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|ak 722 | Kultur

»Die Fanszenen werden politisch aktiver«

Lara Schauland und Raphael Molter haben ein Buch über Fußballkurven und ihre Kämpfe geschrieben – den Sport beschreiben sie als gesellschaftlichen Konfliktraum 

Interview: Nelli Tügel

Die Fankurve eines nicht ganz unbekannten Hamburger Fußballvereins. Foto: Jeuwre/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Fußball ist ein Sport, der »überall auf der Welt geliebt, gelebt und gespielt« wird, heißt es in »Matchplan Meuterei. Fußballfans zwischen Kommerz und Widerstand«, dem neuen Buch von Lara Schauland und Raphael Molter. Wie er verwertbar und kommerzialisiert wurde, wie sich Fans organisieren und um ihren Sport kämpfen – und wie das gesellschaftliche Veränderungen möglich machen könnte, darüber sprechen die beiden im Interview.  

In eurem neuen Buch »Matchplan Meuterei« spielen Ultras eine wichtige Rolle. Erklärt mal bitte für Fußballignorant*innen: Was sind Ultras eigentlich, woher kommen sie, wofür stehen sie?

Lara: Ultras sind eine eigenständige Fankultur, die in den 1960er Jahren in Italien entstand und sich von dort weltweit verbreitete. Ich würde sagen, dass ihre Wurzeln im Bedürfnis junger Menschen liegen, sich einen eigenen Raum zu schaffen, der nicht kommerziell gesteuert ist, sondern selbst organisiert und gemeinschaftlich gelebt wird. Gleichzeitig ist Ultrá in Anlehnung an die linke Studierendenbewegung Italiens entstanden und war von Anfang an vom Widerstand gegen staatliche Autorität geprägt. Die bedingungslose Unterstützung des eigenen Vereins im gesamten Alltag ist das prägende Element von Ultras. Deshalb legen sie Wert auf dauerhafte, bedingungslose Unterstützung, auf Kreativität in den Kurven, auf Autonomie gegenüber Vereinen und Verbänden und auf die Verteidigung der eigenen Freiräume. 

Raphael: Ergänzend ist zu sagen, dass wir in unserem Buch aber ganz bewusst nicht nur von Ultras sprechen, sondern von aktiven Fans. Ultras können so etwas wie die Speerspitze im Kampf um einen anderen Fußball sein. Um wirksam zu werden, braucht es jedoch eine breite Fanbewegung, in der sich Fanclubs, Kutten, Hooligans und all die anderen Stadiongänger*innen wiederfinden und für gemeinsame Werte und Ziele kämpfen.

Das öffentliche Bild von Ultras ist recht negativ. Woran liegt das und was für Folgen hat das? 

Raphael: Weil sie sich gegen die staatlich organisierte Verwertung des Fußballsports wenden. Weil sie versuchen, Dinge zu verhindern, die ihnen nicht passen. Und natürlich, weil sie seit ihrer Existenz immer wieder in Auseinandersetzungen mit Polizei und Staatsanwaltschaft kommen. Als eine der größten (Sub-)Kulturen Deutschlands präsentieren sie – wie viele andere Fußballfans auch – die Unfähigkeit staatlicher Behörden, jederzeit und überall Kontrolle und gesellschaftliche Ordnung herbeizuführen. Das führt zu einer Feind-Markierung durch Teile des Staates wie der Medien. 

Lara: Ich frage mich gerade, was das öffentliche Bild ist, und wer darüber entscheidet. Es gibt ganz unterschiedliche Auffassungen darüber, wie Ultras moralisch zu bewerten sind, und selbst einige Medien sind sich da uneins. Als beispielsweise die Corona-Pandemie begann und sich viele Ultra-Gruppen solidarisch zeigten, lobten viele Medien plötzlich das soziale Engagement. Nur einige Wochen zuvor waren dieselben Fans noch potenzielle Mörder, weil sie Dietmar Hopp, Mäzen von TSG 1899 Hoffenheim, ins Fadenkreuz nahmen. Wenn Ultras als irrationale Störer dargestellt werden, nimmt man ihnen das Recht, Kritik am sogenannten Kommerz zu äußern und ernst genommen zu werden. Das verzerrte Bild dient also in erster Linie der Aufrechterhaltung des Status quo, indem es Opposition moralisch abwertet und kontrollierbar macht.

Zu Beginn des Buches schreibt ihr, dass das berühmte Marx-Zitat aus dem Brumaire über Tragödie und Farce sich erstaunlich gut auf die Geschichte des Fußballs anwenden ließe. Wieso?

Raphael: In der Geschichte des modernen Fußballsports lässt sich beobachten, wie ein recht chaotisches, unreguliertes Volksspiel in England diszipliniert und vereinnahmt wurde. Der Schritt zur Vereinheitlichung des Spiels wurde nicht auf den Dörfern oder in den Arbeitervierteln der Städte gegangen: Die Regeln wurden in den Elite-Schulen geschrieben. Die Farce zeigt sich heute darin, dass dieselben Mechanismen unter anderen Vorzeichen fortgeführt werden: Der Fußball wird moralisch als Gemeingut inszeniert, dass vermeintlich allen gehöre, um die Transformation in ein wichtiges Stück der globalen Kulturindustrie zu gewährleisten. 

