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|ak 723 | Geschichte

Warum sich die Erinnerungspolitik ändern muss

Susanne Siegert plädiert für einen Blick auf die Täter*innen, um den Nationalsozialismus aufzuarbeiten

Von Magda Albrecht

Blick durch ein Feld von Stelen aus Beton
Das staatspolitische Gedenken hat sich entschieden: Holocaust-Mahnmal in Berlin. Grafik: Fleur Nehls

Wer sich auf Instagram oder TikTok bewegt, hat bestimmt schon einmal ein Video des Accounts @keine.erinnerungskultur gesehen. Auf ihrem Account erklärt Susanne Siegert in kurzen Videos einen Aspekt, einen Begriff oder eine wenig beleuchtete Geschichte aus der NS-Zeit. Nun hat die Journalistin ein Buch veröffentlicht: »Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss«.

Deutsche lieben es, Weltmeister zu sein – was die Anzahl der Brotsorten angeht, den Export von Elektroautos oder beim Fußball, logisch. Da liegt es nur nahe, dass wir auch beim Erinnern spitze sein wollen, Erinnerungsweltmeister, um genau zu sein. Gedenktage kommen da gelegen, um die Aufarbeitungsleistung zur Schau zu stellen, erst kürzlich am 27. Januar zum Beispiel, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Dagegen schreibt Siegert an und fragt sich, wie eine aktive Erinnerungs- und Gedenkkultur heute aussehen kann.

Gedächtnistheater

Es sei vorausgeschickt, dass offizielle Gedenktage eine Errungenschaft sind: Sie halten die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen aufrecht und bieten Raum für (öffentliche) Trauer. So die Idee. In der Praxis produziert ein wichtiger Tag wie dieser oft nur eine Flut an schwarzen Instagram-Kacheln mit Aufschriften wie »We Remember« oder »Nie wieder«. Woran wir erinnern oder was »Nie wieder« passieren soll, wird mitunter gar nicht mehr erwähnt. Diese Art der Erinnerungskultur, so Siegert, sei wie »ein fertiges Drehbuch« mit den immer gleichen Ritualen oder Phrasen. In diesem »Gedächtnistheater« (nach Y. Michal Bodemann) fungieren die jüdischen Opfer bzw. ihre Nachfahren lediglich als Statist*innen für eine Gesellschaft der Täter*innennachfahren, die sich als moralisch geläutert inszeniert. Wenn selbst Konservative, die antisemitische und rassistische Anschläge und Morde in der Jetztzeit höchstens als bedauerliche Einzelfälle betrachten, »Erinnert euch!« rufen, verkommen die mahnenden Worte zu einer inhaltsleeren Performance.

Dem stellt Siegert einen Fokus auf lokale Verbrechens- und Widerstandsorte und die Beschäftigung mit Täter*innengeschichte entgegen. Auch wenn die Erinnerung an die Verfolgten weiter im Vordergrund stehen sollte, so Siegert, müssten sich die Nachfahren der Täter*innengesellschaft mit den eigenen Familiengeschichten auseinandersetzen und aufhören, sich auf das Gedenken der Opfer und Verfolgten bzw. der Nachkommen der Opfer draufzusetzen. Es gehe um eine klare Benennung der Verbrechen und der dazugehörigen Verantwortung, Siegert schreibt: »Ob Täter oder Täterin, wir brauchen eine neue Deutlichkeit, wenn wir über Naziverbrechen sprechen.«

Kann Siegert als Urenkelin von Nazis und als TikTokerin, die mit teils privaten Infos über jüdische Ermordete »Content« kreiert, jemals aus dem »Gedächtnistheater« aussteigen?

Siegerts Forderung steht in einer langen Tradition: So plädierte der Philosoph Karl Jaspers, einst Doktorvater und späterer Freund von Hannah Arendt, der während der NS-Zeit Publikationsverbot erhielt, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, bereits 1946 in »Die Schuldfrage« für eine (individuelle) Verantwortungsübernahme und gegen das kollektive Verdrängen. In einem späteren Gespräch mit dem SWR2 befand er: »Wir beschwören die Menschheit, dass sie diese Taten zu ihrer Sache macht. Was bisher nur die Juden anzugehen schien, geht alle an. In den Juden ist die Menschheit selber betroffen.«

Die Auseinandersetzung mit lokaler Geschichte soll aufzeigen, so Siegert, dass die NS-Verbrechen nicht »irgendwo« stattfanden oder lediglich von einer Handvoll »Monster« orchestriert wurden, sondern vor der eigenen Haustür und unter aktiver Mitarbeit vieler (unserer) Vorfahren. Siegert will weniger floskelhafte Erinnerungskultur und mehr aktive »Gedenkarbeit«. Tatsächlich kann eine persönliche Auseinandersetzung mit Täter*innenbiografien in der eigenen Familie gerade heute wichtige Fragen aufwerfen: Was hat die NS-Zeit mit meinen Verwandten, mit dem Schweigen oder der Gewalt in der eigenen Familie und letztendlich auch mit mir zu tun?

