Kants vergebliche Warnung
Blicke in Swetlana Alexijewitschs Buch »Tschernobyl« am 40. Jahrestag der Atomkatastrophe
Von Slave Cubela
Als Kant in seiner »Kritik der reinen Vernunft« darauf hinwies, dass kein Mensch das Ding an sich erkennen könne, konnte man das auch als Warnung interpretieren: Massive Eingriffe in eine natürliche Objektwelt, die man nicht vollständig durchschaut, können ungewollte Konsequenzen haben. Was oft auf den ersten Blick wie ein weiterer Triumph der Naturwissenschaft daherkommt, den man feiert und fortan nutzt, um das Leben angenehmer oder einfach Profite zu machen, zeigt erst nach Jahrzehnten seine dunklen, zerstörerischen Seiten.
Nirgends ist das so offensichtlich geworden wie in der Nutzung der Atomkraft und nirgends hat sich die friedliche Nutzung derselben so gerächt wie beim Atomunfall in Tschernobyl. Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr kam es dort zur Katastrophe: Bei einem planmäßigen Test in Block 4 stieg die Leistung des Reaktors abrupt an, ohne dass dies gestoppt werden konnte, was letztlich zur vollständigen Zerstörung des Reaktorkerns führte. Bei der Explosion wurde die Reaktorhalle zerstört, wodurch es aufgrund des Graphitbrands zu einer erheblichen Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umwelt kam. Die vorherrschenden Luftströmungen verteilten diese über weite Teile Europas. Es ist bis heute die größte Katastrophe der modernen Atomindustrie. Über die genauen Opferzahlen herrscht keine Einigkeit, da man sich darüber streitet, welche Erkrankungen als Folge radioaktiver Strahlung gelten können. So reichen die Schätzungen von 4.000 bis zu 100.000 Toten und 900.000 Invaliden.
Doch das sind nur die äußerlichen Fakten. Wer die Geschichte der Atomkatastrophe von Tschernobyl in ihrer ganzen erschütternden Dramatik zumindest erahnen will, der*die muss unbedingt zu Swetlana Alexijewitschs Buch »Tschernobyl. Chronik einer Zukunft« (im Original: Tschernobyl-Gebet) greifen. Über einen längeren Zeitraum hinweg hat die belarussische Nobelpreisträgerin dort bereits 1997 Augenzeug*innen- und Erfahrungsberichte zu einem Werk zusammengefügt, das den*die Leser*in mehr als nur aufwühlt. Ein Buch, das zeigt, wie regelrecht apokalyptisch das alles war, was sich in Tschernobyl zutrug, und das auch heute, 40 Jahre nach der Havarie, einen genauen Blick lohnt.
Die tragischen Geschichten
Beginnen wir mit der Tragik. Tschernobyl ist zunächst die Tragödie Belarus’, eines kleinen Landes, das, obgleich das Kernkraftwerk in der damaligen Ukrainischen SSR stand, wegen der Winde vom radioaktiven Fall-Out besonders stark betroffen war und in dem – laut der belarussischen Enzyklopädie, die Alexijewitsch zitiert – in den 1990er Jahren noch zwei Millionen Menschen bzw. 700.000 Kinder in verseuchten Gebieten lebten. Tschernobyl ist aber auch das bittere Drama der sogenannten Liquidatoren und ihrer Familien, also jener nach Schätzungen bis zu 800.000 Männer, die nach Tschernobyl geschickt wurden, um dort im und am Reaktor aufzuräumen sowie angrenzende Gebiete, so gut es eben ging, zu dekontaminieren. Die Schicksale dieser Männer aus allen Teilen der Sowjetunion, die Alexijewitsch zusammenträgt, sind herzzerreißend. Viele von ihnen wussten zu Beginn gar nicht, wohin ihr Arbeitseinsatz ging. Sie wurden fast immer mit Zuckerbrot (Geld) und Peitsche (Drohung mit dem Staatsanwalt) »überredet«. Ihre Einsätze in der kontaminierten Region wurden nicht selten ohne Absprachen einfach verlängert. Kaum einer von ihnen hatte irgendwelche Schutzanzüge bei seiner Arbeit. Genügend Liquidatoren erkrankten in der Folge an Krebs und starben.
