Eine Tasse Widerstand
Vor Stonewall war der Compton’s Cafeteria Riot – ein weniger bekannter, aber wichtiger Meilenstein queerer Geschichte
Von Janosh Wennemer
Wer sich auch nur am Rande mit den Wurzeln queerer Rechte beschäftigt, stößt früher oder später auf die Stonewall Riots und die daraus entstandenen jährlichen Demonstrationen, die wir heute als Christopher Street Day (CSD) kennen. Die Aufstände im Stonewall Inn in der Christopher Street in New York 1969 gelten als wichtiger historischer Bezugspunkt des queeren Kampfes um Befreiung und Sichtbarkeit. Weitaus weniger bekannt sind dagegen die als Compton’s Cafeteria Riots bekannten Aufstände, die drei Jahre zuvor in San Francisco stattfanden und bei denen sich vor allem trans und gender-nonconforming Menschen gegen Polizeigewalt wehrten.
Wie in vielen Teilen der USA in den 1960er Jahren gab es auch in San Francisco die sogenannten »anti-cross-dressing laws«, auch bekannt unter dem Namen »Three-Article Rule«. Diese Vorschriften regelten die Einhaltung von vermeintlich geschlechtsspezifischer Kleidung: Mindestens drei Kleidungsstücke mussten dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprechen, andernfalls drohte eine Verhaftung. Besonders für transfeminine Personen bedeutete das nicht nur einen massiven Eingriff in ihre Autonomie, sondern auch ein erhebliches Risiko, von Polizei und Gesellschaft mit harter Gewalt konfrontiert zu werden. Geschützte Szene-Orte, in denen Menschen aus der Community sich frei fühlen konnten, ihren Vorstellungen und ihrem Empfinden entsprechend zu leben und sich mit anderen zu vernetzen, waren dementsprechend Gold wert. Die Compton’s Cafeteria war einer dieser so wichtigen Dreh- und Angelpunkte.
Orte, an denen sich queere Menschen auf einigermaßen sicherem Terrain treffen konnten, waren rar gesät in den 1960er Jahren. Zwar gab es keine offizielle Regelung, die queere Bars ausdrücklich verbot, doch in der Praxis wurden die Menschen, die in darin verkehrten, kriminalisiert. Eine Bar, die sich offen queer labelte, wäre dementsprechend ein Schuss ins eigene Knie gewesen. In vielen Bars existierten deshalb eingespielte Strategien: Sobald ein Polizist oder eine unbekannte Person, die ein Zivilpolizist sein konnte, die Bar betrat, wechselten die Besucher*innen blitzschnell die Rollen: Männer begannen mit Frauen zu tanzen, Frauen mit Männern. So wurde nach außen die patriarchale Vorstellung von Ordnung gewahrt. Für trans und gender nonconforming Personen war diese Exit-Strategie aber kaum möglich. So waren damals queere Bars als Anlaufpunkt für Schwule und Lesben oft kein sicherer Ort für trans und gender nonconforming Menschen.
Orte, an denen sich queere Menschen auf einigermaßen sicherem Terrain treffen konnten, waren rar gesät in den 1960er Jahren.
Compton’s Cafeteria lag mitten im Stadtteil Tenderloin, das damals wie heute als prekär gilt. Die Cafeteria war eher eine Bar und hatte rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche geöffnet. Nicht selten wohnten zeitweise Personen aus der Szene, denen sonst die Obdachlosigkeit gedroht hätte, in den Räumlichkeiten. Aufgrund der hohen Kriminalitätsrate in dem Viertel erfuhr die Bar zwar eine Art »Schutz« da die Polizei mit den sonstigen Straftaten gut ausgelastet war, aber immer wieder kam es zu Razzien. Dabei gab es keine Möglichkeit, sich vorzubereiten: Die Polizei stürmte die Bars und hielt Menschen gegen ihren Willen fest. Die Polizisten forderte teils horrende Summen an Strafgeldern für das Nichteinhalten der Kleiderordnung, die von den Besucher*innen der Bar schlicht nicht gezahlt werden konnten. Aufgrund der Stigmatisierung lebten viele von ihnen in Armut. Das Nichtbezahlen der Strafgelder führte dann wiederum zur Verhaftung und Inhaftierung über mehrere Tage, Wochen oder teilweise sogar Monate. Personen, die nach Ermessen der Polizei zu sehr vom gesellschaftlichen Bild von männlich und weiblich abwichen, wurden oft inhaftiert. Aufgrund dieser Kriminalisierung gab es selten Widerstände aus der Community: Es war klar, dass es nichts brachte sich zur Wehr zu setzen und dass das nur weitere Konsequenzen nach sich zog.
In einer Nacht im August 1966 fiel dann nach Jahren der Schikane der Startschuss, der eine große Welle der Veränderung nach sich zog. Leider sind die Compton’s Cafeteria Riots sehr viel schlechter dokumentiert als die Stonewall Riots. Ein genaues Datum, das den Beginn kennzeichnet, ist nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, dass in dieser besagten Nacht eine Tasse Kaffee zur Waffe und Zeichen des Widerstands wurde. Wieder einmal trat die Polizei auf den Plan, doch diesmal beugten sich einige Personen nicht der Bedrohung, sondern positionierten sich gemeinsam gegen die Ungerechtigkeit. Eine trans Frau, die verhaftet werden sollte, warf eine Tasse Kaffee auf einen Polizisten und plötzlich gab es zwei Fronten: Polizei gegen die Besucher*innen. Die Situation eskalierte schnell. Fenster wurden eingeschlagen, Faustkämpfe entbrannten und auf den Straßen wurden Mülltonnen angezündet. Die Nacht kennzeichnete den Anfang einer neuen Ära: Immer mehr queere Personen, auch abseits der Compton’s Cafeteria organisierten sich und schlossen sich zusammen im Kampf gegen staatliche Repression. Die Community trat als große Szene auf und erfuhr dadurch immer mehr Sichtbarkeit, was wiederum zu neuem Zulauf führte. Erste kleine Demonstrationen und im Folgenden immer größere entstanden aufgrund dessen in dieser Zeit. Auch politische Gruppen bildeten sich und positionierten sich im Interesse von queeren Menschen.
Durch die Riots wurden die bestehenden Verhältnisse zwar nicht direkt umgeworfen, aber ein Teil der Marginalisierung und Stigmatisierung im Laufe der Zeit abgebaut. Um bestehende Ungerechtigkeiten zu verändern, braucht es Vorreiter*innen, die mutig sind und sich gegen Einschüchterungen und Repressionen zur Wehr setzen. Dabei wird dann manchmal eine Tasse Kaffee zum Zeichen des Widerstands. Alle queeren Rechte sind im Kampf entstanden – wenn heute offen queer oder trans lebende Personen sicherer sind als damals, dann liegt das an unseren queeren »Vorfahren«, die das erkämpft haben. Heute ist es an uns, das weiterzuführen – denn am Ende des Kampfes für Befreiung sind wir noch lange nicht.