Shitposten bis zum Endsieg
Die US-amerikanische Rechte hat einen neuen Flügel: die Online-Bewegung der Groypers, die selbst MAGA zu radikal ist
Von Caspar Shaller
Rod Dreher versetzte Anfang November 2025 die amerikanischen Konservativen in helle Aufregung. Der erzkonservative Kulturkolumnist verbreitete zunächst in einem Substack-Post, dann in einem Text für das rechtslibertäre Medienprojekt The Free Press die Kunde von einer tiefen Spaltung in der konservativen Bewegung: »Ein älterer Insider«, so Dreher, habe ihm gesteckt, dass 30 bis 40 Prozent der republikanischen Parlamentsmitarbeiter*innen unter 30 der extremistischen Strömung der Groypers angehörten.
Die Groypers sind eine lose Online-Bewegung, die sich nach einer pummeligeren Variante des Frosches Pepe, ironisches Spirit Animal der Online-Rechten, benannt hat. Was gesetztere Konservative so aus der Fassung brachte, als bekannt wurde, wie einflussreich diese Bewegung unter jungen Republikaner*innen ist, liegt im extremen Gedankengut der Groypers begründet: »Seit einiger Zeit höre ich von konservativen Freunden, die an High Schools oder Unis unterrichten, dass Antisemitismus und white nationalism unter ihren weißen männlichen Studenten ansteigt«, fasst Dreher den ideologischen Gehalt der Groypers in seinem Essay zusammen. Dass selbst jemand wie er sich Sorgen macht, erklärte einen Teil der ausgelösten Beunruhigung, denn Dreher selbst ist nicht gerade zimperlich: Der Kolumnist lebt in Ungarn, einem gelobten Land der Rechten, wohin er aus den vermeintlich zu liberalen USA »geflohen« ist.
Holocaust-Leugner als Leitfigur
Leitfigur der Groypers ist der Holocaust-Leugner Nick Fuentes. Dieser erst 27-jährige Streamer mit Millionen Followern prägt eine ganze Generation der Rechten. Mit höhnischer Attitüde demoliert er alle Versuche der auch nicht gerade moderaten Republikaner, sich als gemäßigt darzustellen. Fuentes legt Feuer am rechten Rand. In seinen Accounts in den sozialen Medien und in seiner Online-Sendung America First verbreitet er allerlei Ekelhaftigkeiten: Jüd*innen zögen hinter den Kulissen die Fäden in der Gesellschaft, Frauen sollten die Fresse halten, ohnehin gelte »your body, my choice«, und »den größten Teil« der Schwarzen sollte man in den Knast stecken.
Seine Stiftung, die ebenfalls America First heißt, verurteile, so ihre Website, »amoralische Ideologien wie Zionismus, Nihilismus und liberalen Multikulturalismus«, die die Souveränität der USA untergrüben. Fuentes ist wohl auch das deutlichste Beispiel für antisemitischen Antikapitalismus. Er redet immer wieder von den Übeln des Finanzsektors und der »Schuldensklaverei«, was alles »den Juden« in die Hände spiele. Dieser explizite Antisemitismus ist den gesetzteren US-Konservativen nun doch zu viel, auch wenn sie mit weniger explizitem oft kein Problem haben. Dreher etwa scheint sich an Viktor Orbáns antisemitischen Dog Whistles nicht zu stören. Aber: Orbán und andere etablierte Rechte unterstützen Israel, während die Groypers Israel ablehnen.
Dreher zeigt sich daher besorgt: »Der christliche Glaube hat junge Männer nicht für Antisemitismus immun gemacht.« Vielmehr sei Antisemitismus zu einem Lackmus-Test unter jungen christlichen Rechten geworden. Das sollte nicht ganz so überraschend kommen, fußt die Unterstützung Israels durch evangelikale Rechte in den USA doch auf der zutiefst antisemitischen Vorstellung, in der Bibel stehe geschrieben, alle Jüd*innen müssten ins gelobte Land zurück, damit die Apokalypse stattfinden könne, nach der dann wiederum alle guten Christ*innen in den Himmel kämen. Die Jüd*innen kommen laut dieser religiösen Wahnidee natürlich in die Hölle – nachdem sie ihre angeblich in der Bibel festgelegte Rolle erfüllt haben.
Schnittmengen zu Incels
Die Groypers sind indes keine fixe Gruppe, sie ähneln eher einem Fuentes-Fanclub. Und was für Fans das sind: Die New York Times etwa zitierte in einem Artikel einen Unterstützer-Account mit dem Namen »Führer Nick Fuentes Groyper«. Dabei gibt es große Schnittmengen mit der Incel-Bewegung, also jener Bewegung frustrierter junger Männer, die den Grund ihres Single-Daseins im Feminismus und der liberalen Moderne überhaupt sehen.
Groypers nennen sich im Incel-Jargon auch »Trad Chad«, wobei Chad das ultimative Alphamännchen sein soll, das man durch traditionelle Werte von Männlichkeit sein könne, statt nur ein schwachbrüstiger, unfreiwillig Zölibatärer. Sexuelle Ängste und die Möglichkeit, über die Zugehörigkeit zu einer Massenbewegung zu einer »richtigen« Männlichkeit zu finden, waren schon immer für faschistische Bewegungen zentral, wie Klaus Theweleit in seinem berühmten Werk »Männerphantasien« dargelegt hat. Die Groypers sind aber keine Straßenschläger, sondern zeitgemäß ein Internet-Mob. Entstanden ist die Bewegung auf der Seite 4Chan, die für ihre lasche Moderation und einen harten, beleidigenden, politisch inkorrekten und zynischen Diskussionsstil bekannt ist.