Doch wie gehen wir gesellschaftlich damit um, wenn mehr und mehr Menschen mit Täter*innenenthüllungen ins Rampenlicht treten? In Zeiten, in denen Inhalte in den sozialen Medien durch »catchy hooks« und einer Art Überbietungsparade an Schockelementen vermittelt werden, stellt sich die Frage, inwiefern es für Täter*innenachfahren möglich ist, nicht in einer Spirale der Selbstzentrierung zu landen. Was bedeutet es, Likes und Anerkennung für das Veröffentlichen von Enthüllungen zur Nazi-Vergangenheit des eigenen Opas zu erhalten? Kann Siegert als Urenkelin von Nazis und als TikTokerin, die mit teils privaten Infos über jüdische Ermordete »Content« kreiert, jemals aus dem »Gedächtnistheater« aussteigen?

Unbequeme Überlebende

Es gibt einige Stellen im Buch, die verkürzt erscheinen. So arbeitet Siegert die jüdische Herkunftsgeschichte des zum Hashtag verkommenen Schlagworts »Nie wieder« heraus und merkt kritisch an, dass die ehemalige Täter*innengesellschaft daraus eine »allgemeine Mahnung gegen Krieg, Diktatur und Unterdrückung« gemacht hätte. Dass die Deutung des »Nie wieder« auch innerhalb jüdischer Kontexte heiß umkämpft ist, bleibt unerwähnt. Dabei gibt es mitnichten eine einheitliche Auslegung: Vereinfacht gesagt leiten die einen daraus einen spezifischen und die anderen einen universellen Anspruch auf Unversehrtheit für alle Menschen ab, und das heißt: nie wieder Krieg, nie wieder Genozid, nie wieder Entrechtung. Aus Sicht der Letzteren bedingt eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte das Betrauern aller Opfer und eine kritische Selbstansicht, aber auch den Auftrag an uns alle, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie wieder geschehen dürfen.

Ein weiterer Aspekt: Im Kontext der deutschen Erinnerungs- und Gedenkkultur wird die Diskussion zu Antisemitismus mitunter mit Fragen von Migration und Flucht vermengt, wenn beispielsweise von einem »importierten Judenhass« die Rede ist, als gäbe es im Land der Täter*innen keinen mehr. Der Schriftsteller und Publizist Max Czollek schreibt regelmäßig darüber, wofür die deutsche Erinnerungskultur so alles herhalten muss: um den Antisemitismus als eingewandertes (und nicht etwa hausgemachtes) Phänomen darzustellen, um mehr Abschiebungen zu fordern oder auch, um vom eigenen Rassismus abzulenken. Dass diese Aspekte der Debatte im Buch kaum Erwähnung finden, ist eine Sache. Ein Buch darf andere Schwerpunkte setzen, als sie der Leser*in wichtig wären. Etwas eigentümlich mutet aber an, dass Siegert in einem längeren Absatz über »unbequeme Überlebende« – Überlebende oder deren Kinder, die entgegen der deutschen Erwartungshaltung keine versöhnlichen Töne gegenüber dem selbsternannten »Erinnerungsweltmeister« anschlagen – auch auf Akteur*innen verweist, die sehr wohl öffentlich Gehör bekommen, auch und gerade dann, wenn sie Aussagen bezüglich Migration treffen, die sich eher bequem in einen deutschen Diskurs einbetten und Antisemitismus am liebsten bei »den Anderen« verortet. (Ansonsten ist der Absatz übrigens sehr lesenswert und zeigt auf, wie herablassend und überheblich nicht wenige Politiker*innen mit jüdischen Überlebenden umgegangen sind).

Das Buch ist da stark, wo es (uns) Deutsche aus (potenziellen) Täter*innenfamilien den Spiegel vors Gesicht hält: Es braucht eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den Orten und den Menschen, die einem nahe sind, um auch den folgenden Generationen zu vermitteln, dass das systematische deutsche Morden von Jüdinnen und Juden und vielen anderen nicht nur die Verbrechen Einzelner waren, sondern ermöglicht wurde durch ein kollektives Mitmachen und Dulden, ja, womöglich auch durch den eigenen Opa.

Magda Albrecht

ist Autorin und Öffentlichkeitsarbeiterin. Sie befasst sich mit linker und queerer Politik und aktuell mit Familiengeschichte und (familiärer) Erinnerungskultur.


Susanne Siegert: Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. Piper Verlag, München 2025. 240 Seiten, 18 EUR.

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