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|ak 719 | Diskussion

Die politische Sprengkraft neutralisiert

Linke sollten in der Aufarbeitung die unsichtbar gemachten körperlichen Folgen der Corona-Pandemie stärker politisieren

Von Mirja Lisa Nicolas

Bild einer weiblichen Person, die in einem verdunkelten Raum mit Kopfhörern und Schlafmaske im Bett liegt, hinter ihr ein Rollstuhl.
Wo bleiben die solidarischen und emanzipatorischen Analysen, wenn es um Long Covid oder ME/CFS geht? Foto: Lea Aring und Deutsche Gesellschaft für ME/CFS.

In den aktuell stattfindenden Debatten rund um das Thema »Pandemie-Aufarbeitungen« wird häufig auf die psychischen Folgen von Kontaktbeschränkungen und gesellschaftlicher Unsicherheit verwiesen. Diesen Erzählungen nach war die Pandemie in allen Teilen der Gesellschaft ein psychisch belastender Einschnitt, der zu Einsamkeit, Angst und Depression geführt hat. Darauf aufbauend haben sich vor allem jene Perspektiven der linken und kapitalismuskritischen Debatten durchgesetzt, die betonen, dass psychische Erkrankungen nicht nur persönliche Probleme sind, sondern eng mit den Bedingungen des Systems zusammenhängen: Prekarität, Leistungsdruck, Vereinzelung. Statt das Leid der Betroffenen zu individualisieren, gelte es, soziale Ursachen und gemeinschaftliche Verantwortung sichtbar zu machen. Unter denjenigen, die den Fokus auf das psychische Leid legen, sind nicht wenige, die die Infektionsschutzmaßnahmen nachträglich delegitimieren wollen und weniger das Interesse der Betroffenen im Blick haben.

Während die psychosoziale Dimension der Pandemie weiterhin stark hervorgehoben wird, gerieten die körperlichen Folgen des Corona-Virus schnell aus dem Blick. Vor allem chronische Erkrankungen wie Long Covid bzw. das Post-Covid-Syndrom und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom), die auch weiterhin durch eine SARS-CoV-2-Infektion ausgelöst werden können, werden bis heute in linken Debatten kaum berücksichtigt.

Es trifft überwiegend Frauen

Long Covid und ME/CFS sind schwere körperliche Erkrankungen und häufig von einem hohen Grad der Behinderung begleitet. (ak 705) Viele Long-Covid-Betroffene erfüllen die diagnostischen Kriterien für ME/CFS. Charakteristisch für ME/CFS ist die post-exertionelle Malaise, eine ausgeprägte Verschlechterung des Gesundheitszustands nach körperlicher oder kognitiver Belastung sowie durch Reize wie Licht oder Geräusche. Zu weiteren typischen Symptomen zählen Fatigue, kognitive Einschränkungen, Schmerzen und Kreislaufinstabilität. Mehr als die Hälfte der Erkrankten ist dauerhaft nicht mehr in der Lage, in die Schule zu gehen oder den Beruf auszuüben. Viele sind auf Pflege, bei schweren Ausprägungen gar auf künstliche Ernährung angewiesen.

Beide Erkrankungen betreffen mehrheitlich Frauen, lassen sich mit den üblichen medizinischen Methoden nur unzureichend messen und werden von breiten Teilen der Ärzt*innenschaft ideologisch abgelehnt. Anstelle einer Anerkennung ihrer Realität erfahren Betroffene Psychologisierung: Ihre Symptome werden auf Stress oder mangelnde mentale Fitness zurückgeführt. Die Sichtweise auf ME/CFS im 20. Jahrhundert verschob sich von einer biologischen Betrachtung der Erkrankung zu einer Fokussierung auf angebliche psychosoziale Ursachen, die bis heute maßgeblich den Umgang mit Betroffenen – auch im Kontext von Long Covid – bestimmt. Die schwere Krankheitslast und die Invalidierung der Krankheit als psychosomatisch können dabei nachweislich zu Suizidgedanken führen. Inzwischen häufen sich Medienberichte über assistierte Suizide im Zusammenhang mit Long Covid und ME/CFS.