Mehr als vier Millionen Menschen sahen das Interview, in dem Nick Fuentes sagte, das »organisierte Judentum« sei verantwortlich für die vielen Kriege, in denen sich die USA verausgabe.
Im Oktober vergangenen Jahres rückte Fuentes ins Rampenlicht des Mainstreams, als er in Tucker Carlons Podcast auftrat. Carlson war früher beim hysterischen konservativen Sender Fox News, hat sich aber seitdem noch weiter nach rechts bewegt und bedient nun eine beständig wachsende Gefolgschaft mit immer noch krasseren Takes und Gästen – wie eben Fuentes. Mehr als vier Millionen Menschen sahen das zweistündige Interview, in dem Fuentes unter anderem sagte, das »organisierte Judentum« sei verantwortlich für die vielen Kriege, in denen sich die USA verausgabe, nahezu ohne Widerspruch von Carlson. Im Nachgang zerlegte sich das konservative Establishment fast selbst. Kevin Roberts, Vorsitzender des altehrwürdigen Thinktanks Heritage Foundation, verteidigte Carlson und warnte vor Cancel Culture, was Mitarbeiter*innen und – wohl viel wichtiger – Spender*innen in Aufruhr versetzte, worauf Roberts zurückruderte. Der Schaden aber war schon da. Mittlerweile wirkt es so, als würden die Groypers in vielen Debatten die Republikaner vor sich hertreiben.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielten sie nach der Ermordung von Charlie Kirk im September 2025. Kirk und Fuentes befanden sich schon seit Jahren im Streit. Kirk wollte rechte Ansichten durch Debatten und Panels an Universitäten verbreiten, Fuentes und seinen Anhängern war das zu lasch: Groypers kritisierten Kirk im Netz immer wieder dafür, mit Jüd*innen oder Schwulen zu debattieren. Solche Gruppen müsse man no-plattformen, hieß es immer wieder, was auch zeigt, wie die radikale Online-Rechte linke Terminologie und Ästhetiken für sich nutzbar macht. Nach Jahren der sogenannten Groyper Wars galt Kirk als Erzfeind der Bewegung. Es war daher nicht allzu überraschend, als bekannt wurde, dass Kirks Mörder, Tyler James Robinson, ein glühender Anhänger der Groypers war.
Strategia della tensione
Hat hier ein radikaler Rechter eine interne Meinungsverschiedenheit mit dem Gewehr gelöst? Ganz so einfach ist es nicht. Denn es ranken sich allerlei paranoide Mythen um die Groypers. Nicht zuletzt sollen sie laut manchen Beobachter*innen der strategia della tensione folgen, einem Vorgehen, wonach Rechte die gesellschaftliche Stimmung anheizen, indem sie Sabotageakte oder sogar Terrorangriffe ausführen, aber unter dem Deckmantel einer angeblichen linken Gruppe. Der Name dieser Strategie geht auf das Italien der 1970er Jahre zurück, den sogenannten bleiernen Jahren, als italienische Geheimdienste und Rechtsextreme Attentate verübten und sie der Linken in die Schuhe schoben. 1969 etwa tötete eine Bombe in einer Mailänder Bank 17 Menschen. Für die Tat wurden lange linke Gruppen verantwortlich gemacht, bis in den 1980er Jahren aufflog, dass Faschisten dahintersteckten.
Eine solche Strategie sollen die Groypers ebenfalls verfolgen. Meistens greifen sie zu weniger drastischen Mitteln als politischer Gewalt. Fast schon ein Hobby scheint unter Groypers der Aufbau von sich links gebenden Social-Media-Accounts zu sein, mit denen dann Diskussionen online unterwandert werden, indem man immer noch absurdere Forderungen aufstellt, andere zum Canceln linker User*innen anstachelt und so weiter.
Beobachter*innen wie der Journalist und »Meme-Historiker« Aiden Walker sehen diese Strategie auch bei Robinson, dem Mörder Kirks. Am Tatort fand die Polizei Patronenhülsen, in die die Worte »Bella Ciao« und »hey fascist, catch« eingraviert worden waren. Auch Luigi Mangione hatte den Patronen, mit denen er einen Krankenversicherungs-CEO erschoss, eine Botschaft eingeschrieben. Doch so klar links, wie die leere Munition diese Tat wirken lässt, scheint sie nicht zu sein. Auf einer anderen von Robinson verwendeten Hülse war folgender Spruch eingeritzt: »If you read this you are gay LMFAO.« Auch die anstrengendsten Antifamacker würden wohl nicht so tief in die pubertäre Homophobie hinuntersteigen.
Wenn das Absicht war, scheint die Strategie aufgegangen zu sein. Rechte Accounts freuten sich nach Kirks Tod geradezu über »our Reichstagsbrand«. Kurz darauf setzte Trump »die Antifa« auf die Liste terroristischer Organisationen. Die Auswirkungen davon reichen bis nach Deutschland, wo die Konten einiger linker Gruppen von ihren Banken geschlossen wurden.