analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 722 | Deutschland

»Konnte ich nicht zahlen, drohte er mir«

Aufgrund von Stigma sind Sexarbeitende besonders von Wohnungsunsicherheit betroffen – und der Willkür von Vermieter*innen ausgeliefert

Von Frederik Müller

Illustration von Maik Banks. Eine Person mit blauer Jacke, Ohrringen und rot lackierten Fingernägeln hält einen roten Regenschirm und blickt auf den Umriss einer leeren Wohnung.
Wohnungsnot ist ein großes Problem für Sexarbeiter*innen, besonders wenn Mehrfachdiskriminierungen im Spiel sind. Illustration: Maik Banks

Maria (Name geändert) wollte eigentlich zehn Tage lang in Berlin bleiben. Die Sexarbeiterin erhoffte sich in der Weihnachtszeit ein gutes Geschäft auf dem Straßenstrich. Nach zwei Nächten auf der Kurfürstenstraße gibt sie auf – es läuft schlecht, außerdem vermisst sie ihren zweijährigen Sohn, der in einem kleinen Dorf in Ungarn auf sie wartet. Wir sprechen per Videocall, kurz bevor sie in den Bus nach Hause steigt. Sie sitzt rauchend in der WG-Küche von Caspar Tate, einem Sexarbeiter und Aktivisten der Gruppe trans*sexworks Berlin, mit dem sie gut befreundet ist. »Früher war die Sexarbeit gut, es hat Spaß gemacht«, erzählt sie. »In den letzten Jahren wurde es aber immer schlechter. Wenig Geld, wenige Kunden.«

Die 35-jährige Ungarin arbeitet seit 13 Jahren in der Branche. Sie war in Bordellen und Laufhäusern tätig, wo sie auch übernachtete. Doch als 2023 ihr Sohn auf die Welt kam, war das nicht mehr möglich. Mit ihrem damaligen Ehemann zog sie in ein günstiges Hotelzimmer in Berlin-Charlottenburg. »Ich wusste, dass mein Kind bei meinem Mann gut aufgehoben ist, während ich arbeite. Es war eine sehr schöne Zeit.« Doch dann wurde das Hotel geschlossen und die Familie zog immer wieder um, zahlte meist hundert Euro pro Nacht in anderen Hotels. Steigende Lebenskosten haben sich auf die Sexindustrie ausgewirkt, sodass es schwieriger wurde, täglich die hohen Beträge zu erwirtschaften.

»Kauf dir Insektenspray«

»Eine Kollegin vom Straßenstrich erzählte mir, dass es jemanden gibt, der an Sexarbeiter*innen vermietet. Am nächsten Tag kam er zu mir auf die Straße und bot mir die Einzimmerwohnung in Tempelhof an«, erinnert sich Maria. Was im Sommer 2025 für Maria wie ein Ausweg aus dem prekären Kreislauf wirkte, stellte sich bald als Albtraum heraus. »Wir zahlten insgesamt 1.650 Euro für die Wohnung. Ich musste täglich bezahlen und manchmal kam der Vermieter zu mir auf den Straßenstrich, um das Geld zu kassieren. Konnte ich nicht zahlen, drohte er mir: Ich setze dich mit deinem Kind auf die Straße!« Später erfuhr sie, dass reguläre Mieter*innen in ihrem Haus nur 500 Euro Miete zahlten.

»Wohnmöglichkeiten für migrantisierte Sexarbeiter*innen sind meist limitiert«, sagt dazu Dani Figueiredo, Sozialpädagog*in beim Projekt subway (1). »Unsere Klient*innen berichten von exzessiv hohen Mieten oder überfüllten Wohnungen als einzige Option.« Wer es schafft, ein Zimmer oder ein Bett anzumieten, erhalte wie Maria keinen Mietvertrag, keinen gesetzlichen Schutz und könne sich an seinem Wohnort nicht anmelden.

