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Impressionen zwischen den Zeiten

In »Extremwetterlagen« erkunden drei Autorinnen den deutschen Osten und die politische Stimmung im Wahljahr 2024

Von Maike Zimmermann

Deindustrialisierung als Naturspektakel: Dieser ehemalige Braunkohletagebau bei Cottbus heißt jetzt Ostsee und ist komplett geflutet. Foto: PaulT (Gunther Tschuch)/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Drei Überlandschreiberinnen nehmen uns mit durch drei ostdeutsche Bundesländer: Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Überlandschreiberinnen? Bisher kannte ich nur den Überlandbus, der dort auch oft eine wichtige Rolle spielt. Und trotzdem weiß man sofort, was damit in »Extremwetterlagen« gemeint ist: Sie fahren über Land und schreiben, schreiben ihre Eindrücke, ihre Begegnungen, ihre Gespräche auf.

Manja Präkels durchquert Brandenburg – im PKW, mit der Bahn und mit den Erinnerungen an die 1990er Jahre im Gepäck. Sie springt durch die Zeit, die Baseballschlägerjahre werden zur Folie der Beobachtungen des Superwahljahres 2024. Wenige Menschen, Alleestraßen, Munitionsreste – und immer liegt Berlin im Weg, »egal, wo man hin will im Land«. Ihre Reise führt sie durch Rheinsberg, Gransee, Fürstenberg, jene Gegend, in der sie in den 1990er Jahren mit 19 Lokaljournalistin war. Bis sie, wie sie in »Extremwetterlagen« schreibt, davongerannt ist. Ihre Wege führen sie aber auch gen Süden, nach Luckenwalde oder Jüterbog und schließlich auch weiter in die Lausitz. Zum Cottbuser Ostsee, wie man die geflutete Braunkohlegrube nennt. Strukturwandel zum Anfassen.

Es sind nicht nur Eindrücke, sondern ihre Gedanken zwischen Wendeerfahrung, Post-Pandemie, Neonazis, CSDs, AfD, zwischen »scheiß Ausländer« und »scheiß Grüne«. Sie schreibt: »Deutschland ist, wo sie sich streiten, ob der Osten oder der Westen schuld ist. An allem. Deutschland ist, wo alles sortiert werden muss und klar geordnet. Und tausend Jahre schlechte Laune gibt es gratis dazu.« Ihre Texte haben eine Wucht, die sehr leise und behutsam ist – und mir mehr als einmal einen Kloß im Hals beschert hat.

Eine Autorin trifft auf die Wahlkampftrompeten des Sommers 2024.

Tina Puschmann erkundet Sachsen von Leipzig aus mit dem Fahrrad, oft beschwerlich, gerne mit Pausenbier. Es geht nach Chemnitz, Dresden, Zwickau, aber auch nach Frankenberg zum Barkas-Werk – vor 1990 mit dem längsten Fließband der Welt. In Frankenbergs Ortsteil Sachsenburg besucht sie die dortige KZ-Gedenkstätte. Sie fährt durchs Erzgebirge, nach Aue-Bad Schlema, befindet sich in Kittlitz ganz in der Nähe von Manja Präkels, die vom Norden aus die Lausitz besucht.

Auch sie trifft auf die Wahlkampftrompeten des Sommers 2024. »Zumeist ertönen sie in einem Dreiklang aus Migration, Frieden, Feindbild Grün oder Feindbild Ampel.« Der emotionale Klebstoff heißt: Heimat. Die begegnet uns in verschiedenen Facetten, wie in Gesprächen über die Kunstausstellung »Dazugehören! Belonging«. Sie ist nicht allein, begleitet wird sie von Artem aus Kyjiw. Er sagt: »Tina, you also need to speak to the bad guys!« Sie erwidert: »No, I don’t!« Und sie hat Recht, wenn sie anmerkt, dass seit Jahren die Björn Höckes der Republik in feinfühligen Reportagen vor deutschem Tann ihren völkischen Quark breittreten dürfen. Dabei gibt es doch so viel anderes zu entdecken.

Ihre zweite Begleiterin: eine rote Pappschachtel, umfunktioniert zur »Wahlurne«. Auf Kärtchen stehen Begriffe wie »Gehen oder Bleiben«, »Jetzt oder Später«, »Daheim oder Welt«, »Ich oder Wir«. Die Menschen, die sie trifft, schreiben ihre Gedanken auf die Rückseite und werfen sie ein.

In Thüringen ist Barbara Thérault unterwegs, die einzige Überlandschreiberin ohne Ost-Biografie. Sie heuert bei einer Lokalzeitung an und zieht los – in Friseursalons, denn: »Friseursalons sind bekanntlich der Schlüssel zur Stadt.« Ihre Texte sind kürzer als die der anderen, sie nennt die Namen der Orte nicht, in die sie es verschlägt. Das macht nichts, denn bei Thérault geht es vor allem um Begegnungen. Sie sitzt auf Café- und Kneipen-Terrassen, macht Bekanntschaften in der Regionalbahn und im Innenhof einer Plattenbausiedlung. In einer Gaststätte gibt es Thüringer Spezialitäten, in der Panoramabar im 16. Stock eines Cityhotels werden Getränke verschüttet.

Später blickt sie von Kanada aus auf Thüringen. Eine Instagram-Rückmeldung auf die Radiofassung des Textes lautete: »Sie werden es nicht glauben, aber hier leben sehr viele gebildete und weltoffene Menschen. Es wäre schön, wenn Sie nicht mehr über Thüringen referieren würden.« Selbstverständlich darf, kann und soll Thérault weiterhin über Thüringen erzählen – das ist nichts, was nur »Einheimischen« vorbehalten wäre. Schmunzeln musste ich trotzdem.

Und dann ist da noch Alexander Leistner. Er ist kein Überlandschreiber, sondern Protestforscher. Auch seine Texte haben in »Extremwetterlagen« ihren Platz, denn: »Um zu verstehen, was sich in den letzten Jahren in Ostdeutschland radikal verschoben hat, muss man auch darauf schauen, was auf den Straßen passiert ist.«

Es ist seine Jugenderinnerung an die damals im Osten wichtige Frage, die ein anderes Licht auf einen viel diskutierten Begriff wirft: »Bist du rechts, links, neutral?« Eine Frage, die allzu oft über Prügel oder keine Prügel entschied. Heute ist es Alltagsnorm: »neutral sein in einem spezifisch entpolitisierten Verständnis«. Oft ist dies der Kern der Herausforderungen für die Aktiven – ob in Vereinen, Kultureinrichtungen, Jugendclubs oder im Umgang mit Politik und Verwaltung.

»Extremwetterlagen«, das sind, wie es im Untertitel heißt, Reportagen aus einem neuen Deutschland. Welche Erkenntnisse daraus zu ziehen sind? Das sollte jede*r selbst herausfinden. Oder um es mit Manja Präkels zu sagen: »Aber die Erde ist der einzige Planet, den wir bewohnen können. Planetarierinnen aller Länder. Bleibt unordentlich. Bleibt viele. In Unruhe. Damit es nicht mehr so weitergeht.«

Maike Zimmermann

ist Redakteurin bei ak.


Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann, Barbara Thériault: Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland. Verbrecher Verlag, Berlin 2025. 208 Seiten, 20 EUR.

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