Zerbombte Ernte
Die Zerstörungen des Irankriegs reichen weit über die Region hinaus
Von Lene Kempe
Die Angriffe der USA und Israels Ende Februar auf Iran und Tage später den Libanon treffen diejenigen am härtesten, die den Krieg weder angezettelt haben noch etwas an dessen Verlauf ändern können. Damit sind nur in zweiter Linie die deutschen Autofahrer*innen gemeint; und das soll gar nicht zynisch klingen, denn ohne Zweifel wird es auch für Menschen hierzulande hart, mit weiteren Preiserhöhungen zurechtzukommen. Nicht wenige dürfte das in existenzielle Notlagen bringen, zumal unter den Bedingungen eines demontierten Sozialstaates.
Am schlimmsten ergeht es offensichtlich den Zivilbevölkerungen in Iran und im Libanon, auf die die Bomben fallen. Aber auch für die Menschen in vielen Ländern des afrikanischen und asiatischen Kontinents hat der Krieg schon jetzt weitaus drastischere Auswirkungen. In Bangladesch, den Philippinen, Pakistan, Äthiopien, Sudan oder Kenia führen extreme Preisanstiege und Knappheit von Öl und Benzin bereits zu Benzinrationierungen, Schulschließungen, der Drosselung industrieller Produktion oder der Einschränkung der Gesundheitsversorgung. Die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten und Impfstoffen gilt vielerorts als gefährdet, weil Transport- und Kühlkosten in die Höhe schnellen oder Transportrouten unterbrochen sind.
In vielen Ländern führen extreme Preisanstiege und Knappheit von Öl bereits zu Schulschließungen, der Drosselung industrieller Produktion oder der Einschränkung der Gesundheitsversorgung.
Das wohl erschreckendste und äußerst wahrscheinliche Szenario ist das eines großflächigen Ernterückgangs. Denn fast ein Drittel des globalen Düngemittelhandels läuft über die Straße von Hormus. Zudem beherbergt Katar eine der weltweit wichtigsten Anlagen zur Herstellung von Ammoniak und Harnstoff. Diese stellte nach iranischen Raketenangriffen Mitte März die Produktion ein. Damit fehlen entscheidende Rohstoffe für Dünger. Zusätzlich haben Russland und China begonnen, ihre Exporte einzuschränken, um die eigene Versorgung mit Düngemitteln zu sichern. Und schließlich wird in weiten Teilen Südasiens Diesel, der kaum mehr erschwinglich ist, für die Bewässerungssysteme von Feldern gebraucht. Vor dem Hintergrund dieser Kombination aus Verknappung und massiv steigenden Preisen für Düngemittel und Rohöl mitten in der Aussaatsaison schlägt das Welternährungsprogramm der UN Alarm: Abhängig von der Dauer des Krieges könnten bis zu 45 Millionen weitere Menschen infolge von Ernteausfällen und Einkommensrückgängen in akute Ernährungsunsicherheit geraten.
IWF-Direktorin Kristalina Georgieva erklärte vor diesem Hintergrund, mit Kreditanfragen von mindestens zwölf Regierungen zu rechnen. Bis zu 50 Milliarden US-Dollar seien vom Währungsfonds dafür bereits vorgesehen. Auch die Weltbank kündigte an, bis zu 100 Milliarden Dollar für vom Krieg besonders betroffene Länder bereitzustellen. Es ist fast schon banal festzustellen, dass sich damit auch die Schuldenkrise vieler Staaten weiter verschärfen wird. Zumal die Folgen der Corona- und der Ukraine-Krisen noch nicht überwunden sind.
Große und verhältnismäßig reiche Länder wie Deutschland unterliegen dagegen völlig anderen Spielregeln auf den Kreditmärkten und im globalen Handel. Sie halten meist große Öl- und Gasreserven und können die Preisschocks notfalls über Schulden abfedern, die sie ungleich günstiger aufnehmen und ungleich schneller zurückzahlen können. Und das knapp gewordene globale Erdöl findet bereits alternative Wege zu jenen Kund*innen, die die gestiegenen Preise zahlen können. So liefern Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate weiterhin große Mengen und nutzen dafür Transporthäfen im Roten Meer bzw. unterhalb der Straße von Hormus. Zudem profitiert bekanntermaßen nicht nur die US-amerikanische und die russische, sondern auch die europäische Ölindustrie massiv vom Krieg. Mitte April zeigte der Tracker des Dachverbandes Transport & Environment (T&E) für letztere knapp neun Milliarden Euro Übergewinn an – seit Kriegsbeginn. Laut Handelsblatt sollen sich Anleger*innen nicht fürchten: Historisch seien Panikphasen oft renditestark.
Es ist eine sehr schlichte Wahrheit, aber eine, an die wohl nicht oft genug erinnert werden kann: Krieg hat einige Profiteure. Alle anderen verlieren.