Brennglas globaler Widersprüche
Im bosnischen Breza wird über die Zukunft der Kohleindustrie gestritten
Von Christin Stühlen
Vor der Ruine eines Schwimmbads in der bosnischen Kleinstadt Breza spricht ein Mann vor einer Versammlung von rund 100 Menschen: »Dieser Ort stimmt mich nostalgisch, denn in diesem Pool habe ich als Kind schwimmen gelernt.« Der Anlass seiner Äußerung und einer dreitägigen Versammlung im September 2025 ist eine Debatte über die Zukunft des Bergbaus in Bosnien-Herzegowina. Gebaut haben das Schwimmbad einst sein Großvater und andere Kohlearbeiter*innen im sozialistischen Jugoslawien. Wie sein Großvater und sein Vater vor ihm ist auch der Redner Bergarbeiter und Gewerkschafter.
Breza, eine halbe Autostunde von der Hauptstadt Sarajevo entfernt, steht exemplarisch für zahlreiche Industriestädte Bosniens, in denen die Kohle jahrzehntelang nicht nur die Einkommen der Arbeiter*innen sicherte, sondern auch den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur finanzierte – Schulen, Straßen, Schwimmbäder. Das Schwimmbad heute verfallen zu sehen, scheint den Mann zu schmerzen. Das Publikum hört ihm aufmerksam zu, als er seine Perspektive auf den Kohleausstieg darlegt, viele sind sogar sichtlich bewegt von seinen Worten.
Während die anwesenden Arbeiter*innen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und damit der Kohleindustrie kämpfen, engagieren sich andere an der Kundgebung Teilnehmende in lokalen und regionalen Umweltbewegungen. Sie fordern den Ausstieg aus fossilen Energien und ein Ende der Ausweitung des Bergbaus. Auch aus anderen Regionen Europas sind Gäste zum transnationalen Erfahrungsaustausch angereist, beispielsweise Delegierte der Durham Miners Association. Auf dem großen Banner, das vor dem Pool hängt, steht: »Za rudare, zemlju i vodu« – Für die Bergleute, die Umwelt und das Wasser.
Widersprüchlichkeiten der Energiewende
Breza wird am Tag der Kundgebung zu einem Ort, an dem sich die asymmetrischen Machtverhältnisse und Widersprüchlichkeiten der Energiewende verdichten. Historisch war die Region immer wieder Testfeld internationaler Politik: Die Gruben Kamenica und Sretno wurden 1907 unter österreichisch-ungarischer Herrschaft gebaut, in Konkurrenz zum Osmanischen Reich. Später prägten die sozialistische Industriepolitik Jugoslawiens, die Zerfallskriege der 1990er Jahre, neoliberale Privatisierungen und die EU-Annäherung die Region. Heute beschleunigen die klimapolitischen Vorgaben der EU den Kohleausstieg, während der gleichzeitig gestiegene Rohstoffbedarf – etwa nach Mineralien wie Lithium oder Metallen wie Kupfer und Kobalt für die Energiewende und die Rüstungsproduktion – neue Bergbauprojekte in der Region befördert.
Die Kundgebung in Breza und das begleitende Camp werden von der Initiative »Združeni balkanski otpor i rad« organisiert, die gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur im Balkanraum kämpft. Ihr Name verweist auf antifaschistische Partisanenversammlungen in befreiten Dörfern während des Zweiten Weltkriegs – spontane, widersprüchliche, aber solidarische Orte, an denen Menschen inmitten des faschistischen Europas Freiheit und Gemeinschaft erlebten.
Diese basisdemokratische Praxis wurde im sozialistischen Jugoslawien fortgeführt, in Fabriken, Schulen und Wohnblöcken. Die Initiative knüpft an diese Tradition an – und an den einstigen transnationalen Geist Jugoslawiens. Denn trotz der Gewalt in den 1990er Jahren bestand in der multiethnischen Gesellschaft Jugoslawiens und ihren sechs Teilrepubliken einst ein grundlegender Wille zur gesellschaftlichen und politischen Solidarität.
Unerfüllte Versprechen
Heute, 30 Jahre nach Ende des Krieges schreibt sich die ethno-nationalistische Instrumentalisierung von Verteilungsfragen während des Zerfalls Jugoslawiens in der Rhetorik der politischen Eliten fort. Bosnien-Herzegowina ist formell in zwei Entitäten geteilt: die Föderation Bosnien-Herzegowina und die Republika Srpska – mit jeweils eigenen Institutionen und Machtapparaten. Das verfallene Schwimmbad von Breza steht sinnbildlich für den Zustand der öffentlichen Infrastruktur.
