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Rojava im Überlebenskampf

Nach der türkischen Invasion ist die gesellschaftliche Einheit in Nordsyrien noch intakt, doch von verschiedenen Seiten bedroht

Von Sebastian Bähr

Ende November, ein kalter Morgen in einem Dorf nahe der umkämpften nordsyrischen Stadt Tell Tamer. Die meisten der Häuser sind zerstört oder verfallen. Aufgrund des Nebels kann man nicht weit blicken, Felder zeichnen sich am Horizont ab. Was man nicht sieht: Die Stellungen der türkischen Armee und der mit ihr verbündeten dschihadistischen Truppen, sie liegen nur zwei Kilometer, rund zehn Fahrminuten, entfernt. Am Himmel ist es derweil trügerisch ruhig, doch türkische Luftangriffe sind jederzeit möglich.

Die Zerstörungskraft der Drohnen-, Mörser- und Flugzeugbombardements ist immens, man hat ihr hier kaum etwas entgegenzusetzen. In einem verlassenen Gebäude haben sich ein paar christliche Assyrer*innen verschanzt, direkt neben ihnen ist eine Gruppe syrischer Regimessoldaten. In der Nähe sind wiederum die kurdischen und arabischen Milizen der Selbstverwaltung stationiert – und Dutzende linke Internationalist*innen aus aller Welt. Sie alle sind momentan Verbündete, haben einen gemeinsamen Feind. Schwere Waffen hat im Dorf dagegen offenbar niemand. Angst will vor den Journalist*innen keiner zeigen.

Es ist die siebte Woche nach dem Beginn der türkischen Invasion von Rojava, euphemistisch genannt »Operation Friedensquelle«, und knapp fünf Wochen, nachdem die USA und kurz daraufhin Russland eine »Waffenruhe« mit Ankara vereinbart haben. Zu merken ist davon in Tell Tamer und dem umliegenden Dörfern nichts.

Alle erwarten den nächsten Großangriff der Türkei. Und bereiten sich vor, so gut sie können. Beispielsweise der Hamburger Internationalist Felix Anton. Der 29-Jährige ist nach eigener Aussage gekommen, um die Bevölkerung bei der Verteidigung zu unterstützen. Er baut nun Stellungen und berichtet in sozialen Medien von der Situation in der Stadt. Im Krankenhaus von Tell Tamer gibt die 36-jährige Berlinerin Jiyan Fortbildungen für Frontsanitäter. Weder das türkische Drohnenfeuer noch die dschihadistischen Milizen nehmen auf Mediziner*innen Rücksicht, der Tod ist eine reale Gefahr. Neben dem Krankenhaus steht ein Eiscremetruck zur Aufbewahrung der Leichen.

Nachlassendes Medieninteresse

Auch wenn die meisten Medien kaum noch über den Krieg in Rojava berichten, so ist er doch real. Mittlerweile hat er sich jedoch zu einem Krieg niederer Intensität transformiert, ohne größere neue Geländegewinne. Der Stand, der von den Großmächten zugestanden wurde: Die Türkei hält völkerrechtswidrig einen rund 120 Kilometer breiten und 30 Kilometer tiefen Streifen inklusive der Städte Tall Abyad und Raʾs al-ʿAin besetzt. Ankara versucht in der Zone – wie zuvor schon im besetzten Kanton Afrin –, seine Macht zu institutionalisieren und syrisch-arabische Islamisten, später wohl auch Geflüchtete, anzusiedeln. Die dschihadistischen Gruppen lässt man die verbliebene Bevölkerung drangsalieren.

Die US-Amerikaner haben sich in einige Basen fernab des Geschehens zurückgezogen – sie sprechen mittlerweile offen davon, nur noch die Ölanlagen bewachen zu wollen. Russische Soldaten nahmen ihren Platz ein und fahren nun mit türkischen Einheiten in der nördlichen Grenzregion gemeinsame Patrouillen. Anwohner*innen werfen regelmäßig mit Steinen nach den gepanzerten Fahrzeugen.