»Die Wohnung war katastrophal. Das Bett, die Küche, alles schmutzig und kaputt. Die Möbel zerbrochen«, sagt Maria. »Als ich einmal eine Kakerlake entdeckte, sagte der Vermieter: Kauf dir Insektenspray.« Caspar nickt bestätigend: »Das war überhaupt nicht kindgerecht.«

Wohnraum ist auch bei den Klient*innen von Hydra e.V., einer anderen Berliner Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen, ein großes Thema. Eigentlich ist die Übernachtung am Arbeitsort nach Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) verboten, aber: »Das ist nicht unbedingt eine Errungenschaft. Du findest hier in Berlin ja keine bezahlbare Wohnung«, sagt eine Sozialarbeiterin. »Bei der Wohnungssuche ist ein Einkommensnachweis erforderlich, was für Selbstständige sowieso schwieriger ist. Wenn du dann sagst, du bist in der Sexarbeit tätig, wirst du 90 Prozent der Wohnungen aufgrund von Stigma nicht bekommen.«

Informelle Untermieten, wie in Marias Fall, kennt man bei Hydra, aber auch Arrangements von Sexworkern mit ihren Kund*innen: »Im besten Fall bezahlt der Kunde nur die Miete. Aber meist ist es so, dass die Sexarbeiterin bei der Person wohnt. Das ist selten einfach.« Auch bei subway weiß man davon. Zimmer oder Wohngemeinschaften würden im Austausch für sexuelle Dienste, emotionale Arbeit oder unbezahlte Hausarbeit angeboten. »Einige dieser Beziehungen beschreiben die Klient*innen als gewaltvoll, andere nicht«, sagt Figueiredo.

Maria war nicht die Einzige, an der sich der Mann, den sie nur mit dem Vornamen A. kennt, bereicherte. Sie kennt allein sieben weitere Sexarbeiterinnen. Dazu Hydra: »Je vulnerabler die Situation der Sexarbeiterin ist, desto gefährlicher ist es, in solche Ausbeutungen zu kommen. Es gibt zum Beispiel Fälle von Personen aus Lateinamerika, die kein Selbstständigenvisum für die Sexarbeit bekommen. Die offiziellen Arbeitsorte können sie nicht nutzen, weil sie sich nicht nach ProstSchG registrieren können. In informellen Terminwohnungen müssen vor allem trans Sexarbeiterinnen horrende Zimmermieten zahlen. Da kann man von Ausbeutung sprechen.«

Innerhalb Berlins sollen aktuellen Schätzungen nach 15 Prozent der Wohnungs- und Obdachlosen LGBTIQ+ sein.

Queere und trans Personen sind besonders von Wohnungslosigkeit betroffen. Innerhalb Berlins sollen aktuellen Schätzungen nach 15 Prozent der Wohnungs- und Obdachlosen LGBTIQ+ sein. Gleichzeitig haben diese einen strukturell schlechteren Zugang zu Notunterkünften, Beratungen und anderen Angeboten.

Mittel der Kontrolle

Das bestätigt auch subway: »In einem Fall lebten mehrere junge migrantisierte Männer bei einem deutschen Mann und mussten 250 Euro pro Matratze und Monat zahlen. Diese Person erstellte ein Online-Sexarbeitsprofil, kommunizierte mit Freiern, verhandelte Preise, transportierte sie zu Terminen und behielt einen Teil der Einnahmen ein. Die jungen Männer berichteten, keine realistischen alternativen Wohnmöglichkeiten zu haben.« Dies sei ein Extremfall, doch Figueiredo berichtet auch von einer trans Frau, die für sexuelle Dienstleistungen bei einem deutschen Mann wohnte, der überdies in ihrem Namen Jobcenterleistungen kassierte. In einem anderen Fall musste ein Sexarbeiter mit seinem Wohnungsgeber nicht nur unbezahlt Sex haben, sondern auch noch dessen Geschäftsräume reinigen.