»Tschernobyl ist nicht vorbei, es fängt erst an.« (Wassili Nesterenko)
Tschernobyls Tragik bestand aber auch in der Zerstörung von 485 Dörfern. Dabei entstand, wie ein Beobachter es im Buch nennt, »ein großes bäuerliches Atlantis«: Alte Menschen, häufig Überlebende des Zweiten Weltkriegs, mussten von einem Tag auf den anderen alles hinter sich lassen. Ein Fotograf beschreibt diesen Untergang wie folgt: »Ich darf keine Details auslassen … Die Gesichter alter Bauern, die Ikonen ähneln … Sie begreifen am wenigsten, was geschehen ist. Sie sind nie von ihrem Hof, ihrer Scholle weggegangen … Für uns Städter ist das Haus eine Maschine zum Leben. Für sie ist es eine ganze Welt. Ein Kosmos. Nun fährt man durch leere Dörfer … Und man möchte so gerne einem Menschen begegnen.«
Aber, wer nun denkt, das sei alles schon schlimm genug, irrt. Bei der Lektüre von Alexijewitschs Buch lässt einen die Tragödie der Kinder nicht los. Da sind die Kinder mit Krebs, die oft nach vielen Operationen doch sterben. Da sind die missgebildeten Neugeborenen oder die Totgeburten. Da ist die Stigmatisierung dieser Kinder in der Evakuierung, die dafür sorgte, dass sie als »Tschernobyl-Kinder« gemieden und verlacht wurden. Tschernobyl-Kinder spielen außerdem schon in jungen Jahren mit Puppen das Sterben nach und antworten auf die Frage, warum die Puppen denn sterben: »Weil das unsere Kinder sind, und unsere Kinder werden nicht am Leben bleiben. Sie werden auf die Welt kommen und sterben.« Oder sie spielen im Krankenhaus Fangen und rufen dabei: »Ich bin die Strahlung, ich bin die Strahlung!« Und schon mit zwölf Jahren zeigen sie Größe, indem sie etwa feststellen: »Die Ärzte haben gesagt, dass ich krank geworden bin, weil mein Papa in Tschernobyl gearbeitet hat. Ich bin erst danach geboren. Ich habe meinen Papa lieb.«
Die verbrecherischen Geschichten
Wenn man, wie der Autor inzwischen, davon überzeugt ist, dass kriminelle Praxen und Kriminelle tief verwoben waren mit der Geschichte der UdSSR, so dass man dort sogar von einem Lumpensozialismus sprechen darf (siehe ak 718), dann erwartet man schon, dass der Atomunfall von Tschernobyl auch voller verbrecherischer Geschichten steckt. Allein, dass die kontaminierte Zone sehr bald zu einem Gebiet wurde, das quasi zur Plünderung freigegeben war, weil kaum ernsthafte Maßnahmen dagegen ergriffen wurden, sorgt beim Lesen dann doch für fassungsloses Kopfschütteln. Alles, was bewegbar war und irgendeinen Wert darstellte, wurde rausgeschafft. So wurden die Erdgruben, die als pseudo-sichere Lagerstätten für besonders verstrahlte Gegenstände ausgehoben worden waren, ausgeraubt. Banden spezialisierten sich auf den Abbau ganzer Häuser aus dem Fall-Out-Gebiet, um sie anderswo wieder aufzubauen. Viele sammelten Pflanzen in der Zone wie Pilze oder Waldfrüchte und verkauften sie auf den großen Märkten in Minsk oder Kiew. Die ebenso verstrahlten Gerätschaften der Liquidatoren wurden gestohlen, auch Autos, Jeeps, Lkws. Und an Hilfslieferungen für die Menschen in der Region bereicherten sich einheimisches Verkaufspersonal, Kontrolleur*innen sowie kleine und mittlere Beamt*innen. Welcher betriebswirtschaftlichen Logik das alles folgte, zeigt sich, wenn ein ehemaliger Wachsoldat ausführt: »Schwunghafter Tauschhandel: Sie geben dir eine Flasche Selbstgebrannten für die Erlaubnis, einen Kinderwagen rauszuschaffen. Traktoren, Sämaschinen wurden verkauft und getauscht. Eine Flasche … Zehn Flaschen … Geld interessierte keinen (lacht) Wie im Kommunismus … Für alles gab es Tarife: ein Kanister Benzin – ein halber Liter Schnaps, ein Persianermantel – zwei Liter, ein Motorrad – je nachdem, was man aushandelt.«