Das Virus heißt nicht Kapitalismus, das Virus heißt SARS-CoV-2 und macht chronisch krank.

Eine zentrale Rolle bei der Invalidierung des Krankheitserlebens spielt das sogenannte biopsychosoziale Modell der Psychosomatik. Dieses Modell klingt zunächst progressiv, weil es Krankheiten nicht ausschließlich auf die körperliche Ebene zurückführt, sondern beansprucht diese mit psychischen und sozialen Einflüssen zusammen zu denken. Doch wie die Ebenen zusammen arbeiten, wird nicht mit empirischer Evidenz belegt, die Unbestimmtheit des Verhältnisses zwischen Körper, Psyche und dem Sozialen öffnen das Modell für alle möglichen Interpretationen. Daher liegt dem Modell letztlich nur ein Appell an den »gesunden Menschenverstand« zugrunde.

In der Praxis erweist sich das biopsychosoziale Modell letztlich als medizinische Ausprägung neoliberaler Logiken: Demnach ist Krankheit eine Frage individueller Einstellung, Resilienz und Eigenverantwortung. Wer krank ist, soll aktiv an sich arbeiten, Reha-Programme absolvieren und möglichst schnell wieder funktionieren. Gesellschaftliche Unterstützung wird als »Krankheitsgewinn« herabgesetzt und der Zugang zu Sozialleistungen als hinderlich für eine Genesung ausgelegt.

Das Modell blendet tatsächliche strukturelle Gegebenheiten wie den fehlenden Infektionsschutz, Stigmatisierungen sowie nicht vorhandene medizinische Versorgung und biomedizinische Therapien aus. Für Betroffene von Long Covid oder ME/CFS bedeutet es, dass sie ohne Hilfe zurückbleiben und sich zusätzlich gegen das ständige Misstrauen behaupten müssen, ob ihre Krankheit denn »echt« sei und körperliche Ursachen tatsächlich existierten.

Gefährliche Umdeutung

Die Pandemie der psychischen Erkrankungen findet gesamtgesellschaftlich anhaltend breite Aufmerksamkeit. Chronisch-somatische Krankheiten hingegen sind unsichtbar. Hier zeigt sich ein Widerspruch: Während psychische Diagnosen in Gestalt einer Kritik an Herrschafts- und Leistungszwängen zumindest in der Linken zunehmend politisiert sind, bleiben körperliche, unzureichend etablierte Krankheiten marginalisiert. Das gilt insbesondere, wenn sie wie im Fall von Long Covid und ME/CFS feminisiert sind. Feminisierte Erkrankungen sind sowohl epidemiologisch als auch kulturell besonders mit dem weiblichen Geschlecht verbunden, was dazu führt, dass ihre Schwere unterschätzt, Symptome psychologisiert und Betroffene nicht ernst genommen werden.

ME/CFS wird diesem Muster folgend in der öffentlichen Kommunikation oft auf »Erschöpfung« reduziert, als handle es sich um eine besonders ausgeprägte »Müdigkeit«. Diese Zuschreibung passt perfekt in das Bild einer Pandemie psychischer Krankheiten, die Erschöpfung als Ausdruck allgemeiner Überforderung deutet, nicht als somatische Erkrankung. Das wiederum verharmlost sowohl psychische als auch somatische Krankheiten.

Der derzeitige Umgang mit Long Covid und ME/CFS droht sich auszuweiten und als übergreifendes gesundheitspolitisches Paradigma zu verfestigen.

Diese Umdeutung befreit zum einen die Gesamtgesellschaft von der Verantwortungsübernahme für die Entscheidung, sich nicht mehr vor Infektionen zu schützen. Zum anderen öffnet sie die Tür für ein Narrativ, das oberflächlich auch für Linke sehr romantisch klingen mag: Es ist der Kapitalismus, der »ermüdet«, »erschöpft« und »psychisch krank« macht. Aber auch das entlastet diejenigen, die darin versagt haben, einen politischen, solidarischen Umgang mit der Verhinderung von Infektionen zu finden und dadurch dazu beigetragen haben, dass weltweit Millionen unheilbar krank sind. Das Virus heiß nicht »Kapitalismus«, das Virus heißt SARS-CoV-2 und macht auch weiterhin jeden Tag unzählige Menschen schwer körperlich krank.