Aber auch wer die Möglichkeit hat, in einer legalen Prostitutionsstätte zu arbeiten, ist mit dem Problem der Wohnungssuche konfrontiert. »Einige Berliner Arbeitsorte haben eine Struktur zur Unterbringung der Sexarbeiter*innen. Sie bekommen einen teuren Schlafplatz und zahlen zusätzlich am Arbeitsort noch Zimmermiete. Außerdem können sie sich dort nicht anmelden«, so eine andere Hydra-Sozialarbeiterin. »Es dürfen laut ProstSchG keine Wuchermieten genommen werden, aber was ist denn eine Wuchermiete? Das steht da nicht drin.«

Caspar Tate vermutet, dass migrantisierte Sexarbeiter*innen besonders ausgebeutet werden, denn mit der Sexarbeit verdienen sie meist mehr als andere migrantisierte Arbeiter*innen, sind jedoch den gleichen Ausschlüssen vom Wohnungsmarkt ausgesetzt. »Wer sonst hat einerseits so wenig Zugang zum Wohnungsmarkt und kann andererseits diese hohen Mieten erwirtschaften?«, fragt er.

Wohnungsunsicherheit wird regelmäßig als Mittel der Kontrolle, Ausbeutung und Gewalt gegenüber Sexarbeiter* innen eingesetzt.

Maria hätte als EU-Bürgerin eigentlich bessere Möglichkeiten gehabt als Sexarbeiter*innen aus anderen Ländern. Doch ein abgelaufener Pass und fehlende Nachweise für ihren längeren Aufenthalt in Deutschland schlossen sie und ihre Familie von vielen Sozialleistungen von vorneherein aus.

Die Situation der Sexarbeiter*innen erinnert an die vieler anderer Arbeitsmigrant*innen in Deutschland. Sowohl bei den indischen Essenslieferant*innen in Berlin (2025), den rumänischen Erntehelfer*innen in Bornheim (2020) und den ebenfalls rumänischen Arbeiter*innen beim Bau der Mall of Berlin (2014) war die Ausbeutung der Arbeitskraft mit der Wohnsituation verwoben. Stigma und Sondergesetzgebung (wie das ProstSchG) verstärken diese Zustände für Sexarbeiter*innen. »Dadurch entsteht ein stadtspezifisches Umfeld, in dem Wohnungsunsicherheit regelmäßig als Mittel der Kontrolle, Ausbeutung und Gewalt gegenüber Sexarbeiter*innen eingesetzt wird«, sagt Dani Figueiredo. Als mögliche Lösung nennt Figueiredo neben Antidiskriminierung, Wohnraum und Arbeitserlaubnissen für migrantisierte Sexarbeiter*innen dementsprechend auch die Entkriminalisierung von Sexarbeit.

Nach drei Monaten bei Vermieter A. gab Maria auf und zog zurück nach Ungarn. Als ich frage, was sie sich für die Zukunft wünscht, lacht sie: »Ich möchte als sexy Putzfrau arbeiten!« und beschreibt die Uniformen, die die Reinigungskräfte in teuren Hotels tragen. Aber erstmal steigt sie in den Bus, um ihren kleinen Sohn wiederzusehen.

Frederik Müller

(er/they) lebt in Leipzig und Wien und schreibt meist über feminisierte Arbeit, radical trans feminism und Glamour. Kurze Texte publiziert er in unregelmäßigen Abständen im Newsletter Despite unter frederikmueller.com.

Anmerkung:

1) Project Subway ist ein Projekt von HILFE-FÜR-JUNGS e.V., einer Anlaufstelle für Jungen, junge Männer und TIN* Personen, die Sex gegen Geld anbieten.

Keine Abos, keine ak

Viele unserer Artikel kannst du auch ohne Abo lesen. Das ist Absicht. Aber: Wir können nicht ohne Abos überleben.

Linke Medien zu machen, kostet Geld. Wir haben keine reichen Financiers und keine großen Anzeigenkund*innen. ak arbeitet komplett unabhängig, und das soll auch so bleiben. Deshalb brauchen wir dich.

Was kannst du tun?

Linke Medien sind unverzichtbar. Dein Abo macht ak möglich.

Alles klar, ich bin dabei!