Für die Zivilbevölkerung sind die Folgen der Invasion katastrophal: Rund 300.000 Menschen befinden sich auf der Flucht, untergebracht werden sie in notdürftig eingerichteten Schulen oder Camps. Im neu gebauten Lager Wasokanî nahe der Stadt al-Hasaka leben beispielsweise rund 6.600 Menschen in Zelten, der Großteil sind Vertriebene aus der Besatzungszone. Der Winter setzt den Schutzsuchenden zu, unter den Regenmassen brechen die Zelte zusammen, die Kälte ist für Kinder und Neugeborene gefährlich. In der Nähe von Tell Tamer besuchen wir eine Schule, in der 25 Familien Obdach gefunden haben. Über dem Eingang des Hauses befinden sich Einschusslöcher.

Viele der Binnenflüchtlinge sind arabische Farmer*innen und ebenfalls aus dem besetzten Gebiet. Sie leben nun auf Kartons und Matratzen, all ihre Habseligkeiten tragen sie in einem Plastikbeutel mit sich herum. Die Selbstverwaltung und der Kurdische Rote Halbmond leisten, was sie können, doch den Bewohner*innen mangelt es an Medizin und Nahrung. Nach Angaben der Behörden sind durch den türkischen Angriff bisher knapp 500 Zivilist*innen ums Leben gekommen und 1.100 Menschen verletzt worden.

Der IS regeneriert sich

Der größte Profiteur: der »Islamische Staat«. Militärisch längst bezwungen, beginnt die Terrorgruppe, sich im Windschatten der türkischen Invasion neu zu organisieren. Hunderten IS-Angehörigen und Kämpfern gelang bereits die Flucht aus der Gefangenschaft, Untergrundzellen haben ihre Aktivitäten verstärkt. Fast täglich gibt es irgendwo Anschläge, eine Autobombe hatte Mitte Oktober im Zentrum der Stadt Qamischli drei Zivilist*innen getötet.

Die Lage ist für die Selbstverwaltung belastend: In den Gefängnissen sind rund 12.000 IS-Kämpfer inhaftiert, unter ihnen bis zu 3.000 ausländische Dschihadisten. In al-Hasaka gibt es ein Gefängnis, in dem allein 5.000 IS-Häftlinge untergebracht sind. Im dortigen Krankentrakt liegen Dutzende ausgezehrte Körper in orangenen Anzügen nebeneinander, Gestank steht in der Luft. Der 26-jährige Mohammed Demer aus Deutschland, wahrscheinlich ein Kämpfer, spricht mit uns. Die US-geführte Anti-IS-Koalition und Saudi-Arabien hätten auch Menschenrechtsverletzungen begangen, sagt er. Er habe nur getan, was das islamische Recht ihm vorgeschrieben habe.

Ein paar Fahrstunden entfernt: Im Lager al-Hol leben 70.000 Menschen, großteils IS-Angehörige aus Syrien und Irak, aber auch etwa 10.000 ausländische IS-Frauen samt ihrer Kinder. Die Ausländerinnen gelten als fanatisch und sind in einem gesonderten Bereich untergebracht. Seit Wochen kommt es hier immer wieder zu Gewalttaten gegen vermeintliche »Abweichlerinnen«. Als wir das Lager betreten, herrscht eine nervöse Stimmung bei den Wachen. Ein Aufstand wird befürchtet. Wir bekommen maximal eine Stunde Zeit, bewegen uns mit zwei bewaffneten Begleiterinnen. Die Erde ist schlammig, Wasserkanister und Müll liegen auf dem Boden.

Die Frauen haben sich je nach Herkunftsland in unterschiedlichen Bereichen der Zeltstadt eingerichtet, auch Deutsche finden sich hier. Mit schwarzer Gesichtsverschleierung sprechen sie einen an, wollen wissen, wie es ihren Männern geht, wann sie zurück nach Europa können. Warum sie ursprünglich nach Syrien gezogen sind? Sie hätte nur ihren Glauben in Freiheit leben wollen, sagt eine Frau Anfang 30. Von den Verbrechen habe sie erst später erfahren. Die Staatengemeinschaft weigert sich großenteils, ihre Bürger*innen zurückzuholen.

Auch die Errungenschaften der hiesigen Bewegungen – Frauenrechte, ein multiethnisches und multireligiöses Rätesystem, kollektives Wirtschaften – sind angesichts der Kriegssituation in Gefahr. Ein Ort, wo das Nebeneinander von zivilgesellschaftlichem Aufbruch und reaktionärer Organisierung gut sichtbar wird, ist Raqqa, die alte Hauptstadt des selbsterklärten IS-Kalifats. Bei der Fahrt durch die Straßen sieht man überall die Folgen der US-amerikanischen Luftschläge von der Befreiung 2017. Rund die Hälfte der Gebäude ist noch immer zerstört, Staub und Ruinen durchdringen das Stadtbild.

