Das Spielfeld als Bühne
Warum Linke trotz Kritik an Kommerz und Konkurrenz vom Sport nicht loskommen
Von Gabriel Kuhn
Das Verhältnis der Linken zum Sport ist, sagen wir, angespannt. Die Auffassung, dass der Sport nichts anderes sei als ein säkulares Opium des Volkes, mag Intellektuellen älterer Semester wie Noam Chomsky oder Terry Eagleton vorbehalten bleiben, doch Gründe für eine weniger kategorische Kritik gibt es viele: Konkurrenz- und Leistungsprinzip, Hyperkommerzialisierung, nationalistischer Exzess, Geschlechterbinarität, mafiöse Sportverbände.
Dabei ist die Lage in Deutschland noch relativ gut. Mit der jungen Welt, dem nd und der taz gibt es drei linke Tageszeitungen mit Sportseiten – in anderen Ländern keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Linksliberale Hipster kokettieren gerne mit (halb)heimlichem Sportinteresse (ironisch, versteht sich), Kampfsport gehört irgendwie zur Antifa, und der FC St. Pauli ist ein zwar angegrauter, aber doch verlässlicher Teil linken Inventars.
Trotzdem: Ernsthafte linke Auseinandersetzungen mit dem Sport sind selten, vor allem, wenn wir über den Tellerrand des omnipräsenten Fußballs blicken. Dabei standen sich die Linke und der Sport schon mal näher. In den 1920er und 30er Jahren waren Millionen von Arbeiter*innen in Arbeitersportvereinen organisiert. Die Arbeiter*innensportbewegung verstand sich als Teil des Kampfes gegen die bürgerliche Hegemonie. In der programmatischen Schrift »Sport und Politik« meinte Julius Deutsch, Austromarxist und Vorsitzender der Sozialistischen Arbeitersport-Internationale (SASI), im Jahr 1928: »Wir kommen demnach zu dem Schlusse, dass der bürgerliche Sport, der zur Rekordhascherei und zum Berufsspielertum führt, als ein Ausdruck kapitalistischen Wesens von der Arbeiterklasse prinzipiell abgelehnt werden muss. (…) Das Ziel des proletarischen Sports ist die Ertüchtigung der Massen.«
Eindrucksvollste Manifestierung der Arbeitersportbewegung waren die Arbeiterolympiaden. Die ersten fanden vor genau 100 Jahren statt: die Winterolympiade in Schreiberhau (heute Szklarska Poręba) und die – weit größere – Sommerolympiade in Frankfurt. (Seite 11)
Wilde Ligen und Profigewerkschaften
Faschismus und Krieg bereiteten der Arbeiter*innensportbewegung ein Ende. Ab 1945 war der Sport aus emanzipatorischer Perspektive vor allem dort interessant, wo er entsprechende gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegelte bzw. diese mit antrieb. Sportler*innen schlüpften in bedeutende Rollen, selbst wenn sie mit politischem Aktivismus eigentlich wenig am Hut hatten – etwa Jackie Robinson, der erste Schwarze Baseball-Profi.
Im Zuge der Protestbewegungen der 1960er Jahre nahm auch das explizite politische Engagement der Athlet*innen zu. Der Boxer Cassius Clay änderte seinen Namen in Muhammad Ali und wetterte gegen Rassismus und Kolonialkrieg. Die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos sorgten bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs der Herren bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 mit ihrer Black-Power-Geste für das ikonischste Protestbild in der Geschichte des Sports. Weitere Meilensteine politischer Sportgeschichte aus jener Zeit sind heute so gut wie vergessen.
Es gibt keine Orte, an denen so regelmäßig so viele Menschen zusammenkommen wie in Sportstadien.
1966 heuerte mit Marvin Miller, ein erfahrener Gewerkschafter aus der US-Stahlindustrie, bei den Baseball-Profis an, wo er innerhalb weniger Jahre die Machtverhältnisse zwischen Spielern und Vereinseigentümern auf den Kopf stellte. Gewerkschaften von Profisportler*innen werden oft als Interessenvertretungen verwöhnter Millionär*innen missverstanden. Doch sie erfüllen den gleichen Zweck wie Gewerkschaften in jeder Industrie: die Ausbeutung der Arbeitskraft durch die Bosse einzudämmen. Der Alltag der meisten Profisportler*innen hat wenig mit dem eines Lewis Hamilton oder einer Lindsey Vonn gemein. Die meisten leben prekär, vor allem, wenn sie als Sportmigrant*innen auf Arbeitsverträge angewiesen sind, um überhaupt in ihrer neuen Heimat bleiben zu dürfen.
