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|Thema in ak 721: Linke und Sport

Muckis, Muckis, Muckis

Feminismus, Körper, Klasse und das Gym

Von Bilke Schnibbe

verschiedene Körper und Körperteile von Bodybuildern
»Oma hatte nicht damit gerechnet, dass ich solche Guns zu präsentieren habe.« Collage: ak

Als ich die Anfrage für diesen Artikel zum Thema Krafttraining und Linkssein bekam, habe ich mich gefreut. Dazu habe ich viel zu sagen, dachte ich. Als ich dann anfing, die ersten Worte zu schreiben, wurde mir ganz anders. Es ist doch viel persönlicher, als ich dachte. 

Neulich habe ich meine Oma gebeten, meinen Bizeps anzufassen. Sie ist vor Schreck zusammengezuckt, als sie ihn berührte. Das sind die Momente, die das Leben lebenswert machen.

Oma hatte nicht damit gerechnet, dass ich solche Guns zu präsentieren habe. Das verwundert auch nicht, schließlich hält sich in meiner Familie die Erzählung, ich sei unsportlich. Dass ich schon einige Zeit darauf trainiere, Menschen mit meinem Bizeps zu beeindrucken, ändert nichts daran. Vielleicht hätte ich auch noch meinen gottlosen Quadrizeps präsentieren sollen. Das muss wohl noch bis Sommer warten, und dann mal sehen, meine Beine sind mittlerweile behaart, als wäre ich ein Bär. Es ist schwer, einem Bild zu entkommen, das sich Menschen seit Jahrzehnten über dich machen.

Vor zwei Jahren habe ich angefangen, ins Fitnessstudio zu gehen, auch, weil ich transitioniere. Was genau das bedeutet, transitionieren, kann ich euch auch nicht erklären. Konkret wollte ich gerne breitere Schultern und eben heftige Guns haben. 

Das hatte ich in meinem Leben schon öfter probiert, mich aber nie wohlgefühlt im Gym. Früher dachte ich, das liegt an den Leuten dort, die mich unangenehm an Sportunterricht erinnern. Als Feministin und als Frau, die ich damals noch war, war ich außerdem nicht gut auf Männer zu sprechen – insbesondere an einem Ort, an dem es so viel um Körper geht. Ich hatte immer schon Angst vor Männern und ich hatte auch nicht Unrecht damit. Mein Körper war nicht feminin genug, um eine Frau zu sein, aber zu feminin, um nicht sexistischen Attacken ausgesetzt zu werden.

Mittlerweile denke ich, es lag vor allem an mir, dass es so lange gedauert hat, bis ich endlich in meinem Zuhause angekommen bin – dem Fitnessstudio.

Ich und viele linke Männer, die ich kennenlernte, hatten Angst vor Muskeln. Wir profilierten uns lieber über unsere Gehirne und taten damit dasselbe, was wir an den anderen mindestens belächelten. Studieren. Kollektives Wohnen. Über wichtige Dinge reden.

Als Feministin und Frau, die ich damals noch war, schämte ich mich dafür, dass ich nicht über den Dingen stand und meinen Körper verändern wollte. Als Kind der Neunziger war ich dazu erzogen worden, immer dünner werden zu wollen. Der Feminismus der kleinen Universitätsstadt brachte mir schließlich bei, dass es unfeministisch und unreif sei, sich hässlich zu finden. Wir wollten das verlernen, was an sich auch nicht schlecht ist. Aber leider versuchte ich, das Falsche zu verlernen. Ich schämte mich dann einfach heimlich für mein Aussehen und für meine schlechte feministische Leistung. 

Darüber hinaus hatte ich mich einem Feminismus verschrieben, der Pumpen zu prollig fand. Männer, die sich darin messen, wer mehr drücken kann. Die im Benz vorfahren, der ihnen sehr wichtig ist. Jacken mit Fellkragen tragen. Oberflächlich. So dachte ich, und das tut mir leid. Das sagt mehr über mich als über die Leute, die im Gym ihren Spaß haben. Ich dachte damals, ich weiß alles.

Ich hätte das nie zugegeben, aber ich war froh, dass ich nicht mehr so ein körperliches, prolliges Tier war. Dass man mir nicht mehr so sehr an der Nasenspitze ansah, wo ich herkam. Ich und viele linke Männer, die ich kennenlernte, hatten Angst vor Muskeln. Wir profilierten uns lieber über unsere Gehirne und taten damit dasselbe, was wir an den anderen mindestens belächelten. Studieren. Kollektives Wohnen. Über wichtige Dinge reden. Es ist langweilig, wenn man sich immer so ernst nehmen muss. Es macht keinen Spaß, sich immer zu benehmen, um nicht aufzufallen. Nichts gegen Nachdenken, ehrlich nicht. Aber ich bin glücklich, dass ich ein Proll bin. Kurz habe ich mich noch dagegen gesträubt und über missverstandenen sexpositiven Feminismus und bummeliges Handwerker-Lesbentum meine Männlichkeit bewirtschaftet. Bis ich dann schließlich aufgab – um nun wie ein echter Mann mit dünnem Bart ganz in Ruhe Gewichte zu heben – mit meinen neuen Freunden im Gym. Einen Benz hätte ich eigentlich auch gerne. 

Bilke Schnibbe

ist Psychotherapeut und war bis Oktober 2023 Redakteur bei ak.

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