism Plus Dope Equals Genocide« (Kapitalismus plus Dope gleich Genozid) kritisiert Michael Cetewayo Tabor, Black Panther und Teil der des Terrorismus beschuldigten Panther 21, offizielle Präventions- und Rehabilitationsprogramme. Denn mit ihrem individuellen Fokus ignorierten sie die Wurzeln des Konsums in Mechanismen von Ausbeutung und Unterdrückung.

Für Tabor ist Abhängigkeit ein soziales Phänomen, das organisch aus den sozialen Verhältnissen entsteht und durch das historische Trauma der Versklavung verstärkt wird. Die mit dem Drogengeschäft verbundene Gewalt versteht er ebenso als fehlgeleiteten Eskapismus, bei dem sich die Wut auf das System am Ende gegen die eigene Gemeinschaft richtet.

Besonders im Unterschied zu den Schwarzen Konservativen der Reagan-Ära warnt Tabor jedoch davor, sich bei der Eindämmung von Drogenhandel und Beschaffungskriminalität auf die Polizei zu verlassen, deren Präsenz sich vor allem auf den Schutz bürgerlicher Profitinteressen konzentriert und Drogen als Vorwand für die weitere Kriminalisierung Schwarzer Befreiungsbewegungen nutzt.

Alternative Ansätze

Schwarze Organisationen haben also selbst die Konfrontation gesucht, um Drogen von ihren Straßen fernzuhalten. Wie Dhoruba bin Wahad, ebenfalls politischer Gefangener der Panther 21, rückblickend erklärt, sei es für neue Mitglieder der Black Liberation Army im Untergrund eine gute Übung für den Ernstfall gewesen, in den Verstecken und Treffpunkten von Dealern deren Profite im Sinne der Bewegung zu enteignen. Ähnlich wie andere revolutionäre Parteien weltweit hatten die Panthers selbst strikte Verbote im Umgang mit Drogen.

Malcolm X, der vor seiner Inhaftierung ebenfalls mit Drogen handelte, beschreibt als ehemaliges Mitglied die Wirksamkeit des Ansatzes der Nation of Islam, die viele ihrer späteren Mitglieder aus den Fängen der Abhängigkeit befreite. Er bestand zunächst darin, sich die Abhängigkeit einzugestehen, um dann erst den größeren Zusammenhang von Abhängigkeit und Rassismus zu verstehen. Als Teil der Organisation sollte die Person dann ihre Erfahrungen dazu nutzen, Bekannte im Umfeld davon zu überzeugen, den gleichen Weg zu gehen.

Später initiierte die Nation die Dopebusters, eine Gruppe von Muslim*innen, die täglich in den von Dealern genutzten Blocks patrouillierten und nebenbei eine Reihe von sozialen Diensten und Beratung für die Nachbarschaft anboten. Trotz ihrer Rhetorik war die Nation dabei jedoch nie in tatsächlicher Opposition zur US-Regierung. Im Gegensatz zu den Black Panthers und anderen marxistischen Gruppen wurde die Nation auch nie ernsthaft bekämpft oder die Zirkulation ihrer Propaganda eingeschränkt.

Ein Ansatz, der in seiner Zuspitzung gesellschaftlicher Fragen folglich noch weiter ging, wurde vom Aktivisten Mutulu Shakur gemeinsam mit den Young Lords im Lincoln Hospital in der South Bronx in New York entwickelt. 1970 besetzte die Gruppe das Krankenhaus aus Protest gegen die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Stadtteil. Als Viertel mit der höchsten Zahl von Abhängigen in New York gab es bis zu diesem Zeitpunkt kein einziges Programm zur Rehabilitation. Durch eine Reihe von Brandstiftungen, mit denen die Vermieter ihre Versicherungen zu schnellem Geld machen wollten, gab es eine steigende Anzahl von Wohnungslosen und zusätzlich Sparmaßnahmen bei Hygiene und Gesundheit.

Zusammen mit den Young Lords und solidarischen Beschäftigten des Krankenhauses entwickelten Mitglieder der Black Panthers und der Republic of New Africa eine Therapie zur Behandlung von Abhängigkeit, die medizinisch wie politisch revolutionär war. Eine Besonderheit dabei war, dass unter den Freiwilligen selbst 90 Prozent ehemals abhängig waren. Politische Bildung stand an erster Stelle, wobei Bezug auf Materialien wie Tabors Schrift »Capitalism Plus Dope« genommen wurde, um die Verbindung von Imperialismus und Abhängigkeit zu unterstreichen.

Die Stadt erklärte sich bereit, das Projekt finanziell zu unterstützen, verlangte dafür allerdings den Einsatz von Methadon zur Substitution. Da die Panthers darin ein weiteres Mittel der Abhängigkeit sahen, stimmten sie dieser Forderung nicht zu, sondern verwendeten es ausschließlich im Rahmen eines zehntägigen Entzuges. Außerhalb des Krankenhauses ging die staatliche Politik noch weiter: Wer seine Kinder, seine Arbeit oder Sozialhilfe behalten wollte, musste weiter Methadon nehmen.

Aufgrund der Rolle, die Akupunktur bei der Behandlung seiner Söhne nach einem Autounfall spielte, machte Shakur den Vorschlag, die Behandlung in das Lincoln Detox Programm aufzunehmen. In einer Zeit, in der immer mehr Krankenhäuser in öffentlicher Hand geschlossen werden sollten, stellte sich die Belegschaft diesem Trend entgegen und verbreitete ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit, das über den Körper selbst hinaus ging und die Verletzung des Rechts auf Wohnraum genau wie schädliche Arbeitsbedingungen oder Polizeigewalt einbezog.

Die Opioidkrise in den USA mit ihren Millionenprofiten durch verschreibungspflichtige Schmerzmittel und die Verbreitung von Beruhigungsmitteln seit den 1980er Jahren unterstreichen die Brisanz der Warnung aus den Räumen des Lincoln Hospital vor legalen Drogen und einer neuen Welle der Abhängigkeit, die erneut vorwiegend die arme Bevölkerung trifft.

Faheem Hemboum

ist Journalist, Wissenschaftler und Bildungsarbeiter. Er beschäftigt sich aus der Perspektive der Black Studies mit Geschichte, Medien, Kultur und Politik.

Anmerkung:

1) Übersetzung von »Reagan’s Trap House«: »Schwarzen-Killer, meine Tante war abhängig und mein Onkel war ein Crack-Dealer/ denk’ das ist nur richtig, denn ihr Neffe ist ein Rap-N****/ mein Vater war ein Pastor, doch mein Nachbar war ein Smack-Dealer/ aufwachsen heißt verstehen: Reagan war ein Trap-N****.«