Die psychologisierende Sicht auf Long Covid und ME/CFS neutralisiert die politische Sprengkraft dieser Krankheiten. Ihre Verbindung zu geschlechtlicher Ungerechtigkeit und körperlicher Verwundbarkeit verschwindet hinter einer Erzählung, die in erster Linie auf individuelle Anpassungsprobleme abstellt. Vor dem Hintergrund dieser tief verwurzelten Psychologisierungstendenz treffen sich neoliberale und linke Analysen der Pandemie darin, den Infektionsschutz als Ursache psychischen Leids zu stilisieren.

Aus dieser Perspektive ist der Schutz vor Ansteckung quer durch die politischen Lager kein gesundheitspolitischer Fortschritt oder eine Praxis der Solidarität, sondern eine psychosoziale Belastung, die Verantwortung und Vulnerabilität auf Gefühlslagen verkürzt. Das zeigt sich heutzutage etwa in der verbreiteten Kritik von Infektionsschutzmaßnahmen bei Kindern, die Auslöser sein sollen für Angst, Entfremdung oder bedarfslogisch unterstellter Entwicklungsstörungen, wohingegen die Notlage von Kindern mit Long Covid und ME/CFS unerwähnt bleibt. Auffällig ist, dass selbst die Teile der Linken, die psychiatrische Kategorien system- und machtkritisch sehen, diese Mechanismen übernehmen. Enttäuschend ist darüber hinaus, dass auch in linken Debatten wirksame und integrative Maßnahmen, um sowohl Menschen mit Long Covid und ME/CFS als auch Menschen mit psychischen Erkrankungen zu helfen, keinen Eingang finden.

Neoliberale Erzählung

Die vom US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. propagierte »Make America Healthy Again«-Ideologie kann hier als Warnung verstanden werden. Sie steht für das Bestreben, Krankheit zu individualisieren und auf persönliche Resilienz und Lebensstil zu reduzieren. Damit ersetzt sie gesellschaftliche Verantwortung durch moralischen Druck zur Selbstoptimierung, weist biomedizinische Therapien als »Übermedikamentierung« zurück, und stellt stattdessen Ernährungs- und Fitnessprogramme in den Vordergrund. Der derzeitige Umgang mit Long Covid und ME/CFS droht sich auszuweiten und als übergreifendes gesundheitspolitisches Paradigma zu verfestigen.

Die Linke darf sich nicht vom Trend verführen lassen, gesellschaftliche Krisen nur auf psychische Dimensionen zu verkürzen. Eine solidarische, emanzipatorische Analyse müsste beides zusammendenken: Die gesellschaftlichen Ursachen psychischer Krisen und die Realität chronischer somatischer Erkrankungen. Nur so kann sichtbar werden, wie der Kapitalismus nicht nur die Psyche, sondern auch den Körper schädigt – und wie stark feminisierte Krankheitserfahrungen von Abwertung und Unsichtbarkeit geprägt sind. Gleichzeitig darf es nicht bei der bloßen Benennung von Missständen aufhören. Es braucht ehrliche Lösungen im Sinne Betroffener. Die Instrumentalisierung psychischer Krankheit, bloß um Versagen bei der Verhinderung von Infektionen zu verbergen und um Untätigkeit zu rechtfertigen, ist in jedem Fall abzulehnen.

Mirja Lisa Nicolas

lebt seit fast fünf Jahren mit ME/CFS. Sie ist den größten Teil des Tages bettlägerig und meist nicht in der Lage, die Wohnung zu verlassen. Wenn es ihr gesundheitlich möglich ist, beschäftigt Mirja Lisa Nicolas sich wissenschaftlich, angebunden an die Universität Leipzig, mit der Psychologisierung und Stigmatisierung von Long Covid und ME/CFS sowie  mit Psychosomatik.