Tschernobyl war jedoch nicht nur ein großartiges, kriminelles Geschäft. Viele Verbrechen wurden dort auch vonseiten jener Menschen begangen, die in das Gebiet geschickt wurden, um das Ausmaß der Katastrophe einschätzen zu können, also um die Menschen zu retten. Statt dieser Aufgabe aber nachzukommen, informierten sie als willige Mitläufer*innen des Lumpenkommunismus die Bevölkerung nicht über die drastischen Messwerte. Eine ehemalige Ingenieurin für Kernenergie erinnert sich dabei: »In unserer Gruppe war eine Frau. Eine Radiologin. Sie bekam einen hysterischen Anfall, als sie Kinder im Sand spielen sah. Und Kinder, die auf Pfützen Schiffchen fahren ließen. Die Läden waren geöffnet, Textilien und Lebensmittel wurden, wie es auf dem Land üblich ist, zusammen angeboten: Anzüge, Kleider und daneben Wurst und Margarine. Alles lag offen, nicht mit Folie abgedeckt. Wir nahmen Wurst, ein Ei mit … Machten Röntgenaufnahmen. Das waren keine Lebensmittel, das waren radioaktive Abfälle … Auf einer Bank saß eine junge Frau und stillte ihr Kind. Wir prüften die Muttermilch – sie war radioaktiv … Eine Tschernobyl-Madonna.« Eine Naturschutzinspektorin wiederum zeigte immerhin ein spätes Schuldbewusstsein, wenn sie ausführt: »Sie verstanden nicht, was geschehen war, und wollten so gerne den Wissenschaftlern und jedem gebildeten Menschen glauben wie einem Geistlichen. Und man versicherte ihnen: ›Alles ist gut. Nichts Schlimmes. Wascht euch nur vor dem Essen die Hände.‹ Ich habe erst Jahre später begriffen, dass wir alle beteiligt waren … An einem Verbrechen … An einer Verschwörung … (schweigt).«
Die Geschichten des politischen Scheiterns
Immerhin: Es gab auch in der Katastrophe von Tschernobyl Beamt*innen und Parteifunktionär*innen, die mehr taten als nur zuzusehen. Einige berichten, dass sie sich als Liquidatoren freiwillig gemeldet haben, weil das ihre sowjetischen Ideale verlangten. Andere Stimmen in Alexijewitschs Buch erwähnen, dass die Partei in der Ukraine deutlich entschlossener handelte als die in Belarus. Zudem verschweigt Alexijewitsch keineswegs, wie schwierig es für Parteifunktionär*innen in dieser Notsituation war, das Richtige zu tun. Ein ehemaliger erster Sekretär der belarussischen Kreispartei verteidigt so etwa sein Vorgehen, indem er betont, dass es oberste Pflicht war, eine Panik um jeden Preis zu verhindern. Als Leser*in ist man dann aber irritiert, wenn dieser Parteisekretär hinzufügt, dass dies auch bedeutete, die Bäuer*innen im Freien weiterarbeiten zu lassen, da die Partei trotz des Unglücks an den Planvorgaben festhielt. Man wird dann noch zweifelnder, wenn er beschreibt, dass er auch nicht zögerte, die Großveranstaltungen am Tag der Arbeit (1. Mai) und am Tag der Befreiung (9. Mai) abzuhalten, obwohl er um die Strahlung wusste. Aber man erkennt die ganze Zerrissenheit dieses Menschen, wenn er Jahre später noch stolz darauf ist, dass es für ihn als überzeugten Kommunisten nicht infrage kam, seine Familie zu bevorteilen und in Sicherheit zu bringen, so dass seine Enkelin an Leukämie erkrankte. Er schließt gebrochen mit den Worten: »Ich war ein Kind meiner Zeit … Ich bin kein Verbrecher.«
Besonders hervorhebenswert in diesem Zusammenhang ist der Bericht von Wassili Nesterenko, dem damaligen Leiter des Instituts für Kernenergie an der Akademie der Wissenschaften in Minsk. Der hohe Akademiker Nesterenko beschreibt nachdrücklich, wie sehr er sich darum bemühte, die belarussischen Funktionär*innen zu einer schnellen Evakuierung zu bewegen. Er setzt sich dabei auch über Parteidirektiven hinweg, indem er etwa Urlauber*innen am See von Pripyat bei Tschernobyl warnt, die gar nicht wissen, dass sie schon mehrere Wochen unter einer radioaktiven Wolke baden und sich bräunen. Die gewünschte Reaktion der Partei bleibt aber aus, stattdessen kommt eine andere. Seine Messgeräte werden aus dem Institut von den Behörden beschlagnahmt. Es verschwinden Mappen mit Material aus seinem Büro. Er erhält Drohanrufe. Schließlich überlebt er völlig demoralisiert einen Herzinfarkt nur knapp.