Und dennoch ist zwischen dem Schutt geschäftiges Treiben eingekehrt, der berüchtigte al-Naim-Platz, wo früher Enthauptungen stattfanden, wurde renoviert. In einem alten Geheimdienstgebäude hat man ein Kulturzentrum eingerichtet, hier finden nun Theaterstücke und Kunstausstellungen statt, zwei jugendliche Mädchen rappen bei einem Konzert. Und doch: Ein Teil der mehrheitlich arabischen und konservativen Bevölkerung ist nicht gut auf die Selbstverwaltung zu sprechen, der IS verfügt über ein starkes Untergrundnetzwerk in Raqqa. Ein Stadtrat, der uns begleitet, trägt eine Waffe, es gab erst einige Monate zuvor einen Anschlag auf einen Politiker. Westlichen Journalist*innen wird empfohlen, nicht länger als notwendig zu bleiben und die Straßen bei Dunkelheit zu meiden. Die Front bei Ain Issa ist nur eine Stunde entfernt.

Die Selbstverwaltung hat nicht nur militärisch zu kämpfen, auch politisch steht sie unter großem Druck. Der Teilrückzug der US-Amerikaner machte ein von Russland vermitteltes militärisches Abkommen mit dem syrischen Machthaber Bashar al-Assad notwendig, die politischen Folgen der Abmachung werden noch verhandelt. Dass Damaskus mittelfristig die totale Kontrolle über Nord- und Ostsyrien zurückerlangen will, steht für die meisten außer Frage, doch momentan fehlen dem Regime dafür offenbar noch die Mittel. So finden sich zwar Assad-loyale Einheiten neuerdings an der Front und in einigen Stützpunkten, auf den Checkpoints an den Straßen und dem überlebenswichtigen Semalka-Grenzübergang hat jedoch nach wie vor die Selbstverwaltung die Kontrolle. In geteilten Städten wie Qamischlo und al-Hasaka wird weiterhin geraten, um die Regimeviertel einen Bogen zu machen, wenn man keine Verhaftung riskieren will. Große Plakate mit Assadkonterfei, Sandsäcke und Stacheldraht zeigen die Straßen auf, die man besser meidet.

Für die Zivilbevölkerung ergeben sich im Alltag ganz praktische Fragen: Wenn Studierende in Rojava Universitäten besuchen, werden ihre Abschlüsse international nicht anerkannt. Gehen sie zum Studieren ins Regimegebiet, droht ihnen der Einzug in die Armee.

Zwischen Ankara, Moskau und Damaskus eingeklemmt

Wie geht es nun weiter? Die Türkei will zweifelsohne ihre Eroberungen in Nordsyrien fortsetzen, Kobane wäre ein potenzielles nächstes Ziel. Die türkische Intervention in den libyschen Kriegsschauplatz dürfte dennoch fürs erste militärische Ressourcen blockieren

Russland versucht die akute Bedrohungslage zu nutzen, um die Selbstverwaltung weiter in Richtung Damaskus zu drängen. Moskau setzte etwa jüngst im UN-Sicherheitsrat durch, dass die Syrienhilfe der Vereinten Nationen nur noch über das Regime und die Türkei verteilt werden kann. Die politischen Verhandlungen zwischen Damaskus und der Selbstverwaltung stagnieren wiederum, Assad scheint keine Kompromisse bei Autonomiefragen eingehen zu wollen.

Auf der Habenseite: Die gesellschaftliche Einheit in Rojava ist durch die Invasion nicht zerbrochen, weder gab es große Aufstände der Bevölkerung noch massenhafte Fahnenflucht in der Armee. Die Selbstverwaltung kann bisher ihre De-facto-Autonomie verteidigen – die Zukunft ist jedoch alles andere als gewiss. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Front bei Tell Tamer. Drei Tage, nachdem wir die Stadt verlassen, flammen die Kämpfe dort wieder auf.

Sebastian Bähr

Sebastian Bähr ist Redakteur der Tageszeitung neues deutschland. Im Dezember 2019 war er zwei Wochen in Nordsyrien, um dort zu recherchieren.