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Grönland: finnischer Bärendienst

Mit dem schmelzenden Eis der Arktis wird die Insel zum strategischen Knotenpunkt

Von Robert Stark

Zwei Menschen in orangen Anzügen, eine Person mit einem Eisbohrer, die andere kniet vor dem Eisbohrer unter ihnen Eis. Dahinter Licht und im halbdunkel ein großes Schiff.
Was unter dem Eis liegt, interessiert viele, noch wichtiger ist aber, was passiert, wenn das Eis weg ist: Arktis-Expedition 2019. Foto: Esther Horvath/Alfred Wegener Institute/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Gut drei Autostunden nordwestlich von Finnlands Hauptstadt Helsinki liegt das schmucke Küstenstädtchen Rauma. Es ist einer der ältesten Hafen- und Handelsstandorte im westlichen Finnland. Kaum 40.000 Einwohner*innen leben hier. Seit über 500 Jahren wird dort Schiffbau betrieben. Nun macht gerade diese Expertise Rauma indirekt zu einem Schauplatz des globalen Machtkampfs um die Arktis. US-Präsident Donald Trump und Teile seiner Regierung haben wiederholt Gebietsansprüche auf die arktische Insel Grönland erhoben, die autonomer Teil Dänemarks ist.

Am 29. Dezember vermeldete die finnische Werft Rauma Marine Constructions stolz den Baubeginn von zwei neuen Eisbrechern für die US-amerikanische Küstenwache. Bereits im Herbst 2025 hatten Finnland und die USA Vereinbarungen über die Produktion von elf mittelschweren, hochmodernen Eisbrechern geschlossen. Vier der Schiffe sollen in Finnland hergestellt werden und der Rest mit finnischem Know-how in den USA selbst. Dabei drückt die Trump-Regierung mächtig auf die Tube: Die beiden ersten Eisbrecher aus Rauma sollen schon 2028 in See stechen, momentan hat die US-Küstenwache nur drei Eisbrecher. Besonders die finnische Exportwirtschaft war wegen des Deals aus dem Häuschen: Über zwei Milliarden Euro soll das Abkommen bringen. Aber der ökonomische Erfolg könnte sich als Bärendienst erweisen.

Für die militärische Kontrolle des arktischen Raumes ist Grönland essenziell.

Die Klimakatastrophe trifft die Arktis härter als andere Weltregionen – Albedo-Effekt und Rückkopplungen sorgen für eine viermal schnellere Erwärmung als im globalen Mittel. Bis 2050 wird für die Sommermonate August und September mit regelmäßigen eisfreien Sommern gerechnet. Als eisfrei gilt die Arktis in der Wissenschaft, wenn weniger als eine Million Quadratkilometer arktischer Fläche von Eis bedeckt sind. Bereits im nächsten Jahr könnte diese Grenze für einen Tag fallen, die Arktis also tageweise »eisfrei« werden.

Die klimatischen Veränderungen bringen die Arktis in den Fokus globaler Verteilungs-, Territorial- und Zugriffskämpfe; darin besonders engagiert sind die USA, Russland und China. Die europäischen arktischen Staaten und Kanada sind zunehmend unter Druck. In den eisfreien Sommern könnte die momentan kaum nutzbare Nordwestpassage über Nordalaska und Kanada eine profitable Transportstrecke für Frachter werden. Die Route zwischen Rotterdam und Tokio wäre über diese Passage um knapp 6.000 km kürzer. Eine Fahrt über die zunehmend eisfreie Nordostpassage an der russischen Nordküste wäre sogar noch kürzer. Auch eine transpolare Route über den Nordpol könnte in der Mitte des Jahrhunderts denkbar werden, zumindest in den Sommermonaten.

Das schmelzende Eis weckt neben möglichen neuen Transportrouten auch andere Begehrlichkeiten. So werden unter dem stellenweise tausende Meter dicken Grönländer Eisschild Erdöl, Mineralien und das weltweit größte Vorkommen Seltener Erden vermutet. Der Abbau dieser Vorkommen würde allerdings extrem schwierig werden, da es keine ausreichende Infrastruktur, sowie nicht genügend Arbeitskräfte auf Grönland gibt und das Schürfen unter arktischen Bedingungen viel schwieriger ist. Seit Jahrzehnten wird in kleinerem Maße der Goldabbau erprobt ­– mit schwankendem Erfolg. Die beiden momentan aktiven Goldminen in Grönland sind noch weit davon entfernt, profitabel zu sein. Beim Versuch, die größte Insel der Welt für die USA zu annektieren, dient der vermeintliche Ressourcenreichtum vor allem als Vorwand. Landgrenzen sind in der Arktis eigentlich international anerkannt, der Verlauf der Seegrenzen, die im Zuge schmelzender Eisschilde größer werden, ist dagegen umstritten.

Grönland als Teil der USA würde kaum im Wettlauf um die Kontrolle von Seltenen Erden helfen – denn Vorkommen gibt es auch in Alaska oder Kalifornien, und vor allem die Verarbeitung von Erzen ist fest in chinesischer Hand. Für die militärische Kontrolle des arktischen Raumes ist Grönland dagegen essenziell. Die Einlassungen von Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, oder von Trump selbst zeigen den eigentlichen Schwenk der US-Politik: Auch zur Kontrolle der Arktis setzt man anstatt auf Kooperation mit den kleineren westlichen Staaten lieber auf Dominanz und den eigenen uneingeschränkten Zugriff. Finnland könnte mit der schnellen Bereitstellung von Eisbrechern sich selbst und den anderen, kleineren arktischen Staaten einen Bärendienst erwiesen haben. Was wiederum passen würde, schließlich ist die Arktis nach dem griechischen Árktos (Bär) benannt.

Robert Stark

lebt in Helsinki, arbeitet im finnischen Bildungssektor und schreibt für deutschsprachige Medien.

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