Es ist vor diesem Hintergrund verständlich, dass das alles für Nestorenko auch verbrecherische Züge hatte, aber das politische Versagen der KPDSU hat für ihn eben nicht nur diese Dimension. Stattdessen kommt er zu einer Einschätzung, die auch im Hinblick auf den damals neuen Generalsekretär Michail Gorbatschow bemerkenswert ist. Er sagt: »Nein, das war keine Verbrecherbande. Eher eine Verschwörung von Unwissenheit und Korpsgeist. Ihr Lebensprinzip, die Apparat-Schule: die Nase nicht zu weit vorstrecken, Diensteifer zeigen. Sljunkow (damaliger Generalsekretär der Partei in Belarus, Anmerkung des Autors) war gerade zur Beförderung nach Moskau geholt worden. Da haben wir’s! Ich denke, es hatte einen Anruf aus dem Kreml gegeben … Von Gorbatschow … Ihr Weißrussen, sozusagen, macht keine Panik, der Westen regt sich schon genug auf. Und die Spielregeln lauten: Hofiert ihr nicht die nächsthöhere Befehlsgewalt, werdet ihr nicht befördert, bekommt ihr nicht die gewünschte Reise oder Datsche … Man muss gefallen … Ein stalinistisches Land. Immer noch ein stalinistisches Land.«
Die Geschichten unserer Zukunft
Man ist nun ohne Zweifel versucht, das alles zu verdrängen. Es zu einer traurigen Vergangenheit zu erklären. Es zu den bitteren Ergebnissen des sowjetischen Lumpensozialismus hinzuzurechnen oder zu einem belarussischen oder ukrainischen Problem zu machen. Allein, dagegen wird in Alexijewitschs Buch Widerspruch erhoben. Es ist erneut Nesterenko, der unterstreicht: »Tschernobyl ist nicht vorbei, es fängt erst an.« Die Essenz dieses Satzes wird meines Erachtens verständlich, wenn wir uns abermals an Kants Warnung erinnern. Genau genommen besagt sie auch, dass der Mensch als beschränktes Wesen immerhin das Privileg hat, seine Beschränkung in Sachen Naturerkenntnis und Naturkontrolle zu erkennen. Allein: Indem der Mensch diese Erkenntnis ignoriert, sind wir immer tiefer in die Welt der Naturkräfte eingedrungen und manipulieren diese inzwischen auf ungeahnter Skalenleiter. In der Konsequenz entsteht eine schaurige Natur, die zwar menschengemacht ist, in der der Mensch aber jede Vertrautheit und Orientierung zunehmend verliert.
Tschernobyl hat uns diese neue frankensteinhafte Natur, in der heute, 40 Jahre später, immer mehr Menschen leben und der die Zukunft gehört, vermutlich erstmals in aller Deutlichkeit offenbart. Es ist eine Natur, in der unsichtbare Gefahren zunehmen, gestern war es Radioaktivität, heute sind es Viren oder Mikroplastik. Es ist manchmal eine seltsam-schöne Natur, selbst der havarierte Reaktor sandte zu Anfang ein faszinierendes, glühendes Licht aus, das dazu führte, dass sich viele Bewohner*innen der nahe gelegenen Stadt Pripyat im Freien versammelten, um dem Schauspiel beizuwohnen, und die Augenzeugin fügt in Alexijewitschs Buch hinzu: »Wir wussten nicht, dass der Tod so schön sein kann.« Es ist eine Natur, in der Menschen in ihrer selbst verschuldeten Not massenhaft radioaktive Haus-, Nutz- und Wildtiere erschießen, ein Massaker, das selbst belarussische Jäger anhaltend erschüttert, weil diese Tiere eben Lebewesen sind, manchmal sogar die besten Freunde des Menschen. Es ist zudem eine Natur, die trotz ihrer Verseuchung weiterhin die letzte Zuflucht für Verzweifelte ist. Im kontaminierten Sperrgebiet leben inzwischen wieder Hunderte Menschen, weil sie da freier sind.
Eine der Bewohner*innen des Sperrgebiets soll auch diese Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl beschließen, denn die Widersprüche, die in ihr toben, weisen den Weg in unser zunehmend kollapsologisches Zeitalter: »Und jetzt ist alles zusammengebrochen, das ganze Leben. Wir dachten immer, dass das alles unzerstörbar ist, dass das, was im Topf kocht, ewig ist. Nie hätte ich geglaubt, dass es mal anders kommen könnte. Aber so ist es … Milch ist verboten, Bohnen sind verboten. Pilze, Waldbeeren … Fleisch sollen wir drei Stunden einweichen … Und von Kartoffeln muss zweimal Wasser abgegossen werden, wenn man sie kocht. Aber mit Gott will man sich nicht anlegen … Wir müssen weiterleben … Man will uns weismachen, dass wir das Wasser nicht trinken dürfen. Aber wie soll man ohne Wasser auskommen? In jedem Menschen ist Wasser. Es gibt niemanden ohne Wasser. Wasser findet man sogar im Stein. Na, vielleicht ist wenigstens das Wasser ewig? Alles Leben entspringt daraus … Wen soll man fragen? Keiner kann einem etwas sagen. Zu Gott wird gebetet, den fragt man nicht. Aber man muss leben.«
Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft. Suhrkamp, aktuelle Auflage, Berlin 2024. 372 Seiten, 20 EUR.