Raphael Molter und Lara Schauland

Raphael Molter ist Politikwissenschaftler, Mitglied des Instituts für Fankultur e.V. und arbeitet u.a. zu materialistischer Fußballkritik. Lara Schauland ist Politikwissenschaftlerin, ebenfalls Mitglied des Instituts für Fankultur e.V. und arbeitet zu den Themen Fankultur sowie Polizei- und Sicherheitsdiskursen im Fußball. Gemeinsam haben sie das Buch »Matchplan Meuterei. Fußballfans zwischen Kommerz und Widerstand« (PapyRossa Verlag, Köln 2025. 212 Seiten, 17,90 EUR) geschrieben. Fotos: privat

Das altehrwürdige linke Periodikum Prokla ist gerade mit einer Ausgabe zur Politischen Ökonomie des Fußballs erschienen – das erste Mal in mehr als 50 Jahren hat sie einen solchen Themenschwerpunkt. Meint ihr, das ist Zufall, oder liegt das Thema mehr als sonst in der Luft gerade? Wenn ja, wieso?

Lara: Ich halte das eher nicht für einen Zufall. Wir erleben gerade eine Phase, in der der Fußball als gesellschaftlicher Konfliktraum sichtbar wird in Deutschland. Die Fanszenen werden politisch aktiver und organisieren sich vereinsübergreifend entlang aktueller Konfliktlinien wie der finanziellen Bestrafung von Pyrotechnik. Dazu haben die DFL-Investorenproteste 2023/24 gezeigt, dass Kurven in der Lage sind, ein milliardenschweres Projekt zu kippen. 

In eurem Buch geht es nicht nur um Kommerzialisierung, die Macht der Verbände und Fanszenen, sondern auch um strukturelle Ausschlüsse – welche gibt es, wie lassen sie sich beschreiben und welche Funktion erfüllen sie? 

Lara: Frauen werden traditionell marginalisiert und stehen historisch am »Rand« des Geschehens, sei es durch Verbote, fehlende Ressourcen oder paternalistische Erzählungen; Rassismus zeigt sich in der Spielerrekrutierung, im medialen Framing und im Alltag im Stadion; Menschen mit Behinderung werden durch bauliche Barrieren oder unzureichende Teilhabemöglichkeiten systematisch eingeschränkt. Diese Ausschlüsse erfüllen die Funktion, den Fußball als Raum der »Normalbürgerlichkeit« zu stabilisieren; einen Raum, der männlich, weiß, körperlich unversehrt und heteronormativ markiert ist.

Wie können denn eurer Ansicht Alternativen zum heute dominanten Fußball aussehen? 

Raphael: Wir sehen in unserem Buch nicht die Aufgabe, eine neue Arbeitersportbewegung zu skizzieren, die notwendigerweise die Basis für einen alternativen, breit organisierten Fußball wäre. Uns geht es um die aktuellen Kämpfe innerhalb und um die Ordnung des Profi-Sports. Und um eine Fußballfankultur, die hierzulande von Vorstellungen lebt, dass dieses Spiel den Fans gehören sollte und entsprechend heftig reagiert, wenn um die nächste Stufe der Verwertung gerungen wird. Wir wollen solche Anflüge von Klasseninstinkt mit Bewusstsein um die Aneignung des Sports durch ökonomische und staatliche Interessen versehen und damit den Boden dafür bereiten, den Fußball als Austragungsort eines bewussten Programms zu verstehen, in dem die gesellschaftlichen Beziehungen nicht durch die Formen der Konkurrenz und des Geldes bestimmt sind. 

Wenn Fans lernen, im Fußball Gegenmacht aufzubauen, dann ist das eine Schulung darin, wie gesellschaftliche Veränderung überhaupt möglich wird.

Lara: Deshalb haben wir uns politisch-realistischer Ansätze angenommen, die nicht bloß moralische Appelle sind, sondern konkrete Eingriffe in die bestehenden Strukturen darstellen. Alternativen entstehen dort, wo Fans und Vereinsmitglieder Kontrolle zurückgewinnen: durch genossenschaftliche Modelle, durch Mitgliedervereine, die nicht bereit sind, ihre Entscheidungsgewalt an Investoren abzugeben, oder durch Formen von Fußball, die bewusst jenseits der kapitalistischen Verwertungslogik organisiert sind. Fußball verändert sich nicht durch Appelle an Fairness, sondern durch organisierte Praxis, die ökonomische Abhängigkeiten infrage stellt. 

Raphael: Entscheidend ist, dass Alternativen auf handlungsfähigen Strukturen beruhen, die zu einer fußballerischen Gegenmacht zu Staat, Verband und Kapital werden können. Warum? Der Fußball ist einer der wenigen Räume, in denen sich heute noch große Gruppen von Menschen regelmäßig, selbstorganisiert und emotional verbunden begegnen. Kurven sind Orte, an denen politische Praxis eingeübt wird, oft ohne dass sie so benannt wird. Wenn Fans lernen, im Fußball Gegenmacht aufzubauen, dann ist das eine Schulung darin, wie gesellschaftliche Veränderung überhaupt möglich wird. Genau darin liegt das Potenzial der Kurven: Sie können Orte sein, an denen nicht nur um Fußball gekämpft wird; von der Kurve aus kann der Weg in die Nachbarschaft und in die Betriebe gehen. Denn letztlich erfordert ein Fußball der Fans den Sozialismus als gesellschaftliche Grundlage.

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