1973 gründeten professionelle Tennisspielerinnen mit der sechsfachen Wimbledon-Siegerin Billie Jean King an der Spitze die Women’s Tennis Association (WTA). Sie taten dies gegen den vehementen Widerstand des Tennis-Patriarchats und unter größtem ökonomischen Risiko. Die WTA verwaltet den Profibetrieb der Tennisspielerinnen bis heute und hat unter anderem dafür gesorgt, dass sich die Preisgelder zwischen Männern und Frauen im Tennis so früh anglichen wie in kaum einem anderen Sport.
Die 1970er Jahre standen überhaupt für eine zunehmende Selbstorganisierung des Sports, auch an der Basis. Es entstanden zahlreiche »bunte« und »wilde« Ligen. Wer Häuser besetzen und Jugendzentren aufbauen kann, vermag auch sportliche Aktivitäten in die eigenen Hände zu nehmen. In Büchern zum linken Milieu aus jener Zeit finden sich Leckerbissen wie die folgenden: »Anfangs (1969) spielten die Roten Zellen noch hippiemäßig barfuß, Jungs und Mädels hintereinander. Dann trennte sich die Spreu vom Weizen, und nicht zuletzt mit Joschkas Auftauchen 1970 sei die Bolzerei schon härter geworden. Man trug jetzt zumindest Turnschuhe.« (Gerd Koenen, »Das rote Jahrzehnt« – ja, gemeint ist Joschka Fischer.)
Die Gründung des Bündnisses antifaschistischer Fußballfans BAFF (bald Bündnis aktiver Fußballfans) 1993 führte dazu, dass es in Deutschland eine aktive und organisierte linksorientierte Fankultur gibt, die in anderen Ländern ihresgleichen sucht. Diese Fankultur ist auch mitverantwortlich dafür, dass die Bundesliga den höchsten Zuschauer*innenschnitt aller großen Fußballligen hat – während Vereine ihre linken Fangruppierungen gerne kritisieren, spülen die ihnen also die Kassen voll.
Weltweit gibt es heute eine große Bandbreite linker Sportprojekte, Turniere und Vereine, von Dublin über São Paulo bis Montreal. Von einer Organisierung à la SASI ist man freilich weit entfernt. Eine Aufgabe für die Zukunft.
Beziehungsstatus kompliziert
Wenn ich bei Veranstaltungen über Sport und Politik sprechen darf, teile ich das Publikum gerne in drei Gruppen ein. Zunächst gibt es die offenkundige Zielgruppe: Menschen, die sich für Sport und Politik interessieren. So weit, so gut.
Dann gibt es Menschen, die sich für Sport interessieren, für Politik aber weniger. Warum sollte sich das ändern? Weil – Trommelwirbel – Sport und Politik nicht zu trennen sind. Das weit verbreitete Mantra, das auf diese Trennung pocht, fordert schlicht, dass der Sport die herrschenden politischen Verhältnisse stützt. Dies ließe sich anhand endloser Beispiele illustrieren, doch es reicht, auf eines der jüngsten zu verweisen, nämlich die Bromance zwischen FIFA-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump. Wenn Trump bei der FIFA-Klub-WM vom Siegerpodest grinsen darf, und die FIFA ihm allen Ernstes einen Friedenspreis schenkt, dann hat das natürlich politische Relevanz. Eine Hand wäscht die andere, und der Rest schaut blöd aus der Wäsche.
Die dritte Gruppe sind politisch interessierte und aktive Menschen, die aber vom Sport wenig halten. Warum sollen sie sich mit dem Sport und Politik auseinandersetzen? Mehrere Gründe. Erstens: Weil der Sport eine enorm wichtige politische Arena darstellt. Standardillustration: Es gibt keine Orte, an denen so regelmäßig so viele Menschen zusammenkommen wie in Sportstadien. Zweitens: Der Sport ist eine bedeutende politische Bühne. Auch Sportmuffel können durch politische Aktionen großes Aufsehen erregen – die Pro-Palästina-Proteste bei der diesjährigen Vuelta, der Spanien-Rundfahrt der Radfahrer, brachten diese an den Rand des Abbruchs. Drittens, und vielleicht am wichtigsten: Der Sport wird in einer befreiten Gesellschaft nicht verschwinden. Freude an Spiel und physischer Aktivität wird es auch dort geben und, unbeschwert vom Ballast gesellschaftlicher Hierarchien und ökonomischer Ausbeutung, womöglich noch mehr Menschen ansprechen. Das bedeutet, dass wir an der Frage, wie Sport in einer befreiten Gesellschaft zu denken und zu organisieren ist, nicht vorbeikommen.