Das Versprechen einer kapitalistischen Erneuerung nach den Privatisierungen blieb unerfüllt. Krankenhäuser und Schienennetze, die in der sozialistischen Ära als Symbole moderner Daseinsvorsorge galten, sind heute vom jahrzehntelangen Investitionsstau gezeichnet. Viele Kliniken arbeiten mit veralteter Technik und haben zu wenig Personal, nahezu alle Bahnlinien sind stillgelegt. Der Kohlebergbau und die Energieproduktion blieben weitgehend in staatlicher Hand. Heute werden rund 70 Prozent der Elektrizität des Landes aus Kohle gewonnen – die Luft- und Umweltbelastung zählt zu den höchsten weltweit.
Es besteht zugleich politisches Interesse an der Schließung und am Erhalt des Bergbaus.
Politische Organisierung ist schwierig. Nicht erst seit den großen Protesten von 2014, deren Forderungen ungehört blieben, fehlt es an jungen Aktivist*innen – viele leben im Ausland. Die Gewerkschaften der (Berg-)arbeiter*innen sind die letzten verbliebenen kollektiven Akteure, neben einigen kleinen Umweltinitiativen. Diese wiederum kritisieren die schlecht umgesetzte »grüne« Energiewende und den Ausverkauf des Landes durch korrupte Politiker*innen, die internationale Bergbaukonzerne mit günstigen Konzessionen locken und Umweltauflagen ignorieren.
Teilweise bestehen diese Initiativen aus Personen aus den betroffenen Gemeinden. Viele dieser Initiativen sind als NGOs organisiert, abhängig von Fördermitteln – meist aus der EU. Diese Projektlogik schafft kurzfristig sichtbare Ergebnisse, führt langfristig aber zu Entpolitisierung.
»Wir wollen sauberes Wasser und Land«
Trotzdem ist vielen Aktivist*innen die globale Ungleichheit hinter Klimapolitik und Naturschutz bewusst. »Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch von der Umwelt schweigen!«, ruft eine Aktivistin ins Mikrofon. Die Geduld scheint erschöpft: »Wir wollen nicht Teil einer Kriegsmaschinen-Lieferkette werden – wir wollen saubere Luft, sauberes Wasser und sauberes Land!« Für viele ist der Kampf gegen den Extraktivismus – das Entwicklungsmodell der Ausbeutung von Mensch und Natur – zugleich ein Kampf um eine eigene, lebenswerte Zukunft.
Der Abbau und das Verbrennen von Kohle bedrohen diese Zukunft – auch diese unbequeme Wahrheit wird in vielen Beiträgen auf der Kundgebung in Breza ausgesprochen. Aber im Ringen um gegenseitiges Verständnis wird klar, dass es in der Kritik mehr politische Differenzierung braucht. Während der Kohlebergbau im sozialistischen Jugoslawien gesellschaftliche Anerkennung brachte, gelten die Arbeiter*innen heute als Symbol veralteter Strukturen. Die Verpflichtung zur Klimaneutralität bis 2050 schafft ein Paradox: Es besteht zugleich politisches Interesse an der Schließung und am Erhalt der Kohleindustrie. Die Folge ist ein prekärer Status quo, der weder den Beschäftigten in den Minen, die um ihre Zukunft fürchten, noch den Gemeinden, die ohne neue Perspektiven zurückbleiben, nutzt.
Unter der Situation leiden ohnehin prekarisierte Privathaushalte und Gemeinden, die in Zukunft mit hohen Energiekosten rechnen müssen. Und es leiden darunter die Beschäftigten in den Minen, denn die Arbeitsbedingungen sind schlecht, die Personalstände niedrig und das Equipment ist veraltet. Requalifizierungsprogramme kommen für viele aufgrund ihres Alters nicht mehr infrage. Zwar beziehen die Bergleute vergleichsweise gute Gehälter, aber ihre Renten- und Krankenversicherungen werden oft nicht ausbezahlt. Insofern geht es in den Kämpfen der Bergarbeiter*innen einerseits um die Sicherung der eigenen materiellen Existenz. Andererseits verschwindet mit dem Kohleausstieg für viele Familien und Gemeinden eine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben, die Anerkennung ihrer Arbeit und die Möglichkeit, öffentliche Infrastruktur wie ein Schwimmbad mitzugestalten.
Die Versammlung in Breza steht sinnbildlich dafür, dass die einzige Antwort auf imperiale Interessenpolitik eine transnationale Politik von unten sein kann, die kollektiv geteilte Erfahrungen von Ausbeutung und Zerstörung von Lebensweisen hervorhebt und sich für ein würdevolles Leben einsetzt. Dieser Kampf passt nicht in die technokratische Projektlogik von NGOs, sondern muss selbst hergestellt werden – in zähen und konfliktreichen Gesprächen, im transregionalen Erfahrungsaustausch oder bei einem gemeinsamen Essen an der Ruine eines Schwimmbads.